^■26 proviiyial - Corresponden). 28. zum m
Neunter Jahrgang.
Die letzte Neichstaqssesfion.
Die erste Session des Deutschen Reichstages hat unter den Eindrücken der Siegesfeier ihr Ende erreicht.
Jetzt, wo die Festklänge mehr und mehr verhallen, ziemt es sich, der jüngst geschlossenen Session nochmals eingehend zu gedenken, um so mehr, als es eben die erste Session des neuen Deutschen Reichstages war, und in dem Geist und Wirken der- selben ein Vorzeichen für die weitere Entwickelung des neu erstandenen Reiches zu finden ist.
Durch den Verlauf und die Ergebnisse der Session ist die Zuversicht bestätigt worden, daß das neue deutsche Staatswesen in Wahrheit auf festen und sicheren Grundlagen errichtet worden ist. Wie die Einrichtungen des Norddeutschen Bundes, so sehr dieselben vom Standpunkte einer vermeintlichen Staatswissenschaft angegriffen wurden, sich doch vom ersten Augenblicke in erfolgreicher Wirksamkeit bewährt haben, so haben auch die Einrichtungen des neuen Deutschen Reiches die Probe ihrer praktischen Tüchtigkeit alsbald glücklich bestanden.
Der ergebnisreiche Verlauf der ersten Reichstagssession muß um so höher angeschlagen werden, als dieselbe unter äußeren Verhältnissen stattgefunden hat, welche die geschäftliche Behandlung der Aufgaben in mancher Beziehung erschweren mußten.
Wenn man erwägt, daß die Berufung des Reichstages durch den Kaiser noch aus Versailles erfolgte, daß die Häupter der Reichsregierung erst kurz vor dem Beginn der Session aus Frankreich zurückkehren konnten, — daß sodann unmittelbar vor der Eröffnung des Reichstages die Revolution in Paris ausbrach, welche mehr und mehr die größte Beachtung Seitens unserer Regierung in Anspruch nahm, — daß ein Moment ein- trat, wo der Abschluß des endgültigen Friedensvertrages gefährdet erschien, und daß der Reichskanzler sich veranlaßt sah, während der Session zweimal nach Frankfurt zu gehen, um die Durchführung des Friedens zu sichern, — wenn man bedenkt, welche Fülle schwerer Aufgaben und Sorgen aus dem Allen für die Kaiserliche Regierung erwuchs, — so wird man es erklärlich und sehr entschuldbar finden, daß in Betreff der Aufgaben und des Verlaufes der diesmaligen Session einerseits nicht vom ersten Augenblicke ein allseitig fertiger Plan vorliegen konnte, daß andererseits die Vorarbeiten und Beschlüsse der Regierung für die einzelnen Vorlagen theilweise erst während der Session zur Erledigung reifen konnten. In wichtigen Beziehungen hingen die Entschließungen und Vorschläge der Regierung erst von dem Gange der äußeren Ereignisse während der Session ab.
Es war eben eine Session inmitten einer außerordentlichen Zeit, und man darf sich viel weniger darüber verwundern, daß im Verlaufe derselben einzelne geschäftliche Unebenheiten eintraten, als darüber, daß ungeachtet der außerordentlichen Umstände und Schwierigkeiten, die zum Theil noch mit dem Kriegszustande zusammenhingen, doch während einer Session von noch nicht drei Monaten eine so erhebliche Summe von Friedensarbeit, eine so stattliche Reihe wichtiger Gesetze erledigt werden konnte.
Es konnte dies nur gelingen, indem bei allen Theilen eine gleichmäßige Erkenntniß und Hingebung in Bezug auf die An- forderungen dieser großen Zeit ein gleichmäßiges Verständniß für die Alles überwiegenden nationalen Interessen vorhanden war.
Es waren Aufgaben der mannigfachsten und bedeutsamsten Art, welche den Reichstag beschäftigten: cs galt dieRecchs- einheit, welche durch die geschlossenen Verträge begründet war, in der Verfassung zum vollen Ausdrücke zu bringen und durch die möglichst vollständige Einführung der bisherigen norddeutschen Gesetze auch in Süddeutschland zu verwirklichen, sowie auch die finanzielle Einheit des neuen Deutschen Reiches allseitig durchzuführen, — es galt ferner, die Wunden und Schäden, welche der Krieg verursacht hatte, nach Möglichkeit zu heilen und die Fürsorge des Vaterlandes für die Angehörigen des Kriegsheers dauernd zu bethätigen, — es galt, die ersten Einrichtungen für die wiedergewonnenen deutschen Länder zu begründen, um sie mit fester, aber schonender Hand in die nationale Gemeinschaft einzuführen, — es galt endlich auch in dieser Session, die Gesetzgebung des Reiches zum
Schutze und zur Förderung der nationalen Arbeit weiter zu entwickeln.
Auf allen diesen Gebieten sind die Arbeiten der Reichsgesetzgebung zu erfreulichen Ergebnissen gediehen: keines der erstrebten Ziele ist unerreicht geblieben, — und die erwünschte Verständigung ist, wenn auch theilweise unter lebhaftem Mei- nungskampfe, doch ohne tieferen Zwiespalt, vielmehr in dem Bewußtsein überwiegender Einheit und Einmüthigkeit des nationalen Strebens, erzielt worden.
Die Bewährung der neu geschaffenen Einheit ist das wichtigste Ergebniß der Session. Es ist eine bemerkenswerthe und sehr erfreuliche Thatsache, daß im Reichstage keinerlei Sonde- rung der alten und der neuen Glieder des nationalen Bundes, keine Sonderung nach Nord und Süd hervorgetreten ist. Die süddeutschen Abgeordneten haben sich je nach ihrer politischen Stellung dieser oder jener der sonstigen, bereits vorhandenen Parteibildungen angeschlossen, — sie haben durch ihre Auffassungen und Gesichtspunkte vielfach anregend, belebend und umbüdcnd, theilweise mildernd und versöhnend eingewirkt, — in keiner Beziehung aber ist durch den Zutritt der Süddeutschen eine schroffere Gruppirung der politischen Parteien hervorgerufen worden.
Im Bundesrathe, wie im Reichstage hat sich die Vereinigung Süddeutschlands mit dem ehemals Norddeutschen Bunde überraschend leicht und un- merklich vollzogen: die Einheit des nationalen Bewußtseins, welche Deutschlands Erhebung dem äußeren Feinde gegenüber mit unwiderstehlicher Macht hervortreten ließ, hat sich auch in dem inneren politischen Zusammenwirken von vorn herein in glücklichster Weise bewährt.
Die erste Session des Deutschen Gesammt-Reichs- tages hat uns die freudige Gewißheit gegeben, daß das nationale Band, welches nunmehr alle deutschen Staaten umschlingt, nicht blos in dem Buchstaben der Verträge und der Verfassung, sondern in dem Geiste aller deutschen Stämme Leben und Kraft gewonnen hat, zu segensvollem gemeinsamen Schaffen und Wirken.
Der Krieg Deutschlsnds gegen Frankreich und die Gründung des Deutschen Kaiserreichs.
Die Deutsche Politik 1867—1871 in Aktenstücken, amtlichen und halbamtlichen Aeußerungen.")
Die denkwürdigste und erhebendste Epoche der deutschen Geschichte hat im Frankfurter Frieden ihren glorreichen Abschluß-- gefunden, denkwürdig nicht allein durch die gewaltigen, tiefgreifenden Erfolge,' sondern vor Allem durch den wahrhaft er- schlitternden Verlauf.
Noch niemals ist das Walten des allmächtigen Gottes in der Geschichte so unmittelbar erkennbar hervorgetreten, wie in allen Phasen des welthistorischen Dramas, dessen Zeugen und Theilnehmer wir soeben gewesen sind. Auf jedem Blatte dieser wunderbaren Geschichte ist der Gnadenwille Gottes für Deutschland wie in Lapidarschrift verzeichnet: „Ich will mit diesem Volke sein."
Von der Herausforderung in Eins und der ungeahnt zündenden Wirkung derselben auf die Herzen des deutschen Volkes bis zu dem furchtbaren Strafgericht über Frankreichs Hauptstadt. ist die höhere leitende Hand überall sichtlich gewesen.
Je gewaltiger und erschütternder der thatsächliche Verlauf der Ereignisse war, desto weniger wird es der Kunst menschlicher Darstellung bedürfen, um diese große Zeit in ihrem inneren Zusammenhänge dem Bewußtsein der Mit- und Nach, weit einzuprägen. Die Thatsachen in ihrer Folge reden so laut und vernehmlich, daß schon aus ihrer einfachen Aneinanderreihung ein ergreifendes Bild der historischen Entwickelung her- vortreten muß.
Ein solches rein thatsächliches Bild von dem großen welt-
*) Herausgegeben von Dr. L. Hahn, Geh. Ob. Reg. Rath im Min. d. Innern. Berlin. Verlag von W. Hertz (Bepersche Buchhandlung).