eine Landwehr werben? denn damals verschanzten die Bürger mit letzten Landsturmkräften dies Berlin. Jetzt begrüßt Euch hier die Riesengestalt des neuen Berlins, das in froher Werdelust emporge- wachsen ist zu des Deutschen Reiches Hauptstadt und Kaisersitz!
Und nun betretet Ihr die Königgrätzer Straße. Wie vielen von Euch schmückt das Ehrenzeichen von 1866 die sturmervrobte Brust! Ja, Ihr bliebt Eurer selbst, bliebt Euerer tapferen Brüder werth! — Seht die Trophäen von Weißenburg, Wörth und Speichern! Diese Schlachten haben KöniggräH zuerst die Hand gereicht? es sind Glieder derselben goldenen und eisernen Ehrenkette!
Und nun, welche Fülle von Erinnerungen kommt am Leipziger Platze Euch entgegen! Leipzigs befreiende Völkerschlacht, die war's, in der sich Deutschland selbst zurückgegeben ward. Von jenem Siegestage an hörten alle deutschen Stämme auf, dem fremden Eroberer ihr starkes Schwert zu leihen und standen endlich zusammen gegen den Todfeind. Und schaut, auch heut erhebt sich auf dem Leipziger Platz ein flügelschwingender Genius des Sieges, und der heißt Sedan. Das ist der Bruder des Leipziger Sieges? denn auch er bat deutsche Brüder aus der Knechtschaft der Fremden befreit und die schmerzlich Entbehrten dem Vaterland zurückgegeben: Straßburg und Metz, Kleinode des Reichs!
Dicht und dichter wird nun das Gedränge, und jetzt grüßt Euch das Brandenburger Thor! Seht seinen Schmuck und gedenkt des mit Brettern verblendeten Arc de triomphe! Hoch oben fährt sie hin, die glorreiche Victoria, sie, die der Korse einst an's Seine-Ufer schleppte, um dort vor jenen Tuilciicn zu prangen, auf die Ihr nun so oft, so stolz hinabgeblickt. Fest hält Victoria ihren Herrscherstab, und aus dem Kranze, der ihn schmückt, blitzt ernst und schlicht das heil'ge Kreuz von Eisen. Ihr kennt es ja! Zieht ein! Zieht unter der Victoria ein!
Wie ein ungeheurer Festsaal empfängt Euch der Pariser Platz. Nicht lange ist's her, daß Ihr durch die elyMschen Gefilde von Paris gezogen? aber während dort selbstmörderischer Haß in jedem Busen brütete, haben sich hier Anmuth und Würde verbunden, um Euch mit Liebe, Dankbarkeit und Ruhm zu kränzen! Und über demfarben- prangenden, wogenden Meere des Volkes, über den langen Reihen der Wipfel grünender Linden, über all' den Trophäen, Bannern und Flaggen weht hoch und herrlich eine Purpurfahne? sie kündet Euch des Kaisers Schloß!
Vor diesem altersgrauen Schlosse thront, denn sie darf nach wundervoller Arbeit ruhn, die ewig junge Mutter unserer Aller, Germania! Elsaß und Lothringen, verlorene Kinder, sie schmiegen sich an ihre Kniee, und freundlich blickt die große Mutter auf Euch nieder? denn Ihr seid's, die sie ihr zurückgebracht.
Doch gegenüber, noch verhüllt, da steht ein zweites Standbild, und Ihr seid berufen, den Schleier, der es birgt, hinwegzuheben.
WennIhr in Mitten der Ritter des alten Eisernen Kreuzes die Fahnen und Standarten Frankreichs auf die Stufen des Denkmals König Friedrich Wilhelms niederlegt, wenn dann die Hülle fällt und im Standbilde des alten Königs die alte Zeit auf uns herniederblickt? dann mögt Ihr froh und dankbar aufwärts schauen und Hellen Mundes rufen:
Gott war mit uns!
Der Einzug. Die zum feierlichen Einzüge bestimmten Truppen — das Gardecorps, die aus der ganzen deutschen Armee zusammengesetzten Abtheilungen und das aus dem Königs-Grenadier-Regiment (Nr. 7) zusammengesetzte Bataillon — standen um 11 Uhr Vormittags auf dem Tempelhofer Felde unter dem Oberbefehl des komman- direnden Generals des Gardecorps Prinzen August von Württemberg bereit. Die 81 erbeuteten französischen Adler, Fahnen und Standarten waren vorher aus dem Zeughaus ab- geholt und an die zum Tragen derselben bestimmten, mit dem Eisernen Kreuze dekorirten Unteroffiziere aus allen Regimentern vertheilt worden.
Um 411 Uhr verließ der Kaiser und König sein Palais, um sich in Begleitung des Kronprinzen, der Prinzen und der anwesenden Fürstlichen Gäste durch die Siegesstraße zu den Truppen zu begeben. Unter diesen Fürsten befanden sich: der Großherzog von Baden, der Prinz Luitpold von Bayern, der Kronprinz von Sachsen, der Prinz Georg von Sachsen, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin mit dem Erbgroßherzog, der Großherzog von Sachsen-Weimar mit dem Erbgroßherzog, der Großherzog von Oldenburg mit dem Erbgroßherzog, der Prinz Ludwig von Hessen, der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz, der Herzog von Anhalt, der Herzog von Altenburg, der Landgraf Friedrich Wilhelm von Hessen, der Prinz Hermann zuSachsen-Weimar, der Herzog vonSachsen-Meiningen, der Erbprinz vonSachsen- Meiningen, der Erbprinz von Hohenzollern, der Fürst zu Schwarzburg-Rudolstadt, der Prinz Günther von Schwarz- burg u. s. w.
Das Erscheinen des Kaisers, wie er in unverwüstlicher Frische an der Spitze dieses wahrhaft glänzenden Gefolges durch die festlich geschmückte Siegesstraße einhersprengte, machte auf die in dichten Schaaren versammelte Menge einen hoch erhebenden Eindruck. Ueberall wurde der Heldenfürst mit stürmischen Hurrah's begrüßt. Die Musik- corps her ausgestellten Gewerke empfingen Se. Majestät mit der
Nationalhymne, mit deren Klängen sich die begeisterten Iubelmse vereinten. Bald darauf folgten in glänzenden sechs- und vierspännigen Wagen die Kaiserin und Königin, die Kronprinzessin mit ihren Kindern, denen sich die sämmtlichen Prinzessinnen und die hier anwesenden Fürstlichen Damen anschlossen, gleichfalls von freudigem Zuruf der Volksmenge begrüßt.
Um 11 Uhr erschien der Kaiser mit seinem Fürstlichen und Hohen Gefolge auf dem Tempelhofer Felde. Die Truppen empfingen den Kaiserlichen Kriegsherrn mit einem dreimaligen begeisterten Hurrah, mit welchem der jauchzende Zuruf der Menge sich verband.
DerEin marsch, währenddessen die Glocken sämmtlicher Kirchen der Stadt läuteten, begann um 412 Uhr, durch die Belle - Alliance- Straße zum früheren Halleschen Thore und von da die ganze Königgrätzer Straße entlang bis zum Brandenburger Sieges-Thore.
Tausendstimmiger Jubel begrüßte das Nahen des festlichen Zuges, von Schritt zu Schritt sich steigernd, je weiter die Helden deS Tages die Triumphstraße sortierten. Bereits beim Nahen der General- Gouverneure riefen die Heldengesichter der von 1866 schon bewährten Feldherren stürmischen Jubel hervor, der bei der Annäherung der kommandirenden Generale, ganz besonders aber bei der der Ober- Befehlshaber stetig zunahm, bis er beim Anblick der Allerhöchsten Person Sr. Majestät des Kaisers und Königs den höchsten Grad patriotischer Begeisterung erreichte. Der Reichskanzler Fürst von Bismarck ritt in der Mitte zwischen dem Chef des Generalstabes der Armee, General Grafen von Moltke und dem Kriegs - Minister, General von Roon? dann folgten Se. Majestät der Deutsche Kaiser und König von Preußen, zunächst hinter Allerhöchstden- selben die General - Feldmarschälle Kronprinz des Deutschen Reichs und Kronprinz von Preußen und Prinz Friedrich Carl von Preußen.
Um 41 Uhr verkündete ein Tusch des Musikcorps auf dem Pariser Platz das Herannahen des Siegeszuges? 5 Minuten später traf der Kaiser am Brandenburger Thore ein. Der Jubel, welcher vom Pariser Platze aus dem Kaiserlichen Kriegsherrn entgegenschallte, gestaltete den Augenblick des Einreitens in die Haupt- und Residenzstadt zu einem ewig denkwürdigen, und war ein Moment von tiefergreifender Wirkung. Der Jubel verstummte, als Se. Majestät Halt machte, um die Begrüßung der Ehren-Iungfrauen entgegenzunehmen. Die Sprecherin derselben, Fräulein Christiane Bläser, begrüßte den Kaiser und König mit folgendem (von Fr. Schcrenberg verfaßten) Gedichte:
Heil Kaiser Wilhelm Dir im Siegeskranze!
Wie keiner noch geschmückt ein Heldenhaupt.
Heimführst Du Deutschlands Heer vom Waffentanze, So glorreich, wie's der Kühnste nicht geglaubt.
Du bringst zurück in der Trophäen Glänze,
Die Lande, einst dem Deutschen Reich geraubt. Durch Dich geführt, errangen Deutschlands Söhne
Germania uns in ihrer alten Schöne.
Nun grüßt der Jubel Dich von Millionen Aus allen Himmeln, Ost, West, Süd und Nord,
Schiägt's deutsche Herz doch unter allen Zonen
Treu seine warmen Heimathspulse fort,
Und mit den unwelkbaren Lorbeerkronen,
Bringst Du die Palme uns, als Friedenshort, O, daß ihr Schatten Dich noch lange labe,
Dein Sämanns Mühen reiche Ernte habe!
Hierauf wurde Allerhöchstdemfelben ein Lorbeerkranz überreicht, den Se. Majestät huldvoll und mit folgenden Worten annahmen:
»Es ist zu liebenswürdig von Ihnen, meine Damen, Mir einen so schönen Empfang zu bereiten, doch es find noch viele andere, die diesen Dank so recht eigentlich verdienen. Im Namen derselben danke Ich Ihnen auf's Herzlichste -
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bemerkte Se. Majestät die zur Rechten plazirten verwundeten Offiziere. Der Kaiser wandte sofort das Pferd und ritt zu denselben, ihnen unter begeistertem Jubel der Zuschauer Lorbeerkränze überreichend und ihnen lebhaft dankend. Se. Majestät ritt die ganze Front der Offiziere hinunter und bog erst dann wieder nach der Lindenpromenade, um dort die ehrfurchtsvolle Begrüßung der städtischen Behörden entgegen zu nehmen. Die Ansprache, welche der Bürgermeister, Geheime Regierungs-Rath Hedemann, an Se. Majestät richtete, begann mit diesen Worten:
Ew. Kaiserliche Majestät bringen an der Spitze des siegreichen Heeres dem deutschen Daterlande die Palme des Friedens entgegen. Wir preisen Gott den Herrn, der Ew. Kaiserliche Majestät schwere Wege behütete, und all die Heldenherzen, die auf ihn vertrauten, im Kampf zur Abwehr wider einen übermüthigen Feind stählte zum Siege. Die Fürsten und Völker Deutschlands haben Ew. Kaiserlichen Majestät den Tribut des Dankes im freien Entgegenkommen gezollt. Vorüber ist die Kaiserlose Zeit? das mächtige Fürstenhaus der Hohenzollern beginnt die neue Aera Deutscher Kaiser. Wir, die Bürgerschaft Ew. Kaiserlichen Majestät Haupt- und Residenzstadt, tragen die heilige Pflicht, in der Eintracht, Liebe und Hingebung an Ew. Kaiserliche Majestät und Dero angestammten Thron die Quelle vielhundertjähriger Wohlfahrt und großer Errungenschaften zu sehen. Den Fürsten Deutschlands und übrigen großen Führern der Helden, unsern Brüdern im heiligen Kampf für Deutschlands Ehre und Recht, bringen wir im Festschmuck unserer Stadt Anerkennung, Ehre, Ruhm und Dank entgegen.