durch Mißgriffe der Diktatur ein neues Staatswesen dort gebildet werde, indem man die Provinz in einer nur für einen Staat zu ertragenden Weise belastet. Das wäre der erste Schritt zur nicht zu billigenden Gründung eines neuen Mittelstaates.
Ich schließe mit einer Bitte, die im Munde eines Neulings vielleicht unbescheiden klingen wird. , Es steht ein großer Gegenstand vor uns. Erweisen wir uns des Augenblicks würdig, betonen wir die Rechte der beiden Gewalten, welche die Einheit unserer Nation vertreten, dieRcchte des Kaiser- thums und des Parlaments, und rechten wir, wenn Liese gesichert sind, nicht um Einzelheiten, die wir anders wünschen könnten! In den geheimen Akten über die Organisation der Rheinprovinzen aus den Jahren 1815 und 1816 ist zu lesen, daß damals aus dem Munde aller Beamten eine muthlose Sprache ertönte: man habe es mit einem dem deutschen Wesen ganz und gar entfremdeten Bastardvolke zu thun, Jahrzehnte lang müßten die Verordnungen in beiden Sprachen erscheinen u. s. w. Wer kann solche Befürchtungen von 1815 heul lesen, ohne daß ein deutsches Herz sich stolz und hoffnungsvoll erhebt? Freilich besitzen wir heut nirgends in Deutschland eine Verwaltung, welche sich mit der Tüchtigkeit der damaligen altpreußischen auch nur entfernt vergleichen Lese.. Das ist eine unvermeidliche Schattenseite des konstitutionellen Lebens für Deutschland geworden.' Dafür aber sind wir eine Nation, die nicht müde biS in den Tod aus einem ungleichen Kampfe hervorgeht, sondern in wohl- geflchenem Wohlstand und strotzend in Kraft und Stärke dasteht. Ich sage Ihnen, der Tag wird kommen, wo der deutsche Bauer im letzten Dorfe der Vogesen sprechen wird: es ist ein Glück und eine Ehre, Bürger des Deutschen Reichs zu sein!
Die Annahme And Bestätigung Des Frankfurter Friedens
ist Seitens der französischen National-Versammlung zu Versailles in der Sitzung vom 18. Mai erfolgt.
Der Berichterstatter äußerte sich dabei wie folgt:
»Die Friedens - Präliminarien, denen sich zu unterwerfen Sie in Bordeaux verurtheilt wurden, sind in einen definitiven Friedensvertrag umgewandelt worden. Dieser Friede iß in unseren Augen der schmerzlichste und unvermeidlichste, der je in unserer G eschichte vorgekommen ist. Das dritte Kaiserreich hat Frankreich einer dritten Invasion preisgegeben, und als eine freigewäülte Versammlung zusammenberufen wurde, fand sie sich folgender Lage gegenüber: Ein Drittel des Gebietes von Frankreich vom Feinde besetzt,' seine Offizier-Cadres mit ganzen Armeen in Gefangenschaft,' geschlagene Armeetrümmer und Rekruten, tapfer, aber aus verschiedenen Gründen machtlos vor einem Feinde, der überall in Waffen und siegreich war,' dies ist, was aus den schlagendsten und unwiderleglichsten Thatsachen hervorgeht. Wir können die geforderten Territorien nicht mehr retten; wir haben nur das blutige und verstümmelte Frankreich sicher zu stellen.
Wir haben die Friedens-Präliminarim mit Schmerz unterzeichnet. Die Nothwendigkeit, welche uns in Bordeaux gezwungen, ist uns nach Versailles gefolgt. Nichts ist im Inlande oder Auslande geschehen, um diese Lage zu ändern,' nichts, welches unsere Unglücksfälle mildern könnte. Das Gegentheil hat vielmehr stattgefunden.
DerAnsturm dcrDemagogie am3I. hatte denFrieden kompromittirt, der unterzeichnet werden sollte. Der Triumph der Demagogie am 18. März schiebt die Befreiung des Territoriums hinaus. Wenn der definitive Ver- trag nur die Friedens-Prälnninarlen Wiedergabe, so würden wir unserem ersten Beschlusse nichts hinzuzufügen haben,' aber wir haben die peinliche Pflicht, zu untersuchen, in welchen Punkten die beiden Verträge von einander abweichen, dieselben mit einander zu vergleichen und die Unterschiede mit fester Hand und den Tod im Herzen abzu- Wägen.
Einer dieser Unterschiede besteht darin, daß der Vertrag die Räumung des Gebietes bis zur Wiederherstellung der Ordnung hinausschiebt. Wir verdanken dieses der Demagogie. Wie hart diese Klausel auch sein mag, so haben wir die Hoffnung, daß die Deutschen nicht lange Zeit das Privilegium bewahren werden , sich mit unseren inneren Angelegenheiten zu befassen, da der Finanz - Minister uns die Versicherung gegeben, daß die ersten 1500 Millionen mit einem Schlage durch eine einzige Anleihe bezahlt werden sollen.
Betreffs Belforts haben wir zwischen einer größeren Ausdehnung unseres Territoriums auf dieser Seite, und dem Aufgeben unseres Gebietes an der luxemburger Grenze zu wählen. Die Regierung räth diesen Austausch an. Nachdem die Kommission alle bei dieser Frage interessirten Personen befragt, bat sie beschlossen, Ihnen den Austausch anzuewpfehlen. Luxemburg, so zu sagen von Preußen umschlossen, und der Verlust einiger Tausend Franzosen, die über ihr Schicksal beunruhigt waren —, das war es, was uns in Erregung versetzte. Indeß hat die Majorität der Kommission geglaubt, daß es
besser wäre, uns im Osten zu decken und uns der schweizer Gr-nze für den Fall zu nähern, daß die Neutralität dieses Landes in Frage gestellt werden könnte.
Die Kommission schlägt vor, den Vertrag zu ratifiziren und den vorgeschlagenen Austausch anzunehmen. Bei der Ratifikation des Vertrages kann die Versammlung Gott, unser Land, Europa, die ganze Welt als Zeuge anrufen, daß wir nicht für diesen Krieg verantwortlich sind. Wenn der Fremde bei uns vor neun Monaten eingefallen ist, so ist er vom Kaiserreich hierhergeführt worden. Wenn er heute unter den Mauern von Paris sestgehalten wird, so ist es die Demagogie, die ihn dort zurückhält. Durch die Annahme einer Lage, die wir nicht geschaffen, haben wir uns verpflichtet, sie wieder gut zu machen.
Um uns zu erheben, wird uns nichts zu theuer sein. Wir haben Vertrauen in das Genie Frankreichs, das sich mehr als einmal aus dem Abgrunde erhoben hat. Don morgen an werden wir uns anstrengen, unser Lösegeld zu bezahlen. Wir werden es baldmöglichst bezahlen, und es wird nicht unsere Schuld sein, wenn diese Lasten nicht von den zukünftigen Generationen hinweggenommen werden.
Die Demagogie, welche sich seit 80 Jahren einer fortlaufenden Arbeit hingiebt, hat alle ihre Kräfte gesammelt, um einen verzweifelten Kampf gegen die Gesellschaft und die Civilisation zu beginnen. Wir werden sie besiegen, sie ersticken, und alsdann wird Frankreich seinen Rang in der Welt wieder einnehmen, und die Mächte, die uns einigermaßen , vernachlässigt haben, werden eines Tages unsern Schiedsspruch wieder aufsuchen.-
Im Laufe der Berathung trat besonders der General Chanzy (Oberkommandant der Loire - Armee unter Gambetta) lebhaft gegen die neuen Forderungen Deutschlands, namentlich gegen den Gebietsaustausch auf, den er für Frankreich als sehr unvortbeilhaft bezeichnet. Es sei nicht richtig, daß man auf der Seite von Metz mehr Deutsch spreche als bei Belfort. Vom strategischen Standpunkt aus sei der Nachtheil eben so groß. Durch das Abtreten der Territorien an der luxemburger Grenze schließe man die Eisenbahn von Longwy nach Arlon ab. Durch die Session dieses Landstriches würde Luxemburg auch fast gänzlich von Deutschland umschlungen, das ganz offen nach demselben begehre. Er schließt damit, daß er verlangt, man solle an den Bedingungen der Friedens-Präliminarien feschalten. Die verab- scheuungswürdige Insurrektion, welche Frankreich in Trauer versetze, könne Deutschland nicht das Recht geben, neue Bedingungen aufzu- legen. Es handle sich um die Würde Frankreichs und um die Ehre Deutschlands.
Der Chef der Regierung, Herr Thiers, suchte diese Auffassung zu widerlegen, indem er die Wichtigkeit Belforts aufs lebhafteste betonte. Nicht ohne Erstaunen, sagte er, höre ich Generale, unterrichtete und verdienstvolle Männer, die ich hochachte, Meinungen ausdrücken, welche ich nicht theilen kann. Ich kann nicht begreifen, daß man das Opfer, welches wir uns an der luxemberger Grenze auferlegen, mit dem Vortheil vergleichen kann, welchen uns die Vergrößerung bei Belfort darbietet. Die Grenze nach Luxemburg hin hat für uns nur ein politisches Interesse. Die Stellung von Belfort ist im Gegentheil von erster Bedeutung, und am Tage, wo wir die Rheingrenze verlieren, ist es von der höchsten Wichtig- keit, uns die Vogesengrenze zu sichern. Ich werde nicht untersuchen, ob die zweite nicht der ersteren vorzuziehen ist. Ich werde . Sie nicht mit den Gründen belästigen, welche die Strategisten entzweien. Die Einen geben, was die Grenzen betrifft, den Flüssen, die Anderen den Gebirgen den Vorzug. Was nicht angezweifelt werden kann, ist, daß der Besitz von Belfort uns die Vogesengrenze sichert.
Auf den Präliminar-Vertrag und die ihm vorhergehenden langen Unterhandlungen zurückkommend, erklärt dann Thier«, daß die Noth- wendigkeit, seinen Namen auf diesen Vertrag zu setzen, der größte Schmerz seines Lebens gewesen sei.
Er schließt, indem er nochmals auf die Wichtigkeit von Belfort hinweist, das heute keine Festung mehr sei, sondern ein verschanztes Lager für 100,000 Mann. Zum Beweis citirt er ein Schreiben des tapferen Generals Denfert, des Vertheidigers dieses Platzes, der erkläre, daß ohne die Vergrößerung des Rayons derselbe ohne alle Wichtigkeit sei.
Schließlich wurde der definitive Friedensvertrag von der Nationalversammlung angenommen und demzufolge bestätigt.
Die Auswechselung der Bestütigungs-Urkunden Des Friedensvertrages hat am 20. Mai zu Frankfurt a. M. stattgefunden.
Fürst Bismarck hatte sich dazu am 19. Abends selbst von Berlin nach Frankfurt begeben, um dort mit den französischen Ministern Jules Favre und Po uy er - Quertier nochmals zusammenzukommen und in Betreff der Ausführung des Friedensvertrages und der Stellung Deutschlands zu den augenblicklichen Vorgängen bei Paris weitere Verabredungen zu treffen.
Am 20. Abends konnte der Reichskanzler Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser die erfolgte Auswechselung der Ratifika-