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Napoleons III. und der Erklärung der Republik in den weiten Schich­ten der europäischen Gesellschaft ersichtlich zunahmen, sind seitdem tief gesunken, und man betrachtet das unglückliche Land wie einen durch eigene Schuld zum Tode Erkrankten, von dem man mit Achselzucken erklärt, es könne Niemand wissen, ob es gegen das tödtliche Gift in seinem Körper irgend ein Heilmittel gäbe. Die Presse des Auslandes gesteht heute ein, daß ihre Beschwerden über die barbarische deutsche Krieg­führung unbegründet waren und daß die Franzosen in dem Bruder­kriege gegen einander mehr Rücksichtslosigkeit und Härte zeigen, als sie von dem deutschen Feinde je erfahren haben. Das wilde Nachspiel des Krieges in Paris hat die Kläger gegen uns verstummen gemacht. Sogar in der französischen Bevölkerung ist die Stimmung gegen uns wesentlich verändert. Fast in allen okkupirten Landestheilen freut man sich des Schutzes und der Sicherheit, die man durch die deutschen Truppen genießt. Im Elsaß bilden sich die Anfänge einer deutschen Partei, und die reichen Fabrikanten in Mühlhausen, die so ungeberdig über die Annexion des Elsasses thaten, haben dem Himmel wohl schon oft im Stillen gedankt, daß die Mühlhäuser Fabrikbevölkerung nicht in der Lage war, eine Kommune beschließen zu können.

Die Lehren, welche Europa aus den furchtbaren französischen Zuständen zieht, reichen jedoch weiter. Es ist ja mit Händen zu greifen, daß die Ereignisse von 1871 die letzten Folge- rungen der Re-volution von 1789 sind. Richt als ob wir verkennen wollten, was diese erste Revolution Großes und Heilsames in der Welt angeregt hat.--Allein positiv geschaffen an freien Institutionen hat sie nichts. Sie hat alle Menschen, scheinbar wenigstens, gleich gemacht, um sie dann alle der gleichen Knechtschaft zu unterwerfen. Möchten die Tyrannen die Namen Konvent, Wohlfahrtsausschuß, Direktorium, Konsuln oder Kaiser tragen, sie führten sämmtlich ein willkürliches Regiment über ein Volk, das keine einzige Institution besaß, an welche es sich anhalten konnte, um der Pariser Centralgewalt gegenüber sich in seiner natür­lichen Freiheit, in feinem selbständigen Gcmeindclcben, in seiner pro­vinziellen Eigenthümlichkeit zu schützen. Nach dieser Richtung hin waren sämmtliche französische Revolutionen kein Fortschritt auf dem Wege der Freiheit, kein Anfang zu einer gesunderen Staatsentwick­lung , sondern nur das revolutionäre Gegenstück zu dem Despotis­mus, welcher vorher auf dem Throne gesessen hatte.

Diese Wahrheit wird jetzt das Gemeingut aller Ge- bildeten. In den Jahren 1830 und 1848 war unsere poli­tische Erfahrung noch so gering und die Kläglichkeit un­serer eigenen Zustände so groß, daß wir uns von den Pariser Straßenrevolten imponiren ließen und ihr Bei­spiel nachahmten,- heute ist ihre ansteckende Kraft vor­über. Wir haben gelernt, daß man die Freiheit nicht hinter den Barrikaden erobert.

Und noch eine zweite Lehre ziehen wir aus dem Elend in Frankreich, die Lehre nämlich, daß die Staatsform der Republik für die verwickelten gesellschaftlichen Verhältnisse der großen europäischen Völker ein äußerst zweifelhafter Gewinn ist und daß die Nation sich glücklich preisen kann, welche in einem mit ihrer Ge­schichte verwachsenen Herrscherhause einen festen, über allen Parteikämvfcn stehenden Mittelpunkt ihres poli- tischen Lebens besitzt. Wie ganz anders stände es doch um Frankreich, wenn wenigstens diese eine Frage nach dem Oberhaupte der Nation außer aller Frage stünde,- wenn es dort noch Gefühle der Treue, der Loyalität, der aufrichtigen Hingebung an den Monarchen gäbe, wenn die Heiligkeit des Gesetzes und der Gehorsam, welchen jeder Bürger ihm schuldig ist, sich hier verkörperte in der geheiligten Person des Fürsten, welcher den Staatswillen repräsemirt. Das alles aber ist in den Fluthen der Revolutionen untergegangen Treue und Loyalität, Gehorsam und Achtung vor dem Gesetze. Es besteht ja keineswegs das ganze französische Volk aus zuchtlosen Egoisten, vielmehr sind die meisten gewiß sehr ordentliche, fleißige Leute, welche die Wirthschaft, die bei ihnen jetzt herrscht, eben so verabscheuen als wir. Allein sie haben die Energie freier Bürger verloren, sie haben keinen persönlichen Mittelpunkt, um den sie sich schaarcn können. Die politisch thätigen Elemente sind in den großen Städten und die Massen dieser großen Städte verfallen in dem Augenblicke dem politischen Wahnsinn, wo die Furcht vor der be­stehenden Regierung bei ihnen aufgehört hat.

Und das ist nun die dritte Lehre, die wir aus dem französischen Unheil uns entnehmen mögen: rechtzeitig dafür zu sorgen, daß die Massen der großen Städte nicht das politische Ueber- gewicht über die Gesammtheit des Volkes gewinnen. In Hdiesen Massen werden die sozialistischen Ideen immer leicht Boden finden,' der aufgehäufte Reichthum einer glänzenden Hauptstadt weckt naturgemäß die Lust, auf mühelose Art dieses Reichthums sich zu be­mächtigen. Sorgen wir durch die Förderung der freiesten Selbstver­waltung in Gemeinde, Kreis und Provinz dafür, daß der Slraßcn- auflauf in einer Hauptstadt niemals über ihr Weichbild hinaus wir­ken und niemals einen entscheidenden politischen Einfluß gewinnen kann. Vor wenigen Monaten nannten die Franzosen ihr Paris die heilige Stadt, die Stadt der Städte, das Herz von Frankreich

oder gar von Europa und ein grosser Theil des Auslandes war albern genug, diese Phrasen mit Andacht nachzusprechen. Heute ist nicht nur Europa, sondern auch die Mehrzahl des französischen Volks selbst einig darüber, daß es für eine Nation kein größeres Unglück geben kann, als ein Paris zu besitzen.»

Dir Lage in und vor Paris ist im Wesentlichen dieselbe, wie in den jüngsten Wochen. Die Versailler Truppen haben mehrfach siegreiche Kämpfe gehabt und zahlreiche Gefangene gemacht, aber nir­gends ist ein Erfolg errungen worden, welcher von entscheidender Be­deutung für die Einnahme von Paris werden könnte. Auch die erste Nachricht von der Einnahme des. Forts Issy hat sich nicht bestätigt. Schon vor zehn Tagen schien es, als müsse die Vertheidigung des Forts Seitens der Pariser Truppen aufgegeben werden und in der Nacht zum 1. Mai war die Besatzung in der That schon nach Paris abgerückt, aber die Regierungstruppen versäumten den günstigen Augenblick, um das Fort ihrerseits zu besetzen, entweder aus Mangel an Wachsamkeit oder aus Besorgniß, daß dasselbe unter- minirt sei, um in die Luft gesprengt zu werden. Inzwischen waren Seitens der Kommune in Paris schleunige Maßregeln gefressen wor­den, um das Fort mit einigen entschlossenen Truppen wieder zu be­setzen.

Der erwähnte Vorgang im Fort Issy hat zur Folge gehabt, daß der bisherige Oberbefehlshaber der Pariser Truppen, General Clu- serct, von seinen Genossen in der Kommune als Verräther abgesetzt und verhaftet worden ist, ohne daß ihm, wie es scheint, etwas Ande­res vorgeworfen werden kann, als die Erfolglosigkeit seiner Anstren­gungen. Sein Nachfolger, Oberst Rössel, tritt zunächst mit sehr großer Energie auf, wird jedoch kaum im Stande sein, die sinkenden Aussichten der Kommune auf Waffenerfolge wieder zu heben.

Inzwischen kündigt die Versailler Regierung von Neuem ein ent­scheidendes Vorgehen gegen die Hauptstadt an. In einem Aufrufe an die Pariser sagt sie, daß die deutschen Truppen zu neuen schonungs­losen Angriffen Vorgehen würden, wenn sie selbst nicht den Aufstand unterdrücke. ES solle deshalb jetzt der Angriff auf die Ringmauer- selbst erfolgen. Sie spricht die Hoffnung aus, daß, sobald ihre Sol­daten die Ringmauer überschritten haben, die guten Bürger sich um die nationale Fahne schaaren werden. Es hänge von diesen guten Bürgern ab, dem Sturmangriffe vorzubeugen, sie möchten die Thore freiwillig öffnen, dann werde das Feuer eingestellt werden.

Zum Schluß beißt es: -In sehr wenig Tagen werden wir in Paris sein. Frankreich will mit dem Bürgerkriege ein Ende machen, es muß es und kann es.«

Die Versailler Regierung hat allerdings dringenden Anlaß, der Sache womöglich ein Ende, zu machen,- denn bereits droht unter Gambeltas Führung eine neue Bewegung der größeren Städte gegen die Nationalversammlung und die Regierung auszubrechen.

Herr Thiers und seine Kollegen werden unter solchen Umständen um so ensch.iedener darauf hingewiesen sein, sich durch ein aufrichtiges Verhalten Deutschland gegen­über die einzige Möglichkeit zu wahren, mit dem Bür- gerkrige zu Ende zu kommen.

Nachschrift. So eben geht die Nachricht aus Versailles ein, daß das Fort Issy von den Regierungstruppen genommen und besetzt sei. Hoffentlich wird es sich diesmal bestätigen.

Der Reichstag hat im Laufe dieser Woche mehrere Vorlagen, namentlich das Gesetz wegen des Schadenersatzes bei Unglücksfällen auf Eisenbahnen u. s. w., endgültig erledigt, außerdem die Vorlage wegen der Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem Deutschen Reiche in eingehenden Kommissionsverhandlungen für die Berathung im Hause selbst vorbereitet. Die Absichten der Regie­rung, wie sie in der Rede des Fürsten Bismarck als ein nothwen­diger Versuch, vorbehaltlich weiterer gemeinsamer Entschließungen be­zeichnet werden, dürften im Wesentlichen die schließliche Zustimmung der Mehrheit finden. Die Berathungen im Hause werden erst in der nächsten Woche stattfinden können,- die Sitzungen des Reichstages werden daher wohl bis nahe an Pfingsten heranreichen.

DieBerufung der Provinzial- und Kommunal-Land- tage ist vorläufig für den 4. Juni (Sonntag nach Pfingsten) in Aus­sicht genommen.

Fürst WismarS hat sich am Freitag (5. Mai) nach Frankfurt a. M. begeben, wo er am Abend eintraf und von der Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt wurde. Der fran­zösische Minister Jules Favre war kurz zuvor dort an- gekommen.

Die Konferenzen, zu welchen auch der diesseitige Friedens- Unterhändler Graf von Arnim und der französische Unter­händler Baron Declerc von Brüssel zugezogen worden, be­gannen am Sonnabend (6.) und wurden in täglichen wieder­holten Sitzungen fortgeführt. Ein erfreulicher Abschluß derselben scheint unmittelbar bevorzustehen.

Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.

Berlin, Druck und Bering dir Königlichen Ek-rimm Lber<H°stuchdrnckn«i (St. 6. Dicker).