Jules Favre hat bei den Waffenstillstands- und Lei den Friedensverhandlungen im Januar und Februar d. 3. bewiesen, daß er sich über die Lage Frankreichs und die sich daraus ergebenden Rotb- wendjgkeiten keinen Täuschungen mehr hingiebt: er wird seinen Patriotismus gewiß- auch setz/dadurch bewähren, daß er ohne weiteres Zögern die Schritte thut,welche zuFrankreichs Rettung vor noch tieferem Fall unerläßlich sind.
Die B.ereU»ig««g von Gtsaß-r-Kothsruge» mit Dem Deutschen Rieiche.
Rede des Reichskanzlers Fürsten von Bismarch in der Sitzung des Reichstags vom 2. Mai.
(Warum Elsaß - Lothringen wieder mit Deutschland verewigt werden 6mg.) Der HaüptZrundsätz deS' - vorliegenden Gesetzentwurfs, nämlich die Frage, ob Elsaß und Lothringen dem Deutschen Reiche cmverlcibt werden sollen, wird einer Meinungs- Verschiedenheit kaum unterworfen sein, da sie schon vor einem Jahre nicht vorhanden war und während diesesKrleasjahrcs nicht zu Tage getreten ist. Wenn wir uns ein Jahr — oder genauer zehn Monate—zurückversetzen, so werden wir uns sagen können, daß Deutschland einig war in seiner Liebe zum Frieden/eS gab kaum einen Deutschen , der nicht den Frieden mit Frank- reich wollte, so lange er mit Ehren zu gölten war. Diejenigen krankhaften Ausnahmen- die etwa den Krieg wollten in der Hoffnung, ihr eigenes Vaterland werde unterliegen, — sie sind des Namens nicht würdig, ich zähle sie nicht zu den Deutschen. Ich bleibe dabei, die Deutschen in ihrer Einstimmigkeit wollten bei? Frieden. Ebenso einstimmig aber waren sie, als der Krieg uns .ä'ufgr'orängt würde, als' wir gezwungen wurden, zu unserer DerthcidigüM zur Wehr zu gttsseü, wenn Gott uns ben ■ Sieg in diesem Kriege, den wir mannhaft zu führen entschlossen waren, verleihen sollte, nach Bürgschaften zu suchen, welche eine Wiederholung eines ähnlichen Krieges unwahrscheinlicher und die. Abwehr,wettn er demwch eintreten sollte, leichter machen. Iedennann erinnerte sich, daß. unter unseren Vätern seit dreihundert Jahren wohl schwerlich eine Geschlecht gewesen ist, das nicht gezwungen war, den Degen gegen -Frankreich zu ziehen, und Jedermann sagte sich, daß, wenn bei früheren Gelegenheiten, wo Deutschlaüd'zü Hers Siegern über Frankreich gehörre, 'die Mög^chkett versäumt worden war, Deutschland einen besseren Schutz gegen Westen zu gebest/ dies darin lag, daß wir den Sitg in Gemeinschaft mit Wundesgenossen erfochten -hättest, deren Interessen eben nicht die unsriacn waren. Jedermann rvar also entschlossen, wenn wir jetzt, selbständig-und rein auf unser Schwert und unser eigenes Recht gestützt, den-Sieg erkämpften, mit vollem Ernste dahin zu wirken/ daß unseren Kindern eine gesicherte ^Zukunft hinterlassen werde.
Die Kriege mit Frankreich hatten im Laufe der. Jahrhunderte, da sie vermöge der Zerrisienheit Deutschlands fast stets zu unstrem .Nachtheile- avsfielen, eine geographisch-militärische Grembildung geschaffen, welche an sich für Frankreich voller Versuchung, für Deutschland voller Bedrohung war, und ich kann die Lage, in der wir uns
befanden, in der Namentlich Süddeutschland sich befand, nicht schlagender charakterisiren, als es mir gegenüber von einem geistreichen süddeutschen toouvcrain einst geschah, als Deutschland gedrängt wurde, im orientalischen Kriege, für die Westmächte Partei -zu nehmen, ohne daß es der Ueberzeugung seiner Regierungen nach ein s-lbWnviges Interesse hatte/ diesen Krieg zu führ-
es war der hochselige König W „_________________ ___
sagte mir: ' -Ich theile Ihre Staftdib daß wir kein Interesse haben, uns in diesen Krieg zu mischen, daß kein deutsches Interesse dabei auf dem Spiele steht, welches der Mühe werth wäre, deutsches Blut dafür zu vergießen. Aber wenn wir uns darum/mit den Weltmächten übertverfen sollten, wenn es soweit kommen sollte, zählen Sie auf meine Schliffe im Dundekrathe, bis zu der Zeit, wo der Krieg zum Ausbruch kommt. Dann aber nimmt die Sache eine andere Gestalt an. Ich bin entschlossen, so gut wie jeder Andere, die Verbindlichkeiten einzuhalten, die ich ciügcgangen bin. Aber hüten Sie sich, die Menschen anders zu beurtheilen, wie ste sind. Geben Sie uns Sträßburg, und wir werden einig sein füralle Ereignisse/ so lange Sträßburg aber ein Ausfalltbor ist für eine stets bc- waffnete Macht, muß ich befürchten, daß mein Land überschwemmt wird von fremden Truppen, bevor mir der Deutsche Bund zu Hülfe kommen kann.---So lange Straßburg ein Ausfallthor für eine stets waffen- bereite.Axm.ee von 100» bis 150,000 Mann ist, bleibt Deutschland in der Lage/ nicht rechtzeitig mit ebenso starkenStreitkräften amOberhrein eintreten zu sönnen — die Franzosen werden stets früher da sein.«
Ich glaube, dieser aus dem Leben gegriffene Fäll sagt Alles — ich habe dem nichts binzuzufügen.
DerKeil, dendieEcke des Elsaß öei Weißmbmg in Deutschland hinein-
»gen nach em selbuanvrgl .>ren. Ich kann ihn auch nennen — $ i kh HM v 0n Württcmb erg. Der
schob, trennte Süddeutschland wirksamer alL die politische Mainlinie von Norddeutschland, und es gehörte der hohe Grad von Entschlossenheit, von nationaler Begeisterung und Hingebung bei unseren süddeutschen Bundesgenossen dazu, um ungeachtet dieser naheliegenden Gefahr, der sie bei einer geschickten Führung des Feldzuges von Seiten Frankreichs ausgesetzt waren, keinen Augenblick anzustchen, in der Gefahr Norddeutschlands die ihrige zu sehen und frisch zuzügreifen, um mit uns gemeinschaftlich vorzugehen. Daß Frankreich in dieser überlegenen Stellung, in diesem vorgeschobenen Bastion, welches Straßburg gegen Deutschland bildete, der Versuchung zu erliegen jeder Zeit bereit war, sobald innere Verhältnisse eine Ableitung nach Außen nützlich machten, das haben wirIahrzchcnde hindurch gesehen. Es ist bekannt, daß ich noch am 6. August 1866 in dem Fall gewesen bin, den französischen Botschafter bei mir eintreten zu sehen, um t??ir mit kurzen Worten das Ultimatum (die.letzte und entscheidende Forderung) zu stellen, Mainz an Frankreich abzutreten, oder, die sofortige Kriegserklärung zu gewärtigen. .Ich bin natürlich nicht eine Sekunde zweifelhaft gewesen über die Antwort. Ich antwortete ihm: Gut, dann ist Krieg! Er reiste mit dieser Antwort nach Paris/ in Paris besann man sich einige Tage nachher anders, und man gab mir zu verstehen, die erste Instruktion fei dem Kaiser Napoleon während einer Krankheit entrissen worden.
(Warum die Schleifung der Festungen Straßdurg und Metz oder die Errichtung eines neutralen Landes Elsaß - Lothringen keine Bürgschaft gewährt.) Die Frage, wie Bürgschaften dagegen zu gewinnen seien, — territorialer Natur mußten sie fein, die Bürgschaften der auswärtigen Mächte konnten uns nicht viel "beiseit, denn solche Bürgschaften haben' zu meinem Bedauern mitunter nachträglich eigenthümlich' ab- schwächende Auslegungen Malten. Man sollte glauben, daß ganz Europa das Bedürfniß .empfunden hätte, die häufig wieder» kehrenden Kämpfe zweier großen Kulturvölker inmitten der curo- päischen Civiiisatien zu hindern, und daß die Einsicht nahe lag, daß das einfachste Mittel, sie zu hindern, dasjenige sei, daß man, den zweifellos fliebsertigeren Theil von beiden in seiner Derthei- - digung stärke. In kaun indeß picht sagest, däß dieser Gedanke von Haus aus überall einleuchtend gefunden wurde.' Es wurde nach an-' dein Auskunstsmittelii gesucht, es wurde uns vielfach vorgeschlagen, wir müßten und mit den Kriegskosten und mit der Schleifung der französischen Fe-stungen in Elsaß und Lothringen be»' gstügen. Ich habe dem immer, widerstanden, üidrm ich dieseSMittelfür ein unpraktisches im Interesse der Erhaltung des Friedens ansehe. Die Abtretung Ler Festüntztn wird faum schmcxcr empfunden, als das Gebot des Auslandes, innerhalb des Gebietes der eigenen Souveranetät . nicht bauen zu dürfen. Ich habe deshalb auf. dieses Mittel keinen Werth gelegt um so weniger, als nach der geographischen'Gestaktung das vorspringende Bastion, wie ich mir erlaubte, es zu bezeichnen, als Ausgangspunkt der französischen Truppen immer gleiß nahe an Stuttgart und München gelegen hatte, wie jetzt. Es kam darauf an, ihn weiter zurückzuverlegen. ;
Außerdem ist Metz ein Ort, dessen örtliche Lage von der Adh- baß die Kunst, um eS zu einer starken Festung zu maßen,,nur sehr wenig zu thu» braucht,, und. dasjenige, iraü sie etwa daran gethan hat, wenn es zerstört würde, was sehr kostspielig pvärc, doch sehr rasch wiederherzustellen wäre. Ich habe also dies AuKunftsmittel als unzulänglich angesehen.
Ein anderes Mittel wäre gewesen — und das wurde' auch von Einwohnern von Elsaß und Lothringen befürwortet — einen neutralett Staat, ähnlich wie Belgien und die Schweiz, an jener Stelle zu errichten. Es wäre dann eine_ Kette von neutralen Staaten her»
gestellt gewesen von der Nordsee- bis an die Schweizer Alpen, die es uns allerdings unmöglich.gemacht haben, würde, Frankreich zu Lande Knzugreifeu, weil wir gewohnt sind, Verträge und Nsutralitäten zu achten, und weil wir durch diesen dazwischenliegenden Raum von Frankreich getrennt wären/ keineswegs aber würde Frankreich an dem im letzten Kriege ja gehegten aber nicht ausgeführten Plan gehindert sein, gelegentlich seine Fiotte mit Landungstruppen an unsere Küsten zu schicken oder bei Verdüftdeten. französische Truppen zu landen und bei uns einrücken zu lassen. Frankreich hätte einen schützenden Gürtel gegen uns bekommen, wir aber wären, so lange unsere Flotte der französischen nicht gewachsen ist, zur See nicht gedeckt gewesen. Es ' war dieser Grund aber nur iü zweiter Linie. Der erste Grund -ist-' der, daß die Neutralität überhaupt nur haltbar iß, wenn die Bevölkerung entschlossen ist, fliehte unabhängige neutrale Stellung zu wahren und für die Erhaltung ihrer Neutralität zur Roth mit Waffengewalt einzutpeten. , So har- es Belgien, so hat es die Schweiz- gethan/ beide hätten uns gegenüber es nicht nöthig gehabt, aber ihre Neutralität ist thatsächlich.von Heiden, geachtet worden./ beide wollen unabhängige,, neutrale,Staatenbln- ben. Diese Voraussetzung wäre bei den neuzubildenden .neutralen Elsaß und Lothringen in der nächsten Zeit nicht zugeirofferr,'-sondtrn es ist'zu erwarten, daß'die starken französischen Elemente/ welche im Lande noch bange zurück bleiben werden, die mit ihren Interessen, Sympaihim und Erinnerungen an Frankreich hängen, diesen neutralen Staat, welcher immer sein Souverän sein möchte,