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den ersten Tagen des Ausstandes von den Nationalgarden besetzt worden sind.

Die Dersailler Regierung hat ihrerseits nur ein Fort in Händen, das gewaltige Fort des Mont Valsrien auf der Westseite von Paris. Es war natürlich, daß die Regierungsarmee ihre Operatio­nen gegen Pari« vorn ersten Tage an besonders auf jene Seite hin richtete, wo sie sich auf die Mitwirkung des Geschützfeuers des Mont Valerien stützen konnte. Während es auf der Südfront zunächst nur darauf abgesehen schien, gegenüber den Forts, welche in den Händen der Aufständischen find, feste Stellungen auf den naheliegenden Höhen (bei Chatillon u. s. w.) zu gewinnen, um von da aus ein erneutes Vordringen nach Versailles zu hindern, wurde die Kraft des Angriffs von vornherein nach der Westseite verlegt, um dort bei Neuilly die Seine zu überschreiten und von da aus womöglich den Eintritt durch die Ringmauer in die Stadt zu erzwingen.

Dat Eindringen grade an dieser Seite (durch das Thor Maillot) würde auch insofern von günstiger Bedeutung sein, weil von da bis in das Herz von Paris fortgesetzt breite Straßen und weite Plätze führen, deren Vertheidigung im Barrikadenkampf den Auf­ständischen weit schwieriger sein wurde, als in irgend einem anderen Theile von Paris.

ES war daher ein wichtiger erster Erfolg, daß die Versailler Trup­pen sich durch harte Kämpfe in den Besitz der Brücke von Neuilly zu setzen vermochten, welche sie alsbald durch einen festen Brückenkopf und durch mächtige Barrikaden gegen Versuche der Wiedereroberung schützten.

Seit jenem ersten Erfolge aber ist ein gewisser Stillstand in den Operationen eingetreten. Die Regierungstruppen überzeugten sich bald, daß sie zu einem Unternehmen gegen die Ringmauer, zu einem Sturm gegen das Thor Maillot noch nicht stark genug seien, und ihr ganzes Bestreben scheint zunächst darauf gerichtet zu sein, sich in Neuilly und den nächsten Ortschaften immer mehr festzusetzen, bis die Vervoll- ständigung der Rüstungen das Vorgehen zu einem entscheidenden An­griff gestatten wird.

Die Pariser Truppen dagegen unter Führung eines Polen Dom- browski setzen Alles daran, durch Angriffe von der Ringmauer her und besonders durch Bewegungen in die Flanke der Regierungstiupven von dem Dorfe Asnisres aus die wichtige Stellung bei Neuilly wieder zu gewinnen. Täglich erneuern sich die heftigsten und blutigsten Kämpfe, bei welchen die nächsten Ortschaften vor Paris, so wie die Stadttbeile am Triumphbogen und an den elysäischen Feldern viel ärger zerstört und zerrüttet werben, als es zur Zeit der Belagerung Seitens der Deutschen irgend der Fall war. Einige Tage lang konnte es nach den Berichten der Pariser Führer so scheinen, als ob die Truppen der Kommune erhebliche Vortheile auf jener Seite errungen hätten? doch haben sich ihre prahlerischen Mittheilungen im Laufe der Zeit nicht' bestätigt. Neuerdings scheinen vielmehr die Versailler Truppen eine Position gewonnen zu haben, von welcher aus die Aufständischen auch in Asniöres ernstlich bedroht sind.

Einen Augenblick konnte es scheinen, als ob der Stillstand der Operationen durch Verhandlungen mit Paris veranlaßt sei: Ab­gesandte einer sogenannten gemäßigteren Partei unter den jetzigen Machlhabern in Paris hatte sich nach Versailles begeben, um mit Herrn Tbiers zu verhandeln? aber ihre Forderungen hielten im Wesentlichen die unzulässige Ausnahmestellung von Paris- und die Herrschaft der roten Dolksmasse vermittelst der Nationalgarde auf­recht, und es konnte daher von einer Verständigung nicht die Rede sein.

Neuerdings hat die Regierung in Versailles erneut angekündigt, daß sie die entscheidenden Operationen nur hinausgeschoben habe, um den Erfolg derselben unbedingt zu sichern, um ferner den Verführten unter den Aufständischen Zeit zur Umkehr zu lassen und womöglich nutzloses Blutvergießen zu vermeiden.

(Die Zustände in Paris.) Inzwischen find die Unschuldigen und die »Verführten« in Paris freilich der fürchterlichsten Gewalt- und Schreckensherrschaft prcisgcgeben. Jeder Tag bringt der unglück­lichen Stadt größere Drangsale. In der »Kommune« selbst reißen die rücksichtslosesten und gewaltthätigsten Männer immer entschiedener alle Herrschaft an sich. Die Freiheit und das Leben, ebenso wie das Eigenthum jedes Bürgers ist der absoluten Willkür preisgegeben, Geld und Geldrswerth, Nahrungsmittel und aller sonstige Besitz wird von bewaffneten VolkrhaufeN Namens der Kommune oder nach eigener Begier aus den Privathäusern mit Gewalt weggenommen, ein Schutz ist nirgends vorhanden, ein Widerstand nicht möglich. Der Erzbischof von Paris und die angesehensten Geistlichen sind ohne Grund verhaftet, die Kirchen und die Grabdenkmäler in denselben beraubt, die Gottesdienste geschloffen und verboten. Jedermann kann auf dw Anklage des Ersten Besten verhaftet und im willkürlichsten Verfahren vermtyeilt werden. Tausende sind geflohen, Tausende dagegen mit G.-wait zurückgehalten, alle Männer zumal im Alter von 17 bis 45 Jahren, welche zum Waffendienst für die Kommune gezwungen Werften.

Dabei tritt täglich drohender die bitierste Hungersnoth von Neuem bervor, von welcher wiederum die Unschuldige» am härtesten betroffen werden, indem die Männer der Kommune und der Nationalgarde

alle noch vorhandenen Lebensmittel zunächst für sich in Anspruch nehmen.

Wenn die Regierung in Versailles solche Zustände in Paris weiter fortdauern läßt, so kann es nimmer aus Gründen der Mensch­lichkeit gerechtfertigt werben; vielmehr kann es nur auf Mangel an Kraft ober an Entschlossenheit oder auf Beiden zugleich beruhen.

Die deutsche Regierung hat sich diesen traurigen Zuständen gegenüber, getreu dem von ihr wiederholt ausgesprochmen Grundsätze, auch seither jeder Einmischung in die inneren Kämpfe Frankreichs enthalten, obwohl durch dieselben augenscheinlich ihre eigenen un­mittelbaren Interessen und ihre auf dem vorläufigen Friedensschlüsse begründeten Rechte berührt und beeinträchtigt werden. Wenn die Regierung in Versailles mehrfach Andeutungen gemacht hat, als ob ihr von deutscher Seite Ancrbictungen einer Einmischung mit Waffen­gewalt, sogar mit einiger Dringlichkeit gemacht worden seien, so ent­behren solche Andeutungen jedes thatsächlichen Grundes und sind wohl nur durch das vermeintliche Bedürfniß einer gewissen Einwir­kung auf die öffentliche Meinung in Frankreich hervorgerufen worden.

Unsere Regierung hat c8 unter den obwaltenden Verhältnissen allerdings als eine Ehrenpflicht erkannt, die Hand dazu zu bieten, daß etwaige Hemmnisse, welche der anerkannten Regierung Frankreichs bei der Erfüllung ihrer, jetzigen schwierigen Aufgabe aus den augenblick- tichen Verpflichtungen gegen Deutschland erwaLsen könnten, soviel als möglich beseitigt und abgeschwächt werden. Sie hat der Versailler Regierung jede thunliche Erleichterung gewährt, sowohl durch Ent­gegenkommen bei den Anordnungen wegen LUicksendung der Gefan­genen, als auch durch Zugeständnisse in Betreff der Zusammenziehung und der Bewegungen größerer Truppenmassen, als sie nach den Frie­denspräliminarien zunächst zulässig waren, sowie endlich durch mannich- fache anderweitige Rücksichtnahme und Nachsicht, namentlich auch in Betreff der Erfüllung unserer augenblicklichen finanziellen Forderungen.

Darüber hinaus hat die deutsche Regierung eine Einmischung in die inneren Kämpfe weder angeboten, noch beabsichtigt. Sie würde sich dazu wider ihre Neigung nur dann entschließen, wenn sie die Interessen Deutschlands durch den Gang der Ereignisse ernstlich ge­fährdet glaubte. In solchem Falle würden Ihr in einer Armee von 500,000 Mann, welche noch auf dem Boden Frankreichs steht und von welcher 200,000 Mann in wenigen Stunden vor die Thore von Paris rücken können, die Mittel zur schleunigen und wirksamen Wahrnehmung dieser Interessen zu Gebote stehen.

Zunächst darf jedoch mit dem entschiedenen Wunsche auch die volle Zuversicht sestgehalten werden, daß Frankreich die jetzige schwere Krisis selbständig überwinden und bald wieder zu öffentlichen Zuständen gelangen werde, welche auch die Erfüllung der Lerpflich- rungtn gegeh Deutschland sichcrstcllen.

Zur Begrüßung des Deutschen Reichstages hatten die städtischen Behörden Berlins am Montag, 17. April, ein Fest in den großen Empfangssälen des neu erbauten Rathhauses, zugleich als würdigste Einweihung dieser Festräume, veranstaltet.

In der feierlichen Begrüßungsrede an die Präsidenten des Reichs­tages, hob der Bürgermeister hervor, daß zu diesem Wcihefest kein Ereigniß eine geeignetere Gelegenheit habe geben können, als der nun­mehr vollendete Neubau des deutschen Vaterlandes. Die Thüren der Festräume im Gemcind-Hausc sollten zum ersten Male für Kaiser und Reich geöffnet werden.

Der Präsident des Reichstages, Dr. Simson, wies in seiner Dankrede zunächst darauf hin, daß vor zwei Menschenaltern, als Kaiser und Reich untergingen, auch der Untergang des preußischen Staates nahe schien. Unter den Mitteln, durch welche seine Wieder- aufrichtung gelang, habe die Herstellung freier Städleocrfaffungen eine hervorragende Stelle eingenommen.

Auf den Rath des Freiherrn von Stein sei König Friedrich Wilhelm III. gesegneten Angedenkens ein neuer Städtegründer ge­worden.

»Da erwies sich (fuhr der Präsident fort) der Dienst an der Gemeinde unter den weltlichen Einrichtungen des Landes als­bald, neben der Schule und dem Heer, als eine beiden ebenbürtige Erziehungsanstalt der Nation.

Nun steigt nach Kämpfen und Siegen ohne Gleichen endlich die Erfüllung segnend zu uns nieder. Wie sollte die Hoheit dieser Tage, deren Gehalt kein Mitlebcndcr ganz zu durchschauen vermag, nicht gerade die Herzen Ihrer Mitbürger glühend und lebendig durchziehen und entstammen? Ihre St dt, durch weise Führung und leuchtendes Muster großer Fürsten und durch einen dein entsprechenden Geist ihrer Bürger aus dürftigen Anfängen in immer gesteigerter und be­schleunigter Entwickelung zu staunenSwerther Größe und Bedeutung erhoben, darf sich mit frohem Stolz dessen bewußt werden, was auch sie in Bürgermuth und Bürgcrtugmd für die endliche Erreichung der höchsten vaterländischen Ziele mitgewirkt hat.

' Mögen in der Residenz des Deutschen Kaisers, dem Sitze der Reichsregierung, dem Versammlungsort des Deutschen Reichstages, fortan die Geschicke des Vaterlandes alle Zeit zu Heil und Gedeihen, zu Freiheit und Frieden entschieden werden.

Verantwortlich ; E. Liedtke in Berlin,

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v, Decker),