Der Reichskanzler Fürst Blsmarck hat an die Straß- burger Handelskammer eine Mittheilung gerichtet, welche thatsächlich Zeugniß dafür ablegt, daß die oberste Reichsbehörde den Angehörigen deS neuerworbenen Reichslandes die wärmste Fürsorge zu- wendet. Zur Bestätigung einer schon mündlich gethanenen Aeußerung erklärt nämlich der Reichskanzler schriftlich, daß beim Bundesrathe und Reichstage die Bewilligung der Mittel beantragt werden wird, welche erforderlich sind, um den Bewohnern des Elsaß und Deutsch- Lothringens den Ersatz der von ihnen erlittenen Kriegsschäden nach den nämlichen Grundsätzen und in dem nämlichen Umfange zu gewähren, in welchem diese Schäden den Bewohnern der übrigen Theile Deutschlands vergütet werden oder vergütet werden würden, wenn sie von ähnlichen Schäden betroffen worden wären.
Am Mittwoch, den 12. d. M, nahm der Reichstag seine durch das Osterfest unterbrochenen Arbeiten wieder auf, welche voraussichtlich noch mehrere Wochen beanspruchen werden.
Von den in der Thronrede angekündigten Ausgaben dieser Session ist bisher nur die neue Redaktion der Rcichsverfassung zur eingehenden Berathung in zweiter Lesung gelangt, während die Vorlage wegen der EinfübrungRorddcutscher'Gesetze in Bayern bisher nur in erster vorläufiger Lesung berathen »worden ist.
Der Gesetzentwurf in Betreff der Grundlagen für die Verwaltung der für Deutschland rückerworbenen Gebiete Elsaß und Deutsch-Lotbringxn ist noch Gegenstand der Berathung im Bundesrathe, wird jedoch vermuthlich in Kurzem dem Reichstage vorgelegt werden können. Auch das Gesetz über die Pensionen der Offiziere und Soldaten und über die Unterstützung ihrer Hinterbliebenen unterliegt noch der Vorberathung/ ebenso die Vorlage über die Betheiligung der einzelnen Staaten an den laufenden Ausgaben des Reiches (die Matrikularbeitrüge),"sowie ein Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reiches.
Mit Bezug auf die gegenwärtige Lage der Verhältnisse in Frankreich wird die Kaiserliche Regierung voraussichtlich die Mitwirkung des Reichstages auch' noch zur Sicherung der weiteren finanziellen Bedürfnisse in Anspruch nehmen.
Am Osterfest hat die erste Verleihung des neugestifteten Verdienst- kreuzes für Frauen und Jungfrauen stattgefundm. Der Kaiser hat den neuen Orden der Kaiserin, so wie der Königin Elisabeth verliehen, unter gleichzeitigem Ausdruck des wärmsten Dankes für die segensreiche Wirksamkeit der beiden hohen Frauen auf dem Gebiete der Pflege verwundeter Krieger und der Fürsorge für die Angehörigen der unter den Fahnen stehenden Wehrmänner.
Unser Kronprinz hat vor der Rückkehr in die^Heimath durch folgenden Tagesbefehl von der 111. Armee Abschied genommen:
»Soldaten der III. Armee! Als ich im Zuli v/Z. den Oberbefehl übernahm, sprach ich die Hoffnung aus, daß es der Tapferkeit und Hingebung der geeinten deutschen Stämme gelingen werde, den gemeinsamen Feind, welcher uns übermüthig zum Kampfe herausgefordert, zu besiegen. Dieses Vertrauen habt Ihr glänzend gerechtfertigt/ denn die III. Armee hat in diesem thatenrelchen FeldzuM eben so viele Siege als Kämpfe aufzuweisen.
Nachdem Idr in raschem Anlauf das Thor des Feindes bei Weißenburg erbrochen und damit die Reihe der Siege eröffnet, wurde der starke Gegner zwei Tage darauf in der blutigen Schlacht bet Wörth geschlagen- in schnellen Märschen folgtet Idr seinen rückgängigen Bewegungen und an dem denkwürdigen Tage von Sedan nahmt Ihr einen ruhmvollen und entscheidenden Antheil. Unaufhaltsam drangt Ihr vorwärts in das H-rz deS Landes, warft den vor Euch fliehenden Feind hinter die Mauern seiner Hauptstadt und hieltet ihn beinahe 5 Monate — allen Gefahren und den Unbilden eines strengen Winters mit unvergleichlicher Ausdauer Stand haltend — eng umschlossen.
Während sodann ein Theil von Euch in ununterbrochenen, gegen große Ueberzahl geführten blutigen Gefechten de« zum Entsatz des bedrängten Paris von allen Seiten anrückendcn Feind zurückwarf, wurden von den Cernirungstruppcn alle gegen sie unternommenen Ausfälle energisch und erfolgreich abgeWesen, so daß endlich dem Gegner seine Wahl blieb, als die Waffen zu strecken und Euch die Thore seiner stolzen, als unüberwindlich und unverletzlich gepriesenen Hauptstadt zu öffnen.
Solche Thaten gehören für ewig der Geschichte an und mit Stolz blickt daS Vaterland auf Euch als seine würdigen Söhne. Wohl konnten so große Erfolge nichf ohne die schmerzlichsten Opfer errungen werden und mit Weymuth gedenken wir der zahlreichen gefallenen Kameraden, ein ehrenvolles Gedächtniß ihnen für alle Zeiten bewahrend.
Indem Ich Euch nunmehr auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers unb nach glücklich und ruhmvoll erkämpftem Frieden verlasse, spreche Ich Euch Allen Meine höchste Anerkcnnung und kleinen Dank aus/ Ich scheide von Euch — Ihr preußischen und bayerischen Corps, Ihr württembergischen und basischen Truppen — mir dem Wunsche und in der Zuversicht, daß die auf blutigen Schlachtfeldern geschlossene Waffenbrüderschaft und Einigkeit nimmer zerreißen werde, sondern
mächtig erstarke zur Ehre, zum Ruhme und zum Segen des wieder erstandenen gemeinsamen deutschen Vaterlandes.
Nancy, 14. März 1871.
Der Ober-Befehlshaber der III. Armee.
Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen.-
Der Bürgerkrieg in Frankreich.
Das blutige und grauenhafte Nachspiel, das Frankreich auf den Krieg mit Deutschland folgen ließ, ist noch nicht zu Ende- noch immer ist Paris in dm.Händen der rasenden Empörer aus der sozial-demokratischen Partei, die unter dem Namen einer Kommune die Gewalt über die Hauptstadt an sich gerissen haben und, durch die anfängliche Thatenlosigkeit der Versailler Regierung ermuthigt, ihre Macht über ganz . Frankreich auszudebnen suchten. Innerhalb von Paris alle Gräuel einer Schreckensherrschaft, welche die Gefängnisse mit Unschuldigen füllt und schon den Gedanken an die Guillotine zur Wieder- auferstchung brächte, unb vor den Thoren der Stadt ein wüthender Kampf zwischen Franzosen und Franzosen unter einem heftigen Kugelregen, der die Prachtbauten der »Heiligen Stadt« schädigt und Tod unter die Bevölkerung derselben sendet: so hat Frankreich fein Osterfest von 1871 gefeiert.
Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben schon viel Wahn- gebilde zerstört, die in der Masse der Bevölkerungen großen Schaden angestiftet hatten,' die neuesten Vorgänge tragen zur Vollendung dieses Werkes der Aufklärung bei und schließen manche bcachiens- wcrihe Lehre in sich. Durch die ersten Waffenthaten der deutschen Heere bis zum großen Siege von Sedan würbe der dünkelhafte Glaube an die militärische Ueberlegenheit Frankreichs in den Staub geworfen. Dann begann der Kampf gegen die trügerischen Vorstcllunaen von den Wunderkräften der französischen Republik und der Unbezwinglich- feit ihrer Hauptstadt, gegen jene Täuschungen, denen Herr Jules Favre kaum minder eifrig Vorschub leistete, als der zum Krieg bis zum Aeußersten hetzende Gambetra. Aber trotz der äußersten Kraftanstcengun- gen mußte Frankreich die Waffen strecken, und Paris öffnete den deutschen Truppen seine Thore. Somit war erwiesen, daß die Macht des geeinten Deutschlands auch mit dem Massenaufgebot und den Hülfsmitteln der französischen Republik fertig zu werden versteht.
Nun mußte Frankreich, von so schweren Kämpfen und Opfern erschöpft, sich nach einer Zeit der Ruhe und Erholung sehnen, und man gab sich um so vertrauensvoller günstigen Erwartungen hin, als, nach allgemein verbreiteter Ansicht, die Republik wenigstens einen neutralen Boden für das vorläufige Zusammenwirken aller Parteien, wenn nicht die Zauberformel zux Heilung aller Schäden, bieten sollte. Auch hierin haben die Thatsachen sich gegen die öffentliche Meinung in Widerspruch gesetzt. Das Zaudermiitel hat seine Wirkung versagt, und die Männer der zügellosen Demokratie haben durch augenscheinliche Beweise aller Weit offenbart, daß sie vor den republikanischen Einrichtungen und vor der durch den Volkswillen geschaffenen Ordnung eben so wenig Achtung haben, wie vor den monarchischen Regierungen. Schonungslose Willkür gegen das Eigenthum, die Freiheit und das Leben der Bürger: das ist das Verfahren der Männer, welche die Menge mit der Losung: »Freiheit, Gleichheit und Drüderlichkeit« bcthöricn.
So hat denn das »rothe Gespenst«, gegen dessen Möglichkeit so vielfach Zweifel erhoben wurden, Fleisch und Bein erhalten/ es wandelt in Paris umher vor ven Augen einer Bevölkerung, welche sich rühmte, an der Spitze der Weltbildung zu stehen, und bedroht Frankreich mit den Gefahren unheilbarer Zerrüttung. In Paris selbst haben die Gewaltthaten der revolutionären Kommune und die AuS- schrcitüNgen des Pöbels rächt den mindesten Widerstand gefunden. Obgleich die Kirchen geplündert und die Geistlichen verhaftet, alle unabhängigen Zeitungen unterdrückt und die Schriftsteller derselben als Rebellen behandelt, die Kassen der Privatleute und der öffentlichen Institute beraubt wurden, ließ die Bevölkerung Alles ruhig über sich ergeben. Die ordnungsliebenden Bewohner der Hauptstadt fühlen sich zur Ohnmacht verdammt, weil sie versäumt haben, zu rechter Zeit die gesetzliche Regierung zu unterstützen. Vielleicht würde der wüste Spuk noch weiter über die Grenzen der Hauptstadt vorgedrungen sein, wenn die Stellung der deutschen Truppen ihm nicht Halt geboten hätte. Von der Wirkung des sozialistischen und kommunistischen Ansteckungsstoffes auf weitere Kreise kann unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht die Rede sein, da sich so klar herausstellt, wie das Treiben der angeblichen Weltbeglückrr sich in Wirklichkeit aus n immt!
Die Kämpfe der Regierungstruppen g gen die Schaaren der revolutionären Kommune sind bis jetzt roch zu keinem entscheidenden Ergebniß gelangt/ doch haben die Versailler Truppen, die jetzt unter dem Oberbefehl des Marschalls Mac Mahon stehen, die Brücke von Neuilly nebst der an derselben errichteten Barrikade tut Sturm genommen 'unb sind bis zum Thore von Maillot auf der Straße vorgerückt, auf welcher die deutschen Truppen in Paris einzogen. Noch scheint die versailler Regierung den Befehl zu einem Hauprangriss zurückzuhalten/ aber man sieht binnen Kurzem dem Entscheidungskampfe entgegen.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hvfduchdruckerei (R. v. Decker).