Die Person unsers Kaisers und die deutsche Einheit.
In den alten freien Reichsstädten ist Kaisers-Geburtstag diesmal besonders festlich und begeistert gefeiert worden: Hamburg und Bremen zumal haben in würdiger und patriotischfreudiger Feier des Tages gcwettcifert.
Die „Weser-Zeitung" (in Bremen) giebt den Gedanken und Gefühlen, von welchen die Bevölkerung der alten Freistaaten in Bezug auf das Wiedererstehen des Kaiserreichs und für die Person des Kaisers Wilhelm erfüllt ist, u. A. in folgenden Sätzen Ausdruck:
„Außerordentliche, sehr außerordentliche Dinge mußten geschehen, um den ungeheueren Umschwung herbeizuführen, der urplötzlich diese unhöfische Stadt nicht allein mit einem allerhöchsten Geburtstagsfeste begabt, sondern auch das Fest mit einem Schlage volksthümlich gemacht, wir können bereits sagen, eingebürgert hat. Wer vor sechs oder sieben Jahren prophezeit hätte, daß am 22. März 1871 in Bremen der Geburtstag Seiner preußischen Majestät sowohl vom Staate offiziell, als auch vom Publikum freiwillig mit solennem Enthusiasmus begangen werden und alle Aussicht haben werde, zu einem Volksfeste sich zu entwickeln, der würde sicherlich wenig Glauben gefunden haben. In diesen sechs oder sieben Jahren sind freilich noch mehrere andere unvorhergesehene Ereignisse eingetreten, deren Prophezeiung nur Kopfschütteln und Achselzucken erregt haben würde, und mehr oder weniger hangen sie mit unserer heutigen Feier zusammen. Wir haben seitdem ungeahnter Weise ein einiges Deutschland und einen Deutschen Kaiser erhalten, und dies einige Deutschland und dieser Deutsche Kaiser haben ihr erstes Auftreten auf Erden mit einem so gloriosen Triumphmarsche eingeweiht, daß mehreren umliegenden Nationen davon Hören und Sehen vergangen ist.----
In den treuen deutschen Herzen war eine Leere geblieben, eine Leere an der Stelle, an welcher einst das geheiligte Symbol des großen Vaterlandes gestanden hatte, und sechszig Jahre lang hat die patriotische Sehnsucht gehungert und gedürstet nach der Wiederbringung der verlorenen Reichskleinodien. Kein Wunder, daß sie nun, als ob es gar nichts anders sein könne, ohne Anleitung und Belehrung, mit der Fülle und Frische natürlichen Gefühls den Tag zu einem Feier- und Ehrentage macht, der den Wiederbringer geboren hat. Es ist der unabhängige, freie Ausdruck hoher nationaler Befriedigung, die sich zugleich und mit gleicher Freude des vollbrachten Werkes und des Vollbringers, der Sache und der Person, des erstandenen Vaterlandes und des ehrwürdigen Hauptes freut, dessen graue Haare dem Kaiserlichen Diadem ebenso viel Schmuck verleihen, wie sie von ihm empfangen.
Die politische Erhebung verfließt mit der Verehrung, welche einem einzelnen Manne gezollt wird.--
Gewiß ist es für das Volk ein unberechenbarer Gewinn, wenn eine glückliche Fügung ihm die nationalen und staatlichen Mächte in ehren- und liebenswerthen Männern verkörpert. Wir betrachten es als eine überaus glückliche Fügung, daß Deutschland in seiner größten Schicksalsstunde gerade diesen König, gerade Wilhelm den Ersten auf dem preußischen Throne votgefunben hat. Er ist in ganz besonderem Sinne der rechte Mann im rechten Augenblicke an der rechten Stelle.---,
Es ist etwas wahrhaft Künstlerisches in dem Spiele der geschichtlichen Verwicklungen, welches schließlich dahin geführt hat^ diese zugleich mächtige und bescheidene Gestalt auf den Gipfel der Macht zu erheben, als den sichtlichen Vertreter und Herzog dieser unserer deutschen Nation. Selbst der äußerliche Umstand, daß der Kaiser ein Greis ist, weit hinabgewandelt „ins Thal der Jahre", hätte von einem Dichter nicht schöner, von einem Staatsmanne nicht feiner erfunden werden können. Wer weiß, wie manche fürstliche Sprödigkeit, wie mancher Stammestrotz leichter versöhnt worden ist durch den patriarchalischen Zauber, den — wir wissen nicht warum — hohes Lebensalter ausübt.
Noch aus einem andern Grunde erscheint hier die Hand der Geschichte von künstlerischem Instinkt geleitet. Das lange Leben unseres Kaisers fällt zusammen mit einem Abschnitt im Leben der Nation, von welchem man sagen kann: er fing über die Maßen schrecklich an und er schließt über die Maßen herrlich ab. Wilhelm der Erste hat als junger Knabe Deutschlands
und Preußens tiefste Erniedrigung gesehen/ in seinem zehnten Lebensjahre ist er Zeuge der bittersten Thränen gewesen, die wohl je eme deutsche Fürstin geweint hat. Wohl mag er noch eine Erinnerung an den Tag bewahren, an welchem die Königin Luise den fremden Imperator vergebens um Magdeburg angefleht hatte und mit Hohn abgewiesen ward. Unvergessen wird ihm der Tag sein, an welchem seine schöne Mutter gebrochenen Herzens starb, voll Grams um das unglückliche Vaterland, bem kein Hoffnungsstrahl mehr zu leuchten schien. In der That, finstere Wolken umgaben die Anfänge dieses Lebens, dessen Abend von einer so beispiellosen Fülle ungesuchter Glorien verklärt werden sollte. Kein von Rachsucht erfülltes Herz hat diesen ungeheuren Wandel der Geschicke herbeigeführt/ das Strafgericht, dessen Werkzeug der Sohn Luisens ward, vollzog sich ohne seinen Wunsch, durch den nämlichen Uebermuth des nämlichen Feindes, der die Mutter beschimpfte/ der unsterbliche Ruhm, der hinfort das Gedächtniß des Greises verherrlichen wird, so lange es eine deutsche Geschichte giebt, ist die goldene Frucht jener Unglücks- tagc, in denen der Knabe Heranwuchs und in deren harter Schule er mit seinem Volke lernte, seine Schuldigkeit zu thun.-
Das Deutsche Sketch und der innere Frieden.
Nach der Verkündigung des Deutschen Kaiserthums am 18. Januar schrieb ein hervorragender Staatsrechtslehrer in der -Schlesischen Zeitung- herrliche Worte über die Bedeutung des neuen Kaiserreichs für den äußeren und inneren Frieden.
Angesichts des ersten Deutschen Reichstages möge hier besonders auf die Ausführungen in Betreff des inneren Friedens im Kaiserreiche hingewiesen sein.
-Im Großen Hauptquartier zu Versailles, in den Prunkgemächern deS vierzehnten Ludwigs, ist daS neue Kaiserreich deutscher Nation verkündigt. Der Deutsche Kaiser hat zum ersten Mal zu seinem Volke gesprochen. Einfach und doch tief ergreifend, des großen geschichtlichen Momentes würdig sind die Worte der Kaiserbotschaft vom 18. Januar 1871. Sie knüpft an die Herrlichkeit des untergegangenen Deutschen Reiches an, sie faßt die Uebernahme der Kaiserwürde von Seiten des Königs von Preußen als »eine Erneuerung der seit mehr denn 60 Jahren ruhenden Deutschen Kaiserwürde« auf. Für das Gefühl des Volkes, von einem höheren geschichtlichen und nationalen Standpunkte aus, gewiß mit vollem Rechte. Seit Menschenaltern gilt uns das Kaiserthum als das höchste Symbol nationaler Einheit. Aus den Sagen des Volkes, aus den Träumen unserer Jugend, aus den begeisterten Worten unserer Dichter hallt es wieder -daS alte Lied vom Deutschen Kaiser«.
Unsere größten Erinnerungen knüpfen sich an die markigen Heldengestalten unserer Kaiser, an die Heinriche und Ottonc, an die Franken und die Staufen. Um keinen Preis möchten wir daS neue Kaiserthum dieser geschichtlichen Hintergrundes entkleidet sehen. Alles, was das alte Reich an großen nationalen Gedanken in sich trug, ist wie-* der lebendig geworden. Erst mit -Kaiser und Reich« ist die Sehnsucht der Ration erfüllt, -das Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit- hergestellt.
Aber was wir von einem höheren idealen Gesichtspunkte aus alg ein wichtiges Moment nationaler Erhebung nicht entbehren möchten, dürfen wir um keinen Preis als einen staatsrechtlichen Saß verwerthen wollen. Im staatsrechtlichen Sinne ist das Reich, die Kaiser- würde von 1871 eine völlige Neuschöpfung. Es wäre eine bedenkliche Verirrung, wenn man unser nationales Kaiserthum vom 18. Januar 1871 als eine staatsrechtliche Fortsetzung des am 6. August 1806 zu Grabe getragen römischen Kaiserthums ansehen wollte.
Es wird daraus ankommen, mit sicherem Takte gleich von vornherein alle derartige RestaurationSgedanken zurückzuweisen.
Gerade weil das alte Deutsche Reich trotz seiner Ohnmacht wunderliche Prätensionen auf aller Herren Länder erhob, weil man rings umher auch jetzt von Erobcrungsgelüstcn der Deutschen träumt, weil Holländer, Belgier und Schweizer fürchten, daß das Reich die alten abgerissenen Glieder des Reiches in Anspruch nehmen wolle, danken wir eS der neuen Kaiserbotschaft, daß sie den friedlichen Charakter des neuen Reiches so lebhaft betont, daß sie jeden Gedanken an kriegerische Eroberungen von sich weist. Was in dem, Munde jenes wälschen Cäsars an der Seine Lüge und Trug war, ist in den Worten des Deutschen Kaisers lautere, aufrichtige Wahrheit. Das Kaiserreich ist der Friede und zwar Frieden nach außen, wie Frieden im Innern. Mit seiner Herstellung beginnt — so Gott will — eine neue Friedensaera für Europa. Haben wir erst durch den Friedensschluß mit Frankreich Grenzen gewonnen, -welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherheit gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren wer-