ar 11. Provinzial - Corrrfpondenz. 15.^1871
Neunter Jahrgang.
Versailles.
Am 7. März hat unser Kaiser Versailles verlassen, nachdem er vom 5. Oktober an, über 5 Monate lang, dort residirt hatte.
Welche Erinnerungen werden sich für den deutschen Monarchen an diesen Aufenthalt in der alten französischen Königsstadt knüpfen!
Er kam dahin von Scdan, wo das kaiserliche Frankreich den Degen vor ihm gestreckt hatte/ — jedoch ein neues republikanisches Frankreich war erstanden und hatte gelobt, keinen Stein einer Festung, keinen Fuß breit Landes an die deutschen Eindringlinge abzutpeten, sondern sich eher unter den Trümmern von Paris und von Frankreich zu begraben.
Aber Toul und.Straßburg sanken dahin und bald ergab sich mit Metz zugleich die letzte der Armeen, die gegen uns ins Feld gezogen waren. Doch die Republik hatte neue zahlreiche Armeen aufgestellt, welche unsere Stellungen vor Paris und namentlich auch in Versailles bedrohten. Es kamen die harten Kämpfe und glorreichen Siege an der Loire, an der Somme und an der Sarthe, die Kämpfe vor Paris und die gewaltige Belagerung, es kamen die Gefahren vor Belfort und Mont- beliard, die wunderbaren Siege Werders und der Uebertritt der Bourbakr'schen Armee nach der Schweiz. Mit Paris kapitulirte endlich ganz Frankreich, und in Versailles wurde ein Frieden ge- schloffen so glorreich, wie ihn Deutschland niemals errungen hatte. Das Alles in bem engen Zeitraum von fünf Monden und Alles unter der bewegtesten Theilnahme der Gedanken und des Herzens unseres Königs, — welch eine Fülle der erhabensten Er- mnerungen werden für ihn an Versailles haften!
Aber Mehr noch und Anderes als jene Erfolge in Krieg und Frieden knüpft sich an Versailles: — dort im alten französischen KönigSschlosse ist die Herrlichkeit des Deutschen Reiches leibhaftig erstanden, und der preußische Krönungstag ist in Versailles zugleich zum Gedenktage des neuen Kaiserreiches geworden.
So wird denn Versailles eines der ernstesten, aber auch glänzendsten Blätter in der herrlichen Geschichte unseres Königs und Kaisers bilden.
Möge es dem erhabenen Fürsten vergönnt sein, die Früchte der großen Thaten und Erfolge dieser Zeit mit feinem treuen Volke, dessen Herzen ihm jetzt entgegenschlagen, noch lange unter den Segnungen des Friedens zu genießen!
Hurte Friedens-Bedingungen.
Die Friedensbedingungen von Versailles werden von den Freunden Frankreichs, namentlich in England, als allzu hart bezeichnet, — und an den Vorwurf der Härte werden zugleich trübe Vorhersagungen über die Folge derselben für die gemeinsame Zukunft geknüpft: solche Bedingungen, sagt man, können nur Rachegedanken und dadurch neue Kriege erzeugen.
Was die Härte der Bedingungen betrifft, so ist es richtig: die Bedingungen sind hart/ aber sie mußten hart sein. Tue Frage ist eben nur, ob sie gerecht sind, ob Frankreich solche Bedingungen verwirkt hatte und ob die Auferlegung derselben für das Heil und den Frieden Deutschlands und Europas nothwendig war.
Wohl,mag es den Franzosen vorweg schon hart angekom- men sein; nachdem ihre Politik seit Jahrhunderten und noch jüngst auf den inneren Zwiespalt Deutschlands gegründet war, jetzt den Frieden mit dem Kaiser des geeinigten Deutschlands schließen und sich vor der vollendeten Thatsache des Deutschen Reiches stillschweigend beugen zu müssen.
Wohl ist es hart für Frankreich, nachdem es fein Streben und Trachten von jeher auf den deutschen Rhein gerichtet hatte, jetzt Deutschlands Grenze bis an die Vogesen und über die Mosel -vorgerückt zu sehn, etwa 20 Meilen näher an die französische Hauptstadt, und nunmehr auf unserer Seite geschützt durch die starken Bollwerke, welche gegen uns errichtet waren.
Hart, sehr hart ist endlich die Auferlegung einer Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Francs oder 1300 Millionen Thalern, eine -Summe, wie sie mit einem Male oder in kurzer Zeit noch niemals von einem Volke zu zahlen war.
Aber so hart und schwer die Bedingungen sein mögen, so sind sie poch nicht zu hart/ sie entsprechen vielmehr der Gerechtigkeit und der unerläßlichen Nothwehr.
Es ist gerecht und nothwendig, daß der Frevel ohne Gleichen, welcher in der Heraufbeschwörung des Krieges lag, in vollem Maße geahndet werde. Das jetzige Oberhaupt Frankreichs, Herr Thiers, der in seiner ganzen früheren polnischen Laufbahn den Gegensatz gegen Deutschland genährt hat, sah sich genöthigt, laut anzuerkennen, daß der jüngste Krieg ohne jeden Grund erklärt worden sei. Man hatte in Frankreich seit Fahren eben kein Geheimniß daraus gemacht, daß man uns den im Jahre 1866 gewonnenen Waffenruhm, obwohl er nicht gegen Frankreich errungen war, nicht gönne und nicht verzeihe. Ein hochgestellter Franzose hatte schon im Jahre 1867 hier versichert: die französische Armee und das französische Volk könnten den Gedanken nicht ertragen, daß die Preußen im böhmischen Feld- zuge leichter und vollständiger gesiegt hätten, als Frankreich im italienischen Feldzuge, und deshalb müsse es zum Kriege kommen. Solche Stimmungen des Uebermuthes waren es offenbar, durch welche die Regierung Frankreichs sich zu dem unerhörten Frevel des jüngsten Friedensbruches treiben ließ. Es ist gerecht, daß das französische Volk mit der Verantwortung für einen solchen Friedensbruch auch die ganze Schwere und die bitteren Folgen des Krieges empfinde.
Die Gerechtigkeit der jetzigen Buße tritt aber vollends in das rechte Licht, wenn man erwägt, daß Frankreich nicht zum ersten Male, sondern in zwei Jahrhunderten zum zwanzigsten Male Deutschland mit ungerechten, willkürlichen Kriegen Überfällen hat.
Frankreich hat unter allen seinen Regierungen , unter der alten Monarchie, wie unter der Republck und unter dem Kaiser- thum eine Politik willkürlicher Einmischung und gewaltsamer Eroberung getrieben, und seine Erfolge stets mit einer rücksichtslosen Härte ausgebeutet, wie kein anderer Staat in Europa. Die Art, wie Frankreich Frieden geschloffen, vom Westfälischen bis zum Tilsiker Frieden, sowie die Ankündigungen, die wir in den letzten Monaten aus Frankreich vernommen haben, lassen keinen Zweifel über das, was wir auch jetzt zu erwarten gehabt hätten, wenn das Geschick der Schlachten gegen uns entschieden hätte, und gewiß, keine unter den neutralen Mächten hätte uns dagegen geschützt. So hart die jetzigen Bedingungen sein mögen, sie reichen nicht entfernt an die Härte dessen heran, ' was Preußen z. B. im Tilsiter Frieden nicht blos an Länder- verlust, sondern auch an Opfern und Lasten auferlegt worden ist.
Mit Recht sagt ein hiesiges Blatt: „Es haben jetzt nur noch wenige eine Vorstellung davon, was Deutschland in den Franzosenkriegen gelitten hat/ mit jeder Vergleichung von einst und jetzt würde, man die Lebenden in das größte Erstaunen versetzen. Deutschland hat seiner würdig den Krieg der jüngsten Tage geführt/ es hat nicht mit dem Maße gemessen, mit dem es selber einst gemessen worden war, und auch nicht mit dem, welches der Feind angewendet haben würde, wenn es ihm geglückt wäre, unsere Fluren im vorigen Fahre zu Überfällen."
Unserer Regierung, wie dem deutschen Volke, liegt jeder Gedanke an bloße Rachsucht fern/ —aber politische Groß- muth zu üben wäre eine Versündigung an unsern eigenen höchsten Volksintereffen und an unserer Zukunft gewesen/ die Großmuth wäre um so weniger angebracht, als Frankreich, wie die Vergangenheit und die Gegenwart gleichmäßig lehren, für jede Großmuth unempfindlich ist und jeden Schritt der Milde oder hochherziger Rücksichtnahme nur als Schwäche deutet.
Alle Stimmen aus Frankreich verkünden, daß man sich jetzt zwar dem Unvermeidl eben füge, daß aber der Friede nur als ein Waffenstillstand zu betrachten sei und daß Frankreich sich sowohl für seine Niederlagen, wie für die Friedensbedin-