Nach den Friedenspräliminarien hätte nämlich nach erfolgter Bestäti- gung derselben eine Besetzung der inneren Stadt nicht mehr eintreten können.
Der »große Schmerz« sollte jedoch Paris nicht erspart werden. Die National-Versammlung faßte erst spat am 1. März ihren Beschluß, und am Morgen des 1. hatte bereits der Einzug unserer Truppen stattgefunden.
Unser Hauptquartier hätte, bei der jetzigen Lage der Dinge, möglicher Weise auf die Besetzung von Paris überhaupt keinen Werth mehr gelegt, wenn nicht die Kundgebungen aus der Hauptstadt den Einzug zu einer Nothwendigkeit gemacht hätten.
Thatsächlich konnte die Besetzung von Paris unseren Erfolgen und unserem Waffenruhm Nichts mehr hinzu- fügen/ nachdem die Forts von unseren Truppen besetzt und dadurch die Stadt vollständig in unsere Gewalt gegeben war, konnte es uns in militärischer Beziehung völlig gleichgültig sein, ob wir die Stadt selbst besetzt hatten oder nicht.
Bei den tief zerrütteten und völlig haltlosen inneren Zuständen aber konnte eine eigentliche und dauernde Besetzung der Stadt wenig Steig für unsere Armee haben, welche leicht hätte in die Lage kommen können, an Stelle der ohnmächtigen französischen Regierungsgewalten den Pöbel der Hauptstadt zu zügeln.
Unsere braven Truppen hatten Besseres verdient, als daß sie am Schlüsse eines beispiellos ruhmreichen Feld- zuges in die inneren Kämpfe der Hauptstadt verwickelt oder zum Polizeidienst gegenüber gewissen Schichten der pariser Bevölkerung hätten gebraucht werden sollen.
Im Interesse unseres Heeres selber war daher eine längere Besetzung von Paris keineswegs wünschens- werth. Wäre sie als wünschenswerth erkannt worden, so würde sie auch begehrt und gewiß ebensowenig verweigert worden sein, wie uns Straßburg und Metz verweigert werden konnten.
Nachdem jedoch die jüngsten übermüthigen und herausfordernden Kundgebungen Seitens der Pariser den Beweis geliefert hatten, daß siediS Beweggründe unserer Zurückhaltung nicht zu würdigen verstanden, daß sie unsere Mäßigung nur mit Hohn und Trotz erwi- derten, und sich für die Zukunft den Wahn in Betreff der Unverletzlichkeit ihrer Stadt vonNcuem zurecht machten, da kam es unserem Hauptquartier darauf an, diese Einbildung thatsächlich zu widerlegen und wenigstens durch einen vorübergehenden Eintritt unserer Truppen in die Hauptstadt festzustellen, daß die Mscht hierzu uns nimmer bestritten werden konnte, und daß es nur unser freierWille war, wenn wir davonso mäßigen und kurzen Gebrauch gemacht haben.
Die Kriegsgeschichte wird die Thatsache richtig würdigen, daß die deutschen Truppen alle Forts um Paris besetzt und die Armee der Stadt entwaffnet hatten, und daß der Deutsche Kaiser eine Heerschau seiner Krieger im Doulogner Wäldchen an den Thoren von Paris hielt/ ebenso wird aber die Geschichte auch die politischen und sittlichen Gründe würdigen, aus welchen der Kaiser auf einer längern Besetzung der Hauptstadt Seitens seiner braven Truppen nicht bestand.
Parade vor Paris. Vor dem Einzüge der ersten für die Besetzung von Paris bestimmten Truppen fand eine Revue derselben vor Sr. Majestät dem Kaiser und König bei Longchamps vor Paris statt. Am Mittwoch (1.) Vormittags verließ der Kaiser zu Wagen Versailles, um sich über St. Cloud nach Longchamps zu begeben, wohin ihm der Kronprinz, der das Kommando über die Parade führte, vorausgeeilt war, und wo ein großer Theil der deutschen Fürsten sich versammelt hatte, darunter der König von Württemberg , die Prinzen Karl, Albrecht, Adalbert von Preußen, die Großherzöge von Baden, Weimar, Oldenburg und Mecklenburg- Schwerin, der Herzog von Coburg, die Prinzen Luitpold und Otto von Bayern, die Herzöge von Altenburg, Meiningcn. Die Truppen gehörten unserem 6. und 11. Armee - Corps und dem 2. bayerischen Corps an. Da nicht mehr als 30,000 Mann auf einmal in Paris einrücken sollten, so war von jedem Regiment der drei genannten Armec-Corps ein Bataillon zugezogen worden.
Gegen 10| Uhr traten die Truppen an, und von Bataillon zu Bataillon wälzte sich ein tiefes Hurrah, als ein Trupp Offiziere, der Kronprinz voran, vorbeiritt. Um 10 Minuten vor 11 erhob sich dann der Ruf: »derKönig!« und von Vorreitern begleitet, kam die Equipage des Kaisers, von vier Rappen gezogen. Um 11 Uhr, der für die Heerschau angesetzten Stunde, stieg der Kaiser zu Pferde und ritt in scharfem Trab, von seinen Generalen und Heerführern begleitet, die Allee hinauf nach der Stelle, wo ihnen der Kronprinz mit seinem Stäbe erwartete und ihm salutirend entgegen-
ritt. Fast im nämlichen Augenblick stimmten die Musikchöre längs der ganzen Linie das »Heil Dir im Siegerkranz- an, und der Kaiser
— seinen Sohn dicht an seiner Seite und etwa 5 — 600 Offiziere hinter ihm — galoppirte von rechts nach links die Front entlang. Der Enthusiasmus war ungeheuer, sagt ein englischer Berichterstatter, es war nicht das »Vive l’empereur» der französischen Truppen mit dem Schwenken von Säbeln und dem unordentlichen Marschiren. Das »Hurrab« der Deutschen war tief und dem Donner ähnlich, aber nicht ein Bajonnet zitterte in den Reihen. Die Scene' war groß und würdevoll. ‘
ES folgte dann der Vorbeimarsch der Truppen, welchen der Kronprinz anführte. Zuletzt stellte sich der Prinz an die Spitze seiner (8.) Dragoner und führte dieselben seinem erlauchten Vater vorüber.
Die letzten von den 30,000 Mann waren kurz vor 1 Uhr vorbei- marschirt und auf dem Wege nach Paris, während sich der Kaiser nach Versailles zurückbegab.
Der Einmarsch in Paris war durch einen Vortrab von einem Bataillon Infanterie, einer Schwadron Husaren und 16 Geschützen am Morgen eingeleitet worden. Die Truppen, die bei der Revue gewesen, rückten Mittags von Longchamps auf drei Wegen durch das Boulogner Gehölz auf Paris zu. Vor dem Siegcsthor (Are de triomphe), dessen pomphafte Reliefs die Siege der Revolu- tionszeit und des Kaiserreiches verherrlichen, trafen die anrückenden deutschen Truppen zusammen und machten einige Augenblicke Halt, um sich zum Einmarsch zu ordnen.
Als die Spitzen der Truppen sich dem Triumphbogen näherten, versuchte ein Haufen von 2-bis 300 Menschen denselben durch einen Wagen zu sperren/ derselbe wurde jedoch mit großer Ruhe von unsern Soldaten weggeschafft, ein Zug Kavallerie ging mitten durch das Thor und im Uebrigen vollzog sich nun der Einmarsch ohne jede Störung. In den Champs Elysäcs wartete eine außerordentliche zahlreiche Menschenmenge der ankommcnden Truppen. Sie hatte längs des großen, mehr als 1200 Schritt langen Fahrweges bis zum Concordienplatz ein ununterbrochenes Spalier gebildet. In den Nebenalleen zirkulirten Spaziergänger zu vielen Tausenden aus allen Klassen der Gesellschaft. Die Läden waren in Folge eines Polizeibefehls geschloffen. Die Menge verhielt sich durchschnittlich ruhig und gemessen. Wenn Kavallerie vorbeigeritten kam und die Musikcorps ihre klangvollen Märsche spielten, theilte sich der Menge eine lebhafte Bewegung mit. Nur auf dem Concordienplatz trieben Banden von Gassenjungen und Blousenmänner ihr Wesen. Sie zogen umher und riefen noch immer: a Berlin, ä Berlin! (nach Berlin, nach Berlin!)
Diese und ähnliche Kundgebungen hatten jedoch einen mehr kindischen als gefährlichen Charakter. Dagegen wandte sich die Volkswuth gegen Jeden, dcr es wagte, sich mit den Truppen irgendwie in freundlichere Beziehungen zu setzen oder ihnen irgend eine Auskunft zu geben.
Auch waren einzelne Deutsche, welche sich aus dem Gebiete der Truppen entfernten, der rohesten Mißhandlung und Lebensgefahr preisgegeben.
Die Truppen wurden theils in dem großen Ausstellungspalast und in den clysäischcn Feldern, theils in anderen öffentlichen und Privatgebäuden untergebracht.
Am zweiten Tage sollte eine zweite Abtheilung der vor Paris lagernden Truppen in die Stadt geführt werden, und zwar das Gardecorps, die Gardc-Landwehr und das Königs - Grenadier - Regiment. Der Kaiser hielt über diese Truppen am 2., Vormittags, wiederum bei Longchamps Revue ab.
Inzwischen war jedoch die Mittheilung über die Bestätigung des Friedensvertrages im Hauptquartiere eingetroffen und es erging demzufolge am Nachmittage des 2. der Befehl an die Truppen, die Hauptstadt am anderen Morgen bis 11 Uhr wieder zu »erlassen.
Gleichzeitig aber war von Versailles Vorsorge getroffen, daß sämmtlichen Truppen vor Paris noch Gelegenheit gegeben werden solle, Paris zu sehen, indem die Soldaten truppweise ohne Schußwaffen in die Stadt geführt wurden.
Vom frühen Morgen an entwickelte sich auf den elysäischen Feldern das regste militärische Leben. Militärs jeden Ranges, Beamte, die Feldpost ic. kamen von Versailles, um einige Stunden in Paris zu- zubringen. An allen Ecken fanden den Tag hindurch Concerte statt/ vor dem Industriepalaste standen Hunderte von Parisern, die den Leistungen von zwei bayrischen Musikcorps zuhörten. Im Laufe des Vormittags kamen die vier Garderegimenter, die Garde-Landwehr und zahlreiche Abtheilungen Kavallerie hier an, die in ihrer Gesammt- Heit und den bunten Uniformen ein herrliches militärisches Bild boten. Das größte Aufsehen erregten die Hünenhaften Gestalten unserer Garde-Landwehr, die das Arndt'sche »Vaterland« und die »Wacht am Rhein« sangen. Das herrliche Wetter hatte einen großen Theil der in dem Quartier wohnenden Bevölkerung herbeigelockt, einzelne Equipagen ließen sich blicken. Als die Garde-Landwehr in geschlossenem Zuge anmarschirte, ließen sich laute Stimmen der Bewunderung vernehmen/ allen Respekt hatten die Pariser vor den in diesem Feldzuge so gefürchteten Ulanen. Die Truppen hatten, die Erlaubniß erhalten, in Begleitung von Offizieren die Tuilerien und den Louvre zu besehen. An der Spitze jedes Zuges sab man Offiziere den Marsch nach den Tuilerien antreten/ reich geschmückt