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Alles geschehen (fuhr er fort) um zu retten, was zu retten war. Wenn Metz verloren geht, so ist Belfort gerettet. Wohl unterzeichnen wir die theilweise Besetzung von Paris, aber sie ist eben beschränkt. Uebri- gens sind diese Unglücksfälle das Resultat von Fehlern, für die wir nicht verantwortlich sind.....

Die Ehre Frankreichs ist sicher gestellt. Europa ist jetzt aus seiner Theilnahmlosigkeit herausgetreten. Man glaubt, uns ent­waffnen, erschöpfen zu können. Diese Berechnung wird zu Schanden gemacht werden. Für den Augenblick handelt es sich darum, der drückenden Last des feindlichen Einfalls ein Ziel zu setzen. Was die Zukunft anbelangt, so wird Frankreich seine gegenwär­tigen Verluste wieder gut machen können, wenn es aus der Erfahrung der Vergangenheit Nutzen zu ziehen weiß, sich nicht mehr in die Revolutionen stürzt, und nicht mehr in der Gewaltherrschaft Zuflucht suchen wird.

Die Unterschrift, die Sie geben sollen, ist schmerz­lich. Aber erwägen Sie, ob Sie dieselbe vermei­den können, und um welchen Preis. Soll man in der jetzi­gen Lage den Kampf wieder aufnehmen nach erfolgtet Niederlage, und um die Ehre bei er zu decken, die uns ins Verderben gestürzt? Würde es nicht ein Spiel mit der Ehre Frankreichs sein, das durch eine solche That äußerster Verzweiflung vollends preisgegeben würde?

Aber, wird man sagen, wir hätten dem Feind überlassen sollen, zu thun, was er wolle, ^und an das Urtheil und die Gerechtigkeit Europas appelliren müssen. Wir gestehen zu, daß diese Idee uns einen Augenblick angesprochen hat. Aber der Waffenstillstand ging zu Ende, die Forts von Paris waren besetzt, unsere Linien waren Angesichts unserer desorganisirten Ar­meen bedroht. Die Kommission hat also nicht geglaubt, ihre Zu­flucht zu diesem verzweifelten Akt nehmen zu dürfen, der Paris und Frankreich ins Verderben gestürzt haben würde. Paris und Frank­reich wären von uns niedergeschmettert worden, ohne befragt worden zu sein. Sie könncu den Vertrag ablehnen, Sie können den Kampf wieder aufnehmen, aber wenn Sie dies thun, so wird Paris besetzt und ganz Frankreich überfluthet, Gott weiß, mit welchen weiteren Schicksalsschlägen! Wir rathen Ihnen daher an, sich nicht der Auffassung der Verzweiflung hinzugeben.

Was auch kommen mag, Frankreich wird das Recht bewahren, seine hohe Aufgabe in der Welt aufrecht zu erhalten.«

Die Verhandlungen nehmen einen lebhaft erregten Charakter an.

Die Schuld Napoleons an dem Kriege und an dem demüthigenden Friedensschlüsse wurde von mehreren Seiten in heftig­ster Weise hervorgehoben.

Ein Abgeordneter der Linken sagte: Ein einziger Mann hätte einen solchen Vertrag unterzeichnen können, Napoleon III., dessen Namen auf ewige Zeiten an den Schändpfahl der Geschichte ange- heftet bleiben werde.

Als darauf ein alter Anhänger des Kaisers die Vertheidigung desselben übernehmen wollte, wurde er von der Versammlung kaum zum Worte zugelassen. Dagegen wurde folgender Antrag gestellt: »Die Nationalversammlung bestätigt unter den schmerzlichen Verhältnissen, in welchen sich das Va­terland hefindet, die Absetzung Napoleons III. und seiner Dynastie, und erklärt ihn verantwortlich für den Ruin, die Invasion und die Zerstückelung Frank­reichs.«

Herr Thiers nimmt das Wort zu folgender Aeußerung: »Ich habe eine Politik der Versöhnung und des Friedens in Vorschlag gebracht. Alle Welt begreift die Zurückhaltung, welche wir uns Be­treffs der Vergangenheit auferlegen,' aber am Tage, wo sich die Ver­gangenheit vor dem Lande erhebt, welches dieselbe vergessen möchte, müssen wir energisch protestiren. Die europäischen Fürsten sagten, daß Frankreich den Krieg gewollt habe. Dies ist nicht wahr. Sie, (die Anhänger des Kaisers) haben ihn gewollt. Die Wahrheit tritt vor Sie,' es ist ihre Züchtigung, hier zu sein, um die Demüthigung und die Heimsuchung vor sich zu sehn, zu welcher Ihre Fehler uns verurtheilt haben.«

Die Versammlung beschließt mit fast allen (gegen etwa vier bis fünf) Stimmen die Bestätigung der Ab­setzung des Kaisers und seines Hauses.

Ein Abgeordneter aus dem Elsaß protestirt gegen den Vertrag und erklärt ihn im Voraus für null und nichtig. Er ruft Gott, die Nachwelt, alle Völker, das Schwert aller Männer von Herz an, welche diesen schmachvollen Vertrag so schnell als möglich zerreißen werden.

Thiers erwidert, daß man keine Phrasen machen darf, son­dern bet Wahrheit ins Angesicht sehen muß. Die Wahr­heit sei, daß Frankreich im Augenblick außer Stande, Krieg zu führen. Wenn man auf die Stimme derer höre, die den Krieg anrathen, so sei das Land verloren.

Hiernach wurde die Berathung geschlosien und zur Abstimmung mit Namensaufruf geschritten.

546 Stimmen erklären sich für die Annahme des Friedensvertrages, 107 gegen dieselbe.

Nachdem der Vertrag über die Friedensgrundlagen hiermit die

Bestätigung der Nationalversammlung erhalten hatte, beeilte sich die französische Regierung, die Bestätigungs-Urkunde dem deutschen Haupt­quartier mitzutbciicn, um der inzwischen erfolgten Besetzung der Hauptstadt so rasch als möglich ein Ziel zu setzen.

Die Besetzung von Paris.

Die Besetzung von Paris Seitens der deutschen Truppen war beim Abschluß des Waffenstillstandes vom 28. Januar für die Dauer desselben ausdrücklich ausgeschlossen worden. Auch bei der ersten Verlängerung des Waffenstillstandes am 15. Februar wurde dieser Vorbehalt aufrecht erhalten.

Als der Waffenstillstand sodann am 26. Februar wiederum zu Ende ging, zur Bestätigung des Friedensvertrages Seitens der Nationalversammlung aber eine nochmalige Frist erforderlich wurde, willigte unsere Regierung in die weitere Verlängerung des Waffen­stillstandes mit Ausnahme der Bestimmung in Betreff der Be­setzung von Paris.

In dieser Beziehung wurde vielmehr festgesetzt, daß vom Mitt­woch, 1. März, ab der westlichste Theil der Stadt Paris zwischen der Seine und der St. Honors-Vorstadt (vom Triumphbogen durch die elyseeischen Felder und den Concordienplatz bis zum Tuileriengarten) von deutschen Truppen bis zu 30,000 Mann besetzt werden sollte.

Die Kunde von dieser Vereinbarung rief in Paris eine bei Weitem größere Erregung hervor, als die Bedingungen des Friedens­vertrages selbst. Der Verlust von Elsaß und Lothringen und die Auflegung von 5 Milliarden schienen den Parisern minder drückend als der Gedanke, daß ihre vermeintlich -heilige« und -unbesiegliche« Stadt von dem Feinde betreten werden solle. So lange dies nicht geschehen durfte, wiegten sie ihre Eitelkeit weiter in dem Wahne, daß Paris von den Deutschen nicht bezwungen fei. Ihr unüberwindlicher Uebermuth bäumte sich gegen die Forderung, daß nunmehr auch Paris dem Gesetze des Sieges verfallen solle.

Die große Erregung, welche sich darüber in der Bevölkerung kundgab, veranlaßte die Mitglieder der Regierung Thiers, Favre und Picard zum Erlaß folgenden dringenden Aufrufs:

-Einwohner von Paris! Die Regierung wendet sich an Euern Patriotismus und an Euere Klugheit,' Ihr habt das Schicksal von PariS, von ganz Frankreich in Eurer Hand, von Euch hängt es ab, Hauptstadt und Vaterland zu retten oder zu verderben! Nachdem Ihr durch Hunger bezwungen, nach heroi­schem Widerstände dem siegreichen Feinde die Forts überliefert hattet, und die Feldarmeen sich jenseits der Loire hatten zurückziehen müssen, war die Nationalversammlung genöthigt, die Verhandlungen einzu- leiten. Während des Verlaufes von 6 Tagen haben die Unterhändler Alles aufgeboten, sie haben Alles gethan, was menschenmöglich war, um weniger nachtheitige Bedingungen'zu erlangen,' sie habenschließlich die Friedensprä­liminarien unterzeichnet, welche der Nationalversammlung unterbrei­tet werden. Während der Erörterung der Friedenspräliminarien würden die Feindseligkeiten wieder begonnen haben, würde unnütz Blut vergossen sein, wenn nicht der Waffenstillstand verlängert wor­den wäre. Die Verlängerung desselben konnte nur erlangt werden durch Einwilligung in die theilweise und vorübergehende Besetzung bestimmter pariser Stadttheile. Wenn die abgeschlossene Konvention nicht respektirt und der Waffenstillstand gebrochen wird, so würde der Feind, der schon Herr der FortS ist, mit Gewalt die ganze Hauptstadt besäen. Das Unglück würde ganz Frankreich erreichen/ die schrecklichen Drangsale des Krieges, welche bisher die Loire nicht überschritten haben, würden sich bis zu den Pyrenäen ausbrei­ten. Es ist also die strenge Wahrheit, daß es sich um die Wohlfahrt von Paris und ganz Frankreich handelt. Verfallt nicht in den Fehler derjenigen, welche uns vor 8 Monaten nicht haben Glauhen schenken wollen, als wir sie be­schworen, von diesem Kriege abzulassen, der uns so verderblich werden sollte. Die Linientruppen, welche Paris so muthvoll vertheidigt haben, werden das linke Seine-Ufer besetzen und die loyale Aus­führung des neuen Waffenstillstandes sicher stellen. Die National- garde wird sich mit ihnen vereinigen, um die Ordnung in den übrigen Theilen der Hauptstadt aufrecht zu erhalten. Dasselbe werden alle guten Bürger thun, welche sich ausgezeichnet haben durch Tapferkeit vor dem Feinde. Diese schreckliche Situation wird ein Ende finden durch den Frieden und durch die Rückkehr des öffentlichen Wohlergehens.«

Dieser Aufruf fand anscheinend bei dem größten Theile der Bevölkerung die gebührende Beachtung,' doch dauerte eine gewisse Erregung fort, es kam zu Ausschreitungen roher Leidenschaft und zu einzelnen Schritten, welche eine Auflehnung gegen die Besetzung der Hauptstadt befürchten ließen.

Bei dieser Stimmung der Bevölkerung von Paris lag der fran­zösischen Regierung dringend daran, daß die Bestätigung des Friedens­vertrages in Bordeaux rasch genug erfolge, um dem Einzug der deutschen Truppen wo möglich noch zuvorzukommen.

Der Minister Picard bat in der dringendsten Weise in Bor­deaux, man möge durch raschen Beschluß Paris vor dem Einzüge bewahren und Thiers mahnte die Versammlung zur Beschleunigung bej Berathung, »um Paris einen großen Schmerz zu ersparen«.