durchkreuzten. Die also im Heldenkampfc verbundene Ration empfängt jetzt im deutschen Reichstage das Mittel , die Bahnen ihrer friedlichen Entwickelung selber zu bestimmen, in der Kaiserkrone ein Symbol ihrer Macht und Größe, das den Gedanken unserer Einheit verkörpert, mit der Wucht althciiiger Erinnerungen auf die Gemüther der Deutschen wirkt und die Fremden zwingt, nur noch von Deutschen, nicht mehr von Bayern und Badeniern zu reden. Dem Volke unseres Südens erschließt sich nachIahrhundertenLKKleinheitwiederderweiteGesicktskreis des großen historiichen Lebens,'neue Helden des Schwertes und derFeder or° heben sich vor seinen Augen, verkünden ihm den Anbruch einer schönern Zeit. Und stärker noch als die gemeinsame Freude und Bewunderung ergreift die Seelen die Gemeinschaft des heiligen Schmerzes,' die Klänge des Siegesjubels verrauschen schnell, die Furchen des Kummers haften tief und lange. Wer zahlt die Thränen, die der deutsche Weihnacht- baum an diesem ernsten Christfest fließen sah? wer die hundeHtausend bekümmerten Herzen von den Alpen bis zur See, die gleich einer großen gläub-gen Gemeinde sich wieder emporrichteten an der Herrlichkeit des Vaterlandes? Nicht blos die Jugend wird durch unser volksthümlichcs Heerwesen für den Dienst des Vaterlandes erzogen,' auch das alte Geschlecht lernt an das neue Deutschland glauben,»das ihm die Söhne und Enkel vom traulichen Heerde reißt. Ist es möglich, daß so ungeheure Erfahrungen die Staats- gesinnung eines ernsten, denkenden Volkes ganz unberührt lassen sollten? Nein,' es liegt eine tiefe Nothwendigkeit in der Härte und Erbitterung dieses Kampfes; er soll zugleich mit den Machiver- Hältnissen auch die Gedanken der Weit verwandeln, und so schwere Umwälzungen vollzieht die Geschichte nicht in kurzen Wochen. Nicht heute noch morgen, aber sicher und unaufhaltsam wird in den politischen Ideen wie in dem Parteileben der deutsche,» Nation eine seit Langem vorbereitete Ermäßigung und Klärung eintreten. ---— —
Wir fühlen endlich festen Boden unter unseren Füßen. Der deutsche Staat besteht; Millionen, empfinden, wie Schweres er von uns fordert, und wie Herrliches er uns schenkt. Der grausame Realismus des Krieges verschärft den Sinn für das Wesentliche. In solchen Tagen fragt die Welt den Staat nicht mehr, ob seine Form einet'vorgefaßten Theorie entspreche,' sie fragt nach seinem Inhalt: was er für die Menschheit leiste, ob ihm gelungen sei, ein tapferes, sittliches Volk, das ihm freiwillig und freudig dient, zu erziehen — und sie muß widerwillig bekennen, daß der beutlet» Staat diese Prüfung glänzend bestanden habe. Die Deutschen fassen sich wieder ein Herz zu ihrem Staate, erkennen dankbar seine lange mißachteten Lichtseiten, würdigen wieder die konservativen Mächte, die dies Gemeinwesen zusammenhalten.--•—
Das Wesen des Krieges, der Werth unserer starken und volks- thümlichen Heeresverfassung wird jetzt, erst in weiten Kreisen recht verstanden. Nicht der Rausch der Gloire, den unser schlichte Volk nicht kennt, hat den weiland allbeliebten Anklagen wider den preußischen Militarismus ihren Zauber genommen, sondern der Anblick der. segensreichen sittlichen Kräfte, die der große Kampf erweckte. Die Er- Hebung dieser großen Tage offenbarte selbst den ©inseitigen und Schwachen zu ihrer eigenen Ucberraschung, wie reich das Leben sein kann, und welchen Schatz bürgerlicher Tugenden dies erwerbende Zeitalter sich nbch bewahrt hat. Die Kampfgenossenschaft in Roth und Tod hat ein festes Band der Treue geschlungen um die Herzen unserer Krieger, mit einem Schlage tausend gehässige Vorurtheile zerstört, die den Süden von dem Norden trennten und der friedlichen Ueberredung nie gtwühen wären. Selbst einzelne Einrichtungen unseres Heeres, die Dem liberalen Bürgerthuwe immer anstößig waren, empfangen heute ihre Rechtfertigung.
Auch eine altväterische, von den starken Geistern des Radikalismus oft verspottete Wahrheit kommt wieder zu Ehren: die Einsicht, daß nur fromme Völker frei und tapfer sind. Wie ein Naturlaut brach der Name Gottes aus hunderttausend Lippen, als die Blüthe unserer Jugend in dickten Haufen gleich gemähten Halmen hinsank. Und wahrlich, nicht blöde Unfreiheit des Denkens,. nicht jene knechtische Angst, die noch in allen schweren Zeiten die Franzosen schämen- weis zum Beichtstuhl trieb, sprach aus dieser deutschen Frömmigkeit. Katholiken und Protestanten, Schriftgläubige und philosophische Köpfe — alle die zahllosen persönlichen Glaubensbekenntnisse, die das freie Geistesleben unseres Volkes mit edler Duldsamkeit umschließt, beugten sich andächtig vor der göttlichen Vernunft, die über den Schrecken und Nöthen dieser Tage sinnvoll waltet. Ohne den männlichen Glauben an das Ewige, das über die niederen Sorgen des Einzeldaseins hinausreicht, konnten unsere tapferen Heere nicht schlagen wie sie schlugen, nicht leiden wie sie litten.--
Wer die Gesundheit unserer staatsbildenden Kräfte, die edle Frucht der Arbeit unserer Väter, dankbar würdigt, der muß mit einiger Ehrfurcht an die deutsche Politik heran treten; ihn kann, es nicht mehr reizen, über den Tiefsinn staatlicher Dinge leichtfertig ab- zusprechen. Wer die große Zukunft dieses Staats, die unermeßliche Schwierigkeit seiner Aufgaben begreift, der muß sich auch durchdringen mit der gewissenhaften Ueberzeugung, daß jeder Mann in den politischen Kämpfen also handeln solle, als ob die ganze Verantwortung für den Erfolg allein auf seinen Schultern ruhte. Es geht zu Ende mit jenen gemüthlichen Dilettanten, die heute bei Slnfunft einer
Vermtivsrtiich: E. Siebte« in Berlin. „
Siegesbotschaft fröhlich singen »für seinen König stirbt der Preuße gern« und morgen ebenso gedankenlos an der Wahlurne einem Freunde Frankreichs ihre Stimme geben. Aus den Uebertreibungen der deutschen Oppositionsparteien hat Frankreich den Muth geschöpft, auf Deutschlands inneren Unfrieden zu zählen. Beherzigen mit die Lehre. Die von unseren bösen Nachbarn ersehnte europäische Coali- tion gegen die Mitte des Festlands wird dann am sichersten verhindert werden, wenn die maßvolle Haltung der deutschen Parteien den Fremden beweist, daß unser neues Reich von der Nation gewollt und getragen wird.
Unsere bewaffnete Jugend geht heute raschen Schrittes durch ei*e furchtbar ernste Lebensschule, deren letzte Wirkungen ihr selber noch verhüllt sind und vorderhand jeder Berechnung spotten. Die Härte und Rauhheit, die dem deutschen Soldaten durch den treulosen Kriegsbrauch deS Feindes aufgezwungen wird, mag im Frieden rasch verfliegen ; doch einen tiefen Abscheu vor der Phmse, ein sicheres Verständniß für die realen Mächte deS Lebens, reifere männliche Ideale wird er vom französischen Boden unzweifelhaft heim bringen. 3
Der Krieg macht den Menschen wahrhaftiger in Haß und Liebe; diese Soldaten, die sich schätzen lernten als ein Volt von Brüdern, werden, heimgekchrt ^ mit einiger Geringschätzung die übertreibenden Schlagwörter des Parteihasses anhören. In edlem Wetteifer erfüllten die Fürsten wie die Stämme ihre Pflicht,' ihnen allen muß es am Herzen liegen, die Erinnerungen dieses Krieges rein und lebendig zu erhalten.---Alle sittlichen Vorbedingungen für eine Zeit stätigen Fortschritts sind in dem neuen Deutschland vorhanden. — Erwägen wir alle diese Erfahrungen der jüngsten Zeit, so scheint die Hoffnung nicht allzu leichtsinnig, es werde unser Parteileben fortan in etwas milderen Formen sich bewegen und aus dem Streite der Meinungen allmälig ein 'Grundstock nationaler Staatsgedanken sich herausbilden, der allen urthrilsfähigen deutschen Männern gemein ist.« ______________
Die Kriegführung ©ambetta’S im Januar LML.
»Unter den zahlreichen, nicht in Erfüllung gegangenen Versprechungen, welche Gawbetta dem französischen Volke gegeben, ist,« wie das Militär-Wochenblatt schreibt, »eine der merkwürdigsten jedenfalls die, daß der Monat Januar des Jahres 1871 dazu auserseben sei, durch große Ereignisse die bisherigen Niederlagen der französischen Waffen auszugleichen.«
Nach einem Rückblicke auf die gewaltigen Pläne Gambetta's mit der Bourbati'schen Armee und das wesentlich durch seine Anordnungen beförderte Scheitern derselben, faßt das militärische Blatt die Ergeb- nisse der Kriegführung in Folgendem zusammen.
»Die Franzosen verloren allein an Gefangenen: ■ General Roye etwa 12,000 Mann,
» 1 Chanzy 24,000 » » Faidherbe 11,000 » » Bourbaki 30,000 » Nach der Schweiz traten über ■ _________80,000 »
Summa 157,000 Mann.
Hierzu treten an Todten und Verwundeten wenigstens:
Von der Armee des General Chanzy 10,000 Mann, » » » » » Faidherbe 8,000 »
1 » » » » » Bourbaki 16,000 »
In den Kämpfen bei PariS _________7,000 »
Summa 41,000 Mann.
Der Totalvcilust der aktiven Streitkräfte Frankreichs berechnet sich hiernach, wenn man von den Truppen Garibaldi's und sonstigen Freischaaren absieht, auf gegen
200,000 Mann, denen die augenblicklich noch in Paris deponirte kriegsgefangene Armee mit
150,000 Mann (ohne Rationalgarden) Hinzutritt.
Um 350,000 Mann also ist durch die Operationen des Monat Januar die französische Kriegsmacht geschwächt woiden. Ueber 800 Feldgeschütze, zahlreiche Waffen und anderes Armcematerial gingen verloren.
Dem gegenüber betragen die summarischen Verluste der deutschen Heere pro Monat Januar höchstens
10,000 Mann. ' ■
Das Massenaufgebot ist unwirksam gegen wohlorganisirte Heere, selbst wenn diese sich in erheblicher Minderzahl befinden, wie dies an jeder Stelle des Kriegsschauplatzes der Fall war.
Aber eine noch düsterere Seite bietet das Bild der kriegerischen Aktionen des Monats Januar dar. Fast überall begegnen wir zahllosen französischen Verwundeten und Kranken, welche man ohne jeden Versuch ärztlicher Hülfe an der Stelle, auf welcher sie gefallen oder vor Erschöpfung umgefunftn waren, liegen gelassen hatte.
Da die deutsche Hülse oft zu spät kam, so ergiebt sich hier eine Fülle des Elends, deren Verantwortung auf dem militärischen Dilettantismus schwer lastet, welcher in der Zusammenraffung bewaffneter Menschen Armeen zu schaffen wähnte.
Setlin, Druck und Sniag bet KSuIgllchm Schlimm DbevS°fbu$bru*tet (9t ». D«ck,r).