^•9. Movin)ial- Corresponden). lswujwl
Neunter Jahrgang.
Der Friede.
Die Friedensbotschaft, welche die letzten Tage gebracht haben, findet die freudigste Aufnahme in den Herzen unsers Volkes/ denn der Friedensschluß, dessen Grundlagen festgestellt sind, wird alles das erfüllen, was durch die Siege unserer Waffen errungen werden sollte.
Als der Krieg, den unser Volk nicht gesucht hatte, uns aufgedrungen worden war, hat Deutschland ihn mit der klar bewußten Absicht geführt, durch denselben Bürgschaften eines Einstigen dauernden Friedens zu erlangen.
Zwei große Friedensbürgschasten sollte der Krieg uns bringen: Deutschlands Einigung zu einem mächtigen Reich, — und die Wiedergewinnung der alten deutschen Grenzlande gegen Frankreich, deren Verlust unsere Schwäche in den letzten Jahrhunderten begründet hatte.
Dre erste und höchste Bürgschaft, die Vollendung des deutschen Reiches, hat sich unter dem Donner der Schlachten und in dem Glänze unserer Siege unwillkürlich und unwiderstehlich vollzogen, — und Frankreich, welches die bei Königgrätz begonnene Einigung Deutschlands zu vereiteln und wieder zu sprengen gedachte, muß jetzt, ohne Möglichkeit eines Widerspruchs, den Frieden mit dem Kaiser des neuen deutschen Gesammtreiches schließen.
Wir fragen nicht mehr um Frankreichs Anerkennung,' — die französische Nation muß sich der gegen ihren Willen vollendeten Thatsache einfach unterwerfen.
Herr Thiers, das Haupt der jüngst aus freiester Volkswahl hervorgegangenen Regierung Frankreichs, mußte beim deutschen Kaiser, dem Haupt des geeinigten Deutschlands,, den Frieden erbitten, — das ist der erste und der bedeutsamste Siegcs- Preis, das ist die erste und gewichtigste Bürgschaft des Friedens.
Aber das in seiner -Einigung starke Deutschland mußte als weiteren Siegespreis verlangen, daß das Wahrzeichen seiner bereinstigen Schwäche getilgt, daß die ihm geraubten Grenzlande zurückgegeben werden, alsBürg- schast zugleich gegen künftige Angriffe Frankreichs und für den Frieden Europas, welcher von keiner Macht so oft gefährdet worden ist, wie von Frankreich.
Elsaß und Deutsch-Lothringen, mit Straßburg und Metz, waren von dem deutschen Volke einmüthig als die Sühne des alten und neuen Frevels bezeichnet, welchen die französische Nation fort und fort an uns gethan.
Diese Forderung nationaler Ehre und Macht durchzusetzen, war die erste Aufgabe der neuen Reichsregierung/ — die Entschiedenheit und Kraft, mit welcher diese Aufgabe gelöst worden, giebt vollgültiges Zeugniß davon, daß die Staatskunst des deutschen Reiches von' dem Bewußtsein der neu erstandenen Macht desselben getragen und erfüllt ist.
Es galt beim Friedensschlüsse mit Frankreich, endlich ein nationales Selbstgefühl zu überwinden, wie es in solcher Kraft und Ueberhebung vielleicht nirgends sonst vor- handm ist, und trotz aller Niederlagen doch den Glauben an seine Unbesieglichkeit nicht zu fassen vermag; — es galt schließlich, gegenüber der nationalen Leidenschaft und Ver- irrung, die Regungen besserer Einsicht zu nutzen und zu stützen, um weiterem nutzlosen Blutvergießen Einhalt zu thun und rascher, als es noch vor Kurzem den Anschein hatte, zu einem Frieden zu gelangen, der alle unsere nationalen Ansprüche erfüllt ynb unserem Volke zugleich annähernd Ersatz gewährt für die mannichfachen äußeren Opfer, die' der Krieg uns auf- rrlegt hatte.
Die Kraft und Umsicht der deutschen Staatskunst hatte sich auch darin zu bewähren, daß alle Versuche fremder Einmischung in unsere nationale Angelegenheit im Keime erstickt und vereitelt wurden.
Von der gewaltigen Epoche, die wir durchlebt haben, wird die Geschichte nimmer sagen können, daß die Feder verdorben habe, was das Schwert errungen/ Schwert und Feder wurden von dem
selben Geiste und Bewußtsein geführt, von dem Geiste des neu erstandenen Deutschlands, seiner Kraft unb Zuversicht.
So schmerzlich die Wunden sein mögen, die der Krieg unter uns geschlagen, so hat doch nie ein Volk auf einen großen Kampf, auf seinen ganzen' Verlauf und seine Erfolge mit solcher Befriedigung und solchem Dank zurückblicken können, wie das deutsche Volk aus den jüngsten Krieg.
Mögen die Früchte dieser großen Zeit auch in der inneren Entwickelung des neuen Reiches zu voller Reife gelangen!
Die FrisDensverhandknngen.
(Uebersicht.)
Herr Thiers, der Chef der gegenwärtigen Regierung Frankreichs, hatte es übernommen, in Gemeinschaft', mit den Ministern. Jules Favre und Picard, sowie unter dem Beirathe einer Kommission von 15 Abgeordneten mit dem deutschen Hauptquartiere. über den Frieden zu verhandeln.
Die Auffassung des Herrn Thiers über die gegenwärtige Lage Frankreichs und über die nächste Aufgabe der bärtigen Regierung war von ihm vor der Nationalversammlung mit großer Offenheit bargelegt worden. Die Rede, mit welcher er die Leitung der Geschäfte übernommen hatte, lautete in den wichtigsten Stellen, wie folgt:
»Meine Herren! Ich muß Ihnen vor Allem danken, nicht für die niederschmetternde Last, die Sie mir aufgeladen, sondern für den Beweis des Vertrauens, welchen Sie mir gegeben haben. Obgleich erschreckt durch die schwierige, gefährliche und besonders schmerzhafte Aufgabe, die mir auserlegt ist, empfand ich nur ein Gefühl, ein einziges: das der sofortigen, absoluten Unterwerfung unter den Willen des Landes, dem man um so mehr gehorchen, das man um so besser bedienen, um so mehr lieben muß, je unglücklicher es ist. Ach! es ist unglücklich, unglücklicher als zu irgend einer Zeit seiner so ungeheueren, so glorreichen Geschichte, in der man es so oft in den Abgrund des Unglücks gestürzt sah, um plötzlich wieder auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes emporzusteigen, indem es beständig die Hand in Allem hatte, was groß, schön und der Menschheit nützlich war! Es ist allerdings im Mißgeschicke,' aber es bleibt eines der. größten, der mächtigsten Länder der Erde, immer jung, stolz, unerschöpflich in seinen Hülfsquellen, besonders immer heroisch, wie dieser lange Widerstand von Paris beweist, der eines der Monumente der menschlichen Beständigkeit und Energie bleiben wird. Voll Vertrauen in die mächtigen Kräfte unseres' theuren Vaterlandes gebe ich mich ohne Zaudern, ohne Berechnung dem von Ihnen ausgedrückten nationalen Willen hin, und ich bin hier zu Ihrer Verfügung, zu Ihren Befehlen, wenn ich so sagen kann, bereit, Ihnen zu gehorchen, jedoch mit einem Vorbehalt, üämlich dem, Ihnen zu widerstehen, wenn Sie, hingerissen durch ein edelmüthi- ges, aber unüberlegtes Gefühl, von mir das verlangen, was die politische Klugh.eit verdammen würde, wie ich es that, als ich vor acht Monaten mich plötzlich erhob, um den bebau erns- werthen Einreibungen zu widerstehen, welche uns zu einem unglückseligen Kriege führen sollten.
Frankreich, ohne ernsthaften Beweggrund, ohne Hin- reichende Vorbereitung in den Krieg gestürzt, sah seinen Boben überfluthet, seine Armee vernichtet, seine schöne Organisation zerstört, seine alte und mächtige Einheit inGcfahr gebracht, seineFinanzen zerrüttet, dengrößten Theil seiner Kinder der Arbeil entrissen, um auf dem Schlachtfelbc zu sterben, die Ordnung durch ein plötzliches Erscheinen der Anarchie gestört und nach der erzwungenen Uebergabe von Paris den Krieg nur für einige Tage unterbrochen, um sofort wieder zu beginnen, wenn nicht die Regierung, auf sich die Verantwortlichkeit schmerzhafter Unterhandlung ladend, schrecklichen Unglücksfällen ein Ziel setzt. Giebt es, rannesAngejächtsUnersoIchknSaHlagezweiPolitikmgeben?Undgiebtcs im Gegemheil nicht eine einzige, nothwendige, dringliche Politik, darin bestehend, schnellmöglichst den Uebeln ein Ziel zu setzen, welche uns niederschmetternd Wird irgend Jemand behaupten können, daß man nicht so schnell und so vollständig, als nur möglich, der fremden Okkupation vermittelst eines Friedens ein Ende machen muß, der freilich nur angenommen werden kann, wenn er ehrenhaft ist; — daß es nicht nöthig ist, unsere Landbevölkerungen vom Feinde zu befreien, der sie niedertritt und aussaugt,' aus den fremden Gefängnissen unsere Soldaten, Offiziere und Generale zurückzuberufen,' mit ihnen eine disziplinirte und