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Andererseits ist es wesentlich; zu sagen, daß wir nicht mehr im Namen einiger Bürger, sondern im Namen des ganzen Landes, im Namen einer Versammlung, welche es in gesetzmäßiger Weise ver­tritt, vom Feinde die nothwendige Zeit verlangen, um das begonnene Werk zu vollenden. Sie wissen, eine gewisse Zeit war im Voraus festgesetzt, aber die Konvention bejlimmtez daß ^er Waffenstillstand erneuert werden könnte. Meiner Ansicht nach muß diese Erneuerung die kürzeste sein.

Wir dürfen nicht eine Minute verlieren, wir dürfen nicht unsere unglücklichen Bevölkerungen vergessen, die vom Feinde niedergetreten sind, ohne daß es, ungeachtet unserer Anstrengungen, möglich wäre, ihre Lage so zu mildern, wie wir es wünschten. Seien Sie sicher, daß ihre Thränen, ihre Opfer schwer, ich will nicht sagen, auf meinem Ge­wissen, denn vor Gott bin ich unschuldig, aber auf meiner Verant­wortlichkeit lasten, und daß ich keine-andere Eile habe, als an das Ende ihrer Leiden zu gelangen. Sie werden uns dabei helfen, davon bin ich überzeugt, und ich rechne zu diesem Zweck im Voraus auf Ihre Unterstützung.

Ich werde denen, mit welchen ich unterhandle, sagen, daß ein Aufschub uns bewilligt werden muß, ein kurzer, aber ausreichend, damit Sie mit Ueberlegung und in voller Sachkenntniß über die Geschicke des Landes ent­scheiden kann.«

Der Präsident der Nationalversammlung schloß sich Namens der­selben den von Jules Favre ausgesprochenen Gesinnungen auf das Unumwundenste an.

Die Frage der Abtretung von Elsaß und Lothringen, welche bei den Friedensoerhandlungen unvermeidlich den empfind­lichsten und schwierigsten Punkt für Frankreich bilden muß, wurde in der Versammlung vorweg durch einen Antrag von Abgeordneten jener Provinzen zur Sprache gebracht.

Dieselben brachten von vornherein folgenden Protest gegen die Abtretung bei der Versammlung ein:

»Frankreich und Europa, welche das Schauspiel der preußischen Forderungen vor Augen haben, können nicht dulden, daß sich ein Akt vollziehe, durch welchen Elsaß und Lothringen Frankreich entrissen würden. Wir sind und wir bleiben in guten wie in schlimmen Tagen Franzosen. Frankreich wird diejenigen nicht verlassen, welche sich nicht von ihm lostrennen wollen. Ein Friede, durch Gebiets- abtrctungcn erkauft, würde kein dauerhafter Friede, er würde höchstens ein Waffenstillstand sein, der bald von einem neuen Kriege gefolgt wäre. Wir, Bewohner von Elsaß und Lothringen, sind bereit, den Krieg aufs Reue zu beginnen und wir erklären von vornherein für null und nichtig jedes Anerbieten, jeden Vertrag und jede Abstim­mung, welche bezweckt, Elsaß und Lothringen von Frankreich zu tren­nen. Proklamiren wir unser Recht, mit Frankreich vereint zu blei­ben, halten wir fest an unsern Verpflichtungen, unserer Ehre und unserer Würde.»

Aus den Vorschlag von Thiers, welcher bereits als der Leiter der neuen Regierung, galt, wurde die Versammlung selbst alsbald in die Lage gesetzt, sich über diesen Protest auszusprechen. Thiers wollte nicht, daß die Versammlung stillschweigend oder mit dem An­scheine der Zustimmung über diese Frage hinweggebe und die Verant- wortlichkeit für die Abtretung von Elsaß etwa den Unterhändlern des Friedensvertrages zuschiebe. Die Versammlung selbst müsse in einem so ernsten Augenblicke sich zu entschließen wissen, da ein bloßes HinauZschieben der Frage in diesem Augenblicke unthunlich, ja kindisch sein würde.

Die Versammlung berieth demzufolge dm Antrag sofort in ihren Abtheilungen und sprach sich alsdann einfach dahin aus: sie habe von dem Proteste Kenntniß genommen und denselben den Friedens- unterhändlcrn überwiesen.

Die Versammlung vermied es hiernach, sich irgend­wie durch eine ausdrückliche Zustimmung zu dem Proteste zu binden, indem sie es vielmehr dem Laufe der Unter­handlungen überließ, inwieweit eine Berücksichtigung desselben möglich sein würde.

Es war dies ein erstes Anzeichen dafür, daß die Ver­sammlung sich auch in diesem wichtigsten Punkte der Er- kenntniß der zwingenden Nothwendigkeit nicht mehr ver- schließt.

Die Einsetzung einer neuen Regierung war inzwischen die dringendste Aufgabe für die Rational - Versammlung, damit die Verhandlungen mit dem deutschen Hauptquartier alsbald Namens derselben weiter geführt werden konnten.

Der alte Thiers wurde zum Präsidenten der neuen Regierung ernannt und mit der Vollmacht versehen, ein Ministerium zu er­nennen.

Thiers, ein alter Anhänger und Minister des Orleans'schen Königthums, hatte sich nach dem Sturze desselben auch unter der Republik und. dem Kaiserthum durch eine große parlamentarische Ge­

Wandtheit und eine gewisse verständige Mäßigung einen großen Ein­st» ß bewahrt. Obwohl von alter Zeit ein entschiedener Widersacher des Aufkommens einer deutsch-nationalen Pol-.ük hatte er doch vor dem Ausbruchc des jetzigen Krieges entschieden vor demselben gewarnt, weil er Frankreich nicht für genügend gerüstet hielt. Nach dem Sturze des Kaizerthums hatte er seine Dienste der neu errichteten Republik gewidmet, um die europäischen Mächte zu einer büifceichen Vermittelung zu Gunsten Frankreichs zu bestimmen. Nach dem Scheitern dieser Aufgabe hatte er im November einen Waffenstillstand herbeizuführen versucht, mußte jedoch die Verhandlungen auf den Be- fehl der damaligen Regierung erfolglos abbrechen.

Seit langer Zeit scheint er von der Hoffnungslosigkeit weiteren Widerstandes überzeugt gewesen zu sein, und daß seine gemäßigten Anschauungen in Frankreich weithin Zustimmung fanden, das bewies zunächst seine lSfache Wahl zur Nationalversammlung, und jetzt die fast einstimmige Wahl zum Präsidenten der neuen Regierung.

Thiers nahm die Wahl an, indem er sich etwa folgendermaßen äußerte:

»Obwohl erschreckt durch die schmerzliche Aufgabe, welche das Land ihm auferlege, werde er dieselbe mit jenem Gehorsam, jener Hingebung und Liebe auf sich nehmen, deren das Land um so mehr bedürfe, als es unglücklich sei, und zwar unglücklicher, als zu ir­gend einer Epoche seiner Geschichte. Aber Frankreich bleibe immer groß, jung und reich an Hülfsmitteln aller Art und werde ein dauernder Beweis sein für das, was Humanität und Energie vermögen.«

Er erklärte es ferner für dringend nöthig, »daß den Leiden des Landes und der feindlichen Okkupation ein Ende gemacht werde. Das Land sei'des Friedens dringend bedürftig und sei es nöthig, die Verhandlungen über den Frieden mutbig zu führen, doch dürfe derselbe nur angenommen werden, wenn er ehrenvoll sei.«

Die Berufung auf Frankreichs Ehre, wie sie in den Acußerungen aus Bordeaux öfter wiederkehrt, hat im Zusammenhänge der sonstigen Schritte und Kund­gebungen der Nationalversammlung und der neuen Re­gierung augenscheinlich nicht mehr denselben Sinn, in welchem die Ehre Frankreichs bei den früheren Verhand­lungen alS ein absolutes Hinderniß jeder Abtretung französischen Gebietes bezeichnet wurde. Vielmehr scheint die vom Grafen Bismarck früher geltend gemachte Auffassung, daß die Ehre Frankreichs nicht von anderer Beschaffenheit sei, als diejenige anderer Länder, und daß Bedingungen, welche Frankreich ganz zweifellos uns auferlegt haben würde, wenn wir besiegt worden wären, und welche das Ergebniß fast jeden Krieges auch der neuesten Zeit gewesen sind, für ein nach tapferer Gegen­wehr besiegtes Land an sich nichts Entehrendes haben können,— dicscAuffassung scheint jetzt auch bei der fran- zösischen Regierung zur thatsächlichen Anerkennung zu gelangen.

Hierauf, sowie auf der Erkenntniß der absoluten Unmöglichkeit einer erfolgreichen Wiederaufnahme des Kampfes Seitens Frankreichs beruht die Zuversicht, daß die Friedensverhandlungen zu einem baldigen erwünsch­ten Ergebnisse führen werden^

Eine Verlängerung des Waffenstillstandes konnte unter den obwaltenden Verhältnissen Seitens unserer Regierung umsomehr bewilligt werden, als durch die Uebergabe von Belfort inzwischen auch ein neues thatsächliches Unterpfand für die Sicherung der un- erläßlichen Friedensbedingungen gewonnen war.

Die Verlängerung ist jedoch nicht, wie von französischer Seite gewünscht wurde, auf eine geräumigere Frist, sondern mit Rücksicht auf die im Süden Frankreichs fortdauernden Rüstungen, nur auf 5 Tage, bis zum Freitag (24.) Mittags erfolgt, um der französi chen Regierung und Nationalversammlung die unverweilte feste Entschlie­ßung über Krieg und Frieden unbedingt nahe zu legen.

Thiers hat in dem von ihm ernannten Ministerium die fernere Leitung der auswärtigen Angelegenheiten dem bisherigen Minister IuleS Favre, welcher sämmtliche Einleitungen für die Friedens- verhandlungen getroffen hatte, übertragen. Beide haben sich bereits am 21. nach Paris und von da nach Versailles begeben, um die Verhandlungen mit Graf Bismarck dort wieder aufzunehmen.

Die Regierung des Deutschen Reiches hat die Forde­rungen, welche sie im Interesse der gerechten Entschädi­gung Deutschlands, sowie seiner zukünftigen Sicherheit stellen muß, zugleich so bestimmt auf das Maß des Un­erläßlichen beschränkt, daß es sich für die französischen Unterhändler in der Hauptsache nur um einen raschen und festen Entschluß handeln kann.

Nur in dem Falle, daß beim Abläufe des Waffen­stillstandes am 24. die Forderungen Deutschlands im Wesentlichen Hereits angenommen sind, ^vird mö glichcr Weise eine nochmalige Frist von einigen Tagen zum de­finitiven Abschlüsse gewährt werden.