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St. DeniS, so wie fast sämmtliche Stadttheile auf dem linken ^eine-Ufer niedergeschmettert.

5n- dem Zlugenblicke, wo der Widerstand aufhörte, wußten wir, daß Unsere Armeen an der Grenze zurückgetrieben und außer Stande waren, unS zu helfen. Unterstützt von der Nationalgarde, welche sich tapfer geschlagen und eine große Anzahl von Leuten verloren hat, hat die Armee am 19. Januar ein Unter­nehmen versucht, das allgemein als ein Akt der Verzweiflung bezeichnet wurde. Dieser Versuch, dessen Zweck die Durchbrechung der feind­lichen Linien war, scheiterte, wie jeder Versuch des Feindes, die unsrigen zu durchbrechen, gescheitert sein würde. Trotz alles Feuers unserer Nationalgarden, welche nur ihren Muth befragten und sich bereit er­klärten, in den Kampf zurückzukehren, blieb uns keine Aussicht, Paris zu deblokiren oder es zu verlassen, um die Armee nach außen zu werfen und sie in eine Entsatz-Armee umzugestalten. Alle Generale erklärten, es werde eine Thorheit sein, wenn dieses Unternehmen ver­sucht werde- die Werke der Deutschen, ' ihre An­zahl, ihre Artillerie machten ihre Linien undurch­dringlich- wir würden, wenn wir das Unmögliche leisteten und ihnen über den Leib Hinwegschritten, darüber hinaus nur eine Einöde von dreißig Wegstunden finden- dort würden wir vor Hunger vergehen, denn man dürfe nicht daran denken, Lebensmittel mitzu- nehmen, weil wir bereits am Ende unserer Hülfsquellen seien. Die Divisionäre wurden neben den Chefs der Armee zu Rathe gezogen und ertheilten Bescheid wie sie. In Anwesenheit der Minister und Maires von Paris wurden diejenigen Obersten und Bataillons-Chefs berufen, welche für die tapfersten galten. Die nämliche Antwort. Man konnte sich tödten lassen, aber man konnte nicht mehr siegen. In diesem Augenblicke, als jede Hoffnung auf Hülfe und jede Aussicht auf Erfolg geschwunden, blieb uns nach sicherer Schätzung noch Brod auf acht Tage und Pferdefleisch auf vierzehn Tage, wenn alle Pferde geschlachtet wurden. Bei den zerstörten Eisenbahnen, den verdorbenen Wegen, der abgesperrten Seine fehlte viel an der Gewißheit, bis zur Stunde der Wiederverproviantirung auszureichen.

Wir haben den Widerstand aufgegeben, die Forts übergeben, die Ringmauer abgerüstet, unsere Besatzung ist kriegsgefangen, wir zahlen eine Kriegsentschädigung von zweihundert Millionen.

Endlich hat der abgeschlossene Waffenstillstand zur unmittelbaren Folge die von Seiten der Regierung erlassene Einberufung einer Ver­sammlung, welche souverän über Krieg und Frieden zu entscheiden haben wird.

Das Kaiserthum unter seinen verschiedenen Formen bot dem Feinde die Anknüpfung von Verhandlungen an. Die Versammlung wird rechtzeitig zusammentreten, um diese Umtriebe zu vernichten und den Grundsatz der Nationalsouveränetät zu wahren. Frankreich allein wird über Frankreichs Geschicke entscheiden. Eile war nöthig- der Verzug war bei dem Zustande, in welchem wir uns befanden, die größte Gefahr.

Das größte Interesse für uns ist, wieder auszuleben und die blutenden Wunden des Vaterlandes zu heilen.

An dem Tage der Eröffnung der Versammlung wird die Regie­rung die Gewalt in deren Hände legen. An diesem Tage wird -Frankreich, wenn es die Augen auf sich lenkt, sich tief unglücklich finden- aber wenn es sich zugleich durch das Unglück wieder gestählt und im vollen Besitze seiner Energie und seiner Souverainctät findet, so wird es wieder Vertrauen auf seine Größe und auf seine Zukunft fassen.«

Das Schicksal der Bourbakische« Armee ist das Fürchter­lichste, was irgend eine Armee in diesem Feldzuge getroffen hat. Alle Schweizer Blätter sind angefüllt von Mittheilungen über den wahrhaft trostlosen Zustand der Armee bei ihrem Uebertritt in die Schweiz und versichern, daß die Welt Gleiches nicht mehr gesehen hat seit dem Rückzug aus Rußland 1812.

Ueber den Leichtsinn und die Gewissenlosigkeit, mit welchen Gambetta dieses Unglück durch sein ganzes Verfahren bei der Bil­dung der Ostarmee herbeigeführt hat, schreibt ein kundiger Bericht­erstatter :

»Man raffte in Südfrankreich alles zusammen, was nur irgend­wie im Stande war, eine Muskete zu tragen, rüstete es auf das Er­bärmlichste aus, stellte dem Namen nach Regimenter und Brigaden damit her, machte die Hauptschreier in den Klubs zu Offizieren und brächte so an 120,000 Mann zusammen, die man dem unglücklichen Bourbaki gab, um damit Belfort zu entsetzen und dann weiter in den Elsaß einzumarschiren. General Bourbaki, ein alter, sehr erprobter Soldat, soll sich anfänglich bestimmt geweigert haben, den Oberbefehl über diese zusammengelaufenen Haufen ohne Kavallerie, Ambulanzen, Fuhrwefentrains, kurz, ohne alles und jedes, was ein Heer wirklich kriegstüchtig macht, zu übernehmen. Nur als Gambetta an seinen Patriotismus appellirte und ihm sagte, »jeder Franzose, der sein Vaterland liebe, müsse in jetziger Zeit zu den schwersten Opfern bereit sein«, soll er widerstrebend eingewilligt haben.

So marschirte denn diese Bourbakische Armee mit einer Unord­

nung und einer Langsamkeit, wie dies bei dem gänzlichen Mangel an allen Kriegsausrüstungen auch nicht anders sein konnte, in das fran­zösische Iuragebiet ein. Auf jedem Marsche sollen schon Hunderte von «Soldaten aus Kälte, Erschöpfung, Marschungewohntheit, schlechter Verpflegung und dürftiger, zerlumpter Kleidung todt an den Wegen zusammengestürzt sein. Wie ein Heuschreckenschwarm, der Alles, was nur irgend eßbar ist, vernichtet, fielen diese bem Verderben geweihten Menschen, die weder Sold, noch irgend nur die Mindeste geregelte Verpflegung erhielten, in die ohnehin nur armen und jetzt von den Lasten des KriegeS sehr hart mitgenommenen Ortschaften des Jura ein. Was nur zu essen war, das verzehrten sie auch sicherlich, denn schon bei dem Vormarsch war ihr Hunger sehr groß und sie ließen den Bewohnern nichts, wie gänzlich geleerte Scheunen, Keller, Küchen und Speisekammern. Groß sollen schon Hunger und Noth im gan­zen Jura gewesen sein, als das Bourbakische Heer noch gegen Belfort marschirte- wahrhaft entsetzlich wurden aber die Zustände, als der Gene­ral v. Werder die Scharen nach zweitägigen blutigen Kämpfen wieder zurückgeworfen hatte und der Rückzug der Franzosen nun in größter Eile un wildester Unordnung angetreten werden mußte, weil die Manteuffel'sche Armee inzwischen durch ihre schnellen und geschickten Operationen ihnen bereits in den Rücken gekommen war.«

Die Belagerung von Belfort ist die einzige kriegerische Aktion, welche jetzt noch ihren Fortgang hat. Der Besitz Belforts ist für uns zur Sicherung des Elsaß von großer Wichtigkeit, und es wurde deshalb bei den Waffenstillstands-Verhandlungen unserseits die lieb er­gäbe von Belfort unter freiem Abzug der Garnison gefordert. Unter dieser Bedingung wäre die Waffenruhe auch auf den ganzen Süd­osten ausgedehnt und auf die Durchführung der erfolgreich emgeleücten Operationen gegen Bourbaki verzichtet worden. Jules Favre lehnte die Einräumung des Platzes ab, und, da unsererseits also auf Fort­setzung der Belagerung bestanden werden mußte, verlangte er für die französische Ostarmee, von der er noch die Befreiung Bel'örts hoffen mochte, gleichfalls die Ausnahme von der Waffenruhe und die volle Operationsfreiheit. So ist Belfort, dessen Entsatz Bourbaki's Ziel gewesen war, für das feindliche Heer der Anstoß zur Zertrümmerung geworden.

Inzwischen ist in der Belagerung, welche schon 3 Monate währt, neuerdings ein bedeutender Fortschritt gemacht worden. Man hatte die Stadt und Festung ursprünglich vom Westen her beschossen- dies führte jtdoch nicht zum Ziele. Man sah ein, daß man sich der drei Bergkuppen bemächtigen müsse, welche etwa 1800 Schritt südöstlich von der Schloßbefestigung von Belfort liegen. Diese Kuppen heißen Perches. Um sich diesen nähern und die Laufgräben gegen dieSchanzen der Perches eröffnen zu können, mußte am 10. Januar Danjoutin und am 20. Perouse erstürmt werden. Nunmehr wurden die Laufgräben eröffnet, die zum Theil in Felsen gesprengt werden mußten und bei dem Thauwetter unter Wasser standen. Es hat überhaupt das rauhe Klima, zumal dieses Winters, in den Dogcsenabhängen dem Belagerungs­Corps eine ungeheuer schwere Aufgabe gestellt. Ein verfrühter Sturm auf die Perches am. 27. Januar führte nicht zum Ziel, endlich sind diese Verschanzungen am 8. Februar genommen worden. Ein wichti­ges und erfreuliches Ergebniß. Jetzt werden unsere Artilleristen mit schwerem Belagerungsgeschütz die Hauptfestung«werkc erfolgreich be- schießen können.

Nachschrift. So eben geht aus Karlsruhe die Rach^cht ein daß Belfort einen Waffenstillstand nachgesucht habe, vermuthlich Behufs Kapitulations-Verhandlungen.

Die Session des preußischen Landtages hat sich länger hin­gezogen, als ursprünglich vorgesehen war, vornehmlich aus dem Grunde, weil die Vereinbarung zwischen den beiden Häusern über das wichtige Armengesetz (Unterstützungswohnsitz) eine längere Zeit in Anspruch nimmt.

Nachdem das Gesetz jetzt auch im Abgeordnetenhause durchberaihen ist, wird die schließliche Verständigung darüber hoffentlich noch im Laufe dieser Woche erfolgen.

Die StaatSregierung gedenkt die Landtagssession, wenn irgend möglich, am Sonnabend (18.) zu schließen.

Die Session des preußischen Landtags hat übrigens benutzt wer­den können, um einer möglichen Verlegenheit der deutschen Kriegführung im Voraus abzuhelfen.

Es erschien zweifelhaft, ob die vom Norddeutschen Reichstage früher bewilligten. Mittel für die Kriegführung noch bis in den März ausreichen würden, während der neue Reichstag bis dahin noch nicht berufen sein kann.

Auf Verlangen der Reichsverwaltung hat daher die preußische Re­gierung von dem Landtage die Ermächtigung nachgesucht und bereit­willig erhalten, nöthigen Falls dem Bundeskanzler einen Vorschuß bis zur Höhe von 50 Millionen Thalern zu gewähren. Die Regie­rung sprach dabei zwar die Hoffnung aus, daß es wohl kaum nöthig sein werde, von der Ermächtigung Gebrauch zu wachen- doch sei es von großem Werthe, für alle Fälle die volle Bereitschaft zur Weiter- führung des Krieges auch finanziell sicher zu stellen.

Derantrrvrllich: E. Liedtke in Berlin.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen' EehennM Lber-Hosbuchdrnckerci (N. v. Decker).