^ 7. Provinzial- Correspondery. 15. g*™« wi.
Neunter Jahrgang.
Die französische NationalversaMmlung und der Friede.
Die Wahlen zur Nationalversammlung sind in ganz Frankreich vollzogen worden und bereits ist die Versammlung in Bordeaux zusammengetreten.
Die gewählte Vertretung Frankreichs hat eine zwiefache Aufgabe und Bedeutung, — jede für sich groß genug, um die Augen Europas aus ihre Verhandlungen und Beschlüsse zu lenken.
Der nächste und unmittelbarste Zweck der Versammlung, der Zweck, zu welchem unsere Regierung den Waffenstillstand bewilligt und die Berufung einer Volksvertretung ermöglicht hat, ist der Ausspruch über die Frage: „ob der Krieg fortgesetzt oder unter welchen Bedingungen der Friede geschlossen werden soll."
Neben dieser Deutschland nicht minder als Frankreich berührenden Aufgabe ist der französischen Nationalvertretung die Entscheidung über die weitere innere Entwickelung Frankreichs anheimgegeben.
„Frankreich ist sich selbst wiedergegeben", so verkündete am 4. September, beim Sturz des Kaiserlichen Regiments, die durch einen Volkshausen eingesetzte republikanische Regierung,' es war dabei vorausgesetzt, daß die Nation demnächst berufen werden solle, über ihre weiteren Geschicke selbst zu entscheiden.
Diese selbstständige Entscheidung des französischen Volkes aber war seitdem stets aufs Neue von der Hand gewiesen und hinausgeschoben worden.
Vergeblich hatte Graf Bismarck, welchem im Interesse der schließlichen Verständigung mit Frankreich daran liegen mußte, einer anerkannten und beglaubigten Regierung gegen- überzustehen, bei allen Verhandlungen Gelegenheit und Anlaß geboten, die französische Nation selbst zur Entscheidung über ihre Geschicke aufzurufcn,' immer wieder hatte die republikanische Regierung unter dem Vorwande der nationalen Vertheidigung ihre Willkürgewalt fortgesetzt, bis der Fall der Hauptstadt und das Uebermaß der nationalen Zerrüttung endlich den deutschen Vorschlägen Gehör verschafften.
Jetzt erst ist Frankreich in Wahrheit „sich selbst wiedergegeben": — der deutschen Politik har es die französische Nation zu danken, daß sie mit einer Freiheit und Selbstständigkeit, wie nie zuvor, über ihre innere Entwickelung beschließen kann.
Unsere Regierung hat ihre Vorschläge freilich nicht im unmittelbaren Hinblick auf die inneren Interessen Frankreichs gemacht,' — für sie konnte und durfte nur die Herbeiführung der Entscheidung über Krieg und Frieden von unmittelbarem Gewicht fein, und nur hierauf ist in der Uebereinkunft von Versailles Bezug genommen.
Und doch — wird unsere Regierung und mit ihr ganz Deutschland großen Werth auch darauf legen, daß durch den eingeschlagenen Weg, durch die Berufung einer völlig frei gewählten Vertretung des französischen Volkes auch der Schein vermieden werde, als sollte bei der schließlichen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich irgend eine Einmischung in die inneren Verhältnisse Frankreichs versucht werden.
Als nach den Freiheitskriegen der erste Napoleon beseitigt und das Köntgshaus der Bourbonen wieder auf den Thron Frankreichs gesetzt war, ist der neu aufgerichteten Monarchie ebenso wie dem Weltfrieden nichts Anderes so gefährlich geworden, als das demüthigende Bewußtsein Frankreichs, daß seine Regierung ihm gleichsam von den Feinden aufgedrungen worden sei.
Die Regierung unseres Kaisers hat es sorglich vermieden, jetzt in denselben Fehler zu verfallen, der damals begangen worden war. So schwierig auch die Lage gegenüber der augenblicklichen Regierung Frankreichs war, welche bis dahin keinerlei Rechtsanspruch besaß, über Frankreichs Geschicke zu verfügen, so hat unsere Regierung doch jede Versuchung zurück- gewiesen, ihrerseits zum Zwecke des Friedensschlusses- eine andere Macht und Autorität anzuerkennen und aufzurichten, als den frei und selbstständig kundzugebendm Willen Frankreichs.
Vollends wird es Frankreich unbedingt überlassen sein, über die Form seiner künftigen Regierung und Verfassung unumschränkt zu entscheiden.
Uns kümmert nur die Art, wie die neu gewählte Nationalvertretung ihre erste und unmittelbarste Aufgabe, die Entscheidung über Krieg und Frieden, zu erfüllen gedenkt.
Je mehr die Versammlung erkennt, daß jedes Zögern, jedes Schwanken nur neues, noch schwereres Verhängniß über Frankreich herbeiführen müßte, desto mehr wird sie ihren Patriotismus durch die baldige Annahme der Bedingungen bethätigen, welche von Deutschland mit dem Bewußtsein seines guten Rechtes, zugleich aber mit schonendster Mäßigung gestellt werden.
Unser Kaiser in seinem Hauptquartier.
Das ganze deutsche Vaterland blickt mit dankbarer Verehrung auf unsern Kaiser und König, als auf den lebendigen Mittelpunkt des großen Wirkens und Schaffens, das vom Hauptquartier ausgeht.
Es wird unserem Volke willkommen sein, über das tägliche Leben des verehrten Fürsten und Feldherrn in Folgendem von kundiger und zuverlässiger Seite einige Mittheilungen zu erhalten.
Der '»Feld-Soldatenfreund-- schreibt:
-In dem Hauptquartier führt Se. Majestät ganz dieselbe Lebens- weise, wie in der Heimath. Durchschnittlich steht er um 7 Uhr auf im Sommer oft sehr viel früher, im Winter hin und wieder etwas später. Nie schläft er anders, als in seinem eigenen Campagnebett, welches auch zu allen Manöverreisen und Königsrevüen mitgenommen wird. Dasselbe besteht aus einem eisernen Gestelle, ist nur einen Fuß von dem Boden hoch und hat nur wenig Polsterwerk. Bei rauher Jahreszeit deckt sich der König auch wohl noch besonders mit seinem Mantel zu. Nur eine kleine Taschenuhr wird neben dieses einfache Nachtlager an die Wand gehängt.
Zur vorher bestimmten oder der gewöhnlichen Zeit tritt, wenn der König nichtIchon vorher geklingelt hat, der dienstthuende Kammerdiener in das Schlafzimmer. An Tagen, wo es zur Schlacht geht, schon sehr früh, z. B. bei Gravelotte, wo um 3 Uhr geweckt wurde, da der König gern schon beim Aufmarsch der Truppen gegenwärtig ist. Kommen Depeschen, Briefe oder Telegramme während der Nacht an, so werden sie dem dienstthuenden Flügel-Adjutanten gebracht, damit dieser beurtheilen kann, ob es nöthig ist, den König deswegen zu wecken. Ist es nicht nöthig, so werden diese Depeschen rc. auf den Tisch gelegt, wo der König Kaffee trinkt, so daß dieselben sofort in seine Hände kommen. In einem Falle ist auch dies während des Feldzuges nicht geschehen, nämlich als die Nachricht von dem Ableben der F.äu Prinzessin Friedrich der Niederlande, der geliebten jüngsten Schwester des Königs, am 7. Dezember in Versailles eintraf. Da diese Kunde schon erwartet worden war, so hatte Se. Königliche Hoheit der Kronprinz angeordnet, daß ihm das für den König bestimmte Telegramm gebracht werden sollte, was denn auch von dem Telcgra- phenamt pünktlich geschah, so daß der Sohn dem Vater die Trauernachricht auf die schonendste Weise mittheilen konnte.
' Der König zieht sich gleich nach dem Aufstchen von Kopf bis zu Fuß an und bleibt den ganzen Tag angezogen, macht es sich nicht weiter bequem, als daß er den Ucberrock ausknöpft, wenn er allein in seinem Zimmer ist oder nur Personen seiner Umgebung empfängt. Sobald andere Personen empfangen werden, erscheint der König immer mit zugeknöpftem Utverrocf; auch wenn er an das Fenster tritt, um vorbeimarschirende Truppen zu sehen, oder wenn er weiß, daß Mili- tärpersonen ihn sehen können, bleibt der Anzug immer dienstlich. Kommt der König von Reisen, anstrengenden Truppenbesichtigungen - und Manövern oder aus einem Gefechte zurück, so wechselt er wohl die Wäsche, zieht sich aber gleich wieder vollständig an. Einen Schlafrock, Pantoffeln, oder sonst irgend eine häusliche Bequemlichkeit, hat der König noch nie benutzt, selbst während eines Unwohlseins oder einer Krankheit nicht.
Das Anziehen und die Stilette dauert ungefähr eine halbe Stunde,' dann tritt der König in sein Arbeitszimmer, wo der Kaffee bereits auf den Schreibtisch des Königs gestellt ist und die eingegangenen Telegramme, Familienbriefe und Depeschen daneben gelegt sind. Der Schreibtisch ist vom König selbst immer streng in Ordnung gehalten, alle . Papiere rechts und links nach ihrem Inhalt oder ihrer Bestimmung übereinandergelegt, so daß vor dem Sitz immer ein freier Raum bleibt. Im Winter steht, bis es draußen hell genug zum Lesen wird, eine Arbeitslampe mit grünem Schirm auf dem Tische, bei