ging unter den schlimmsten Verhältnissen vor sich/ stets vom Feinde gehetzt, keine Stunde Ruhe, kamen sie gar nicht dazu, ihre Reihen wieder zu formiren/ es ging Alles durcheinander/ Jeder ging, wo er Rettung zu finden hoffte. So kam man wie ein gejagtes Wild endlich in zwölf Tagen nach Pontarlier, einige Stunden nur von der Schweizer Grenze. Der Weg war schlimm und die Kälte selten unter 8 Grad. Nun sollte man über den Jura und man war erschöpft, entmuthiM Aber man war noch nicht am Ende der Beschwerden: in Pontarlier wie in Bla- mont war der Feind stets bereit, stets die Straßen nach Norden, Süden und Westen mit unermüdlicher Zagdfcrtiqkeit ihnen verlegend. Am 28. Januar nahm das 2. Armee - Corps des Generals Franseckl, das von Paris herangestürmt war, bei Nozeroy euren Zug mit Ledensmitteln, und die Ostarmee war an diesem Tage vollständig von den deutschen Truppen und der Schweizer Grenze cingescblossen/ am 30. Januar griff die 14. Division (7. Corps) bei Sombacourt und Chaffois, einige Kilometres westlich von Pontarlier, die noch beträchtlichen Truppmmassen an, die hier mehr zusammengeballt als konzentrirt standen. Man hatte einige Positionen mit Artillerie versehen, doch die Deutschen nahmen dieselben sofort und machten 3000 Gefangene. So erfolgte der Ilebertritt in die Schweiz. 3n der Schweiz schreibt man das Schicksal der Ost-Armee vorzugsweise dem Dünkel Gambctta's zu, aus der Ferne, ohne Kenntniß der Lage und ohne militärische Bildung, das Loos der Schlachten lenken zu wollen. Gambetta befahl Bourbaki, von Chanzy sich zu trennen und auf Belfort zu rücken/ als Bourbaki nun aber nach dem mißlungenen Angriffe auf General Werder schnell nach Lyon sich zurückzicbm wollte, ward er durch bestimmte Befehle zurückgehalten, verlor in Clerval die günstige Zeit zum Ausweichen und wurde umzingelt. Aus Furcht, des Verrathes von demselben Manne geziehen zu werden, der ihn dem Untergänge entgegengeführt hatte, legte Bourbaki Hand an sich.
Schon Tage lang war er wie im Irrsinn und in Verzweiflung umhergeirrt. Er zerschmetterte sich die Kinnlade durch einen Schuß und wollte einen zweiten Schuß thun, als man in seine Stube stürzte und ihn entwaffnete. Er soll furchtbar leiden und fast hoffnungslos nach Lyon gebracht sein.
Das ist das Ende der Bourbakischen Armee!
Unser Kaiser telegrafierte am 5. Februar an die Kaiserin: Wegen der letzten entscheidenden Kämpfe, des erzwungenen Nebertritts der 8O,®®ü Mann starken feindlichen Corps auf schweizer Gebiet, so wie für die vollzogene Besetzung aller Forts um Paris soll Victoria geschossen werden.
Wilhelm.
Hoffentlich gilt das nächste Victoriaschießen — dem Frieden.
Antwort Sr. Majestät des Kaisers uns Königs auf die Adresse des Abgeordnetenhauses.
Der Präsident des Abgeordnetenhauses von Forckenbeck hat nach seiner Rückkehr von Versailles, wohin er sich mit dem ersten Vize - Präsidenten von Köller begeben hatte, um Sr. Majestät dem Kaiser und König die Adreffe des Abgeordnetenhauses zu überreichen, dem Hause über ihren Empfang und über die Aufnahme der Adresse Seitens Sr. Majestät berichtet.
Der Kaiser erwiderte in einer frei und sehr warm gehaltenen Anrede etwa Folgendes:
„Für die Mir so eben vorgetragene Adresse ersuche ich Sie, meine Herren, dem Hause der Abgeordneten Meinen herzlichsten und lebhaftesten Dank auszusprechen.
Gewaltige, großartige Ereignisse haben wir erlebt, in deren Folge ich Mich, aufgefordert von den Fürsten und freien Städten Deutschlands, bewogen gefühlt habe, die Kaiserwürde in dem neu erstandenen Deutschen Reiche anzu- nehmen.
Der Himmel hat in der beim Ausbruche des jetzigen Krieges "so glänzend dargethanen Einigkeit der deutschen Volks- stämme, in den großartigen folgeschweren Ereignissen der letzten Zeit einen so deutlichen Fingerzeig gegeben, daß der so lange gepflegte und gehegte Wunsch des Deutschen Volkes, ein einiges und kräftiges Deutsches Reich wieder erstehen zu
sehen, seiner Erfüllung zugeführt werden müsse, daß Ich als der Herrscher über ein Volk, welchem die Geschichte die Aufgabe gestellt, die Interessen und das Wohlergehen des weiteren Deutschen Vaterlandes wie seine eigenen zu betrachten, dessen Fürsten alle stets diese Aufgabe im Auge gehabt, geglaubt habe, dem an Mich ergangenen Rufe Folge leisten zu müssen.» M ' - L^ ü
Ich flehe zu Gott, daß es Mir und Meinen Nachfolgern vergönnt sein möge, das neu erstandene Reich blühend, stark und doch zu einem Reiche des Friedens zu machen.
Wenn gleich in diesem Augenblicke ein Hoffnungsschimmer vorhanden, daß der schwere blut'ge Kampf, zu welchem das Deutsche Volk durch einen ungerechtfertigten frivolen Angriff eines unruhigen Nachbarn getrieben worden, vielleicht bald beendigt werden kann, so muß Ich doch bemerken, daß es bis jetzt nur eine Hoffnung ist, und daß möglicherweise der Nation noch große Opfer an Blut und Gut bevorstehen, wenn der Kampf weiter fortgesetzt werden muß.
Aber Ich bin voll Vertrauen, daß wir zu einem dauernden und durch die Sicherstellung der Grenzen vor neuen Angriffen schützenden Frieden gelangen werden.
Die Leistungen der Armeen, die Opferwilligkeit des ganzen Volkes sind über alles Lob erhaben, und Ich kann derselben nur mit tiefer Rührung und dankerfülltem Herzen gedenken. Seien Sie, meine. Herren, auch in dieser Richtung bei dem Abgeordnetenhause Mein Dolmetscher."
• Der Präsident von Forckenbeck fuhr in seiner Mittheilung fort: t
So lauteten dem wesentlichen Inhalte nach die, ich wiederhole es, vollständig frei gesprochenen Worte Sr. Majestät. Diese Worte wurden am 27. Nachmittags 2 Uhr gesprochen. Am 28. Abends spät wurde die Kapitulation von Paris unterzeichnet.
Ich fordere Sie, meine Herren, alle auf, einzuflimmen in den Ruf:
Se. Majestät der Kaiser und König lebe hoch!
Die Abgeordneten stimmten lebhaft in diesen Hochruf ein.
Der KriegsMssnnd und die Freiheit der Wahlen.
In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 4. Februg-WW kam folgende Interpellation zur Verlesung:
Durch Königliche Verordnung vom 21. Juli v. I ist in den Bezirken des achten, elften, zehnten, neunten, zweiten und ersten Armee- Corps der Kriegszustand erklärt. An die Königliche Staats-Rcgie- rung erlaube ich mir die Anfrage zu richten: 1) ob in Rücksicht auf die veränderte Lage und namentlich auch in Rücksicht auf die bevorstehende Wahl zum ersten Deutschen Reichstage Aussicht vorhanden, daß der annoch fortdauernde Kriegszustand in den gedachten Bezirken in . nächster Zeit aufgehoben wird, eventuell 2) ob die Königliche Staats- Regierung geneigt ist, auf die Aufhebung des gedachten Kriegszustandes hinzuwirken.
Der Minister des Innern, Graf zu Eulenburg, erklärte darauf:
--Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, und an anderer Stelle schon eingehend auseinandergescht, daß die Erklärung des Kriegszustandes in gewissen Theilen der preußischen Monarchie durch die Bedürfnisse des Krieges hervorgerufen war/ die Bedürfnisse des Krieges allein werden auch über die Nothwendigkeit der Fortdauer und über den Zeitpunkt, bis zu welchem diese Fortdauer sich erstrecken soll, zu entscheiden haben. In dieser Beziehung ist also das preußische Staats-Ministerium außer Stande, selbst zu dekretiren, oder eine Erklärung dahin abzugeben, daß es mit Erfolg bemüht sein werde, auf die Aufhebung des Kriegszustandes zu einem gewissen Zeitpunkte hinzuwirken.
Allein die Regierung theilt mit Ihnen den Wunsch und die Absicht, daß die Wahlfreiheit durch die Maß- regeln, die etwa der Kriegszustand mit sich führen könnte, in keiner Weise benachtheiligt werde/ darauf hinzuwirken, daß keine Beengung der Wahlfreiheit stattfinde, kann die Regierung zusagen und, daß eine solche Beengung nicht stattfinden werde, versichern.
Im Uebrigen werden ja die Verhandlungen, die hier im Hause gepflogen sind, zur Kenntniß des Hauptquartiers kommen/ — ich bin überzeugt, daß diejenigen Gesichtspunkte, welche ich in diesem Augenblick aufzustellen die Ehre hatte, auch im Hauptquartier massgebend sind, und daß die ausgesprochenen Wünsche so weit ihrer Erfüllung werden entgegengeführt werden, als eben die Bedürfnisse des Krieges es gestatten.«
Derantwortüch; E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R, v. Decker).