Aus diesen Schwierigkeiten hat das deutsche Hauptquartier einen Ausweg gefunden, den wir sehr geneigt sind »genial« zu nennen. Alle Vortheile der Kapitulation sind uns gesichert, alle Lasten sind dem Feinde zugewälzt worden.
Wir entwaffnen die französische Armee, schließen sie in ein weites Gefängniß an Ort und Stelle ein, bemächtigen uns aller Paris beherrschenden Stellungen und Zugänge und halten die Stadt vollständig in unserer Gewalt, dergestalt, daß unsere Truppen nach Ablaufdes Waffenstillstandes jeden Augenblick einmarschiren können. Um die Verpflegung unserer Gefangenen haben wir uns nicht zu kümmern/ die Ordnung in der Stadt zu schützen, die Bevölkerung zu ernähren, bleibt Sache der pariser Regierung/ wir fahren einfach fort, die Stadt zu er- niren, nur mit dem Unterschiede für uns, daß wir anstatt Vorposten, nunmehr eine Kette von Forts vor unserer Linie beziehen, und mit dem Unterschiede für den Platz, daß ihm freisteht, Lebensrnittel hcrbei- zuschaffen, sobald er feine Waffen abgeliefert heben wird. Wir haben dies höchst sinnreiche und höchst vorthcilbafte Abkommen durch den Verzicht auf die militärische Besitzung der inneren Stadt erkauft.
Der Verzicht würde deutscherseits vielleicht nicht zugestanden worden sein, wenn Paris noch die an Hilfsquellen reiche Stadt wäre, deren Besitz dem Heere materielle Vortheile und gute Quartiere verspräche. Wie die Sache jetzt liegt, hätten im Gegentheil unsere Soldaten ihre Quartierwirthe unterhalten müssen. Der Verzicht reduzirte sich im Grunde auf den Genuß, den Pariser Einzugsmarsch von den Häusern der Boulevards wiederholten zu hören. Diesem Genusse hat der Kaiser entsagt, als es sich zeigte, daß die Franzosen bereit seien, das Zugeständniß mit schwerwiegenden praktischen Leistungen zu bezahlen. Wir glauben, daß bei näherer Ueberlegung nur sehr wenige Leute in Deutschland den Entschluß mißbilligen werden.
Die Wahl zwischen einem Triumphzuge und einem wichtigen politisch-militärischen Resultate kennzeichnet den ganzen Unterschied zwischen kindischer und männlicher GeschäftSleitung. Uebrigeas ist der Verzicht immer nur ein bedingter. Frankreich muß bis zum 19. Februar den von uns diktirten Frieden annehmen oder sich den Einzug unserer Truppen in seine Hauptstadt gefallen lassen.
Die wichtigste Folge dieser Enthaltsamkeit haben wir noch nicht berührt. Indem wir Paris unbesetzt lassen, entgehen wir der unerwünschten Nothwendigkeit, Herrn Jules Favre nebst Kollegen ge- fangen zu nehmen und der Fähigkeit, für den Frieden thätig zu sein, gänzlich zu berauben. Jetzt ist der Vertheidigungs-Aussch uß durch das geschlossene Abkommen verpflichtet und durch sein eigenes Interesse genöthigt, seinen Einfluß für das Zustandekommen einer LandeSvertretung und damit für die Möglichkeit einer Friedensverhandlung auf- zubieten. Hätten wir mit Paris eine streng militärische K pitu- lation abgeschlossen, so würden wir uns der alsdann völlig schrankenlosen Diktatur Gambetta's gegenüber gesehen haben, während die Friedenspartei in Frankreich ohne Anhalt- und Mittelvunkt geblieben wäre. Die Pariser Regierung wird durch den Waffenstillstand die natürliche Bundesgenossin und Führerin aller Derer, die des nutzlosen Widerstandes müde sind, denn ihre Rechtfertigung vor dem Lande liegt in ihrer Erfahrung und Ueberzeugung,^ daß es nutzlos und unmöglich gewesen sei, länger zu widerstehen.
In SchneeAund Eis^
Zu den großartigsten Leistungen in dem gegenwärtigen Winter- feldzug, so schreibt die »Spenersche Zeitung«, gehören durch die Ueberwindung der ungünstigsten klimatischen Einflüsse die Operationen der zweiten Armee gegen Le Mans und weiter westlich, und die Märsche und Gefechte deS Werderschen Corps zur Deckung der Ccr- nirungs-Arm.ee von Belfort. Es war die Zeit Dom 16.-17 Januar, die kältesten Tage des Monats, in welchen diese Operationen vor sich gingen, und wir verweilen einen Augenblick bei ihnen, weil die Tüchtigkeit unserer Truppen kaum in einem andern Abschnitt dieses schweren Krieges sich so glänzend bewährt hat.
Was den Vormarsch der zweiten Armee auf Le Mans nach der Schlacht von Vendome betrifft, so war am 6., dem Schlachttage von Vendome, bis gegen Mittag Glatteis/ am 7. den ganzen Tag nebelartiger starker Regen/ am 8. gelinder Frost und Glätte/ am 9. Schneesturm, daß man nicht zehn Schritte vor sich sehen konnte, die Straßen durch den massenhaften Verkehr glatt gefahren/ in der fot- genden Nacht gelinder Frost und fortdauernder Schneefall, in Felge dessen am 10. die Wege theils wegen Schnee, theils wegen Glätte schwer passirbar/ in der Nacht Dom 10. bis 11 neuer Schneefall/ am folgenden Tage starker Nebel/ am 11. und 12. Morgens starker, während des TageS gelinder Frost, auf den Straßen zunehmende Glätte. Bei dieser Witterung war die Thätigkeit der Artillerie 4inb Kavallerie fast lahm gelegt/ auf dem unaufhörlich sich
hebenden und senkenden Terrain konnten die Geschütze, die Munitionswagen, Proviantkuhrwerke nur mühsam vorwärts gebracht werden, oft wurden die auf der andern Seite marschireuden Truppen- Kolonnen herangezogen, um die Wagen nicht rückwärts bergab rollen zu lassen. Die Reiter mußten ihre Pferde meist am Zügel führen. Es war dasselbe Terrain, auf welchem sich die Bewohner der Bretagne einst gegen die erste Republik so hartnäckig und lange gehalten hatten, weniger durch sie Masse und Trefflichkeit ihrer Truppen, als durch die Vortheile der Oertlichkeit, des welligen BodenS, der zerstreuten Gehöfte, der zahlreichen Waldpartien, der mit dichten Dornhecken umgebenen Grundstücke. Zum Glück für unsere Truppen wußte der Feind diesmal aus der Natur dieses Terrains keinen Nutzen zu ziehen. Gefechte hatte das 10. A mee - CorpS am 8. Januar auf den Höhen vor dem Brayfluffe zu bestehen, am 9. von Mittag an bei La Cyartre, am 10. bei Grand Luc«.
Für das 3. Armee-CorpS begannen die Kämpfe erst am 10. Januar' bei Ardenay und dauerten drei Tage bis zur Einnahme von Le Mans, welche durch das 10. Corps und die 5. Division bewirkt wurde.
Während dieser Märsche und Gefechte hat der größte Theil der Truppen tu > Kälte und Schnee des Nachts Angesichts be* Feindes bivouakiern müssen. Die Ortschaften boten in der Regel nichts Besseres als das Bivouak. Sie waren verlassen, von Vonälhcn entblößt. Um die Bewegung der Truppen nicht zu hindern, waren an den Gefechtstagen die Gepäckwagen meist zurückgeblieben. Wollene Decken und andere Erwär- muvgsmütcl fehlten daher den Bivouaks/ für Strohlager und Feuer war das Material oft nicht zu beschaffen. Genug, unsere zweite Armee bat in den Tagen Dom 6. bis zum 12. Januar die anstrengendste Kriegsarbcil vielleicht in dem ganzen Feldzug durchgemacht/ aber unverdrossen ist sie immer auf ihr Ziel losgegangen, und der Humor hat unsere Truppen nicht verlassen. Nur die enorme Kriegsabhärtung erklärt, daß diese Strapazen dem Gesundheitszustand nicht gefährlich geworden sind.
Bitterer noch war die Kälte auf oem Kriegsschauplatz des Wcrder'scbm Corps und ist in diesen Kampftagen meist zwischen 10 und 15 Grad gewesen. Bekanntlich war das Corps am 31. Dezember um Vesoul konzentrirt, auch das preußische Detachement v. d. Goltz war in Märschen von 6 bis 7 Meilen pro Tag von Langres herangekommen. Vom 1. bis 4. Januar anstrengender Vorposten- und RecogMicirungsdienst. Der Feind griff die gut- gewähttc Defensivstellung des Werderichen Corps vor Vesoul nicht an; die Absichten des Feindes waren in den nächsten Tagen nicht gleich zu erteilen/ er wußte sie gut zu moskiren. vrst in der Nacht Dom 8. zum 9. erwiesen vorgenommene stärkere Recognoscirungen, daß Bourbaki auf Belfort durchdrungen wolle. Sofort erhielt das Corps dahin Marschrichtung, und die Kämpfe der Division v. Schme- ling und der Abtheilung v. d. Goltz bei Villerstxel hatten keine andere Aufgabe, alsBourbakis Vormarsch aufzuhalten, und dieseTruppenthcile schloffen sich dann in Lure dem Werherschen Corps wieder an. Die Strapazen der Truppen in diesen Tagen strenger Kälte, bei 10—15 Gradk waren außerordentlich, aber Alles ging in der besten Ordnung vor sich, man sah nicht einen einzigen Maroden und Nachzügler. In den nächsten Tagen bis zum 12 Januar zog sich das Corps weiter in die Vogesen hinein vor Belfort, nahm in einem großen Halbkreis Stellung um bie Festung. Jeder «oldat n ußte, worauf es ankam. Der Feind zog immer noch Verstärkungen von Befangen heran und ließ den Unfetgen Zeit, ihre Stellungen zwischen Monibeliard und Hericourt zu befestigen. In guten Defensivstellungen erwarteten sie die anftürmenben starken feindlichen Kolonnen, die dann hauptsächlich durch unsere treffliche Artillerie vom 15. bis 17. Januar abgewehrt und zum Rückzug auf Befangon gezwungen waren. Wie ansehnlich die Strapazen unserer Truppen durch die Kälte und durch das Bi- Douatiren im Freien waren, ist aus manchem Bericht bekannt, den wir veröffentlicht haben.
Es ist der moralische Halt, der feste Zusammenhang, die uner- müdete Beharrlichkeit trotz aller Strapazen, wodurch unsere Truppen über die französischen unaufhörlich gesiegt haben, und es zeigt sich dies kaum in einem anderen Abschnitt des schweren Feldzugs so deutlich, als mitten unter diesen härtesten Winterstrapaze >, unter denen die beiden Bestandtheile der früheren französsschen Loire-Armee im Westen und im Osten Frankreichs überwunden wurden.,
Uns r Kaiser und König wird auch während des jetzigen Waffenstillstandes in Veriailles verweilen, wo seine Gegenwart sowohl mit Rücksicht auf die weiteren Operationen im Süden, als auch im Hinblick auf die bevorstehenden ferneren Verhandlungen erforderlich ist.
Verantwontlich: E, Liedtke in Berlin,
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober«Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).