Bewohner lebt in den Kellern, andere flüchten von einem Viertel zum anderen, während Haufen von Frauen und Kindern die Ministerien belagern, um die Uebergabe zu veckmgcn. Im Augenblick, wo diese Schreiben abgingen, war es sehr kalt und alles Brennmaterial erschövft. Der Brief eines Mannes an seine Frau sagt: »Der Muth hat sich erhalten,' aber ich muß zuge stehen, daß die Lebensmittel reißend abnehmen. Wir erwarten, daß morgen das Brod rakionirt wird. Ich habe nur noch trockene Bohnen und viel Wein. Die Todesfälle unter den Kindern sind schreckenerregend. Wir sieben jetzt das ganze Elend der Belagerung auS. Wir wurden von der Regierung und den Iour- nalen über die Armeen getäuscht, die uns zu Hülfe marschiren sollten. Wir wissen jetzt die Wahrheit. Frankreich ist verloren,' PariS muß fallen. Wir haben 9000 Mann bei dem letzten Ausfälle verloren. Man bringt die Todten und Verwundeten zu Hunderten zurück. Die Ringmauer-Eisenbabn setzte die Armen in den verschie- denen Stationen ab. Es giebt Arbeit für die Ambulanten und die Aerzte,' welche Thränen in Tausenden von Familien! Mangel an Nahrung, Kälte, Krankheit, Verlust der Freunde, Abwesenheit unserer Frauen und Kinder, ohne daß wir Nachricht von ihnen haben kön- neu, Regen von Mordgeschossen — Gott sei Dank, Du bist in Sicher- heit,' umarme die Kinder.» Dieser Brief ist vom 21. Seitdem hatten die Leiden der Stadt zugenommen.
Auch in den Provinzen wurden immer entschiedener Stimmen laut, welche die Unmöglichkeit des Weitergebens auf der Bahn deS Widerstandes geltend machten und die Regierung der nationalen Vertheidigung wegen der fortgesetzten Täuschung der Bevölkerung heftig anklagten. In einer jüngst erschienenen Schrift sagw ein bekannter Politiker unumwunden:
»Es ist der Mangel an Ehrlichkeit, der uns vorzugsweise ins Unglück geführt bat. Man begann mit Winkelzügen, erniedrigte sich dann zu vollständigen Lügen und langte schließlich bei der Katastrophe an. Ehrliche Wahrheit ist die beste Politik. In diesem durch eine Lüge begonnenen Krieg hat man nicht aufgehört, die Pillen zu überzuckern. Hätte man die Wahrheit nicht von vornherein verfälscht, man würde nicht eine solche Reihe von Unglücks- fällen herbeigeführt haben. Die Mitglieder der Regierung haben sich und Frankreich betrogen. Sie haben die schrecklichen Wirklichkeiten der Lage nicht erkannt. Frankreich will leben — und dazu bedarf es des FriedenS. »Nicht ein Fuß breit Landes, nicht einen Stein unserer Festungen«, war ein stolzes Wort,' aber reichten unsere Hilfsmittel hin, eS geltend zu machen? Als Metz vor seinen Mauern 200,000 Feinde fcsihalten und unsere Festungen die feindlichen Heere vermindern konnten, die Stützpunkte, der heroische Widerstand von Paris, die Freihnt der Bewegungen und der Armeen, die sich im Cenrrum tm Westen des Landes bildeten, dieser Gesammtwiderstand und die Sammlung von Hilfsmitteln hätten der Regierung erlaubt, unter günstigeren Bedingungen als heute zu unterhandeln. Man hat es nicht gewollt, man zog den Kampf bis aufs Messer vor. Wir sind der Meinung derer, welche überzeugt waren, daß der durch den Waffenstillstand geöffnete Weg nicht blos aus Gründen der Menschlichkrü, sondern auch für das möglichst geringe Maß deS nationalen Schadens, von den Machthabern betreten werden mußte. Wie jetzt die Sachen stehen, so läuft unser Volk Gefahr, in eine völlige Vernichtung deS öffentlichen und Privatvermögens hineingeriffen zu werden.«
Jules Favre, der auswärtige Minister der Pariser Regierung, derselbe, welcher im September v. I. die überaus gemäßigten Vorschläge des Grafen Brsmarck zu einem Waffenstillstand zurückgewiesen hatte, derselbe, welcher noch vor ackt Tagen das freie Geleit zum Besuch der Londoner Konferenz nicht der Geneigtheit unsers Hauptquartiers verdanken wollte, entschloß sich jetzt zu dem schweren Gange nach Versailles, um mit unserem Reichskanzler über das endliche Geschick der Hauptstadt zu verhandeln. Er scheint den Schritt zunächst auf eigene Verantwortung, ohne eigentliche Vollmacht der Gesammt- regierung gethan zu haben, — es mußten deshalb die Verhandlungen fürs Erste als rein vertrauliche behandelt werden, und es konnte daher auch von den ersten Schritten keine amtliche Mittheilung gegeben werden, ohne den Fortgang derselben zu gefährden.
Die Ansprüche, welche der Pariser Minister zu Gunsten der Stadt und der Armee von vornherein zur Geltung zu bringen suchte, waren nicht annehmbar,' aber aus seinem Verhalten ging hervor, daß der frühere Trotz der Pariser Regierung gebeugt und daß dieselbe von der Erkenntniß der vollständigen Niederlage Frankreichs durchdrungen war. Die Verhandlungen konnten daher von Seiten des Hauptquartiers alsbald mit dem Vertrauen auf ein ernstes Ergebniß ausgenommen werden. Zwischen unsrem Kaiser, dem Reichskanzler Grafen Bismarck
und dem Generalstabs-Chef Graf Moltke fanden wiederholt eingehende Berathungen statt, an welchen demnächst auch der Kronprinz und der Kriegs-Minister von Roon Theil nahmen.
Jules Favre begab sich im Fortgange der Verhandlung mehrfach nach Paris zurück, um sich mit der dortigen Regierung zu verständigen/ zu den schließlicken Verhandlungen wurde ein französischer General, B e au fort, zugezogen.
Am Lüsten bereits war die Verständigung so weit gediehen, daß eine erste amtliche Meldung aus dem deutschen Hauptquartier verkündigen konnte:
„Vor Paris schweigt gemäß Verabredung seit 12 Uhr in der Nacht vom Lüsten zum 27sten vorläufig beiderseits das Geschützfeuer."
Der Abschluß der Kapitulation erfolgte am 28. Abends/ mit derselben war zugleich ein Waffenstillstand und der Weg zum Frieden vereinbart worden.
Unser Kaiser verkündete den Abschluß in folgendem Tele- gramm an seine Gemahlin:
An die Kaiserin unDZKönigin.
Versailles, $9. Januar. Gestern Abend ist ein dreiwöchentlicher «Waffenstillstand unterzeichnet worden.
Linie und Mobile werden kriegsgefangen und in Paris internirt. Garde nationale sedentaire übernimmt die Aufr^chthaitung der Ordnung.
Wir besetzen alle Forts, Paris bleibt cernirt und darf sich verpflegen, wenn die Waffen ans- geliefert sind.
Eine Konstituante (verfassunggebende Versammlung) wird nach Bordeaux in 14 Tagen berufen. Die Armeen im freien Felde behalten ihre bez. Landstrecken besetzt mit Neutralitäts-Zonen zwischen sich.
Dies ist der erste segenSvolle Lohn für den PatriotiSmuS, Den Heldenmuts» und die sckweren Opfer. Ich dank^ Gott für diese neue Gnade, möge der Friede bald folgen.
Wilhelm.
Die erste sichere Kunde über den erfolgten Abschluß wurde in ganz Deutschland mit größter Freude begrüßt,' überall erkannte man sofort den Werth, welchen das Abkommen namentlich als Anbahnung des endlichen Friedens beanspruchen darf.
Durch die weiteren Meldungen aus dem Hauptquartiere wurde bald auch die beruhigende Sicherheit gewährt, daß die Besetzung der Forts ohne jeden störenden Zwischenfall erfolgen konnte.
Kaiser Wilhelm telegraphirte weiter vom 30. Januar:
Die Uebergabe aller Forts hat einschließlich St. DeniS im Laufe des gestrigen Tages ohne alle Widersetzlichkeit und Störung stattgefunden.
Won unseren Belagerungs-Batterien sah Ich die preußische Fahne auf Jffy flattern.
Die Bedingungen der Kapitulation im Einzelnen, soweit sie bisher bekannt geworden, sind etwa folgende:
Der Waffenstillstand tritt bei Paris sofort in Kraft, in den Departements, in drei Tagen beginnend, läuft derselbe mit dem 19. Februar Mittags ab. Eine Demarkationslinie ist festgesetzt. — Die Entscheidung über den Beginn des Waffenstillstandes in Cote d'or, Doubs, Jura und bei Belfort (also auf dem östlichen und südlichen Kriegsschauplatzes ist Vorbehalten,' bis dahin nehmen die dortigen Kriegsopera- tionen einschließlich der Belagerung von Belfort Fortgang. Die Seekräfte sind im Waffenstillstand einbegriffen, mit dem Meridian von Dünkirchen als Demarkationslinie. Die zwischen dem Abschluß- und Benachrichtigungstermin gemachten Gefangenen und Prisen werden zurückgegeben.
Wahlen für eine Versammlung, um sich über den Krieg oder die Friedensbedingungen zu er-