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Kriegs-Minister in hohem, unvergleichlichen Maße besaß. Trotz aller sich entgegenthürmenden Schwierigkeiten und unerachtei der oft Alles in Frage stellenden Hemmnisse, stand er in bem für das Wohl und die Ehre seines Vaterlandes als zweckmäßig und Nothwendig Er- kannten fest und unbeugsam seinem Königlichen Herrn getreulich bei, das große Werk durchzuführen, ohne welches die Siegeserfolge der Jahre 1864, 1866 und 1870 schwerlich in gleich hohem Maße zu er­ringen gewesen wären. Namentlich hat das nunmehr verflossene Jahr gezeigt, welche gewaltige, von Dielen ungeahnte Militärmacht Preußen und Norddeutschland, gestützt auf die reorganisiric Armee, in regelmäßiger Folge und organischer Steigerung der Wehrkraft, zu entwickeln im Staude ist, wenn es darauf ankommt, alle Kräfte ein- zusetzen, um einen der großartigsten Kriege sieg- und erfolgreich durch- zukämpfen, den uns Frankreich in seiner Machtüberschätzung leicht­fertig aufgedrungen hat.

Der Name des Kriegs-Ministers v. Roon als Organisator und Heeresverwalter wird gegenwärtig in allen europäischen Heeren mit hoher Achtung genannt; es ist dies ein wohlverdienter schöner Lohn für jahrelange, unablässige Arbeit an der Vervollkommnung aller Heeresoerhältnifse und für die patriotische volle Hingebung an seinen hohen Beruf.

Vor Allem aber müssen in seinem Vaterlande an dem heutigen Iubeltagt alle deutschen Herzen in aufrichtiger und dankbarer Vrreb- rung dem Jubilar mtgcgenschlagcn, mit dem in allen Kreisen der Armee und Marine gewiß einstimmig gehegten innigem Wunsche, daß es demselben vergönnt sein möge, stimmt Könige, der Armee und Flotte seine erprobten und bewährten Dienste noch recht lange zu widmen, zum Wohl und Gedeihen des neu emporblühenden gesammten deutschen Vaterlandes.

Die Franzosen.

(Nach der Weser - Zeitung.)

Daß Deutscher und Franzose zwei sehr verschiedene Arten von Menschen seien, haben wir lange gewußt. In der That brauchte man nur die Augen aufzuthun, um es zu sehen. So verschieden die Ge­schichte der beiden Länder, so verschieden ist die Natur ihrer Bewohner. Vieles, was in Frankreich sich ganz von selbst zu verstehen scheint, ist un§ nahezu unbegreiflich, und ohne Zweifel kommt den Franzosen manches rälbselhaft vor, was wir für selbstverständlich halten. Die beiden Nationen verstehen einander nicht,' das ist eine Thatsache, welche der gegenwärtige Krieg von Neuem, aber deutlicher, als es je zuvor geschehen ist, bestätigt. Die Franzosen sind anscheinend gänzlich außer Stande, die Erbitterung zu begreifen, mit welcher ihr Invasions- Versuch vom vorigen Sommer alle Schichten unseres Volkes erfüllt hat,' sie können e§'gar nicht fassen, daß wir uns nicht mit dem Be­wußtsein, ihre Armeen überwunden zu haben, zufrieden geben, sondern auch noch Bürgschaften für die Zukunft verlangen. Wir haben ja gesiegt,' was wollen wir noch mehr? Daß wir die Nothwendigkeit, siegen zu müssen, als ein furchtbares Unglück verabscheuen,' daß unseren tapfersten Männern die Pflicht, Blut zu vergießen und die Schrecken des Krieges in friedliche Fluren zu tragen, ein Gräuel ist; daß wir den Angriff, der uns Gelegenheit zu glorreichsten Waffen- thaten gab, als ein schändliches, nie wieder gut zu machendes Unrecht empfinden,' daß wir alles aufbieten, um so viel an unS ist, die Wiederkehr einer so verhaßten Nothwendigkeit abzuwcnden,' alles dies ist unseren Gegnern unverständlich. Was uns als das klarste Recht erscheint, daß wir nämlich von dem niedergewor­fenen Angreifer eine Garantie gegen die Wiederholung so namenlosen Frevels fordern, das nennen sie eine barbarische Versündigung an den heiligsten Siechten ihres Landes. In diesem Punkte sind sie alle einig, und selbst die Eitle ihrer selbstständigsten Geister----findet M höchst einfach, kleine Mißverständnisse, wie das zwischen Deutschland und Frankreich mit einem Stück Geldes auszugleichen. Man zwingt eine Million ehrlicher Deutscher Haus und Hof zu verlassen, sich bei Zehntaustnden todt oder zu Krüppeln schießen zu lassen, bei Zehn- taufenden den Seuchen der Lazarethe und den Mühseligkeiten des FeldzugeS zu erliegen, man nöthigt unsere besten Männer zu wider­wärtigster Kriegsarbeit, zu blutigem Würgen, zu grausamer Strenge gegen unglückliche Bauern, gegen Weiber und Kinder,' man bedrodt die ehrbaren Sitze unserer Kultur mit den viehischen Lüsten afrikanischer Horden, man verwüstet das Familienglück von hundert­tausend deutschen Häusern,' man thut alles dies ohne auch nur den Schatten eines gerechten GrundcZ, aus purem gottverfluchten Muth- willen und Ucbcrmuih, und man erklärt, nachdem der verruchte An- schlag an der Tapferkeit des Angegriffenen elendiglich gescheitert ist, sich bereit, die ausgelaufenen Spesen zu zahlen und bem Sieger einen unbcMigtenHeimmarsch zu gestatten. Und. man ist höchlich erstaunt und entrüstet, daß der Angegriffene sich nicht will mit ®el8 abfinden lassen! Man schwelgt förmlich in dem Gefühle gekränkten Edelmuths einem so hartherzigen Feinde gegenüber'!

Eine solche Abstumpfung des einfachen Rechtsgefühls wäre doch, glauben wir, in Deutschland ganz unmöglich.

Die Wurzel alles Uebels ist die Eitelkeit, die angeborne, aber erst durch systematische Erziehung zu einem kolossalen Umfange auf-

Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.

geblähte Eitelkeit des französischen Volks. Auf sie kann man fast alle für uns so befremdlichen Extravaganzen zurückführen, mit denen die Geschichte des gegenwärtigen Krieges uns bekannt gemacht hat. Wir wollen nickt untersuchen, ob, eins gegen d»s andere gerechnet, im deutschen Charakter mehr sittlicher Werth stecke, als im französischen,' wir sind sehr durchdrungen von der Uebe^eugung, daß wir allzumal Sünder sind, aber wir meinen ohne phariiäerhüfic Verblendung sagen zu können, daß die französische Eitelkeit zu der deutschen sich verhalt, wie die orientalische Pest zum kalten Fieber. Sie geht wie eine Seuche durch daS Land und erschlägt Tausende und Zehntausende.

Nichts ist für unS unbegreiflicher und überraschender alS die Leich­tigkeit, mit welcher ein Dutzend Abgeordneter von der Minorität sich der Diktatur über ein Land von vierzig Millionen Seelen bemächtigt, der widerstandslose Gehorsam, welchen diese Dilettanten selbst für die Heillosesten Gewattmaßregeln finden, bet unerschütterliche Glaube, mit dem man ihre Vorspiegelungen alS baare Münze annimmt; obgleich man hundertmal bereits sich hat überzeugen können, daß sie auf das unverschämteste lügen. In Deutschland würden die kleinen Kinder Herrn Gnmbctla und dem General Faidherbe nicht mehr glauben,' viel weniger würden die Erwachsenen einem solchen Gouvernement die un­eingeschränkte Verfügung über das Staatsvermögen, den öffentlichen Kredit, die gefammte wehrfähige Bevölkerung einräumen. Aber in Frankreich ist Herr, wer es versteht, be. nationalen Eitelkeit zu schmeicheln, — so lange es -eben währt. Herr Gambetta besitzt diesen Talisman. Er versteht es, der Natron das Gefühl beizubringen, daß sie sich äußerst sublim ausnehme, und um dies erhebende Gefühl mög­lichst lange zu genießen, folgt ihm die Nation durch dick und dünn, läßt sich mit sehenden Augen bereitwillig von ihm täuschen, vertraut seinen Rotomontaden, ruinirt sich auf sein Kommando. Es ist wahr, die rauhe Wirklichkeit erschüttert unaufhörlich diesen Glauben, aber sage- wattig ist die Stärke der Eitelkeit, daß die härtesten Thatsachen ihn bisher immer höchstens zum Wanken, nicht zum Weichen bringen konnten. Man wird lchwerlich behaupten können, daß der Franzose durchschnitt­lich dümmer sei als der Deutsche, aber der Verstand des Franzosen hat den eigenthümlichen Fehler daß er sich weigert, Schlußfolgerungen zu ziehen, die sein Selbstgefühl unangenehm berühren. Die Eitelkeit ist es, welche ihn noch auf Sieg hoffen läßt, wo ein Deutscher von genau gleichen Verstandskräften längst die Rettungslosigkeit der Lage erkannt hätte. ■

Es läßt sich nicht läugnen, daß diese nationale Schwäche unter Umständen ein Element der Ställe werden kann. Was Frankreich seit dem September an Rüstungen und an Militärischen Anstrengungen geleistet hat, ist zum großen Theil auf das moralische und intellektuelle Gebrechen zurückzuführen, welches den Franzosen hindert, die Wahr­heit sich einzugestehen, sobald sie ihm unschmackhaft ist, und welches es ihm möglich macht, die ungeheuerlichsten Lügen zu glauben, sobald sie ihm nur schmeicheln. Freilich ist ein solches Fundament deS Wider­standes auf der anderen Seite auch höchst gefährlich. Sobald der Augenblick kömmt — und kommen muß er einmal — wo die Lüge ihren Dienst versagt, wo die Wahrheit unwiderstehlich auf den Ver­stocktesten eindringt, muß die künstlich gespannte Kraft mit schrecklicher Plötzlichkeit zusammenbrechen und eine heftige Reaktion der Verzweif­lung eintreten. Das Zeichen echter Tapferkeit ist er, sich den vollen Umfang der Gefahr klar zu machen und ihr dennoch unerschrocken ins Gesicht zu schauen. Die Franzosen haben sich gewöhnt, das Antlitz der Medusa mit einer freundlichen Maske zu bekleiden uns dadurch haben sie sich selbst ein gut Theil des Ruhms beraubt, den sonst ihre Unbeugsamkeit auch vom Feinde fordern würde.

Der Landtag hat am 5. d. M. seine Arbeiten wieder ausgenommen. Im Abgeordnetenhause sind zunächst die Be- rathungen über den Staatshaushalt fortgesetzt worden und dürften in wenigen Tagen in der Vorberathung zum Abschlüsse gelangen. Es ist ein erfreuliches Zeichen für unsere Zustände inmitten des Krieges, daß die Landesvertretung in die Erörte­rung aller Theile des Staatshaushalts in hergebrachter Weise wie inmitten des tiefsten Friedens einzutreten im Stande ist.

Das Herrenhaus hat das Gesetz über den Unterstützungs- Wohnsitz zunächst noch in der Kommission berathen und wird vermuthlich in den nächsten Tagen zur Berathung im Hause selbst schreiten können. Die Vorlage dürfte in nächster Woche an das Abgeordnetenhaus gelangen und dasselbe als­bald nach dem Schlüsse der Etatsberathung beschäftigen.

Beide Häuser werden unzweifelhaft ihr gemeinsames Be­streben daran setzen, diese Vorlage 311m baldigen Abschlüsse zu bringen, da das Zustandekommen des Gesetzes zur Ausführung des betreffenden Bundesgesetzes unbedingt geboten ist.

Dis Wahlen zum Reichstage können nicht, wie hier und da angenommen wird, schon im Januar, sondern zeitigstens etwa Mitte Februars stattfinden.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ob-er-Hofbuchdruckerei (5i. v. Decker).