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Zur Ueberreichung dieser Adresse an Se. Majestät den König hat sich das Präsidium des Herrenhauses nach Versailles begeben. __

Deutschland und -Oesterreich.

Depesche des Bundeskanzlers Grasen von Bismarck an den Gesandten des Norddeutschen Bundes, Herrn von Schweinitz, in Wien.

Versailles, den 14. Dezember 1870.

Die Ew. rc. bekannten Verträge des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten, welche hier in Versailles mit Bayern, Baden und Hessen, in Berlin mit Württemberg unter­zeichnet worden sind, haben durch die letzten Verhandlungen in Berlin, bei welchen diese sämmtlichen Staaten gegenseitig ihre Zustimmung ausgesprochen haben, ihren Abschluß soweit er­halten, daß sie den süddeutschen Landtagen vorgelegt werden können.

Nicht allein die Rücksicht auf den Prager Frieden, in welchem Preußen und Oesterreich-Ungarn sich über ihre Auf­fassung von der damals erwarteten Gestaltung der deutschen Verhältnisse verständigt haben, sondern auch der Wunsch, mit dem mächtigen und befreundeten Nachbarreiche Beziehungen zu pflegen, welche der gemeinsamen Vergangenheit ebenso, wie den Gesinnungen und Bedürfnissen der beiderseitigen Bevölkerung entsprechen, veranlaßt mich, der Kaiserlich und Königlich öfter- reich-ungarischen Regierung den Standpunkt darzulegen, wel­chen die Regierung Sr. Majestät des Königs in Bezug auf diese Neugestaltung der deutschen Verhältnisse einnimmt.

In dem Frieden vom 23. August 1866 ist der Voraus- setzung Ausdruck gegeben, daß die deutschen Regierungen südlich vom Main zu einem Bunde zusammentreten würden, welcher neben einer eignen unabhängigen Stellung zugleich zu dem Bunde der Norddeutschen Staaten in engere nationale Be­ziehungen treten würde.

Dee Verwirklichung dieser Voraussetzung blieb jenen Re­gierungen überlassen, da keiner der beiden kontrahirenden Theile durch den Friedensschluß berechtigt oder verpflichtet werden konnte, den souveränen süddeutschen Staaten über die Gestal­tung ihrer Beziehungen zu einander Vorschriften zu machen. Die süddeutschen Staaten haben es ihrerseits unterlassen, den Ge­danken des Prager Friedens zu verwirklichen. Sie haben die Herstellung der in Aussicht genommenen nationalen Beziehun­gen zu Norddeutschland zunächst in Gestalt des Zollvereins und gegenseitiger Garantie-Verträge angestrebt.

Es lag außerhalb menschlicher Berechnung, daß diese Ein­richtungen unter dem Drange der mächtigen Entwicklung, zu welcher ein unerwarteter französischer Angriff das deutsche Nationalgefühl aufrief, ihren Abschluß in den jetzt vorliegenden Versassungsbündnisscn und in der Errichtung eines neuen Deutschen Bundes finden sollten. Es konnte nicht der Beruf Norddeutschlands sein, diese nicht von uns herbeigeführte, son­dern aus der Geschichte und dem Geiste des deutschen Volkes hervorgegangcnc Entwicklung zu hemmen oder abzuweisen. Auch die Kaiserlich-Königliche Regierung von Oesier- reich-Ungarn, davon sind wir durch Eurer Hochwohl­geboren Berichterstattung versichert, erwartet und verlangt nicht, daß die Bestimmungen des Prager Friedens die gedeihliche Entwickelung der deutschen Nachbarländer erschweren sollen. Die Kaiserliche Regierung sieht der Neugestaltung, in welcher die deutschen Verhältnisse begriffen sind, mit dem berechtigten Vertrauen entgegen, daß alle Genossen des neuen Deutschen Bundes und insbesondere der König, unser Allergnädigster Herr, von dem Verlangen beseelt sind, die freundschaftlichen . Beziehungen Deutschlands zu dem österreichisch - ungarischen Nachbarreiche zu erhalten und zu fördern, auf welche beide durch die ihnen gemeinsamen Interessen und die Wechselwir­kung ihres geistigen wie ihres materiellen Verkehrslebens ange­wiesen sind. Die verbündeten Regierungen hegen ihrerseits die Zuversicht, daß derselbe Wunsch auch von der österreich- ungarischen Monarchie getheilt wird.

Die bevorstehende Befriedigung der nationalen Bestrebun­gen und Bedürfnisse des deutschen Volkes wird der weiteren Entwickelung Deutschlands eine Stätigkeit und Sicherheit ver­leihen, welche von ganz Europa und besonders den Nachbar­ländern Deutschlands nicht allein ohne Besorgniß, son­dern mit Genugthuung wird begrüßt werden können. Die ungehemmte Entfaltung der materiellen Interessen,

welche die Länder und Völker mit so mannigfaltigen Fäden verbinden, wird auf unsere politischen Beziehungen eine wohl­thätige Rückwirkung äußern. Deutschland und Oesterreich- Ungarn, wir dürfen es zuversichtlich hoffen, werden mit den Gefühlen des gegenseitigen Wohlwollens auf einander blicken und sich zur Förderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder die Hand reichen.

Sobald die Grundverträge des neuen Bundes die Ratifi­kation allerseits erhalten haben, werde ich Eure Hochwohlgeboren zu amtlicher Mittheilung derselben an den Herrn Reichskanzler in den Stand setzen.

Ich ersuche Eure Hochwohlgeboren ergebenst, diesen Erlaß dem Herrn Reichskanzler vorzulesen und ihm eine Abschrift von demselben zu übergeben.

von Bismarck.

Bsm Kriegsschauplatz.

Uebersicht.

(Paris und die Nordarmee.) Nach der Niederlage der Loire-Armee hatte Paris seine nächste Hoffnung auf Hülfe vom Norden her gesetzt. Ebenso wie die pariser Besatzungs­armee gegen Anfang des Dezember sehnsüchtig nach dem Süden und Südosten blickte und durch Ausfälle in diesen Richtungen dem General AurelleS de Paladine, welcher von dort herbeikommen sollte, die Hand zu reichen gedachte, so wiederholte sich derselbe Vorgang in der letzten Woche nach dem Nordosten hin, von wo der Befehlshaber von Paris, GeneralTrochu, die vom General Faidherbe bei Lille neu gesammelte Armee er­wartete.! Der Plan war augenscheinlich vor einigen Wochen zwischen einem in Lille eingetroffenen Adjutanten Tro chu's und dem General Faidherbe verabredet, und wenn Alles glückte, hätte Trochu etwa am 20. dem Herannahen der RettungSarmee entgegen sehen können, zu derselben Zeit mußte er durch einen Ausfall nach jener Richtung sich den Weg durch die Belagerungsarmee zu bahnen suchen. Aber der Plan scheiterte gleiß in seinen Anfängen, indem schon die ersten Versuche des VorruckenS der Nordarmee sich alS vergeblich er­wiesen. Die Hoffnungen Faidherbe's waren augenscheinlich darauf gerichtet gewesen, daß er nach dem Borrücken des Generals von Manteuffel über Amiens hinaus nach Rouen und Havre die von demselben gelassene Lücke zu benutzen gedachte, um auf der Linie AmienS-Laon an der Nordbahn entlang einen Vorstoß gegen den Rücken unserer BelagerungSarmee zu versuchen, — und er hatte ja in der That bei St. Quentin, La gère, Ham u. s. w. einige vor­läufige leichte Erfolge erzielt. Kaum aber war diese Gefahr für un- feie Belagerungsarmee erkennbar geworden, so entsandte unsere Heeres­leitung genügende Streitkräfte nach Norden, über Soiffons auf Laon, um die zunächst vorgeschobenen Abtheilungen der französischen Rord- armee zum Rückzug zu nöthigen. Dieselben gingen in der That in den Tagen vor dem 20. nordwärts auf Arras und Lille zurück.

GeneralTrochu konnte hiervon nicht zeitig genug Kunde er­halten und unternahm seinerseits den verabredeten Ausfall zu der Zeit, wo er nach der früheren Berechnung die zugesagte Hülse er­warten durfte.

Ausfall aus Paris. Am 21. brachen die französischen Truppen gleichzeitig nach Norden, Nordosten und Osten hervor gegen die Stellungen unserer Garde und des XII. (sächsischen) Corps.

Der eine Stoß ging von St. Denis in der Richtung der Nord­bahn auf Stains, ein anderer auf das weiter östlich dem Fort Auber- villters gegenüber liegende, durch die Waffenthat unserer Garde rühm­lichst bekannte Le Bourget. Beide Dörfer wurden, wie das bei Aus­fällen gegen Osrtlichkeiten, die nur von Vorposten besetzt sind, zu ge­schehen pflegt, von diesen zunächst bei dem Andringen der feindlichen Massen geräumt, dann aber von den herbeigeeilten Verstärkungen wiedergenommen. Bei Stains warfen das zweite und das Füsilier- Bataillon des 1. Garde-RegimentS und bei Le Bourget zwei,Batail­lone vom Regiment Elisabeth und ein Bataillon vom Regiment Augusta den Fcnd zurück, dem es also nicht gelang, unsere Vor­postenstellung zu durchbrechen, sondern der schon vor der eigentlichen Ein- fchließungsiinie abgewiesen wurde. Einen Hauptantheil an diesem glücklichen Erfolge scheint die Artillerie gehabt zu haben. Der Ver­lust der Unfrigen ist glücklicherweise gering, viele Hundert Gefangene blieben in ihren Händen.

Der Ausfall gegen die Sachsen bewegte sich zu beiden Seiten des Ourcq-Kanals von Bobigny auf Sevran (an der Eisenbahn nach Soissons) und von Rosny und Neuilly-sur-Marne auf Chelles (an der Eisenbahn nach Chalons), gegen den rechten sckügcl der sächsischen Aufstellung. Der Vorstoß wurde von den Sachsen, die schon bet dem letzten großen Ausbruche so tapfer mit dem Feinde gerungen und ihn zurückgeworfen hatten, überall abgeschlagen.

Nach den früher gemachten Erfahrungen stand zu erwarten, daß der Kampf vom 21. d. nur die Einleitung zu einem in größerem Maßstabe unternommenen Ausfälle sein würde. Zu der That dran­gen Tags darauf zwei Brigaden längs der Marne vor, um den linken Flügel der sächsischen Aufstellung anzugreifen, wurden aber