M 52. Provinzial - Correspondenj. 28. Remter isro.
Achter Jahrgang.
Zehn Jahre.
Wir stehen am Schluffe eines Jahres, welches in der Geschichte unsers engern und weitern Vaterlandes vor allen anderen als ein Jahr des Heiles gepriesen werden wird.
Wie wir auf die glorreichsten Jahre Friedrichs des Großen, wie wir auf die Jahre 1813 und 1815 mit erhebenden Gefühlen zurückschauen, ebenso, ja freudiger noch wird die späte Nachwelt des Jahres 1870 gedenken, als des Jahres deutscher Wiedergeburt zu neuer, einiger Kraft, zu nie gekannter Macht und Größe.
Am Schluffe dieses gewaltigen Jahres wird sich die ernste Betrachtung überall auf die schweren, aber glorreichen Kämpfe, zugleich auf die großen bereits gewonnenen Ergebnisse und auf den endlichen vollen Siegerpreis richten, den wir mit Gottes Hülfe zu erringen hoffen.
Der Abschluß des deutschen Einigungswerkes, die feierliche Verkündigung des Kaiserreichs, so wie der demnächstige Abschluß des Kriegswerks werden weiteren Anlaß geben, den Verlauf und die Früchte des Jahres 1870 zu überschauen.
Ain bevorstehenden Neujahr aber gernahnt es uns, einen Rückblick nicht blos auf das letzte Jahr, sondern auf das jüngste Jahrzehnt zu werfen.
In der Nacht vom 1. zum 2. Januar werden es zehn Jahre, daß unserem König die Krone seiner Väter zufiel.
Mit welchen Gedanken wird der allverehrtc Monarch in Versailles auf dieses Jahrzehnt zurückschauen!
Ein Fürst, der un 64. Lebensjahre den Thron besteigt, pflegt keine Jubiläen gewöhnlicher Art mehr zu feiern; aber kaum dürfte "es jemals einen Fürsten gegeben haben, der nach zehnjähriger Regierung in solchem Alter eine solche Gedenkfeier halten konnte, wie es König Wilhelin vergönnt ist.
Unser Königlicher Herr hat im Verlaufe seiner ruhmvollen Herrschaft niemals unterlassen, sich bei allen Unternehmungen und Erfolgen mit Bitte und Dank vor dem lebendigen Gotte zu beugen', — und es ist mit Recht gesagt worden, daß der König, je größer und gewaltiger sein Name wurde, um so entschiedener den Namen Gottes vor seinem Volke bekannte und anrief.
Aber an König Wilhelm gerade hat sich die Verheißung vollauf bethätigt, daß Gott es dem Aufrichtigen gelingen lassen will: kein Fürst hat je die Grundlagen seines Strebens so klar und bestimmt bezeichnet und so sicher fesigehaltcn, wie unser König, kein Regent hat dann die Früchte seiner eigenen Thätigkeit unter höherer Fügung so herrlich reifen und über jedes Hoffen und Ahnen gedeihen gesehn.
Der König erntet zunächst, was er selber gesäet bat; denn alle die herrlichen Erfolge der preußischen und deutschen Politik hatten zur Voraussetzung und Grundlage das eigenste Werk des Königs: die Neuschöpfung unseres vaterländischen Heeres. Schon beim Beginn der Regentschaft hatte er dieselben als seine dringendste Aufgabe bezeichnet und mit kräftiger Hand alsbald in Angriff genommen: fünf Jahre hindurch hat er um dieselbe einen schweren Kampf mit der Landesvertretung gekämpft, bis sich in der Kriegführung von 1866 nicht blos des Königs Heldengeist, sondern auch die Trefflichkeit des von ihm geschaffenen Rüstzeugs unsere Kraft bewährt und in dem begeisterten Danke des Volkes aller Widerspruch verstummte.
König Wilhelm aber hatte seine Pflichten für Preußen vom ersten Augenblicke im engsten Zusammenhänge mit seinen Aufgaben für Deutschland aufgefaßt: als deutscher Fürst vor Allem hatte er Preußen in der Stellung kräftigen wollen, „welche es vermöge seiner ruhmvollen Geschichte und seiner entwickelten Heeresorganisation unter den deutschen Staaten zum Heile Aller einzunchmen berufen war."
Gedanken für Deutschlands Macht und Größe waren es, die ihm von 1864 an die Waffen in die Hand gegeben, — solche Gedanken leiteten vollends alle seine Schritte nach den glorreichen Siegen und Erfolgen von 1866.
Gleich bei den Friedensverhandlungen mit den süddeutschen Staaten war der Wunsch und die Hoffnung maßgebend, daß auf den Trümmern des alten ohnmächtigen Bundes ein neues
Deutschland in einiger Kraft erstehen werde, und von den Schlachtfeldern des deutschen Krieges stieg das Morgenroth der neuen festen Einigung auf.
Früher als irgend Jemand ahnen konnte, sind die Früchte der damaligen Aussaat gereift. Wenn der Sommer 1870 bereits Alles zur herrlichen Ernte bereit fand, so hat auch bei dieser raschen und glücklichen Entwickelung seit 1866 der hoch- herzige deutsche Sinn unsers Königs und seiner Regierung wesentlich mitgewirkt. Die Politik der Mäßigung und der Besonnenheit, durch welche die Keime nationaler Gemeinschaft sorg lieb und rücksichtsvoll gepflegt wurden, hat sich in der mächtigen Erhebung dieses Jahres erfolgreich bewährt, und auch in dieser Beziehung erntet König Wilhelm jetzt in Wahrheit den Lohn seines ernsten und redlichen Wirkens und Schaffens.
Der königliche Heldengreis hatte sich freilich wohl die Vollendung des deutschen Einheitswerks anders gedacht, als sie erfolgt: im Frieden hatte er zu erreichen gehofft, was jetzt in neuem blutigem Kampfe erstritten werden muß.
Um so größer und herrlicher aber ist der Abschluß, den er seinem nationalen Werke zu geben vermag: nicht durch bloße Vereinbarungen und Vcrfaffungsbestimmungen, sondern in lebendiger That und mächtiger Wirklichkeit sind das deutsche Reich und das deutsche Kaiserthum wieder erstanden. Die Volkskraft und Waffenrüstung, an deren Ausbildung unser König von jeher gearbeitet, haben in dem Kriege gegen Deutschlands Erbfeind ihre höchste Bewährung, — die deutsche Einheit, welche das letzte Ziel alles seines Strebens war, hat die erhabenste Weihe erhalten.
Wohl ist es eine Regierung sonder Gleichen, auf welche König Wilhelm jetzt nach zehn Jahren zurückblicken kann, — und wir Alle haben Grund, mit ihm Gott zu Preisen, der sein treues Wirken für Preußen und Deutschland so reich gesegnet hat.
König Wilhelm, unser geliebter Preußenkönig, wird fortan auch Kaiser der Deutschen fein; — sein Scepter und sein erprobtes Schwert werden schirmend und segnend über dem reichen Leben des ganzen deutschen Vaterlandes walten.
Möge sein thaten- und ruhmreiches Leben bald durch einen festen, dauernden Frieden gekrönt werden! '
Das ist unser Gebet für ihn, für Preußen und für Deutschland!
Der Empfang der Reichstags -DepntatiW» bei Sr. Majestät dem Könige am 18. Dezember 1870.
DieDeputation, welche unserem Könige die Adresse des Norddeutschen Reichstages überreichen sollte, war am 16. Abends in Versailles einge- etroffen. Für den Empfang bet Sr. Majestät dem Könige war der Sonntag, 18. Dezember, bestimmt. In einfacherer und ergreifenderer Weise ist wohl nie ein Staatsakt von höchster welthistorischer Bedeutung vollzogen worden. Die Umstände der Zeit und die äußere Umgebung, in welcher das Königliche Versprechen der Annahme des Kaisertitels vor den Vertretern der Nation abgelegt wurde, konnten nicht ohne Einfluß auf den Charakter der feierlichen Handlung bleiben. Inmitten eines freut! dien Heereslagers, das seine siegreichen Waffen mitten in Feindesland hincingetragen hat, drängte sich noch einmal der Gedanke auf an die schweren Opfer, mit welchen das deutsche Volk in blutigen Kämpfen gegen die hcrrschsüchtigc Politik einer benachbarten Nation, das lang erstrebte und nun endlich erreichte Ziel seiner inneren Einigung erkaufen mußte. Gleichzeitig aber gelangte an dieser Stelle zum reinsten Ausdruck die Ueberzeugung, daß die Würde, welche heute der einstimmige Wunsch des Volkes dem Könige von Preußen entgegen trägt, nicht das Werk persönlichen Ehrgeizes ist, sondern daß die Nation, fern von jeder Ueberbcbunq, ein heiliges Recht und die Pflicht hat, für das, durch ihre Waff nthaten geeinte Deutsche Reich einen Namen anzunehmcn, dem durch Jahrhunderte hindurch in allen Landen die höchste Ehrfurcht gezollt ward. Ein Blick auf die Versamm- lung, die in der Stunde eines hochwichtigen Entschlusses Se. Majestät den König umstand — die Fürsten des deutschen Reiches, die ihre Hand zu einem machtvollen Bunde reichen, die Führer der deutschen Armeen, welche die Schlachten von 1870 geschlagen haben, die Der- treter des deutschen Volkes, die durch ihre Beschlüsse die begeisterte Erhebung einer beleidigten Ration mit vaterländischer Opferwilligkeit unterstützten, — ein Blick auf diese Versammlung sagte jedem An-