Die republikanische Regierung hat sich durch diese Zustande zu einer Maßregel veranlaßt gesehen, welche ein eigenthümliches Licht auf die angebliche Krkegsbegeisterung des französischen Volkes fallen läßt: es fallen nämlich hinter jeder Armee Gensd'armerie - Abtheilungen errichtet werden, welche zugleich ständige Kriegsgerichte für alle Fälle feiger Flucht bilden sollen. Am Anfänge des Krieges wurde den Franzosen vorgcspiegelt, in Preußen gäbe cs Armee-Gcnsd'armes, um die widerwillige Landwehr ins Feuer zu jagen. Was damals lügenhaft gegen uns erfunden wurde, das wird jetzt für die Soldaten der französischen Republik zur Wahrheit.
Die französische Regierung unter dem allmächtigen Gambetta scheint jedoch die Hoffnung auf einen erfolgreichen Widerstand noch keineswegs aufzugeben, vielmehr mit erneuter Kraftanstrengung die Trümmer der bisherigen Armeen zu sammeln und durch neue Zuzüge im Norden, Westen und Süden zu stärken.
Unsere II. Armee unter Prinz Friedrich Carl bat in neuester Zeit in enger Verbindung mit dem Großherzog von Mecklenburg eine Stellung an der Loire genommen, in welcher sic jeden Augenblick bereit ist, allen Versuchen eines erneuten Vorstoßes vom Süden, wie vom Westen her wirksam zu begegnen.
Inzwischen scheint Gambetta im Einverständnisse mit Trochu einen ney.cn Angriff vom Norden her mit einem gleichzeitigen Ausfall aus Paris in jener Richtung vorzu- bereiten.
Während unsere I. Armee unter General von Manteuffel ihren Siegeslauf von Amiens über Rouen nach Dieppe und in der Richtung auf Havre fortsetzte, sammelte der Befehlshaber der französischen Nordarmce neue Kräfte bei Lille und Arras und schob einen Theil derselben hinter unserer Armce in der Richtung auf Paris vor. Kleinere Abtheilungen unserer Truppen wurden bei La Före und bei Ham von zahlreichen Haufen Mobilgarden überrascht.
Gegen die Gefahr eines größeren Vorstoßes der französischen Nordarmce ist jedoch unsererseits alsbald Vorkcdr getroffen worden, indem General vonManteuffel seine Armee neuerdings in Stellungen sonnen tritt hat, von welchen er den Bewegungen des Feindes in jedem Augenblick zu begegnen im Stande sein wird.
Vor Paris hat in den letzten Wochen volle Ruhe geherrscht. Vermuthlich hat General Trochu vor einem etwaigen neuen, und dann wohl letzten Ausfallvcrsuche bestimmtere Nachrichten über das zu erhoffende Zusammenwirken mit den Kräften außerhalb Paris abwarten wollen. .
Inzwischen lassen mancherlei Anzeichen darauf schließen, daß unsererseits, Falls nicht in bestimmter naher Zeit die Uebewgabe von Pars erfolgt ist, zum förmlichen Angriffe der Forts übergegangen werden soll.
Im Süden hat unser 14. Corps unter General von Werder, welches in seinen Operationen jetzt auch von der von Metz herbeigerückten 13. (westfälischen) Division unterstützt wird, mehrere nicht unerhebliche Erfolge'davon getragen. Am 16. wurde eine feindliche Abtheilung bei Langres in fester Stellung angegriffen und nach mehrstündigem Kampfe in die Festung zurückgeworfen. Am 18. griff General von Werder den Feind, welcher in beträchtlicher Stärke bei Nuits stand, an; am Abend war Nuits genommen und etwa 600 Gefangene gemacht.
Ueber die französischen Berichte vom Kriegsschauplätze
schreibt das »Militâr-Wochenblatt«:
»Man hat, namentlich im Ausland, lange an der Wahrhaftigkeit deutscher Gefechtsberichte gezweifelt, weil sie nur Siege und stets nur Siege verkündigten, wie sie denn in der That nur Siege verkündigen konnten. Da aber die deutschen Heere nach Sedan, Paris, Orleans und Rouen vorschritten, Straßburg und Metz fielen, hat man sich gern oder ungern überzeugen müssen, daß die dieffeitigen Angaben einfach die pflichtmäßigen Berichte der Truppenführer an das Ober- Kommando wiedergaben.
Wer sich die Mühe geben will, die sämmtlichen französischen Bulletins nachzulesen, wird dort ebenfalls nur eine Reihe von Sieges- berichten finden, die nichtsdestoweniger zu den Kapitulationen ganzer
Heere uyd starker Festungen, so wie zum Verlust eines beträchtlichen Stückes französischen Bodens geführt haben. Dem urtheilenden Leser mußten dabei starke Zweifel an der Richtigkeit der französischen Angaben sehr bald aufsteigcn, da sie mit den unmittelbar folgenden, thatsächlichen Begebenheiten im schreienden Widerspruch standen.
In Frankreich entstehen solche Bedenken nicht, der Franzose glaubt Alles, wenn cs seiner Eigenliebe schmeichelt. In keinem andern Lande würde die offizielle Presse wagen, ihr Publikum wie Narren oder Kinder zu behandeln. Es ist ein gewöhnlicher Kunstgriff in der Re- lation einer verlorenen Schlacht, den Brücht kurz vor der Entscheidung abzubrechen. »Bis 6 Uhr Abends standen die Dinge vorereff. lich«, daß dann der Rückzug anfing, wird vorerst nicht gesagt, aber angeführt, daß an irgend einem dritten Punkt, den der Leser vergeblich auf dein Schlachtfelds sucht, weil er 20 Meilen davon entfernt liegt, ein Erfolg erreicht ist, wäre es auch nur die Gefangennebmung von i »zwei preußischen Ulanen«. Stets mit Recht wird angeführt, daß die Truppen sich tapfer geschlagen, »ihre Begeisterung war unwiderstehlich«, nur daß die deutsche Standhaftigkeit noch größer war. »Unsere Stellung ist vortrefflich«, heißt es, wenn eine'Armee von 150,000 Mann sich in eine Festung einschließen läßt, und »der Geist der Truppen ist vorzüglich«, ist die stets wiederkehrende Phrase, wenn nach einem Mißerfolg es recht schlecht darum bestellt sein mag.
Die Dinge müssen schlecht stehen, wenn man die Lüge zu Hülfe nimmt, um der Menge Muth zu machen. Die Regierung täuscht das Volk über seine Lage, die Advokaten in Tours täuschen die Ad- bofaten in Paris und umgekehrt, der Eine wissend, daß er selbst keine Hülfe Liften kann, um Hülfe von dem Andern zu erlangen, die er ebensowenig zu leisten vermag. Wie auf Kosten dieses unglücklichen Länder Trug und Unwissenheit sich dabei in die. Hände arbeiten, davon man die nähere Betrachtung des amtlichen Berichts der Regierung in Tours (über den Ausfall von Paris) ein Beispiel geben.
(Es wird nun die Unwahrheit des Berichts, welcher als amtliches Dokument Namens der Republik veröffentlicht worden ist, Satz für Satz dargelegt und hinzugefügt:)
Das Resultat des vermeintlichen »großen Sieges« ist, abgesehen von einem bedauerlichen Verlust an Menschen auf beiden Seiten, daß die deutsche Stellung absolut dieselbe ist wie zuvor, und daß seit der ersten Einschließung auch nicht ein Zollbreit Terrain verloren worden ist.
Ist es nun wirklich möglich, daß ein Mitglied der Regierung von Frankreich zu solchen Mitteln greift, um ein großes Volk, nachdem dies vergeblich versucht hat, einer tapferen und wohldisziplinirten Armee Widerstand zu leisten, durch Vorspiegelung falscher Thatsachen zu verzweifelten Anstrengungen zu spornen, und so dasselbe unnützerweise auf die Schlachtbank führt?»
Die deutsche Rerchsverfaffung und die süddeutschen Landtage.
Nachdem die Verträge zwischen dem Norddeutschen Bunde und den süddeuischen Regierungen in Betreff der Neugestaltung Deutschlands die Zustimmung des Norddeutsches Reichstags erhalten haben, trat an die Landtage der süddeutschen Staaten die Aufgabe heran, über die Verfassung Deutschlands zu berathen.
In Baven haben Regierung und Volksvertretung von Neuem dafür Zeugniß abgelegt, daß sie in vollster Uebereinstimmung ihre Wünsche und Bestrebungen dem Gedeihen des deutschen Einigungs- Werkes zuwenden. Der außerordentliche Landtag in Carlsruhe wurde am 13. Dezember durch den Staats-Minister Jolly eröffnet, welcher im Namen des auf dem Kriegsschauplätze weilenden Großhcrzogs folgende Erklärungen abgab:
»Sie sind, durchlauchtigste und hochgeehrteste Herren, berufen, die Verträge, durch welche die künftige Gestaltung Deutschlands bestimmt wird, zu berathen und denselben durch Ihre Zustimmung in unserem Lande verfassungsmäßige Geltung zu verleihen. Diese Verträge ge- Wesi ren daS Ziel unserer langjährigen Wünsche und Bestrebungen: die Verbindung der deutschen Einzelstaaten zu einem politischen Ganzen. Se. Königl. Hoheit vertrauen, daß der Gedanke der politischen Einheit der Ration, der in Erneuerung der altehrwürdigen Kaiserwürde seinen symbolischen Ausdruck findet, mit Hülfe der gewonnenen Ver- faffungsformen, welche den Einzelstaaten für ihre inneren Angelegen- heiten genügende Selbständigkeit wahren, zu einer reicheren und kräftigeren Verwirklichung gelangen werde. Möge der tief gefühlte Wunsch unseres Fürsten und Herrn in Erfüllung gehen, daß die Saat der politischen Einigung, gedüngt mit dem edelsten Blut, errungen durch die fchwersten Opfer, gedeihe zum Heil des Ganzen und aller seiner Glieder. — Im Namen und im Auftrage Sr. Königl. Hoheit des Großhcrzogs erkläre ich die Stände-Versammlung für eröffnet.«
Im Laufe der Berathungen gab der Minister noch folgende Aufschlüsse: »Gleich nach den ersten glücklichen Erfolgen der deutschen Waffen machte die badische Regierung die ersten Mittheilungen an das Bundeskanzleramt über die Ziele, welche die Großherzogliche Regierung als Preis des Kampfes für das beutfehe Volk ansah, und zwar 1) Sicherstellung der deutschen und vor Allem der süddeutschen Grenze. Den Unterstellungen einer nörgelnden Presse gegenüber, welche diesen Gedanken dem eroberungssüchtigen Preußen zuschreiben,