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a? 51. Provinzial - Correspondenj. 21. w* i87o.

Achter Jahrgang.

Ansprache Sr. Majestät des Königs

an die Deputirten des Reichstages nach Ueberreichung der Adresse desselben in Versailles am 17. Dezember 1870.

Geehrte Herren!

Indem Ich Sic hier aus fremdem Boden, fern von der deutschen Grenze, empfange, ist cs Mir das erste Be- dürfniß, Meiner Dankbarkeit gegen die göttliche Vorsehung Ausdruck zu geben, deren wunderbare Fügung uns hier in der alten französischen Königsstadt zusammenführt.

Gott hat uns Sieg verliehen in einem Maße, wie Ich es kaum zu hoffen und zu bitten wagte, als Ich im Sommer dieses Jahres zuerst Ihre Unterstützung für diesen schweren Krieg in Anspruch nahm.

Diese Unterstützung ist Mir in vollem Maße zu Theil geworden, und Ich spreche Ihnen den Dank dafür aus in Meinem Namen, im Namen des HccreS, im Namen des Vaterlandes. Die siegreichen deutschen Heere, in deren Mitte Sie Mich aufgesucht haben, fanden in der Opferwilligkeit des Vaterlandes, in der treuen Theilnahme und Fürsorge des Volkes in der Hcimath, in der Einmüthigkeit des Volkes und des Heeres ihre Ermuthigung in schweren Kämpfen und Ent­behrungen.

Die Gewährung der Mittel, welche die Regierungen des Norddeutschen Bundes noch in der eben geschlossenen Session deS Reichstages für die Fortsetzung des Krieges verlangten, hat Mir einen neuen Beweis gegeben, daß die Nation ent­schlossen ist, ihre volle Kraft dafür cinzusetzen, daß die großen und schmerzlichen Opfer, welche Mein Herz wie das Ihrige tief bewegen, nicht umsonst gebracht sein sollen, und die Waffen nicht aus der Hand zu legen, biS Deutschlands Grenze gegen künftige Angriffe sicher gestellt ist.

Der Norddeutsche Reichstag, dessen Grüße und Glück­wünsche Sie Mir überbringen, ist berufen gewesen, noch vor feinem Schluß zu dem Werke der Einigung Deutschlands ent- scheidend mitzuwirken. Ich bin demselben dankbar für die Be­reitwilligkeit , mit welcher er fast cinmüthig seine Zustimmung zu den Verträgen ausgesprochen hat, welche der Einheit der Nation einen organischen Ausdruck geben werden.

Der Reichstag hat, gleich den verbündeten Regierungen, diesen Verträgen in der Ueberzeugung zugestimmt, daß das ge­meinsame staatliche Leben der Deutschen sich um so segens­reicher entwickeln werde, als die für dasselbe gewonnenen Grund­lagen von unsern süddeutschen Bundesgenossen aus freier Ent­schließung, nach Maßgabe,ihrer eigenen Würdigung des natio­nalen Bedürfnisses, bemessen und dargeboten worden sind. Ich hoffe, daß die Vertretungen der Staaten, denen jene Verträge noch voiHulcgen sind, ihren Regierungen auf dem betretenen Wege folgen werden.

Mit tiefer Bewegung hat Mich die durch Ee. Majestät den König von Bayern an Mich gelangte Aufforderung zur Hey- stellung der Kaiserwürde des alten Deutschen Reichs erfüllt. Sie, Meine Herren, bringen Mir im Namen des Norddeutschen Reichstages die Bitte, daß Ich Mich dem an Mich ergehenden Rufe nicht entziehen möge.

Ich nehme gern aus Ihren Worten den Ausdruck des Vertrauens und der Wünsche des Norddeutschen Reichstages entgegen. Aber Sie wissen, daß in dieser so hohe Interessen und so große Erinnerungen der deutschen Nation berührenden Frage nicht Mein eigenes Gefühl, auch nicht Mein eigenes Urtheil Meinen Entschluß bestimmen kann.

Nur in der einmütigen Stimme der deutschen Fürsten und freien Städte und in dem damit über- einstimmenden Wunsche der deutschen Nation und ihrer Vertreter werde Ich den Ruf der Vorsehung erkennen, dem Ich mit Vertrauen aus Gottes Segen folgen darf. ., , r

Es wird Ihnen wie Mir zur Genugthuung gereichen, daß Ich durch Se. Majestät den Köstig von Bayern die Nachricht erhalten habe, daß das Einverständniß aller deutschen Fürsten und freien Städte gesichert ist und die amtliche Kundgebung desselben bevorsteht.

" Weihnachten ISS©.

Das bevorstehende Weihnachtsfest mahnt uns, den Geist von den täglichen Sorgen nach oben zu richten, dahin , wo nicht blos für die Einzelnen, sondern auch für die Völker die rechte Quelle aller Kraft und alles Gedeihens zu finden ist.

Wie sollte nicht in diesem gewaltigen Jahre grade der Weihnachtsgruß der himmlischen Hecrschaarcn in den Herzen unseres Volkes tief und ernst widerhallen! Mehr als jemals sind ja die Geister gestimmt, dem lebendigen Gott die Ehre zu geben, dessen gnadenreiches Walten in unseren Geschicken so unverkennbar hervortritt.

Einen solchen Advent und solche Weihnachten hat unser Volk noch niemals gefeiert, noch nie, so lange c? eine deutsche Geschichte giebt, hat der Herr der Heerschaaren sich so mächtig an uns bethätigt, wie in dieser Zeit schwerster Prüfung und wunderbarsten Triumphes.

Ehre sei Gott in der Höhe" so klingt es gewiß in diesen Tagen mit inbrünstigem Danke durch ganz Deutschland und die tiefernste Stimmung, welche alle Kreise erfüllt, wird unserem Volke sicherlich zu dauerndem Segen gereichen. Ebenso wie die Freiheitskriege am Anfänge diese? Jahrhunderts ein Quell der sittlichen Kräftigung für unser Volk wurden, so wird cs auch die jetzige große und erhebende Zeit sein.

Eben darum findet inmitten aller glorreichen Kriegscrfolge auch der Friedensgruß des Weihnachtsscstes freudigen Wider­hall in unserem Volke.

Friede auf Erden!" Das ist der lebendige und auf­richtige Wunsch deutscher Herzen von unserem königlichen Kriegsherrn bis in die Hütten hinab.

Je mehr freilich in dieser Weihnachtszeit, wo Tausende mit Wehmuth der Theuern gedenken, welche der Tod fürs Vaterland ihnen entrissen hat, wo Millionen mit Gedanken der Sehnsucht bei den Ihrigen im feindlichen Lande weilen, je mehr grade in dieser Zeit die Friedenswünsche erwachen mögen, desto lebendiger und kräftiger wird doch überall die Ueber­zeugung sein, daß uns nur ein solcher Frieden wahrhaft from­men kann, welcher der gebrachten Opfer werth ist und die Bürgschaften der Dauer in sich trägt. So ernst und tief das Sehnen nach dem Frieden sein mag, so ist doch unser Volk vor Allem entschlossen, jedes Opfer auch ferner zu bringen und in vollster Hingebung auszuharrcn, bis die Ziele deS jetzigen Riesenkampfes vollauf erreicht sind.

Es kann kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß wir eine gnadenreiche Fügung Gottes auch darin zu erkennen haben, daß der jetzige Kampf ernster und durchgreifender ausgekämpft werden muß, als es nach den ersten großen Siegen den An­schein hatte. Wenn damals, nach dem Tage von Sedan zumal, von den Meisten ein rascher Friedensschluß in Aussicht genommen wurde, so haben doch die Erfahrungen, welche wir inzwischen in Bezug auf den Volksgeist in Frankreich gemacht haben, vollends erkennen lassen, daß ein damaliger Frieden ein vor- zeitiger und trügerischer gewesen wäre, und daß bie Fort­dauer des Kampfes auf einer tieferen Nothwendigkeit beruhest, um Frankreich erst zum vollen Bewußtsein seiner Niederlage und zum Aufgeben all des Wahns zu bringen, mit welchem es sich selbst seither betrogen hat. Jetzt bleibt, so Gott will, die letzte Kriegsarbeit zu vollbringen, um einen ernsten, wahr­haften Frieden zu erringen.

Friedensgedanken sind es vor Allem auch, mit welchen Deutschland die erste Frucht der blutigen Aussaat, die Erstehnng des neuen deutschen Reiches begrüßt. Wenn sich die Hoffnun­gen erfüllen, welche die Fürsten und Stämme deutscher Nation an Kaiser und Reich knüpfen, so wird das neue Deutschland immer mehr ein Reich des Friedens und des Wohlgefallens inmitten der Völker sein zur Ehre Gottes!

Armeebefehl des Königs am 6. Dezember 1870.

Soldaten der verbündeten deutschen Armeen! Wir stehen abermals an einem Abschnitt des Krieges.

Als Ich zuletzt zu Euch sprach, war mit der Kapitulation