aus dem Westen an sich zu ziehen und den Abzug der Regierungs- abtheiiung von Tours zu decken.
Unsere Armeen haben jedoch gleich nach der Einnahme von Orleans die Verfolgung des Feindes in allen Richtungen mit großer Energie ausgenommen.
Ein Theil der Armee deS Prinzen Friedrich Carl folgte den feindlichen CorpS stromaufwärts an der Loire auf Nevers zu und hinderte dieselben theilweise, wie es scheint, am Uebergang über die Loire. Schon am 7. Dezember schlug die Avantgarde unseres 3. Ar- mee-Corps die Nachhut des Feindes bei Nevoy, mehrere Meilen südöstlich von Orleans, und am 9. waren unsere Truppen bereits in Driare Halbwegs von Nevers zu, ohne weiteren Widerstand gefunden zu haben. MSBW
Andere Abtheilungen unserer zweiten Armee mit zahlreicher Kavallerie verfolgten den Feind auf dem geraden Wege von Orleans nach Bourges, hatten am 7. bei Salbris glückliche Gefechte und sind bereits über den wichtigen Punkt Vierzon hinaus nahe an Bourges vorgerückt.
Die schwierigste Aufgabe jedoch war für den ersten Augenblick der Armee-Abtheilung des Großherzogs von Mecklenburg zu- gefallen, welche nach ihrer Stellung auf cem rechten Flügel den französischen Corps auf der Straße über Blois nach Tours nördlich an der Loire hin folgen mußte. Den Franzosen kam es hier darauf an, nicht bloS TourS noch zu schützen, sondern auch die Verbindung mit der Bretagne ausrecht zu erhalten, und zu diesem doppelten Zweck erhielten die dort zurückziehenden CorpS alsbald Verstärkungen zu er- ncutcm Widerstand.
Schon am 7. kam cs bei Meung zu einem kleineren Gefechte, am 8. bei Beaugency zu einer Schlacht, in weicher die Franzosen in sehr günstiger Stellung und mit Hülfe von zwei frischen Corps der Großyerzoglichcn Armee entgegentraten, aber trotz ihrer großen Ueber- legenheit und hartnäckigen Tapferkeit eine Niederlage erlitten, welche am 9. in fortgesetztem Kampfe durch Verdrängung der Franzosen aus allen ihren Stellungen vervollständigt wurde.
Nachdem die Großherzogliche Armee nach allen ihren früheren Anstrengungen und nach den schwierigen Verfolgungsmärschen bereits wieder drei blutige Schlachttage ruhmvoll bestanden hatte, sollte ihr am 10. Ruhe gewährt werden. Der an Zahl überlegene Feind versuchte jedoch nochmals zum Angriff vorzugehen, wurde aber in einem vorzugsweise durch unsere treffliche Artillerie geführten Gefechte zurückgewiesen.
Die Lage der nicht eben starken Armee deS Großherzogs war immerhin eine schwierige, obwohl der Feind in allen Gefechten ungeachtet seiner Uebermacht bei Weitem größere Verluste an Todten und Verwundeten, wie an Gefangenen hatte.
Inzwischen war aber auf dem anderen Ufer der Loire ein Theil unsers 9. CorpS bereits näher aufBlois vorgerückt, hatte das Schloß Chambord gestürmt und bedrohete die feindliche Armee in der Flanke.
Den Franzosen mußte nach gerade auch ihre Stellung vor Blois unhaltbar erscheinen; ein neueres Telegramm unsers Königs meldete:
»Rach den viertägigen Gefechten um Beaugency herum, die jedesmal siegreich für uns endigten, wenn auch bei der Uebermacht des Feindes kein bedeutendes Terrain gewonnen wurde, ist der Feind heute unerwartet gegen Blois und Tours abgezogen, wahrscheinlich in Folge der bedeutenden Verluste, die er erlitten, während die unsrigen gering waren. Sehr viel Ueberläufer melden sich dort, und ebenso bet Rouen. Wilhelm.«
Auch die Regierung in Tours hält ihre Stellung dort nicht mehr für gesichert und hat die Ueberfledelung nach Bordeaux beschlossen. Nur ^Gambetta wird den Armeen folgen. Er versichert Frankreich soeben wieder, daß AllcZ gut stehe.
Kein Unbefangener in Europa wird ihm steilich Glauben schenken.
Im Norden Frankreichs schreitet unsere Kriegführung unter General von Manteuffel gleichfalls kräftig und erfolgreich vor.
Nach unerheblichen Gefechten ist Rouen, die alte, reiche Hauptstadt der Normandie, nächst Bordeaux und Marseille die wichtigste Handelsstadt Frankreichs, von unserem 8. (Rheinischen) Armee-Corps besetzt worden; eine Abtheilung desselben ist alsbald weiter nach Dieppe vorgerückt, und am 9. bereits wehte die preußische Fahne auch in diesem Seehafen, am Kanal (la Manche), welcher die deutschen Meere mit dem atlantischen Ocean verbindet. Eine andere Abtheilung der 1. Armee ist im Voriückcn auf Havre, den größten Handelshafen im Norden Frankreich-, begriffen.
Inzwischen versucht der Befehlshaber der früheren französischen Nordarmee die Trümmer derselben bei Lille und Valenciennes zu sammeln und neu zu verstärken; einzelne vorgeschobene oder zer- sprengte Abtheilungen derselben haben einzelne unbedeutende Ueber- Mc auf unsere Stellungen im Rücken der Hauptarmeen versucht. Größere Unternehmungen wird die Wachsamkeit unserer Heerführer auch dort zu vereiteln wissen.
Pfalzburg, die letzte Festung im nördlichen Elsaß, welche sich bisher noch behauptet hatte, ohne daß übrigens neuerdings militärische
Anstrengungen zu ihrer Eroberung gemacht worden wären, hat sich am 12. auf Gnade und Ungnade ergeben.
Vor Paris ist seit dem Scheitern deS großen Ausfalls in den ersten Dezember-Tagen Nichts von Erheblichkeit vorgegangen.
Der General Ducrot, welcher vor dem Ausfälle in einem Aufrufe vom 28. November mit Zuversicht auf die 150,000 Mann seiner Armee und aus die 400 Geschütze hingewiesen, und vor der ganzen Nation geschworen hatte, »nur todt oder siegreich nach Paris zurückzukehren«, — hat am 4. d. M, weder siegreich noch todt (doch, wie c« heißt, verwundet) folgenden bescheideneren Tagesbefehl erlassen:
»Nach zwei Tagen deS hartnäckigen Kampfes habe ich Euch über die Marne zurückgeyen lassen, weil ich überzeugt war, daß alle neuen Anstrengungen in der bisherigen Richtung unnütz fein müßten, weil der Feind Zett gehabt hat, dort seine Kräfte zu konzcnirtren. Der Kampf ist jedoch nur augenblicklich unterbrochen; wir werden ihn mit Entschlossenheit wieder aufnehmen.«
Unsere Armeen vor Paris werden der Entschlossenheit deS Feindes gewiß an jeder Stelle mit gleicher Entschlossenheit und eben so konzentrirt wie neulich begegnen. Die Hoffnung, den eisernen Ring, welcher Paris umgiebt, zu sprengen oder zu lockern, wird nur durch die schließliche llebergabe erfüllt werden können.
Es kann übttgenë kaum noch einem Zweifel unter liegen, daß nach der Niederlage der republikanischen Armeen nunmehr auch der Widerstand von Paris in Kurzem gebrochen sein wird.
In unserer Bevölkerung sind neuerdings vielfach Bedenken darüber laut geworden, daß im Widersprüche mit früheren Erwartungen der Angriff unserer Festungs- Artillerie gegen Paris seither verzögert worden ist.
ES bedarf kaum der Bemerkung, daß Erklärungen über die betreffenden Thatsachen und Absichten, ebenso wie über andere militärische Operationen nicht ohne Schädigung der Int er essen der Kriegführung gegeben werden könnten: jede nähere Andeutung über das, was geschehen oder unterblieben ist, würde dem Feinde ein willkommener Fingerzeig sein.
Die Bevölkerung darf jedoch unserer Heeresleitung auch darin unbedingt vertrauen, daß bei allen Entschließungen in der erwähnten Beziehung lediglich die militärischen Auffassungen und Gesichtspunkte der berufenen Rathgeber des obersten Kriegsherrn den Ausschlag geben und daß auch in diesem Punkte die Rücksichten auf die höchsten Ziele der Kriegführung und auf die Interessen unseres eigenen Heeres vor Allem maßgebend sind.
Unsere Feldherren haben während deS ganzen Verlaufs deS Krieges stets daS Richtige zur rechten Zeit gethan; sie werden auch in Bezug auf Paris im rechten Augenblick nicht untc- lassen, was zur vollen Sicherung des Kriegserfolges für Gegenwart und Zukunft erforderlich ist.
Die luxemburger Frage. Die im Jahre 1867 von Seiten Frankreichs aus die Envcibung Luxemburgs gerichteten Bestrebungen hatten bekanntlich den Anlaß zu einem Vertrage gegeben, durch welchen die europäischen Mächte sich gemeinsam zur Anerkennung und Aufrechterhaltung der Neutralität Luxemburgs verpflichteten. Beim Beginn des gegenwärtigen Krieges zwischen Deutschland und Frankreich war von dem auswärtigen Amte des Norddeutschen Bundes die Erklärung abgegeben worden, daß Deutschland diesen Verpflichtungen gewissenhaft 'nachkommen werde, wenn von anderer Seite die Neutralität in gleicher Weise beobachtet würde. Durch eine Reihe offenkundiger Thatsachen ist erwiesen, daß die luxemburgische Regierung gegen diese Voraussetzung in gröblicher Weise verstoßen hat. Abgesehen von den lebhaften Kundgebungen, welche in Luxemburg unter den Augen der dortigen Behörden für die Sache Frankreichs zu TageIraten, hat die Regierung, wie allgemein bekannt und von keiner Seite bestritten ist, es geschehen lassen, daß die Festung Thionville, so lange sie in den Händen der Franzosen war, vermittelst nächtlicher Eisenbahnzüge durch Luxemburg verproviantirt wurde, und daß die französischen Konsulatsdcamten in der Nähe der Eisenbahnstation von Luxemburg ein Bureau unterhielten, um den zum Theil wortbrüchig aus deutschem Gewahrsam entfliehenden französischen Gefangenen den Wiedereintritt in die Heere Frankreichs zu vermitteln. Die Regierung des Norddeutschen Bundes hat sich genöthigt gesehen, in einer an die luxemburgische Regierung, wie an die bei dem Ncutrali- tätsvertrage beteiligten Mächte gerichteten Kundgebung auf diese und ähnliche Vorgänge hinzuweisen und daran die Erklärung zu knüpfen, daß sie auf Grund dieser Thatsachen die Neutraliiät Luxemburgs als von der dortigen Regierung verletzt erachten und sich selbst einem solchen Verfahren gegenüber die volle Freiheit der Entschließungen vorbehalten müsse.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königliche» Geheimen Oder>S°sduchdruckerei (SS. 6. Decker).