a^ 49. Provinzial - Corresponden). 7. Dezè is?o
Achter Jahrgang. ,
Das deutsche KaiserLhuni.
Unser König hat von dem König Ludwig von Bayern folgendes Schreiben erhalten:
„Nach dem Beitritt Süddeutschlands zu dem deutschen Verfastungsbündniß werden die Ew. Majestät übertragenen Präsidialrechte über alle deutschen Staaten sich erstrecken. 5$ habe mich zu deren Vereinigung in einer Hand in der Ueberzeugung bereit erklärt, daß dadurch den Gcsammt-Intercstcn des deutschen Vaterlandes und seiner verbündeten Fürsten entsprochen werde, zugleich aber in dem Vertrauen, daß die dem Bundespräsidium nach der Versastung zustehenden Rechte durch Wiederherstellung eines deutschen Reiches und der deutschen Kaiserwürde als Rechte bezeichnet werden, welche Ew. Majestät im Namen des gejammten deutschen Vaterlandes aus Grund der Einigung seiner Fürsten ausüben.
Ich habe mich daher an die deutschen Fürsten mit dem Vorschläge gewendet, gemeinschaftlich mit mir bei Ew. Majestät in Anregung zu bringen, daß die Ausübung der Präsidialrechte des Bundes mit Führung des Titels eines deutschen Kaisers verbunden werde.
Sobald mir Ew. Majestät und die verbündeten Fürsten Ihre Willensmeinung kundgMben haben, würde ich meine Regierung beauftragen, das Weitere zur Erzielung der entsprechenden Vereinbarungen einzuleiten."
Der König von Bayern hat in einem Schreiben an den König von Sachsen seinem Schritte folgende weitere Begründung gegeben:
„Die von Preußens Heldenkönig siegreich geführten deutschen Stämme, in Sprache und Sitte, Wissenschaft und Kunst seit Jahrhunderten vereint, feiern nunmehr auch eine Waffenbrüderschaft, welche von der Machtstellung eines geeinigten Deutschlands glänzendes Zeugniß giebt.
Beseelt von dem Bestreben, an dieser werdenden Einigung Deutschlands nach Kräften mitzuwirken, habe ich nicht gesäumt, deshalb mit dem Bundeskanzler-Amte des Norddeutschen Bundes in Verhandlungen zu treten. Dieselben sind jüngst in Versailles zum Abschluffe gediehen.
Ich wende mich daher an die deutschen Fürsten, insbesondere an Ew. Majestät, mit dem Vorschläge, gemeinschaftlich mit mir bei Sr. Majestät dem Könige von Preußen in Anregung zu bringen, daß die Ausübung der Präsidialrechte mit Führung des Titels eines deutschen Kaisers verbunden werde.
Es ist mir ein erhebender Gedanke, daß ich mich durch meine Stellung in Deutschland und durch die Geschichte meines Landes berufen fühlen kann, zur Krönung des deutschen Eintgungswerkes den ersten Schritt zu thun, und gebe ich mich der freudigen Hoffnung hin, daß Ew. Königliche Majestät meinem Vorgehen freundliche Zustimmung ertheilen werden."
Der Schritt des hochherzigen Königs Ludwig wird in seiner tiefen Bedeutung „für die Krönung des deutschen Eini- gungswerkcs" überall in Deutschland richtig gewürdigt werden.
Wer unseren König kennt, weiß, daß derselbe dm Namen und die äußere Würde des Kaisers für sich und sein Haus nicht begehrt oder gesucht hat: was er erstrebt und glorreich errungen hat, das war die Wiederaufrichtung des deutschen Reiches in Macht und Ehren unter den Völkern.
Im deutschen Volke aber lebt untrennbar von der Erinnerung an die einstmalige Größe des deutschen Reiches auch die Erinnerung an den Kaiser als den Hort und Führer des Reiches. Als das höchste Wahrzeichen der wiederkehrenden Größe des Reiches soll auch das Kaiserthum wieder aufleben.
Indem unser König diesem Wunsche zu willfahren bereit ist, hat er gleichzeitig zu erkennen gegeben, wie er die Aufgabe des Reiches und des Kaiserthums auffaßt. Je mächtiger das Reich wird, desto bestimmter ist nach des Königs Sinn gleich in der Verfassung festgestellt worden, daß daffelbe ein Reich des Friedens sein soll.
Den Frieden Deutschlands, und wenn cs sein muß den Frieden Europas, und damit die Wohlfahrt und die Freiheit der Völker zu schützen: — dazu allein soll die neu gewonnene Macht des deutschen Reiches und Kaiserthums dienen.
Der Reichstag und Die Deutsche Einheit.
Der Norddeutsche Reichstag steht vor einer großen folgen- schweren Entscheidung: in seiner Hand liegt es, ob die ein- müthige Erhebung, welche durch Frankreichs freventlichen Angriff auf unsere nationale Ehre in ganz Deutschland hervor- gerufen wurde, noch während des Krieges zu einer festen, dauernden Einigung des deutschen Vaterlandes führen oder ob der Schluß des Krieges uns in neuem Zwiespalt und Parteihader zwischen Nord und Süd finden soll.
So sieht die Frage, und weil sie so steht, kann es nicht zweifelhaft sein, wohin sich die Entscheidung des Reichstages schließlich neigen wird.
Die eben so patriotische wie vertrauensvolle Stimmung, welche der Reichstag bei der Berathung über das Anleihegesetz kundgegeben hat, darf der Regierung die Zuversicht gewähren, daß die Einheit der wesentlichen Gesichtspunkte auch in Bezug auf die große nationale Aufgabe zwischen ihr und dem Reichstage zur entscheidenden Geltung gelangen werde.
So erfreulich und werthvoll der Regierung das jüngste Dertrauenszeichen des Reichstages an und für sich sein mußte, so ist die Bedeutung desselben noch ungemein erhöht worden durch die Zeugniffe allseitiger rückhaltloser Zustimmung zu der von der Regierung befolgten Politik.
Das Vertrauen aber, welches der Reichstag der Regierung entgegcnbringt, war schon seit Jahren in keiner anderen Beziehung so fest begründet, wie gerade in Betreff der deutschen Entwicke- lung. Vollends seit Beginn des gemeinsamen nationalen Kampfes herrschte ein zuversichtliches Einverständniß darüber, daß jetzt die Stunde gekommen sei, das Werk zu vollenden, welches im Jahre 1866 unter Führung unserer Regierung und unter freudiger Mitwirkung aller Patrioten begonnen war.
„Noch nie waren Volk und Regierung über die unmittelbaren und höchsten Ziele der Gegenwart so cinvcrständig, wie Deutschland in diesem Augenblicke", so wurde bei Eröffnung des Reichstages von liberaler Seite versichert/ es wurde zugleich der Ausdruck der Gewißheit hinzugefügt, daß auch die Berathungen des Reichstages von diesem Zusammenwirken durchdrungen sein würden.
Das Vertrauen, welches die Regierung und den Reichstag verbindet, wird sich vor Allem auch in der Ueberzeugung bekunden, daß die Leiter und bewährten Hüter unserer Bundespolitik bei allem Entgegenkommen gegen die süddeutschen Bundesgenossen doch gewiß keine Bedingung für den neuen Deutschen Bund zugelassen haben würden, durch welche das Wesen und die hohen Zwecke der bundesstaatlichen Einigung in Wahrheit beeinträchtigt werden könnten. So begründet einzelne Bedenken in Betreff der einheitlichen militärischen und politischen Gestaltung der Bundesverchältniffe vom theoretischen Standpunkte erscheinen mögen, so wird der Reichstag fest davon durchdrungen fein, daß König Wilhelm so wenig wie Graf Bismarck Einrichtungen genehmigen würden, durch welche die militärische oder politische Kraft des neuen deutschen Gemeinwesens im Ernste gelähmt werden könnte.
Unsere Regierung hat sich bei dem Abschluffe der neuen Verträge allerdings von einem großen, freudigen Vertrauen zu den deutschen Regierungen, leiten lassen, von einem Vertrauen, wie es dem hochherzigen Verhalten derselben in tiefer gewaltigen Zeit entsprach.
Ebenso fest und entschieden aber ist die Zuversicht unserer Regierung aus den nationalen Geist des deutschen Volkes, für dessen Wirken und Walten nunmehr eine gemeinsame Stätte bereitet wir5'. Dieser deutsche Geist hat sich mächtig genug erwiesen, um nach dem tiefen Zwiespalt von 1866 in wenigen Jahren das nationale Bewußtsein soweit erstarken zu lasten, daß die herrliche thatsächliche Bewährung deutscher Einigkeit im Jahre 1870 möglich wurde. Wie s ollte dieser Geist nicht vollends erstarken und einigend weiter wirken, jetzt wo die Pflege der nationalen Gemeinschaft in einem ge sammtdeutschen Reichstage erfolgen wird? Gewiß — „die bloße Existenz dieser Einrichtung wird dem einheitlichen Gedanken eine Macht, eine Schwungkraft verleihen, welche ihn sicher an sein Ziel tragen wird."