und ihre Unternehmungen zur Befreiung von Paris können bereits durchweg als vereitelt gelten.
Die Hoffnung der belagerten Hauptstadt ist ja fort und fort darauf gerichtet, daß die Provinzen in Folge der »Massmcrhebung« ihr Hülfe senden werden, und der leitende Minister in Tours, Gambetta, hatte in der That seit vielen Wochen die eifrigsten Anstrengungen gemacht, um in den noch nicht vom Feinde besetzten Theilen Frankreichs alle irgend dienstfähigen Männer zu den Waffen zu rufen, mit den noch vorhandenen Trümmern der alten Armeen und den in den Ersatzdepots ausgebildeten Mannschaften zu vereinigen und diese neu gesammelten Schaaren so gut und kräftig zu orga- niflren, als es in der Eile möglich war.
Diese Anstrengungen sind theilweise von größerem Erfolge begleitet gewesen, als es bis vor Kurzem den Anschein hatte. Es ist der republikanischen Regierung gelungen, neue ziemlich beträchtliche Truppenkörper im Süden, im Westen und im Norden zu vereinigen und die- selben mit Waffen und Pferden, ja selbst mit zahlreichem Geschütz auszurüsten. Inwieweit aber aus diesen wohlbewaffnctcn Schaaren wirkliche kricgöfähigc Armeen geworden sind, das wird sich demnächst erst vollends zeigen müssen, — die ersten Proben haben dafür nicht das glänzendste Zeugniß gegeben.
Daß die Aufstellung neuer zahlreicher Trupp.n möglich war, sann an und für sich nicht Wunder nehmen. Man braucht ja nur zu vergleichen, wieviel aus Preußen und den übrigen deutschen Staaten seit Anfang September an neuen Truppcnbildungcu aus den Kriegsschauplatz nachgeschickt worden ist und wieviel nötigenfalls noch hingesandt werden könnte, und man wird daraus schließeir, daß das ebenso volkreiche Frankreich auch ohne eigentliche Massenerhebung wohl im Stande sein mußte, einige hunderttausend Mann theils früherer Soldaten, theils junger Leute zu den Fahnen zu rufen. Der große Unterschied beruht nur eben darin,. daß bei unserer trefflichen Heercseinrichtung die Unberufenen kleineren oder größeren Massen sofort in das feste und kräftige Gefüge einer wirklichen Armee eintreten, und daß unsere Landwehr- oder Reserve-Divisionen alsbald mit gleicher Sicherheit und mit gleichem Gewicht in die Kriegführung eintreten , wie die Linie, — während die neuen französischen Truppenbildungen aus den verschiedenartigsten und zum Theil wenig oder gar nicht militärisch vorgebildctcn Elementen bestehen, auö denen eine eigentliche Armee erst mit den größten Anstrengungen geschaffen werden müßte. Es wird nun darauf ankom- wen, ob die Begeisterung für die Rettung des unglücklichen Vaterlandes, ab der Opfermuts) der Verzweifelung im Stande sein wer- den, zu ersetzen, was dtn neuen Armeen an militärischer Uebung und Tüchtigkeit fehlt.
Die Armee bei Orleans ist es vor Allem, auf welche die Regierung in Tours die allergrößten Anstrengungen gerichtet hat/ dorthin ist fast Alles zusammengerafft worden, was an alten Kern truppen in Frankreich und in Algier noch vorhanden war und was im weitesten Umfang aus dem ganzen Süden, dem Südosten und Südwesten an neuen Mannschaften gewonnen werden konnte. Die Haupltheile der sogenannten Armee von Lyon, die Truppen von Revers und Bourges, die sogenannten Marschregimcnter aus dem Westen, die Freikorps aus der V end ec, die Mobilgarden und Frcischaarcn aus dem ganzen südlichen Frankreich sind dort vereinigt, die Artillerie aus den Festungen und von der Marine herbeigezogen und eine wohl berittene Kavallerie mit ungeheuerem Kostenaufwande geschaffen worden.
Die so zusammengesetzte Armee soll nach französischen Angaben weit über 100,000 Mann betragen; — es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie diese Zahl etwa erreicht. Stuf sie sind die größten Hoffnungen in Frankreich gerichtet/ sie vornehmlich soll im Einverständnisse und ' im Zusammenhänge mit den Schaaren im Westen (unter Graf Kc- ratry) und mit der Nordarmee Paris befreien und den. deutschen Armeen das Grab in Frankreich bereiten.
Durch die Operationen der deutschen Armeen ist jedoch düse Hoff- nung für Frankreich bereits vernichtet.
Die Loire-Armec, welche ihren ersten Erfolg vom 9. d. M. gegenüber den vereinigten Kräften des Generals v. d. Tann und vollends nach dem Herbeirücken des Großherzogs von Mecklenburg nicht zu verfolgen vermocht hatte, hatte sich seitdem in einer ziemlich, ausgedehnten Stellung zwischen Orleans und dem nordwestlich davon gelegenen Chateaudun festgesetzt, zuerst wohl mit der Absicht, sich von da aus mit den Truppen des Grafen Keratry zu vereinigen. Diese Absicht wurde zunächst durch den Sieg unserer 17. Division bei Dreux (wo es sich nach jetziger allseitiger Annahme um Mobilgarden von Kcratry's Corps handelte) vereitelt. Inzwischen aber ist der Großherzog von Mecklenburg in raschen, Siegeslam südwestlich auf Le Mans vorgerückt und befindet sich jetzt in einer Stellung, in welcher er gleichzeitig Tours, den Sitz der Regierung, und den linken Flügel der Loire-Armee bedroht. -
In dieser Lage hat es der Befehlshaber der letzteren, General Aurelles de Paladine, bereits gerathen gefunden, die Truppen von Chateaudun zurückzuziehen und sich näher bei Orleans zu kon- zentriren.
Die Armee des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Carl aber
ist inzwischen von mehreren Seiten an die Loire • Armee herangerückt und seit mehreren Tagen haben bereits einzelne Vorkämpfe stattge- funden, welche für unsere Waffen siegreich waren.
Am 28. haben die Franzosen den Versuch gemacht, das 10. Armee- Corps auf dem linken Flügel unserer Armee mit, bedeutend überlegenen Kräften einzeln zu schlagen. Das brave Hannoversche Corps wies jedoch (bei Beaune la Rolande) den Angriff siegreich zurück und wurde am Nachmittage durch die 5. (brandenburgische) und die 1. Kavallerie-Division erfolgreich unterstützt. Unsere Verluste betragen etwa 1000 Mann, die der Franzosen sind bei Weitem erheblicher.
Aus weiteren Berichten geht hervor, daß die Hauptmacht der französischen Loire-Armee eine vollständige Niederlage erlitten hat.
Die Nordarmee hat inzwischen bereits eine vollständige Nieder läge erlitten. Diese bisher vom General Bourbaki (dem früheren Commandeur der Kaiserlichen Garde) befehligte Armee soll nach französischen Angaben gegen 60,000 Mann betragen haben, in Wahrheit wohl zwischen 30- und 40,000. Den Kern derselben bildeten die aus den nördlichen Festungen und Ersatzdepots gezogenen Truppen, an welche sich zahlreiche Mobilgarden und Frcischaarcn angeschloffen hatten.
Außerdem strömte diesem Corps ein Theil der Flüchtlinge von Sedan, sowie der nach Belgien übergetretenen und von dort wieder nach Frankreich entkommenen Mannschaften zu. Ursprünglich war diese Nordarmee bestimmt, zunächst die Fcstuirg Moziârcs zu entsetzen, dann an der Nordgrcnzc Frankreichs vorzmücken und dem Marschall Bazaine in Metz die Hand zu reichen. Später sollte sie gleichzeitig mit der Loire-Armee einen Stoß gegen unsere BelagcrungStruppen vor Paris ausführen.
Dieser Plan ist nun durch diel Armee deS Generals von Di a n- teuffel gründlich vereitelt. Eine Depesche des Königs an die Königin meldet:
Gestern siegreiches Treffen südlich von Amiens durch General ' anteuffel mit einem Theile der ersten Armee. Einige Tausend Mann feindlicher Verlust, 700 Gefangene, 1 Fahne der Mobilgarde. 9. Husarcn-Regiment ritt ein Marinc-Bataillon nieder., Unser Verlust nicht unbedeutend. Wilhelm. „
Eine andere Meldung sagt:
Gestern siegreich vorschreiteo.de Schlacht des Generals von Manteuffel gegen sie im Vorrücken begriffene Nordarmee. Der Feind wurde auf der ganzen Linie zwischen Cille und Somme gegen letzteren Fluß und in die verschanzte Stellung südlich Amiens zurückgeworfen. Der feindliche Verlust beträgt einige 1000 Mann, darunter, soviel bis jetzt bekannt, 700 unverwundcte Gefangene, dann 1 Mobiigardrn- Fahne Engagirt waren das 8. (cheinischlt) Corps und Theile des 1. (ostpreußischen) CorpS. Der Feind ist an Zahl überlegen und besitzt unerwartet viel Artillerie
Ferner wird gemeldet, . aß der Feind bereits Amiens geräumt und General v. Göben mit dem 8. Corps daffelbe besetzt hat.
Hiernach handelt es sich um eine vollständige Niederlage der französischen Nordarmee.
Die Garibaldianer haben gleichfalls eine Niederlage erlitten. Sie versuchten die Stellung des W erd cr'schen Corps bei Dijon vom Westen her zu bedrohen. Sie griffen von Pasques, einem Dorfe, 2 Meilen nordwestlich von Dijon, die Vorposten des 3. badischen Regiments am Abend dcâ 26. November an, bewiesen sich aber schon an dem Abend, als die Vorposten sich auf das Bataillon Unger zurückzogen, nicht als Helden/ dcs anderen Tages machte sich v. Werder mit 3 Brigaden auf den Weg und erreichte durch Umgehung von PlombisreS (1 Steile von Dijon an der Lvoner Eisenbahn) den feindlichen Nachtrab und brachte ihm einen gründlichen Denkzettel bei.
Die Festungen Thionville und La F«re haben im Laufe der letzten Woche kapitulirt. Die Einnahme Thionville'8 ist von. besonders erfreulicher Bedeutung, nicht blos wegen der nunmehr völlig freien Verbindung mit unserer Rheinprovinz, sondern auch deshalb, weil Thionville (das alte Diedeuhofen) der letzte bisher noch nicht besetzte Punkt von Deutsch-Lothringen war, welches, so Gott will, auch nach dem Friedensschlüsse bei Deutschland verbleiben soll. &
Das 7. (westfälische) Arm ec-Corps unter General von Zastrow, welchem bisher neben der Besetzung von Metz zunächst auch die Belagerung von Thionville u. s. w. zügcwicsen war, wirb jetzt vermuthlich auch in die anderweitigen Operationen mit cingreifen können.
Die Frage des Schwarzen Meers geht immer entschiedener einer friedlichen Lösung entgegen. Der von unserer Regierung ausgegangene Vorschiag zur Erörterung derselben aus einer Konferenz hat zunächst die Zustimmung Ruhlands und Englands gefunden und nach der zu erwartenden Beistimmung der übrigen Mächte wird die Konferenz unverweilt in London zusammentreten. Bei der versöhnlichen Stimmung aller Betheiligtcn ist an dem friedlichen Ausgange der Besprechungen kaum zu zweifeln.
V-rmiwortlich: E. Kettle in Birli».
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).