Armeen jetzt für die mittleren Provinzen Frankreichs verfügbar wurde.
Die hieraus entstehende Gefahr wollten die Franzosen vermuthlich durch einen raschen Schlag gegen das von der Tann'sche Corps, so lange es noch der Berstärkung entbehrte, zuvorkommen. In denselben Tagen, wo in Versailles über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, setzte sich die Loire- Armee, deren Bildung Seitens der Regierung in Tours mit dem größten Eifer betrieben worden war, in Bewegung und rückte in einer Stärke von angeblich 70« bis 80,000 Mann gegen Orleans vor.
Für den General von der Tann entstand die Frage, ob er mit den Truppen, die er in Orleans zur Hand hatte, mit dem noch nicht 20,000 Mann zählenden 1. bayerischen Corps den Kampf ohne Weiteres aufnehmcn oder zunächst die Vereinigung mit den übrigen Theilen seines Gesammtcorps suchen sollte. Sobald er erkannte, daß er es mit einer weit überlegenen Truppeüzahl zu thun hatte, hielt er cs mit Recht für geboten, dem Kampfe auszuweichen, bis er sein ganzes Corps vereinigt hätte, um nicht durch ein etwaiges unglückliches Gefechlstch den Rückzug abschneiden zu laffen, dem Feinde aber den Weg nach Versailles frei zu lassen. Zuerst vom Feinde gefolgt und unter Gefechten, welche diesem bei Weitem größere Opfer, als den Bayern kosteten, rückte er am 9. bis Peravy, zwischen Orleans und Chateaudun, dann am 10., nicht mehr verfolgt, bis Toury an der großen Straße und Eisenbahn nach Versailles. Dort trafen die anderen Theile seines Corps mit ihm zusammen, und er konnte nunmehr mit Zuversicht das Vorgehen der Loire-Armee erwarten. Durch das Herbeirücken des Großherzogs von Mecklenburg ist vollends eine Truppenmacht in der Nähe von Orleans vereinigt, welche der Loire- Armee gegenüber allen Aufgaben zur Abwehr oder zum Angriff gewachsen sein dürfte.
Daß die französischen Befehlshaber ihren vorläufigen Erfolg bei Orleans thatsächlich nicht überschätzen, ergiebt sich daraus, daß sie vom 9. bis zum 11. (soweit unsere Nachrichten reichen) noch keinen Versuch gemacht haben, ihren angeblichen Sieg weiter zu verfolgen. Und doch mußten sie dies aufs Schleumgste thun, wenn sie irgend eine Zuversicht des Gelingens hegen könnten,' denn ihr Ziel war ja nicht Orleans, sondern die Befreiung von Pares, und diesem Ziele mußten sie um so unaufhaltsamer zu- eilcn, als jeder Tag des Verzugs ihnen sichtlich größere Schwierigkeiten und Gefahren bringt.
Es ist dem Haupte der Regierung in Tours, Gambetta, nicht zu verargen, wenn er den Erfolg bei Orleans als den „ersten Trost" für Frankreick begrüßt,' denn die „große Nation" ist in diesem Kriege in der That selbst von solchen zweifelhaften Erfolgen entwöhnt worden,' — es entspricht auch dem Bedürf- niste und dem Charakter dieser Regierung, daß sie in gewissenloser Uebertreibung die Bravour ihrer jungen Armee bei diesen neuesten Vorgängen aufs Höchste feiert; man darf ihr auch dies nach dem „in der Geschichte unerhörten Unglücke" Frankreichs zu Gute halten. Wenn aber Gambetta nach dem an- gcblickèn Siege „ein allgemeines kräftiges Vorgehen zum Angriffe" verkündete, so scheint die ruhigere Würdigung des militärischen Erfolges bei Orleans doch einstweilen von der Verwirklichung dieses Planes zurückgehalten zu haben.
Unsere Heeresleitung dürfte dem gegenüber in der Lage sein, sich völlig frei zu entschließen, ob sie zunächst das weitere Vorgehen der Loire-Armee abwarten, oder ihrerseits alsbald zum Angriffe vorgehen soll. , .
Die nächste W che wird voraussichtlich wichtige Ereignisse auf jenem Kriegsschauplätze bringen.
Im engsten Zusammenhänge mit den dortigen Plänen und Vorgängen steht die Erwartung eines neuen größeren Ausfalls von Paris. General Trochu hat augenscheinlich im Hinblick auf das Vorgehen der Loire-Armee seit Wochen Alles zu einem gleichzeitigen Ausfälle der umfassendsten Art vorbereitet. Er wird vermuthlich in diesen Tagen das Herannahen der ersehnten Rettung erwarten und von dem vorläufigen Mißlingen schwerlich genügend unterrichtet sein.
Unsere Armeen vor Paris, welche nach der Entsendung einiger Abtheilungen nach Orleans alsbald anderweitigen Ersatz erhalten haben, werden gewiß auch die letzten verzweifelten Versuche der pariser Vertheidigung nachdrücklich zurückweisen.
Ueber die Operationen bei Orleans werden noch folgende nähere Mittheilungen gemacht:
»Die neugebildete, nahezu 80,000 Mann starke Loire-Armee, von der Frankreich den Entsatz der Hauptstadt erhofft, war im Anrücken. Schon lange hatte General v. b. Tann ihr Nahen von Orleans an- gezeigt. Der vorsichtige General, der mit seinen 17—18,000 Mann Bayern den chen so glänzend erworbenen Kricgsrudm nicht ohne Weiteres aufè Spiel setzen wollte, war deshalb nicht mit größeren Massen dem Feinde aufs linke Loire-Ufer nachgezogen. Plötzlich erhielt er die Meldung, daß der Feind, der sich Anfangs südöstlich von ihm gesammelt, einen Flankenmarsch vollführt, sich westlich gezogen und bei Beaugency , vier Meilen unterhalb Orleans , über die Loire gegangen sei. Dies war die feindliche Hauptmacht. General v. d. Tann zeigte dies sofort dem Hauptquartier der dritten Armee mit dem Hinzufügen an, daß das Terrain um Orleans, die von Weinbergen umgebene Stadt, für eine Gefechts-Aufstellung wenig günstig erscheine. Er zog daher in nordwestlicher Richtung den Franzosen am 8. November entgegen und nahm bei Ormes Stellung, ging aber am 9. sogar weiter bis Coulmiers vor, nachdem er in Orleans, zum Schutz von etwa 800 verwundeten oder kranken Bayern, noch eine kleine Besatzung zurückgclassen. In Coulmiers stieß er auf den von Beaugency in der Richtung auf Paris marschircnden Feind, über dessen Uebermacht er keinen Moment im Zweifel sein sonnte. Zwischen den beiden Armeen entspann sich nun ein mehrstündiger Artilleriekampf, der von französischer Seite nicht ohne Wucht geführt wurde, so daß man sich überzeugte, die Loire-Armee sei mit vortrefflicher und zahlreicher Artillerie versehen. Das war am 9. November. General v. d. Tann, der wußte, daß von Chartres aus die 22. Division unter General Wittich und daß von Chevreux aus die 17. Division mit drei Kavallerie-Divisionen unter dem Großherzog von Mecklenburg ihm zu Hülfe eilten, hielt es daher für angemessen, den eigentlichen Kampf mit so überlegenen feindlichen Kräften nicht aufzunehmen. Am Abend des 9. zog er sich daher in guter Ordnung, nachdem er noch die in Orleans gelassene Besatzung zurückgccufcn, nach Toury zurück, einer Eisenbahnstation auf der Linie Orleans-Etampes, die gerade zwei Stationen nördlich von Artenay gelegen ist. Hier verblieb er ruhig am 10., ohne vom Feinde auch nur im Geringsten behelligt oder verfolgt zu werden. Auch die Franzosen blieben mithin am 10. ruhig in der einmal eingenommenen Stellung, so daß man der Ansicht werden kann, der Marsch zum Entsatz von Paris, der doch nur Aussicht haben konnte, wenn er vor der Ankunft der Metzer Truppen unter Prinz Friedrich Karl gelinge, werde auch nicht mit der nöthigen Energie betrieben. Die einzige Bewegung der französischen Truppen am 10. war die, ein Corps zu detachiern, um Orleans wieder zu besetzen, das sie, roie gesagt, von den Bauern geräumt fanden. Als einzige Trophäe, die beim Kample vom 9. den Franzosen in die Hände fiel, darf man die Gefangennahme einer bayerischen MunitionSkolonnc betrachten, welche sich verirrt hatte und von dem ihr vorgezeichneten Wege abgekommen war. Bei dieser Kolonne befanden sich auch zwei sogenannte Reservekanonen, welche, beim Truppentheil beschädigt und unbrauchbar geworden, von diesem gegen die eigentlichen Reservckanonen ausgetauscht worden waren. Mittlerweile stehen unsere Strafte bei Toury, woselbst, heute noch wahrscheinlich der Großherzog von Mecklenburg das Oberkommando über das bayerische Corps und die 17. und 22. Division, sowie über diè vereinten Kavallerie- Divisionen übernehmen dürfte. Diesem ist cs nun anbeimgestellt, entweder sofort die Offensive zu ergreifen, oder die Franzosen noch einige Tage hinzuziehen, um die Ankunft eines Theils der metzer Armee abzuwarten, die auf mehreren Straßen heranzicht und von welcher die Spitzen des 9. Armee-Corps bereits gestern in der Gegend von Melun und Fontainebleau angelangt waren. Merkwürdig ist, daß während des Vormarsches dieser Loirc-Arnicc, von dem doch die Pariser unterrichtet sein müssen, nicht das Mindeste geschah, um unsere Cernirungsarmee, namentlich gegen Süden und Südwcsien, zu alarmircn oder durch Ausfälle in Athem zu erhalten, resp, durch eine große Ausfallsschlacht einen kühnen Durchbruch zu versuchen. Selten war cs vor Paris so still, wie in diesen Tagen. Aber schon heute läßt sich voraussagen, daß der Zweck der Loire-Armee, der Entsatz von Paris, ein verfehlter ist.«
Die Festung Neu-Breisach im Elsaß hat am 10. d. M. ka- pitulwtz etwa 100 Offiziere und 5000 Mann sind zu Kriegsgefangenen gemacht, 100 Geschütze erobert.
Durch den Fall Neu-Breisachs ist den Francstireurs, deren Banden im Ober-Elsaß in der letzten Zeit sehr störend ihr Wesen getrieben haben, der letzte Schlupfwinkel genommen, und die fliegenden deutschen Kolonnen, welche, vom 14. Armee-Corps apgezweigt, damit beschäftigt sind, die Vogesen und deren Ausläufer zu säubern, werden dabei nunmehr leichtes Spiel haben.
Nach dem Fall Neu- Breisachs ist überdies der ganze deutsche Elsaß , mit alleiniger Ausnahme der kleinen und unbedeutenden Festungen Pfalzburg und Bitsch, in unserer Gewalt.
Im weiteren Vordrin gen über das jetzt gänzlich umschlossene Belfort hinaus sind von dec Reserve-Division unter General von Tresckow mehrere Orte an der Eisenbahn Belfort -Besangon besetzt