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Provinzial - Correspon-en)
Achtre Jahrgang.
16. November 1870.
Waffenstillstand und Friede.
Alles, was über die jüngsten Waffenstillstands-Verhandlungen bekannt geworden ist, läßt erkennen, daß dieselben scheitern mußten, weil die französischen Machthaber das ein- zige und alleinige Ziel, um Leffentwillen der Waffenstillstand ernstlich ins Auge gefaßt werden konnte, den Frieden noch nicht wollen.
Zu einem Waffenstillstände an und für sich, zu einer bloßen Pause in der Kriegführung lag für die deutschen Heere im gegenwärtigen Augenblicke nicht der mindeste Anlaß vor, Nichts, was denselben für uns begehrenswe-th oder auch nur zulässig erscheinen lassen konnte/ aus bloßer Rücksichtnahme auf den Feind aber und um diesem eine wünschenswerthc Erleichterung zu verschaffen, hat sich noch niemals ein Kriegführender bereit finden lassen, einen Waffenstillstand zu gewähren.
Wenn Graf Bismarck sich dennoch auf Waffenstillstands- Verhandlungen eingelassen hat, so konnte es nur um der Möglich- feit willen geschehen, daß aus dem Waffenstillstand der Frieden selbst hervorginge. In solcher Meinung und Absicht hatte auch England die Waffenstillstandsfragc den Kriegführenden nahe gelegt, und unsere Regierung war bereitwillig auf den Antrag eingegangen.
Je geringer unsererseits von vorn herein der Stauben an den guten Willen der französischen Machthaber war, desto größer war der neue Beweis unserer Mäßigung.
Denn für uns selbst ist auch die Beschleunigung des"Friedens weder in militärischer, noch in politischer Beziehung von so drängender Bedeutung, daß wir zu irgend einem Opfer für die frühere Erreichung desselben um unsertwillen veranlaßt sein könnten. So freudig unser Volk den Tag segnen wird, wo das Werk blutiger Arbeit ein Friede krönen wird, der Geschlechtern Ruhe und Sicherheit verbürgt und den inneren Ausbau unseres dann hoffentlich geeinigten Vaterlandes gestattet, so hat sich doch die Ueberzeugung in allen Kreisen immer mehr befestigt, daß ein solcher Friede nicht anders errungen werden kann, als wenn der uns aufgenöthigte Kampf nicht blos bis zur völligen Niederlage Frankreichs, die im Wesentlichen schon erreicht ist, sondern auch bis zum völligen Bewußtsein derselben im französischen Volke durchgeführt wird.
Die Lage der Kriegführung und die inneren Verhältnisse in Frankreich haben sich immer mehr so gestaltet, daß die Verlängerung des Krieges nicht blos bis zur absoluten militärischen Erschöpfung des Landes, sondern auch zur immer wachsenden politischen Zerrüttung desselben führen muß. Insoweit nun das Ziel eines Kampfes, wie der französische Uebermuth ihn hcrausbeschworen hat, für uns die möglichst große militärische und politische Schwächung des Feindes sein muß, hat die deutsche Kriegsleitung ihrerseits keinen Grund, den Fortgang des Krieges zu hemmen, so lange Frankreich nicht machtlos und mit dem Bekenntniß seiner Ohnmacht barnieberliegt.
Das Bewußtsein und Bekenntniß der Niederlage kann aber nicht als vorhanden gelten, so lange nicht Frankreich selbst den Wunsch und die Bitte um Frieden vernehmen läßt, so lange daher ein Waffenstillstand nicht ausdrücklich imb bestimmt mit der Absicht auf Friedensschluß erbeten wird, so lange endlich die Erkenntniß in Betreff der unvermeidlichen Opfer für Erreichung des Friedens noch nicht vorhanden ist.
In dem Auftreten Frankreichs bei dem jetzigen Waffenstill- standsantragc war von dem Allen keine Rede. Die französischen Machthaber verwahrten sich gewissermaßen gegen jeden Gedanken, als ob sie den Frieden begehrten/ mit beispiellosem Ueber- muth und Trotz suchten sie die Verhandlungen so zu wenden, als ob wir den Waffenstillstand brauchten und ihnen Zugeständnisse dafür machen müßten. Während Graf Bismarck fetzt wie früher sein ganzes Bestreben dahin richtete, zunächst die unerläßlichen Grundlagen für irgend einen demnächstigen Friedensschluß zu sichern, wurde dies von der französischen Regierung mit der größten Gleichgültigkeit behandelt und trotzdem ein Waffenstillstand mit so „ausschweifenden" Zu- muthungcn verlangt, wie sie selbst der Sieger dem Besiegten nicht ohne Hohn stellen könnte.
Die einzige Voraussetzung also, unter welcher unsere Regierung, wenn auch mit geringem Vertrauen, in die Waffenstillstands-Verhandlungen hatte eintreten können, die Voraussetzung, welche den Schritten Englands zu Grunde gelegen hatte, die Hoffnung auf ein wirkliches Fricdensbedürfmß und -Bekenntniß Frankreichs — ist von Neuem als vollständig irr- thümlich erwiesen: es liegt vor aller Welt zu Tage, daß der alte Wahn und Uebermuth in den Kreisen, welche Frankreich beherrschen und vergewaltigen, noch in voller Kraft stehen, und daß es noch der letzten niederschmetternden Schläge bedürfen wird, um das unglückliche Land zum Bewußtsein seiner Lage und der unabwendbaren Folgen derselben zu bringen.
Unsere Regierung hat auch bei diesen Verhandlungen eine so große Mäßigung und zugleich eine so bereitwillige Rücksichtnahme auf die Friedensbestrebungen der fremden Mächte, die Machthaber in Frankreich dagegen haben eine so schnöde Mißachtung des intern Lande gewidmeten Interesses bekundet, daß nunmehr jeder Versuch einer weiteren Einmischung vollends ausgeschlossen sein wird.
Die rücksichtsloseste Kriegführung allein kann die Einkehr richtiger Erkenntniß und des schließlichen Friedcnsbcdürfnisses in Frankreich erzwingen: nach dem Falle von Metz ist Alles bereit, um dem unglücklichen Lande bald zum Bewußtsein zu bringen, daß seine Regierung nationaler Vertheidigung nichts Anderes ist, als eine Regierung zur nationalen Zerrüttung, und daß eine Wiederaufrichtung nur durch eine rückhaltlose Anerkennung der absoluten Niederlage zu gewinnen ist.
Rundschreiben Les Bundeskanzlers ©rasen von Bismarck
über die Waffenstillstands-Verhandlungen.
Versailles, den 8. November 1870.
Ew. ec. ist es bekannt, daß Herr Thiers den Wunsch ausgedrückt hatte, sich zu Verhandlungen ins Hauptquartier begeben zu dürfen, nachdem er sich mit den verschiedenen Mitgliedern des Gouvernements der nationalen Vertheidigung in Tours und in Paris in Verbindung gesetzt haben würde. Auf Befehl Sr. Majestät des Königs habe ich mich zu einer solchen Besprechung bereit erklärt und ist Herrn Thiers gestattet worden, sich zuvor am 30. v. Mts. nach Paris hinein zu begeben, von wo er am 31. ej. ins Hauptquartier zurückgekehrt ist.
Die Thatsache, daß ein Staatsmann von der Bedeutung und der Geschäftserfahrung des Herrn Thiers die Vollmachten der Pariser Regierung angenommen hatte, ließ mich hoffen, daß uns Vorschläge gemacht werden würden, deren Annahme möglich und der Herstellung des Friedens förderlich sein würde. Ich cm))fing Herrn Thiers mit dem achtungsvollen Entgegenkommen, auf welches seine ausgezeichnete Persönlichkeit,' auch abgesehen von unsern frühern Beziehungen, ihm^en vollsten Anspruch gab.
Herr Thiers erklärte, daß Frankreich auf Wunsch der neutralen Mächte bereit sein werde, sich auf einen Waffenstillstand eingelassen.
Se. Majestät der König hatten gegenüber dieser Erklärung zu erwägen, daß jeder Waffenstillstand an und für sich für Deutschland alle die Nachtheile bedingt, mit denen für eine Armee, deren Verpflegung auf weit zurückgelegenen Hülfs- quellen beruht, jede Verlängerung des Feldzuges verbunden ist. Außerdem übernahmen wir mit dem Waffenstillstand die Verpflichtung, der deutschen Truppenmasse, welche durch die Kapitulation von Metz verwendbar geworden war, in den Stellungen, welche sie am Tage der Unterzeichnung inne- gehabt haben würde, Halt. zu gebieten, und damit auf die Besetzung weiter feindlicher Länderstrecken zu verzichten, welche gegenwärtig ohne Schwertstreich oder mit Ueberwindung unbedeutenden Widerstandes von uns eingenommen werden können. Die deutschen Heere haben einen wesentlichen Zuwacks in den nächsten Wochen nicht zu erwarten. Dagegen würde der Waffenstillstand Frankreich die Möglichkeit gewährt haben, die eigenen Hülfsquellen zu entwickeln, die in der Bildung begriffenen Formationen zu vollenden und, werm die