Dauer nicht gelingen könM der Gewalt des Feindes zu widerstehen und daß durch die Fortsetzung eines nutzlosen Widerstandes Paris und seine Bevölkerung den fürchterlichsten Geschicken ausgesetzt werde.
Die pariser Regierung entschloß sich daher, auch ihrerseits den Versuch zur Erreichung eines. Waffenstillstandes zu genehmigen und ermächtigte Thiers, darüber im Hauptquartiere unseres Königs in Verhandlung zu treten.
Kaum war jedoch dieser Beschluß in Paris bekannt geworden, so erhob sich ein stürmischer Widerspruch dagegen Seitens der äußersten revolutionären Partei, welche bereits durch die Nachricht von der Kapitulation von Metz, sowie durch das unglückliche Gefecht der pariser Truppen gegen unsere Garde bei Le Bourget leidenschaftlich erregt war und die provisorische Regierung der Schwäche und des Verraths beschuldigte. Es kam zu einem Ausstande vor dem Stadthause, bei welchem ein Theil der Regierungs - Mitglieder gefangen genommen wurde. ES gelang schließlich der Regierung, sich des Beistandes der Naiionalgarde gegen die Aufständischen zu versichern und die Ruhe wieder herzustellcn.
Die pariser Regierung erkannte, daß sie ihre ganze Kraft gegen die drohende Ueberfluthung durch die rohe Masse zusammenfassen niufite; sie beschloß, sich der weiteren Zustimmung der besonnenen Bevölkerung, auch zu den Waffcnstillstandsverhandlungen, zu versichern, und ordnete für den 3. eine öffentliche Abstimmung darüber an, ob die Bevölkerung von Paris die Vollmachten der Regierung aufrecht erhalten wolle oder nicht. Die Abstimmung ergab eine Mehrheit von 557,976 gegen 62,638 zu Gunsten der Regierung.
.Oer bekannte Rochefort aber, ein Hauptführer der äußersten demakratischen Partei, r at in Folge dieser Vorgänge aus der Regierung aus, vermuthlich um bei erster Gelegenheit wieder auf eigene Faust Politik zu treiben.
Die Waffenstillstands-Verhandlungen schienen nach jenen Vorgängen nicht so hoffnungslos zu fein, wie man es noch kurz zuvor hatte annehmen müssen: in Paris, wie in Tours , schien ja das Friedensbedürfniß an und für sich zur Geltung gelangt zu sein.
Die Forderungen aber, welche von französischer Seite bei den Verhandlungen selbst aufgestellt wurden, ließen die Hoffnung auf den Erfolg bald wieder schwinden.
General Trochu hat in einer Proklamation die Bedingungen offen verkündet, welche die Pariser Regierung ausgestellt hatte, nämlich 1) eine Dauer des Waffenstillstands von 25 Tagen, — 2) während dieser Zeit die Ermöglichung der Ernährung von Paris, — 3) die freie Betheiligung aller französischen Landestheile (also auch von Elsaß und Lothringen) an der Wahl der französischen Volksvertretung.
Es lag auf der Hand, daß die Bewilligung eines längeren Waffenstillstandes an und für sich ein hochherziges Zuge- stândniß von unserer Seite gewesen wäre/ denn in unserer militärischen Lage war nicht der mindeste Grund vorhanden, um uns einen Waffenstillstand gerade jetzt wünschenSwerth zu machen. Die deutschen Truppen sind in allen Theilen Frankreichs im siegreichen Vorgehen begriffen, unsere Stellung vor Paris ist nach allen Seiten gesichert und der Angriff auf die Stadt mit aller Energie vorbereitet, — die Ernährung unserer Truppen findet jetzt mit erhöheter Leichtigkeit auf mehreren Linien statt, und gerade in den letzten Wochen sind die Vortheile unserer militärischen Lage durch die Befreiung unserer Armee vor Metz so bedeutend gesteigert worden, daß die Bewältigung aller uns noch entgegenstehenden Kräfte nur eine Frage kurzer Zeit ist. Frankreich dagegen ist im Begriff, überall erst neue Truppenbildungen. vorzunehmen oder zu vollenden, die vorhandenen Kräfte zu sammeln, zu üben und zu kräftigen.
Ein Waffenstillstand von vier Wochen würde uns daher in der Vollendung unserer militärischen Aufgabe nur hemmen, während er für die Franzosen eine Zeit der Stärkung für eine demnächstige Erhebung werden könnte.
Wenn Graf Bismarck nichtsdestoweniger bereit war, einen solchen Waffenstillstand zu bewilligen, so konnte es in der Voraussetzung und Hoffnung geschehen, daß durch den Waffenstillstand die Aussicht auf einen baldigen Frieden unter Bedingungen, wie sie Deutschland verlangen muß, näher gerückt würde. Diese Hoffnung aber konnte unter keinen Umständen eine gesicherte sein und deshalb eben wäre das Zugestândniß eines längeren Waffenstillstandes unsererseits unbedingt ein Schritt großen Entgegenkommens.
Je mehr überdies in den Verh'andlungen bcrvortrat, daß die provisorische Regierung den Gedanken einer Gebietsabtretung noch jetzt entschieden von sich weist, je weniger mithin die Aussicht auf Erreichung der unerläßlichen FriedensvediNgüNgen begründet erschien, desto mehr durfte unsere Regierung die Bewilligung des Waffenstillstandes an und für sich als ein weitgehendes Zugestândniß ihrerseits eraebt-n.
Außerdem aber, wie die französische Regierung verlangte, noch die Ernährung von Paris während der Zeit des Waffenstillstands zuzugestehen, dazu konnte und durfte sich unsere Regierung nicht ohne voll- wiegende Gegenleistung verstehen. Es wäre das sicherste Mittel gewesen, die Pariser zur Forschung des Kampfes zu ermuntern, unsere Armeen aber hätten nach Ablauf des Waffenstillstands den Krieg unter viel ungünstigeren Verhältnissen als jetzt, wieder «ufnchmen müssen.
Indem die französische Regierung auf dieser Bedingung schroff bestand, ohne sich irgendwie zur Bewilligung eines militärischen' Er- satzes dafür zu verstehen, zeigte sie, daß ihr noch selbst das richtige Verständniß der beiderseitigen Lage verschlossen ist.
Unsere Regierung war bis zum Ende bereit, einen Waffenstillstand von 25 bis 28 Tagen unter Festhaltung der gegenwärtigen militärischen Stellungen zu bewilligen/ sie war bereit, 'für die freie Wahl einer französischen Volksvertretung auch in den von unseren Truppen besetzten Landestheilen jede mögliche Bürgschaft zu geben und selbst Elsaß und Deuisch-Lothringen unter genügen Voraussetzungen an den Wahlen Theil nehmen zu lassen/ — sie bot endlich an, auch ohne Zustandekommen des Waffenstillstandes die Vornahme der Wahlen überall zu gestatten und zu fördern/ — aber all ihre Anerbietungen wurden schließlich von der Pariser Regierung zurückgewiesen und Thiers zum Abbruch der Verhandlungen veranlaßt.
ES mag dahingestellt bleiben, inwieweit bei der Abweisung der preußischen Vorschläge die Furcht vor der radikalen Partei in Paris mitgewirkt hat. Eines aber hat sich aus den Verhandlungen klar er- geben, daß nämlich die Regierung Frankreichs auch jetzt noch nicht den ernsten Willen hat, das Land selbst zur Entscheidung über seine ferneren Geschicke zu berufen.
Unsere Regierung hat auch bei dieser Gelegenheit bekundet, daß sie inmitten der reichsten Siege und Erfolge Mäßigung zu üben bereit ist/ es wird nicht ihre Schuld sein, wenn das Verhängniß sich über Paris und über Frankreich erfüllen muß. Sie hat es an Mahnungen, Warnungen und an großmüthigem Entgegenkommen nicht fehlen lassen/ aber sie hat bei den jetzigen Machthabern nur schroffe Zurückweisung gefunden. Es wird auch der letzten schweren Erfahrungen für Frankreich bedürfen, um das Bewußtsein der Friedcnsbedürstigkeit zur vollen Entwicklung zu bringen und den besseren Elementen endlich die Kraft zu gewähren, eine Umkehr von den jetzigen verhängniß- vollen Wegen zu bewirken.
Das Scheitern der Waffenstillstands-Verhandlungen ist augenscheinlich in Deutschland eher mit Befriedigung, als mit Bedauern begrüßt worden. Man hat die Gesichtspunkte, von welchen die Regierung sich bei dem Eintreten in die Verhandlungen' leiten ließ, gewiß richtig gewürdigt, und auch bei dieser Gelegenheit der Politik der Regierung volles Vertrauen gewidmet/ aber fast überall ist die Ueberzeugung verbreitet, daß der jetzige Krieg vollauf ausgekämpft werden muß, wenn er uns eine Bürgschaft dauernden Friedens bringen soll, und daß vor Allem ein rechter Friedensschluß erst nach der Demüthigung von Paris und in Paris erfolgen kann.
Der Verlauf und Ausgang der jetzigen Verhandlungen hat nur dazu dienen können, diese Ueberzeugung zu bestätigen und zu bestärken, — und mit Zuversicht sieht Deutschland nunmehr der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen, durch welche Frankreich endlich zum vollen Bewußtsein seiner Niederlage und seines tiefen Falles gelangen muß.
Der Staats - Anzeiger schloß jüngst eine Uebersicht über die Lage vor Paris mit den Worten: »Alle Vorbereitungen zum weiteren Angriff werden inzwischen so weit vorgeschritten sein, daß es zum Beginn desselben wohl nur noch des Befehls des Königlichen Ober- Feldherrn bedürfen würde.»
Es darf wohl hinzugefügt werden, daß dieser Befehl gewiß in dem Augenblicke ertheilt werden wird, wo es unter Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Verhältnisse, namentlich auch der weiteren inneren Ent- wickelun in Paris, angemessen erscheint.
Armeebefehl Sr. Majestät des Königs.
Der König hat aus Versailles unterm 28. Oktober folgenden Armeebefehl erlassen:
Soldaten der verbündeten Deutschen Armeen! Als wir vor drei Monaten ins Feld rückten, gegen einen Feind, der uns zum Kampf herausgefordert hatte, sprach Ich Euch die Zuversicht aus, daß Gott mit unserer gerechten Sache sein würde.
Diese Zuversicht hat sich erfüllt.
Seit dem Tage von Weißenburg, wo Ihr zum ersten Male dem Feinde entgegentratet, bis heute, wo Ich die Meldung der Kapitulation von Metz erhalte, find zahlreiche Namen von Schlachten und Gefechten in die Kriegsgeschichte unvergänglich eingetragen worden. Ich erinnere an die Tage- von Wörth und Saarbrücken, an* die blutigen Schlachten um Metz, an die Kämpfe bei Sedan, Beaumont, bei Straßburg und Paris rc./ jeder ist für uns ein Sieg gewesen.
Wir dürfen mit dem stolzen Bewußtsein auf diese Zeiten zurückblicken, daß noch nie ein ruhmreicherer Krieg geführt worden ist, und Ich spreche es Euch gern aus, daß Ihr Eures Ruhmes würdig seid. Ihr habt alle die Tugenden bewährt, die den Soldaten besonders zieren: den höchsten Muth im Gefecht, Gehorsam, Ausdauer, Selbstverleugnung bei Krankheit und Entbehrung.