a? 45.
Provinzial - Correspondenz
9. November 1870.
Achter Jahrgang.
Zu den Wahlen
schreibt der „Staats-Anzeiger":
Am Vorabend der Neuwahlen für das Abgeordnetenhaus kommt cs dem preußischen Volke zum klarsten Bewußtsein, daß niemals die Erneuung der Volksvertretung unter außerordentlicheren Verhältnissen und unter verheißungsvolleren Anzeichen stattgefunden hat. An das Werk eines gewaltigen Krieges, als dessen Frucht Deutschland die Sicherung seiner nationalen Wiedergeburt, Europa die Bürgschaften eines dauernden Friedens erhoffen darf, knüpft sich unmittelbar die Arbeit für die Aufgaben des inneren Verfastungslebens. Unter dem Dröhnen des Kriegsdonners soll die Begründung eines nationalen Gemeinwesens sich dort vollenden, wo die deutsche Einigkeit schon ihre thatsächliche Verwirklichung für den heiligen Zweck der Vaterlandsvertheidigung gefunden hat: im Lager des deutschen Oberfeldherrn. Während die Krieger Preußens den Fahnen ihres Königs von Sieg zu Sieg folgen, schreiten die Wähler des Landes zur Ausübung des Rechtes, durch welches ihnen ein verfassungsmäßiger Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gesichert ist. Mit gleichem Vertrauen wie an die zum Kriegsdienst verpflichteten Mannschaften ergeht der Ruf des Königs an die in der Heimath zurückgebliebenen Bürger: unter den Waffen, wie am Wahltisch werden die Söhne Preußens das Wohl des Vaterlandes im Herzen tragen und ihre Schuldigkeit thun.
Dem siegreichen Vordringen der deutschen Heere ist es zu danken, daß der Kriegsschauplatz in weiter Ferne von den vaterländischen Grenzen liegt, und , daß die Wahlen dem unmittelbaren Waffengeräusch entrückt sind/ aber die Mahnungen dieses Krieges schlagen mächtig an alle Herzen und werden nicht ohne Segen für die Fricdens- arbeiten des Staates verhallen. Ehe noch der Krieg thatsächlich seinen Anfang gcnommen»hatte, feierten Preußen und Deutschland schon einen herrlichen Sieg: den Sieg über die Geister der Zwietracht und Nebenbuhlerschaft/ ehe noch der König Wilhelm die Führung der deulschen Heere übernahm, konnte Er mit war- men Dankesworten die patriotische Eènmüthigkeit Seines Volkes, wie den Einklang des deutschen Geistes in der freudigen Erhebung zur Abwehr eines übermüthigen Feindes anerkennen. Unter den glückverheißenden Zeichen einigender Begeisterung kämpften und siegten die preußischen Truppen im Verein mit ihren deutschen Waffenbrüdern. Da leuchtete es vor Aller Augen auf, welcher Thaten das „Volk in Waffen" fähig ist, wenn Haupt und Glieder von dem Bewußtsein ihrer Pflichten, von dem Verständniß ihrer Aufgaben und vor Allem von dem zuversichtlichen Vertrauen auf einander erfüllt sind. Das Gefühl innigster Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, welches in Preußen und in Deutschland die Regungen des Parteigeistes und der Stammes- cifersucht zum Verstummen brachte, entspringt ja aus tieferer Quelle, als daß es nur der Noth des Krieges und nicht auch der inneren Lebensentwickelung des Volkes dienen sollte. Das Streben aller edleren Geister richtet sich dahin, diese von Waffenglück und diplomatischen Erfolgen unabhängige Errungenschaft des Krieges als die unentbehrliche Bürgschaft für die Selbständigkeit und die Wohlfahrt der Nation mit allem Eifer zu behaupten und Früchte tragen zu lassen.
Auch bei den bevorstehenden Wahlen wird die neu befestigte Eintracht — so hoffen wir mit vollem Vertrauen — einen segensreichen Einfluß üben.
Die Wähler Preußens wird das Bewußtsein erfüllen, d aß sie vor dem Wahltisch, wie der Krieger vor dem Feinde, im Dienste des Vaterlandes stehen.
Wehrpflicht und Wahlrecht: sie gehen bei uns Hand in Hand und sind Gemeingüter des Volkes. Wie die Pflicht des Wehrdienstes zugleich das höchste Ehrenrecht in sich schließt, so liegt dem Wahlrecht die Förderung des Gesammtwohls als nothwendige und unumstößliche Bürgerpflicht zu Grunde.
Möge denn der Geist der Eintracht, der unsere Heere mit Siegeszuversicht in die Schlachten führte, auch bei den Wahlen seinen patriotischen Ausdruck finden.' Dann werden die Männer, welche die Stimme der Nation in den Landtag beruft, vor Allem zur Erfüllung jener Königlichen Verheißung mit
wirken, daß aus der blutigen Saat des Krieges eine von Gott gesegnete Ernte sprießen werde.
Moch ein Wort zu den Wahlen.
Die erste Wahlhandlung wird bereits vollzogen sein, wenn diese Zeilen ins Land hinausgehen: durch die Wahl der Wahlmänner wird im Wesentlichen die Richtung bestimmt sein, in welcher die einzelnen Bezirke ihre Abgeordneten gewählt wissen wollen.
Unsere Regierung hat durch ihr Verhalten den Wahlen gegenüber das Vertrauen, welches sie zu dem Geiste des preußischen Volkes hegt, klar bekundet: sie hat es unbedingt vermieden, ihrerseits in einen Wahlkampf einzutreten/ sie rechnet es sich und dem preußischen Volke als einen hohen Gewinn an, daß für solche Kämpfe unter den erhebenden Eindrücken dieser großen Zeit kein Boden im Volke zu finden sein wird.
Die Zurückhaltung der Regierung und der freudige Hinweis auf die jetzige glänzende Bewährung Preußens sind jedoch hier und da so gedeutet worden, als wolle die Regierung ihre innere Politik gleichsam unter den Schuh der äußeren kriegerischen Erfolge stellen und einer Erörterung der Fragen unseres inneren Staatslebens aus dem Wege gehen.
Die Regierung aber bekundet ihre Friedensliebe und Versöhnlichkeit den inneren Parteien gegenüber grade auch darin, daß sie es sich versagt, die gewichtigen Erfahrungen und Lehren, welche aus den jetzigen großen Vorgängen auch für unser inneres Staatsleben zu schöpfen sind, den Parteien gegenüber zu benutzen und zu verwerthen. Es würde ihr sonst ein Leichtes sein, die Vortheile der jetzigen Lage und Stimmungen ihrerseits im Kampfe der politischen Meinungen zur Geltung zu bringen.
Wenn von Parteimännern auch jetzt noch die Klage erhoben wird, daß die innere Verwaltung Preußens nach wie vor von den Männern geleitet werde, welche vor dem Jahre 1866 den Konflikt mit dem Abgeordnetenhause durchgekämpft haben, so wird doch gewiß kein ehrlicher Patriot' heute in eine solche Klage einstimmen/ denn das Land zollt jenen Männern heute freudige Anerkennung dafür, daß sie damals in treuer patriotischer Hingebung selbst vor einem langjährigen schweren Kampfe nickt zurückschreckten, um die große und heilsame That unseres Königs, die neue Heeresver- fassung, welche jetzt der Stolz Preußens und die Bewunderung der Welt ist, und auf welcher die Wiedergeburt Deutschlands zu nie geahnter Macht beruht, in ihrer Durchführung zu sichern.
Heute, wo die Früchte der damaligen Regierungspolitik in so glänzender Weise zu Tage liegen, wäre es ein thörichtes Beginnen, das preußische Volk gegen die Männer zu erregen, welche damals, jeder in seinem Verwaltungszweige, ihre ganze Kraft daran setzten, das Werkzeug unseres Ruhms und unserer Größe zu erhalten.
Es wird jedoch weiter behauptet: die Regierung vermeide cs, bei der jetzigen Wahlbewcgung auf diejenigen Fragen ein- zugehen, um welche es sich im künftigen Landtage besonders handeln werde/ sie rufe nur den Patriotismus des Volkes im Hinblick auf die Kriegserfolgc an, statt von den Aufgaben des Landtages in der inneren Politik, von der Kreisordnung, von der Volksschule u. s. w. zu sprechen.
Und doch — wenn die Regierung es jetzt an der Zeit hielte, sich auf den Streit über innere Fragen einzulaffen, so würde sie grade in den Erfahrungen der letzten Zeit die besten Waffen zu Gunsten ihrer Auffassungen und Bestrebungen auch in Bezug auf jene Fragen finden.
Den Parteien gegenüber, welche behaupten, daß unsere gesummten ländlichen Einrichtungen in Gemeinde und Kreis, sowie unsere Volksschule einer absoluten Umgestaltung bedürfen, hat die Regierung stets daran festgehaltcn, daß die Fun- bamentc unseres Staatslebens auch in dieser Beziehung im Wesentlichen gesund und lebenskräftig seien, daß sie zwar der Verbesserung und Fortbildung bedürfen, daß es aber gefährlich wäre, die Grundlagen selbst zu erschüttern und völlig neue Einrichtungen im Widerspruche mit den Neigungen der ländlichen Bevölkerung ins Leben zu rufen.