Frankreichs eine größere Ausdehnung und einen größern Nachdruck verleihen.
Die von der früheren I. Armee verfügbar gewordenen Corps dagegen werden voraussichtlich unsere Herrschaft im Norden Frankreichs ausbreiten und befestigen.
Die sogenannte Volkserhebung und die versuchten neuen Truppen- btlbungm im Osten, an der Loire und im Norden haben schon seither nur einen schwachen Erfolg gehabt. Sie werden jetzt vor der wachsenden deutschen Truppenmacht vollends nicht Stand halten können.
Die politischen Folgen des Falles von Metz werden sich theils in Frankreich, theils auf Seiten der neutralen Mächte geltend machen muffen.
Ueber den nothwendigen Eindruck in Frankreich schrieb ein wiener Blatt unmittelbar nach der Kapitulation:
»Der Eindruck der Nachricht wird ein so mächtiger in ganz Frankreich sein, daß die ruhigeren Mitglieder der provisorischen Regierung wohl endlich im Stande sein werden, ihren Ansichten Geltung zu verschaffen. Was will Frankreich noch erwarten? Worauf hofft cS? Auf die ungeordneten Schaaren, die sich da und dort in den Departements bilden, auf die Wunder, die Garibaldi thun soll, oder auf die Widerstandskraft von Paris? Die Armee, die Metz bezwungen bat, wird auch mit Paris fertig werden,' es ist vorbei mit jeder Aussicht, dem Kriegsglück eine andere Wendung zu geben. Der Franzose, der heute noch für Fortsetzung des Krieges stimmt, begeht eine Barbarei gegen sein Vaterland, gegen Paris. Auch wir halten cs für ein Gebot der Humanität, daß der französischen Hauptstadt die Schrecken eines Bombardements er. Part werden,' aber nicht an der deutschen Armecleitung, sondern an den Franzosen ist es, die Beschießung von Paris zu verhindern. Nicht der Patriotismus, sondern nur der Wahnsinn, die verrückt gewordene nationale Eitelkeit kann jetzt noch den nutzlosen Kampf verlängern wollen. Die provisorische Regierung hat ihrem Lande gegenüber nur noch die Pflicht, sobald als möglich Frieden zu schließen und aus den Trümmern der zerschmetterten Gloire die Freiheit zu retten.
Die neutralen Mächte können den Männern in Tours, welche sich in der verzweifeltsten Lage befinden, die Erfüllung dieser Pflicht erleichtern. Wenn es den Neutralen Ernst ist mit ihrer Versicherung, den Frieden baldmöglichst herbeiführen zu wollen, so ist jetzt der Augenblick gekommen, eindringlich zum Frieden zu mahnen. Aber die Mahnungen müssen nicht so sehr an das deutsche Hauptquartier, als an die provisorische Regierung Frankreichs gerichtet werden. Man muß Frankreich erklären, daß die Welt des Krieges müde ist, daß sie die Fortführung desselben als eine zwecklose Schlächterei verdammt. Ein solcher Schritt brächte in manche französische Köpfe die Besinnung zurück, entspräche den Interessen der neutralen Staaten und bildete für die provisorische Regierung jene Rechtfertigung, deren sie den wilden Leidenschaften der Massen gegenüber bedarf.«
Dieselbe Auffassung der thatsächlichen Lage tritt auch in den englischen Blättern entschieden hervor.
Bisher ist jedoch in Frankreich selbst die Wirkung der Kapitulation von Metz noch keineswcges zu -erkennbarer Geltung gelangt. Dieselbe hat vielmehr dem Minister Gambetta, welcher bis jetzt die provisorische Regierung beherrscht, nur Anlaß zu einem neuen, geradezu wahnwitzigen Aufruf gegeben, in welchem die Kapitulation, ungeachtet der Mitwirkung des alten Republikaners Changarnier, als das Werk schnöden Derraths des Marschalls Baza ine im Dienste Napo- leons erklärt und mit neuen Schwüren betheuert wird, daß die Männer der Republik sich nicht ergeben werden, so lange sie noch einen Zoll breit des geheiligten Bodens Frankreichs unter den Füßen haben.
Zwar ist in Folge der Mahnung der englischen Regierung zum Waffenstillstände der alte Thiers von Tours nach dem Hauptquartier und nach Paris entsandt worden, um Wafsenstillstands-Verhandlun» gen anzuknüpfen. Derselbe ist am 30. nach Versailles gekommen, hat aber gebeten, vor jeder politischen Besprechung zunächst nach Paris gehen zu dürfen, was ihm zugestanden worden ist. Er wird von dort in diesen Tagen wieder im Hauptquartier erwartet. Nach den Aeußerungen Gambetta's, mit welchen die bisherigen Kundgebungen aus Paris übcrcinstimmen, ist nicht anzunchmen, daß die Besonnenheit dort so weit zur Geltung gelangt sei, um Verhandlungen auf einer annehmbaren Grundlage zu ermöglichen. Roch beherrscht der Wahnwitz und die unverwüstliche Eitelkeit die Geister.
»Paris, so schreibt man von dort, hält die feindlichen Horden in Respekt, die Aussichten Frankreichs wachsen, der WassenstiUstand würde dem Sieger vortheilhatter fein als uns, Krankheit und Noth zerrütten das preußische Heer. Halten wir also Stand, um uns eine glänzende Vergeltung, einen ruhmreichen Frieden und eine unsterbliche Republik zu verschaffen.« »Das ist zwar der offenbare Wahnsinn«, fügt ein deutsches Blatt hinzu, »aber dieser Wahnsinn wird in der Hauptstadt die Oberhand behalten. Paris kämpft nicht blos für Frankreich, sondern es kämpft für seine Eitelkeit, seine Ruhmredigkeit. Es wird also aushalten, bis der Hunger und die Bomben zusammen wirken. Und ohne diesen tragischen Schluß würde den furchtbaren Strafgerichten, welche eine höhere Hand in diesem Jahre über ein entartetes
Volk verhängt hat, die Vollendung fehlen. Paris hat den Krieg verschuldet, nicht Frankreich. Es wäre gegen die höhere Gerechtigkeit, wenn Elsaß und Lothringen, wenn die Champagne, die Seance und Isle de France die Schrecken des großen VölkerkampfeS empfänden, und wenn die Urheberin all dieser Schrecken von der verheerenden Geißel verschont bliebe.«
Auch die Mahnungen der neutralen Mächte werden so lange keine Wirkung in Frankreich üben, so lange sie in einer Gestalt auf- treten, welche cs den augenblicklichen Machthabern möglich macht, dieselben den Franzosen als ein wohlwollendes Eintreten zu Gunsten Frankreichs darzustellen. Wollen die Mächte wirklich einen Einfluß zu Gunsten des Friedens üben, so werden sie ihre Schritte so kinzurichten haben, daß durch dieselben dem französischen Volke selbst die Ueberzeugung von seiner unwiderruflichen Niederlage und von der Unmöglichkeit, dieselbe durch fremde Dazwischenkunft zu wenden, entschieden beige- bracht, nicht aber eine neue täuschende Hoffnung erweckt werden. So lange Letzteres möglich bleibt, sind alle jene Schritte, so wohlgemeint sie sein mögen, für Frankreich mehr bedenklich, als förderlich, eher »grausam«, als wohlthuend.
Vor Paris ha' am 30. ein siegreiches Gefecht unserer 2. Garde- Infanterie-Dtvision stattgefunden. Die vorläufige Meldung darüber lautet:
Am 28. vertrieb der Feind die in Le Bourget, östlich von St. Denis, stehenden diesseitigen Vorposten. Gegen Abend durch Re- kognoszirung der zunächst stehenden Replis konstatirt, daß der Feind den Ort mit sehr starken Kräften besetzt hielt. In Folge hoffen griff die 2. Garde-Infankerie-Division am 30. an, und warf nach heftigem und glänzendem Gefechte den Gegner aus der von ihm inzwischen befestigten Position. Bis jetzt über 30 Offiziere, 1200 Gefangene in unseren Händen. Diesseitiger Verlust noch nicht fcstgesteUt, aber nicht unbedeutend. •
Im Uebrigen rücken unsere Truppen im Westen und im Norden von Paris in immer weiteren Kreisen vor.
Während ferner durch die Expedition von Orleans, Chateau- dun und Chartres dieTruppcncorpß, die der Feind im Süden von Paris angesammelt hatte, theils aufgerieben, theils weit zurückgeworfen sind, fährt General v. Werder in den Departements Doubs, Haute Saone und Vosges fort, die Streitkräfte im Westen zu vernichten und dadurch die Verbindung von Straßburg und Paris sicher zu stellen. Nachdem der Feind in der Gegend von Befanxon nach Süden zersprengt, schien es nicht nöthig, ihm hier zu folgen. Es konnte die Richtung westlich auf Dijon cingeschlagen werden, über Gray, das an der Eisenbahn von Dijon, Vesoul, Belfort, Mülhausen liegt.
Nach französischen Berichten hätte General v. Werder bereits Dijon besetzt und würde somit die Linie nach Lyon beherrschen.
Unser König erhielt die vorläufige Nachricht von der bevorstehenden Kapitulation von Metz am 26. Abends, und hielt alsbald unter Theilnahme des Kronprinzen ein militärisches Konscil behufs definitiver Feststellung der Bedingungen ab.
Am 27. nach erfolgter Kapitulation fand bei Sr. Majestät ein militärisches Festdiner statt. Der König widmete das Hoch, das er ausbrachte, dem Ereignisse des Tages, indem er die Worte sprach: „Zn Anerkennung ihrer Tapferkeit und Ausdauer trinke ich auf das Wohl der Armee von Metz und ihres Führers, des Prinzen Friedrich Carl." Die -Generäle und Offiziere waren noch um Se. Majestät versammelt, als die Garnison von Versailles unter den Klängen des Zapfenstreiches anrückte. Die Stimmung der Truppen war von derselben begeisterten Wärme, die sie stets bei diesen Gelegenheiten beseelt. Zn wenig Augenblicken hatten sie den weiten Eingangshof vor der Präfektur und die sämmtlichen Alleen der fast 200 Schritte breiten „Avenue de Paris" besetzt. Der König gab den stürmischen Hurrah-Rufen der Soldaten nach und zeigte sich zwei Mal, nach allen Seiten dankend, am offenen Fenster. Aus den Gesprächen der Truppen konnte man entnehmen, daß sie, in richtigem Verständniß der Sachlage, den Fall von Metz als die Einleitung der letzten Katastrophe des deutsch-französischen Feldzuges ansehen.
Der König ist in letzter Woche sowohl durch die Bestimmungen über Metz, sowie durch die Anordnungen über die weiteren Aufgaben" der dortigen Armee, durch die schließlichen Bestimmungen in Betreff des zu erwartenden Angriffs auf Paris, ferner durch die Berathungen über die deutschen Angelegenheiten, endlich durch die Erwägungen der Waffenstillstands- Anträge in hohem Grade in Anspruch genommen gewesen.
Das Befinden Sr. Majestät ist indeß fortdauernd sehr befriedigend.
Das Gerücht von einem versuchten Attentat gegen den König ist völlig grundlos.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).