Die Größe der Bazaine'schen Armee ist jetzt erst ein den Tag getreten und hierdurch eist ein durchaus richtiges Urtheil auch über die früheren Kämpfe bei Metz ermöglicht. Man hatte die Armee, gegen welche die Schlachten von Vionville und Gravelotte am 16. und 18. August geschlagen wurden, auf höchstens 130- bis 140,000 Mann geschätzt. Jetzt ergiebt sich, daß die Dazaine'sche Armee mit der Besatzung von Metz sich noch heute auf 173,000 Mann beläuft. Da der V-rluN derselben in jenen Schlachten und bei den blutigen Ausfällen, sowie durch Krankheiten mindestens auf 50,000 geschätzt werden muß, so ist mit Sicherheit an-unehmen, daß die Armee am Tage von Mars-la Tour aus etwa 200,000 Mann bestand. Der Heldenkampf unserer Truppen an jenem blutigen Tage erscheint hiernach in noch höherem Glanze als bisher.
Die ganze französische Armee, welche im Juli d. 5. auszog, um, wie ganz Frankreich wätmte, im raschen Siegeslauf nach Berlin zu gehen und uns einen demüthigenden Frieden in Königsberg zu diktiren, — sie befindet sich nunmehr kriegsgefangen in Deutschland.
Nach der Kapitulaiion von Sedan bereits hatten wir als Gefangene, außer dem Kaiser selbst, 1 Marschall (Mac Mahon), 50 Generale, 4000 Offiziere und 150,000 Mann.
Dazu kommen jetzt noch 3 Marschälle, Bazaine, Canrobert und Leboeuf (derselbe, weicher vor dem Beginn des Feldzugs als Kriegs - Minister leichtfertig prahlend versicherte: Frankreich sei über und über gerüstet), 90 Generale, 6000 Offiziere und 173,000 »Diann, — so daß die Gesammtzahl der gefangenen Armee jetzt 4 Marschälle, 140 Generale, 10,000 Offiziere und 3^3 000 Mann beträgt. Rechnet man hierzu die Verluste seit Beginn des Krieges, so ergiebt dies weit über 400,000 Mann , — also die Gesammtzahl der Armeen, welche Frankreich von Hause aus ins Feld gestellt hatte.
Ein solches Ergebniß nach einem dreimonatlichen Kriege ist unerhört, so lange es eine Weltgeschichte giebt, — und die Bedeutung der Thatsache ist um so gewaltiger und erschütternder, da die auf solche Weise vernichtete Armee bisher als die tapferste und kriegs- geübteste Armee unter allen Völkern galt.
Marschall Bazaine hat sich nach Cassel und Wilhelmshöhe begeben, wo in den letzten Tagen auch die Kaiserin Eugenie eingetroffen sein soll.
Königs. Anerkennung für die Feldherrn und die Armee. König Wilhelm hat in Anerkennung der errungenen großen Erfolge seinem Neffen, dem Prinzen Friedrich Carl, und gleichzeitig feinem Sohne, dem Kronprinzen, die höchste militärische Würde, die Stellung als Feldmarschall, verliehen, und dies der Königin Augusta durch ein Telegramm vom 29. Okrober in folgenden Worten gemeldet:
Das große Ereigniß, daß nun die beiden feindlichen Armeen, welche im Juli uns gegenüber traten, in Gefangenschaft sich befinden, veranlaßte Mich, die beiden Komman- direnden unserer Armeen Fritz und Friedrich Carl gestern zu Feldmarschällen zu ernennen. Der erste Fall der Art in Unserem Hause. Wilhelm.
Es war bicher im Königlichen Hause der Hohenzollern nicht Brauch, die Fcldmarschallewürde einem Prinzen des Hauses zu verleihen. Wenn König Wilhelm jetzt von diesem Herkommen abge- gangen ist, so erklärt eS sich durch die Thatsache, daß unser Kronprinz und Prinz Friedrich Carl nunmehr bereits in wiederholten Kriegen, im Jahre 1866 bei Königgrätz, und jetzt wieder bei Wörth und Sedan, 'tvie bei Vionville, Gravelotte und vor Metz Lorbeeren errungen haben, wie es noch niemals einem Hohenzollern als Prinz, wie es nur ihren Vorfahren auf dem Thron, dem Großen Kurfürsten, dem Großen Könige und jetzt unserm Könige Wilhelm vergönnt war.
Gewiß erkennt unser ganzes Volk mit Freude, daß der oberste Kriegsherr woll daran gethan hat, die Prinzen, die sich als rechte sieg' eiche Feldmarschälle mit der That erwiesen haben, auch als solche zu bezeichnen.
Das Telegramm, durch welches der König dem Prinzen Friedrich Carl die Ernennung mitgetheilt hat, lautet wie folgt:
Versailles, 28. Oktober 1870.
Ich habe die in der Nacht cmgclrossene Meldung der Vollziehung der Kapitulation von Metz abgewartet, bevor ich Dir Meinen herzlichsten Glückwunsch zu den Siegen aus- sprcche, sowie Meine Anerkennung für die Umsicht und Ausdauer, die Deiner Führung während der langen und beschwerlichen Einschließung der Bazaine'schen Armee in Metz gebührt. Die glcrcbe Anerkennung zolle Ich Deiner braven Armee, die durch Tapferkeit und Hingebung einen Erfolg bcrbciführte, wie kaum in der Kriegsgeschichte dagewesen ist. Die Ereignisse vor Metz sind unvergängliche Ehrentage und Glampmckle der Armee. Du hast dies Anerkenntnis! zur Kenntniß der Truppen zu bringen. Um Dich und Deine Armee für so große Leistungen zu ehren, ernenne Ich Dich
hierdurch zum General-Fcldmarschall, welche Auszeichnung Ich gleichfalls Meinem Sohne, dem Kronprinzen, verleihe.
Wilhelm.
Gleichzeitig mit diesen Ernennungen hat der König den General von Moltke, unsern jetzigen großen -Denker der Schlachten», dessen Ruhm den Erdball erfüllt, in den Grafenstand erhoben.
Armeebefehl des Prinzen Friedrich Carl. Die herrlichen Leistungen und Erfolge der BelagerungsArmee sind von ihrem Höchstkommandircnden durch folgenden Armeebefehl aus dem Hauptquartier Corny vom 27. Oktober anerkannt worden:
Soldaten der I. und II. Armee!
Ihr habt Schlachten geschlagen und den von Euch besiegten Feind in Metz 70 Tage umschlossen, 70 lange Tage, von denen aber die meisten Eure Regimenter an Ruhm und Ehren reicher, keiner sie daran ärmer machte! Keinen Ausweg ließet Ihr dem tapferen Feinde, bis er die Waffen strecken würde. Es ist so weit.
Heute endlich hat diese Armee von noch voll 173,000 Mann, die beste Frankreichs, über 5 ganze Armee-Corps, darunter die Kaiser-Garde, mit 3 Marschällen von Frankreich, mit über 50 Generalen und über 6000 Offizieren kapitulirt und mit ihr Metz, das niemals zuvor genommen!
Mit diesem Bollwerk, das wir Deutschland zurückgeben, sind unermeßliche Vorräthe an Kanonen, Waffen und Kriegs- geräth dem Sieger zugefallen.
Diesen blutigen Lorbeer, Ihr habt ihn gebrochen durch Eure Tapferkeit in der zweitägigen Schlacht bei Noiffeville und in den Gefechten um Metz, die zahlreicher sind, als die es rings umgebenden Oertltchkeiten, nach denen Ihr diese Kämpfe benennt!
Ich erkenne gern und dankbar Eure Tapferkeit an, aber nicht sie allein. Beinahe höher stelle ich Euren Gehorsam und den Gleichmuth, die Freudigkeit, die Hingebung im Ertragen von Beschwerden vielerlei Art. Das kennzeichnet den guten Soldaten.
Vorbereitet wurde der heutige große und denkwürdige Er- K durch die Schlachten, die wir schlugen, ehe wir Metz ein-
>ffen, und — erinnern wir uns dessen in Dankbarkeit — durch den König selbst, durch die mit Ihm darnach abmar- schirten Corps, und durch alle diejenigen theuren Kameraden, die den Tod auf dem Schlachtfelde starben, oder ihn sich durch hier geholte Leiden zuzogen. Dies ermöglichte erst das große Werk, das Ihr heute mit Gott vollendet sahet, nämlich, daß Frankreichs Macht gebrochen ist!
Die Tragweite des heutigen Ereignisses ist unberechenbar!
Ihr aber, Soldaten, die Ihr zu diesem Ende unter meinen Befehlen vor Metz vereinigt wäret, Ihr geht nächstens verschiedenen Bestimmungen entgegen.
Mein Lebewohl also den Generalen, Offizieren und Soldaten der I. Armee und der Division von Kummer, und ein „Glück auf" zu ferneren Erfolgen.
Der General der Kavallerie Friedrich Carl.
Die nächsten Folgen der Kapitulation von Metz werden vor Allem in der sofortigen anderweitigen Verwendung des größten Theiles der bisherigen Belagerungsarmee zur Geltung gelangen.
Nur das 7. (westfälische) Armee Corps unter dem General von Zastrow, welcher zum Gouverneur von Metz ernannt ist, wird dort surückbleiben und zugleich zu den weiteren Operationen gegen die nur einige Meilen entfernte Festung Thionville verwandt werden.
Die Landwehrtruppm der bisherigen Division unter General von Kummer, welcher zum Kommandanten von Metz ernannt ist, sind dazu bestimmt, die gefangenen Franzosen nach Deutschland zu bringen und feilen dann in der Hrimath verbleiben. Sie haben durch ihre Tapferkeit und ihre Opfer die ihnen zugedachte Ruhe wohl verdient.
Die übrigen Corps der Belagerungs-Armee werden verschiedene Bestimmungen erhalten. Dieselbe bestand bekanntlich aus den Corps der ursprünglich unter dem Oberbefehl des Generals von Steinmetz stehenden I. Armee und aus denjenigen Corps der II. Armee, welche nach Abzweigung der IV. (Maas -) Armee noch unter dem Befehl des Prinzen Friedrich Carl verblieben waren, nämlich dem 2. (Vommerschen), dem 3. (brandenburgischen), 9. (schleSwig-holstcinschcn), 10. (Hannoverschen) und der hessischen Division.
Der größere Theil dieser Armee wird auch jetzt unter dem Oberbefehl des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Carl vereinigt bleiben und rcrmuthlich den Operationen nach dem Süden und der Mitt