Verhalten der jetzigen französischen Regierung und des französischen Volkes zur Nothwendigkeit geworden ist, in jeder Beziehung mit durchgreifendem Erfolge und bis zur gänzlichen Niederwerfung Frankreichs durchzuführcn.
Es bedarf keiner erneuten Versicherung, daß, wenn irgend ein Monarch, gewiß König Wilhelm die Verantwortung für jede nutzlose Fortsetzung des Krieges, für jedes weitere Blutvergießen und nicht minder für die Zerrüttung einer Stadt wie Paris weit von sich weisen würde, wenn ihm ein anderer Weg geboten wäre, den angemessenen Abschluß dieses Krieges und damit zugleich die Bürgschaften sonstigen Friedens zu finden.
Bei der beherrschenden Stellung aber, welche Paris gegenüber ganz Frankreich einnimmt und welche sich auch in jüngster Zeit wieder bethätigt hat, ist eine volle Beendigung des Krieges ohne die Unterwerfung der Hauptstadt nicht möglich. Wenn hierzu eine Belagerung mit ihren Gefahren und Schrecken erforderlich ist, so ist dies nicht unsere Schuld, sondern die Schuld derer, welche Paris in eine Festung verwandelt haben, sowie die Schuld der jetzigen Machthaber, welche nach der Ueberwindung aller sonstigen militärischen Widerstandskraft Frankreichs die Werke und die Mauern von Paris zur letzten Zuflucht ihres ungebeugten Trotzes und Uebermuthes machen.
Was uns betrifft, so fordert all das theure und edle Blut, welches die Söhne Les deutschen Vaterlandes in diesem fürchterlichen Kriege vergoffen haben, daß wir in dem Siegesläufe nicht vor dem Ziele stehen bleiben, sondern ihn vielmehr bis zum letzten entscheidenden Ziele vollenden.
Das Ziel eines siegreichen Krieges gegen Frankreich kann nur Paris sein: nur dort können wir die endgültige Anerkennung unseres Sieges und die Bürgschaften des Friedens finden.
Unsere Kriegsleitung hat Alles vorbereitet, um auch das letzte Bollwerk des Feindes zu bezwingen/ sobald cs zum Angriff kommt, wird gewiß ein rascher und wirksamer Erfolg auch dieses letzte große Unternehmen und damit die ganze Kriegsarbeit krönen.
Vom Kriegsschauplatz.
(Uebersicht.)
Die vorige Woche hat keine größeren Operationen auf dem Kriegsschauplätze gebracht, wohl aber eine weitere allseitige Ausdehnung und Befestigung unserer Stellungen in dem ganzen weiten Bereiche, welches bie deutschen Armeen bereite besetzt halten.
Vor Paris sind die Vorbereitungen unserer Armee für die letzte große Entscheidung nur durch unerhebliche und erfolglose Ausfälle der Pariser Besatzung gestört worden. Nachdem am 18. Oktober schon ein Ausfall erwartet worden war, erfolgte in der Nacht vom 19. zum 20. ein Angriff auf die Vorposten des 6 (schlesischen) Armee - Corps, welcher jedoch ohne jeden Verlust unsererseits zurückgewiesen wurde.
Am 21. Oktober gegen Mittag unternahm der Feind mit größeren Masten abermals einen Vorstoß, welcher durch eine zahlreiche Feld-Artillerie unterstützt wurde. Dieser Angriff ge- fchah unter dem Schutze der Festung Mont Valyrien, nahm von dieser selbst aus seinen Ausgang und richtete sich südwestlich gegen Regimenter der 9. und 10. Infanterie-Division, welche denselben im Verein mit der kaum in die Cernirungslinie gerückten Garde-Landwehr und durch die Artillerie des 4. Armee- Corps vom jenseitigen Seine - Ufer herunterstützt, unter den Augen des Königs den Feind siegreich zurückschlugen.
König Wilhelm berichtet darüber an die Königin Augusta:
„Ich komme soeben von-einem kleinen Gefechte bei La Malmaison/ 12 Bataillone waren vom Mont IBalérien mit 40 Geschützen ausgefallen, und wurden nach dreistündigem Gefechte zurückgeworfen. Wer sahen von dem Marly-Viaduct dem Gefechte zu. Ganz Versailles wurde alarmirt."
Wilhelm.
Ein weiteres Telegramm aus dem großen Hauptquartier meldet:
„Am 21. d., I Uhr Mittags, französischer Ausfall mit bedeutenden Kräften vom Mont Valerien aus, wobei etwa 40 Feldgeschütze, durch die vorderen Abtheilungen der 9. und 10. Infanterie-Division, so wie des 1. Garde-Landwehr - Regiments, zuletzt unterstützt durch Artillericfeuer des 4. Corps vom rechten Seine-Ufer unter den Augen Seiner Majestät des Königs siegreich zurückgeschlagen. Bis jetzt fest
gestellt: über 100 Gefangene und 2 Feldgeschütze in unseren Händen. Diesseitiger Verlust verhältnißmäßig gering."
Inzwischen haben die besonderen Armee-Abtheilungen, welche im Süden, iin Westen und im Norden von Paris operircn, ihren Wirkungskreis immer weiter ausgedehnt. Die nach der Loire vorgedrungene Armee hat nach der Einnahme von Orleans die 22. Division (unter General Wittich) nordwestlich entsandt. Am 18. ist von derselben Chat cau dun an der Eisenbahn von Paris nach Tours mit Sturm genommen, am 21. ist die Stadt Chartres ohne Widerstand besetzt worden/ damit ist im Westen der Belagerungs-Armee vor Paris ein wichtiger Punkt in den Operations- und Requisitionsbcreich unserer Truppen hineingezogen worden. Chartres ist die Hauptstadt des Departements Eure et Loire, zählt gegen 18,000 Einwohner und ist einer der bedeutendsten Getreidemärkte Frankreichs.
Durch die Einnahme von Soissons sind, wie nachträglich berichtet worden, in Gefangenschaft gerathen : 99 Offiziere und 4633 Mann. Erbeutet wurden: 128 Geschütze, 70,000 Granaten, 3000 Gentner Pulver, eine Kriegskafie von 92,000 Francs, ein reich ausgestattetes Magazin für eine Divlsion auf 3 Monate, sehr viel Bekleidungsgegenstände.
Eine Abtheilung der Maasarmee hat inzwischen Mont- didi er an der Grenze der Picardie unter Gefangennahme einer Anzahl von Mobilgarden besetzt und rückt auf Amiens, die reiche Hauptstadt dcr Picardie weiter vor. Auch St. Quentin, welches sich noch vor Kurzem zu verzweifeltem Widerstände zu rüsten schien, ist ohne besondere Schwierigkeit von den Unsrigen eingenommen worden.
Vor Metz ist eine Aenderung der Lage nicht eingetreten. Die Verhandlungen, welche der General Boyer Namcns des Marschalls Bazaine im Königlichen Hauptquartiere gepflogen hat, haben zu einer Kapitulation zunächst nicht geführt. Doch scheinen die Zustände in Metz selbst sich allgemach so zu gestalten, daß die Möglichkeit einer längeren Fortsetzung des Widerstandes immer unwahrscheinlicher wird. Verschiedene Anzeichen, namentlich die AuSsagcn zahlreicher bei unseren Vorposten eintreffenden Deserteure deuten entschieden darauf hin, daß in der Festung bereits ein großer Mangel an Lebensmitteln herrscht, daß als Fleischspeise schon seit lange Pferdefleisch dient und daß jetzt auch Brod zu mangeln beginnt. Auch aus einer Bekanntmachung des Kom- manbanten ist ersichtlich, daß nur noch eine Art Klcienbrod verabreicht werden kann.
Die in und vor der Stadt befindliche Kavallerie ist in Infanterie umgewandelt, weil die Pferde geschlachtet oder aus Futtermangel gefallen sind/ nur ein Regiment soll noch beritten, aber ebenfalls in der Auflösung begriffen sein.
Unter solchen Verhältnissen ist nicht zu verwundern, daß in der Armee und in der Bürgerschaft von Metz Unzufrieden- heit, Spaltungen und Meutereien ausgcbrochen sein sollen, indem Viele den weiteren Widerstand als unmöglich betrachten und zur baldigen Uebergabe drängen.
So bestimmt diese Anzeichen die Nothwendigkeit einer Kapitulation von Metz anzukündigen scheinen, so wird man sich doch nicht voreilig einer allzugroßen Zuversicht in dieser Beziehung hingeben dürfen, da es von der Entschlossenheit und Zäbig- teit der militärischen Befehlshaber abhängt, selbst unter den schwierigsten Zuständen noch einen verzweifelten Widerstand fortzusetzen. Doch ist immerhin die Hoffnung begründet, daß unsere braven Truppen vor Dietz ihrer peinlichen Aufgabe in nicht gar langer Zeit enthoben sein werden.
Im Glsaß ist ein neuer Erfolg errungen. Die Festung Schlcttstadt, welche von Truppen der 4. Reserve-Division (General von Schmeling) belagert wurde, hat am 24. kapi> tulirt und es sind wiederum 2400 Gefangene und 120 Geschütze in unsere Hände gefallen. General von Schmeling war mit- seinen Truppen vom badischen Oberlande her über den Rhein gezogen und hatte zuerst das von Arbeiterunruhen heimgesuchte, durch Mobilgarden und Franctireurs in dauernder Aufregung gehaltene Ober-Elsaß durchzogen, von dort aus aber sich wieder nach Norden gewandt, um nach dem Abzüge des Werder- schen Armee-Corps das durch die Eroberung Straßburgs besiegelte Werk der Wiedergewinnung des Elsasses zum vollständigen Abschlusse zu bringen. Dazu gehört die Einnahme der beiden Festungen Neu-Breisach und Schlettstadt. Die erstere