Befehl zum Vorgehen. Es war ein unvergeßlicher Anblick. Voran kamen in raschem Laufe in aufgelöster Gefechtsordnung Sie Füsiliere und bedeckten mit ihrer Linie die ganze Ebene. Dahinter in dichten Compagnie-Kolonnen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel die Grenadiere. Dazu nahm die Artillerie einstweilen vor den Dörfern Anstand und konzentrirte ihr Feuer auf die an der Mosel entlang vordringenden Kolonnen der Franzosen. Bazaine ist auffallend schwach an Fcld-Arlilleric, und nur St. Julien und St. Eloy antworteten, aber die Mitrailleuse ließ ihr zorniges Raffeln erschallen, erschütterte die L nie der vorrückenden Schützen, die nun in die Feuerlinie kamen, und riß weite Lücken in die nachprcffendm Kolonnen, die Artillerie und der Schützenangriff waren übrigens für die Franzosen hinreichend. Ihre dichten Massen schwankten und dann brachen sie aus einander, und mittelst des FeldglaseS konnte man sehen, wie Alles sauve qui peut in das Dorf Maxe hineinstürzte. Als sie aber wieder steinerne Mauern zwischen sich und den Preußen hatten, wurden die Franzosen wieder hartnäckig und wollten nicht weiter zurück. Vergebens feuerte die preußische Artillerie auf die Dörfer, vergebens rückten die Batterien in Echelons mit einer Präzision wie auf dem Schießplätze näher und näher, die hartnäckige Batterie in Grandes Tapes wollte nichr schweigen und die französischen Tirailleure hielten noch die Linie der davor liegenden Chaussee.
Mittlerweile war es ungefähr 4 Uhr geworden, als ein Stabs- Offizier die Linie entlang galoppirte und den Befehl zu einem allgemeinen Angriff überbrachte. Es galt, die Dörfer mit stürmender Hand zu nehmen und 4 Brigaden Landwehr, unterstützt von zwei Linienbrigaden vom 10. Armee-Corps, sollten diese Aufgabe aus- führen Einige Minuten später erscholl das Kommando und die Mannschaften sprangen auf hinter ihrer Deckung und marschirten vor mit dem gemessenen schnellen Schritt, der so charakteristisch für die Preußen ist. Die Granaten der Batterie in Grandes Tapes schlugen in die Linie, Mitrailleuse und Chasscpot begrüßten sie mit einem Hagel von Blei, aber die Landwehr drang schweigsam und ernst unaufhaltsam vor. Ich bin oft im Feuer gewesen, aber ein wmhendercs, wie das gegen den Mittelpunkt der Linie gerichtete, ist mir nie vorgekommen. General V. Brandenstein, der die dritte Landwevr-Brigadc führte, fiel in meiner Nähe, und mehrere Offiziere seines Stabes wurden verwundet, endlich erreichte man die Erdwerke und Verschanzungen, hinter denen die zerschmetterten Reste der 59er und 58er Landwehr lagen. »Hurrah Preußen- scholl es den Andlingenden entgegen, »vorwärts, immer vorwärts- war die Antwort, und die braven hartnäckigen französischen Kanoniere hatten kaum Zeit, um die Ecke zu rennen, als die Landwehr ihnen schon auf dem Racken war. Die Landwehr giebt nicht so leicht Pardon wie die Linie, und mancher Franzose sank dort zusammen von einem Bajonetstoß durchbohrt. Roch in den engen Dorfgaffen fochten sie wie die Teufel, und bedienten sich der Mitrailleuse mit seltener Klugheit und Wirksamkeit, dann aber kam der lange unerbittliche Schritt der Landwehr. Die mächtigen Schenkel und Schultern, die charakteristischen Züge in der Erscheinung des preußischen Soldaten, liehen dem Bajonet ihre Kraft, und bald waren die Dörfer von Allen, mit Ausnahme der Sieger, der Todten und Verwundeten, gesäubert.
Der Landwehr gebührt die Ehre des Tages. Sie war es, die den französischen Angriff aufhielt, bis kein Mann mehr stand, der ein Zündnadelgewehr halten konnte. Sie führte auch den großen allgemeinen Schlag, der die Franzosen aus den Dörfern fegte. Ich habe die preußische Linie vor dem heutigen Tage im Kampfe gesehen. Ich sah sie auf Hand und Fuß die Höhen von Spicheren erklettern, ich sah sie deployiren vor Colombey und Montoy in der Schlacht vom 14. August, ich sah sie Stand halten vor der Mitrailleuse auf den Abhängen von Gravelotte, und ich sah, wie sie die Franzosen am 1. September in die Festung Sedan hineinwarf. Ich habe glauben gelernt, daß die Männer der preußischen Linie vermögen, was nur irgend einem Heere der Welt möglich ist. Aber gestern erst habe ich das Kaliber der Landwehr kennen gelernt. Ruhig in den Verschanzungen, wo sie gelassen am Boden liegend, die in ihrer Nähe nieder- fallenden Kugeln auflasen , entschlossen und unaufhaltsam in ihrem Vordringen, unwiderstehlich in dem Bajonetangriff, mit dem sie die Dörfer säuberte, stellt sie eine Truppe dar, die das Herz eines Mannes mit soldatischem Instinkte erfreuen muß. Nichts war bemerkens- wcrther als die Ruhe, mit welcher die Verwundeten, die nur irgend g-hcn konnten, sich auf sich selbst verlassend und Unterstützung ablehnend, hinter die Front gingen. Und cs waren keine leichten Wunden, mit denen die Wackeren zurückkehrten. Ich selbst begegnete Einem, der durch die Lunge geschossen war, in dem der Athem röchelnd durch die Wunde drang. Es geht dem Zuschauer zu Herzen, wenn er diese Tapferen sterben sieht. Der Landwehrmann kann nicht leichten Herzens in den Kampf gehen, wie der Soldat von der Linie, der Niemand zurückläßt, wenn er auf dem Schlachtfelde bleibt. Für jeden zweiten Landwehrmann, der da gefallen, giebt cs nun eine Wittwe daheim im Vaterlande, und bei dem Gedanken an meine Kinder schwillt mir das Herz, wenn ich mir die Zahl der Waisen in den freundlichen Dörfern und friedlichen Ebenen Deutschlands darstellc, welche noch nicht wissen, daß ihnen der gestrige Tag den Vater geraubt. Nicht daß es schien, als ob die
Landwehrmänncr lange bei dem Gedanken an Frau und Kinder verweilten. Der Mann, der schon einiges Grau im Bart und wer weiß wie viel junge Vögel im Neste hat, ging gerade so kühn auf den Feind, wie der muntere junge Freiwillige , dem nur die Liebste nachweint, wenn er fällt.
Unser König hat sein großes Hauptquartier fortdauernd in Versailles und leitet von dort mit seinen erprobten Räthen alle Operationen auf dem weiten Kriegsschauplätze.
5m Hinblick auf die mannigfachen Erfolge der jüngsten Zeit sagt ein militärischer Schriftsteller:
»Es ist das Alles aber nur möglich, weil den gewaltigen Schwierigkeiten dieses Krieges gegenüber mit staunenswerther Ruhe, Sicherheit und scheinbar leidenschaftslos unsere oberste Heerführung fo-twirkt und fortwalict. Alles kulminirt im Hauptquartier des Königs! Von dort kommen die Befehle aus einem Guß/ für jede Lage sind sofort die leitenden Grundzüge sowohl in strategischer, als in organisatorischer Hinsicht gegeben, — und so Mancher merkt den vielleicht knapp gemessenen Worten nicht an, wie sorgfältig sie erwogen sind, was sie aber auch in weiterer Anspannung der Kräfte zu leisten aufgeben. Wer aber wollte es leugnen, daß trotz alledem vielleicht doch eine Erlahmung nach unten eintreten würde, wenn nicht der greife Monarch so persönlich auf den Geist der so viele Anstrengungen erduldenden Sirmee einzuwirken verstände. Kein gewöhnlicher Commandeur könnte sich im Verhältniß mehr persönlich dem Auge des Soldaten widmen, als König Wilhelm dies thut. Bei der beschwerlichen Reise nach Versailles sorgte der Monarch wieder dafür, daß alle Truppen ihn sahen und nun wieder wissen, daß er selbst geschauff mie cs ihnen geht. Wie der gemeine E oldat sich freut, wenn er dem Könige Wilhelm ins Auge sehen kann, so hängen Fürsten und Generale von seinem Blicke ab, ob und daß er sicher mit dem zufrieden sei, was gescheben ist. Hierin liegt vom militärischen Standpunkte aus eine wesentliche Garantie, daß die große Idee der Einnahme von Paris, wenn auch nicht auf die Woche berechnet, so doch in dem Monate zur Vollendung geführt werden wird, den unsere, auch so scharf mit der Zeit rechnende Kriegskunst nach vollem Erkennen aller Schwierigkeiten herausgerechnet hat. Daß König Wilhelm vor Paris bleibt, ist nach unfer<r Ansicht viel wesentlicher, als die größere oder geringere Stärke dieses oder jenes Forts. Dann kann die militärische Kunst ruhig weiter schaffen, Paris mu§ und wird in nicht zu langer Frist fallen!«
Am 7. hat der König die Truppenbesichtigungen fortgesetzt. Er begab sich zu diesem Zweck in Begleitung des Kronprinzen, des Großherzogs von Weimar, der Prinzen Carl und Adalbert, so wie aller Fürstlichen Personen der Hauptquartiere diesmal zum 5. Armee ■ Corps, nachdem die Besichtigung der Aufstellungen des 6. Armee-Corps und der bayerischen Truppen am 5. auf der Reise von Ferriöres nach Versailles erfolgt war. Bei dieser Gelegenheit besuchte der König auch das alte Schloß zu St. Germain. Am 10. traf der General von Thielau aus Dresden im Königl. Hauptquartier ein, um unserm Monarchen Seitens des Königs Johann von Sachsen den militärischen St. Heinrichsorden zu überbringen, in einer besonderen, allein für unsern König bestimmten Form „zur Erinnerung an seine ruhmreiche Führung der deutschen Armee im Fahre 1870".
An einem schönen Herbsttage der vorigen Woche spielten auf Befehl des Königs die berühmten Wasserkünste im Schloß, park von Versailles. Der König, sowie die fürstlichen und an- dern Personen der beiden Hauptquartiere sahen dem Schauspiel anfangs von der großen Terrasse des Schlosses zu, begaben sich aber dann auch zu Fuß durch die sämmtlichen Anlagen des Parkes. Die Einwohnerschaft von Versailles, die sich in sehr großer Anzahl eingefunden hatte, um den König und die berühmten Personen seiner Umgebung zu sehen, folgte dem König überall auf seinem Wege in ehrfurchtsvoller Haltung.
Der König hat in den letzten Wochen mit seinen Räthen auch die großen politischen Aufgaben der nächsten Zeit, besonders die weitere Entwickelung der deutschen Einigung, vielfach erwogen. Die Vorberathungen darüber sind so weit gediehen, daß nunmehr unmittelbare Verhandlungen darüber mit Vertretern der süddeutschen Regierungen im Königlichen Hauptquartiere statisinden sollen. Die Ergebnisse dieser Berathungen werden voraussichtlich schon Gegenstand weiterer Verhandlungen mit dem im November zu berufenden Reichstag sein können.
Der Finanz - Minister Camphausen hat sich zur Theilnahme an den schwebenden Berathungen nach Frankreich begeben.
Verantwortlich; E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hvfbuchdruckerei (N. v. Decker).