politische Gestaltung mit Hoffnung auf Dauer in Frankreich Boden gewinnen kann/ die politischen Schwierigkeiten und Schwankungen aber werden die Wiederbelebung des öffentlichen Wohlstandes vollends erschweren.
Alle diese Betrachtungen würden freilich unsere Regierung nicht bestimmen, ihrerseits eine längere Dauer des Krieges zu wünschen oder zu veranlassen, sobald Frankreich geneigt wäre, einen Frieden zu falteten, wie er durch die Lage der Dinge und durch Deutschlands unabweisliches Interesse geboten ist. Wohl aber sind jene Erivägungen geeignet, uns über die Fortdauer des Krieges, so lange dieselbe durch Frankreichs Verhalten unerläßlich ist, zu beruhigen.
Unsere Krieger werden die weiteren Beschwerden und Gefahren des Feldzugs willig und freudig tragen in der gewissen Zuversicht, daß jede Verlängerung des jetzigen Krieges, insofern sie eine Vervollständigung der Niederlagen Frankreichs bringt, dadurch zugleich eine höhere Bürgschaft für die Dauer des künftigen Friedens ist, daß jede Woche, um welche der Krieg jetzt verlängert werden muß, uns vielleicht ein Jahr mehr für den Frieden verbürgt.
Vom Kriegsschauplätze.
(Uebersicht.)
Während unsere großen Arincen vor Paris und vor Miß stehen, die eine, um die noch niemals dagewesene Operation der Belagerung einer Riesenstadt von 2 Millionen Einwohnern ins We,k zu setzen, die andere, um die gleichfalls unerhörte Aufgabe der festen Ein- * sckließung einer feindlichen Anucc von 100,000 Mann durch- zuführen, brachte fast jeder Tag der vorigen Woche die Kunde von erheblichen Gefechten und Erfolgen unserer Truppen in anderen Theilen Frankreichs. Einzelne dieser Kämpfe und Siege sind an und für sich erheblich genug, daß sie in anderen Kriegen als Erfolge von größter Bedeutung erscheinen würden, wâh- rcvd sie jetzt nach den ungeheueren Schlägen der letzicn Zeit und gegenüber den großen Ereignissen, auf welche Aller Augen erwartungsvoll gerichtet sind, wohl nicht ganz nach Gebühr gewürdigt werden.
Es ist zunächst ein Beweis für die große Leistungsfähigkeit unserer HeereSeinrichtungen, daß wir neben der Bewältigung jener beiden Hauptaufgaben die militärischen Kräfte besitzen, um allen sonstigen A «gaben, welche die Kriegführung auf dem weit ausgedehnten Kriegsschauplätze bietet, stets im rechten Augenblicke und mit ausreichenden Mitteln genügen zu können.
Bei Epinal bat das jüngst gebildete 14. Armee-Corps, besonders die badensche Division desselben, die neulich schon errungenen Erfolge gegen die sogenannte Armee von Lyon behauptet und vervollständigt. Das neue Armee-Corps unter General von Werder hatte die Aufgabe erhalten, die im Südosten Frankreichs durch Vereinigung aller dort vorhandenen regulären Truppen, Mobilgarden, National- arden ui.b Freischützen neu gebildete Armee von Lyon aufzu- suchcn und unsere Verbindungslinie vom Elsaß überNancv nach Paris vor etwaigen Angriffen von jener Seite }u schützen. Ein Theil jener französischen Armee war über Epinal, Hauptstadt des Vogesen Dc- par'emei-ts, des südlichsten Theils von Lothringen vorgeschoben und bedrohte von da unsere Vcrbindungsstraße bei Lüneville und Nancy. Gleichzeitig hatten sich die zahlreichen Freischaaren in den Vogesen, unterstützt von Mobilgarden, fester geschlossen und suchten unsere Stellungen im Elsaß, wie in Lothringen zu beunruhigen. General von Werder ließ deshalb eine mobile Kolonne vorrücken, um in den Vogesen mit diesen Banden aufzuräumcn, deren weitere Organisation zu vernichten und die Gegend, welche das Treiben unterstützte, zu züchtigen. Oie badensche Division unter General von Oegenfeld erhielt diesen Auftrag und zersprengte in einer Reihe von Gefechten die Freischaaren und Mobilgarden, welche fast nirgends ernsten Widerstand leisteten. Am 6. Oktober wurde die badensche Division jedoch bei Etival durch eine in Eilmärschen aus dem Süden und der ganzen Umgegend herangezogene reguläre französische Hceresabtheilung in der Flanke angegriffen. Das sich in Folge dessen entspinnende blutige Gefecht bei Etival endete mit vollständiger Zu- rückwerfrmg und theilweiser Auflösung des Gegners. Es hatten gegen 4000 Badenser gegen einen mindestens doppelt so starken Feind gestanden, welcher beinahe 600 unvcrwundcte Gefangene zurücklicß
In den folgenden Tagen rückte der General von Werder mit dem ganzen 14. Coips unter täglichen kleinen Gefechten in südwest- licher Richtung weiter vor und erreichte die Stadt Epinal an der oberen M-sel, indem er zugleich seine Verbindung mit dem etwa 6 Meilen nördlich entfernten Lüneville verstellte und dadurch unsere Etappenstraße gegen Ucberfälle vom Süden her sicherte.
Nach den neuesten Nachrichten aus Tours soll es der alte Garibaldi jetzt übernommen haben, die Armee von Lyon und überhaupt die französischen Streitkräfte im Osten kräftiger zu organisiren
und zu leiten. Ec hat sich damit einer Aufgabe unterzogen, welcher sein milijärisches Talent kaum gewachsen fein dürfte. Er soll bereits in Besanyon engetroffen sein. Unser 14. Armee Corps oder die int Elsaß operirende Reserve-Division werden daher wohl bald seine Bekanntschaft machen.
Letztere (unter General von Schmeling) hat, nachdem sie in größeren Kolonnen das obere Elsaß durchzogen hatte, sich zunächst rheinabtvärts auf Reubrcisach und Schlettstädt gewendet, um namentlich die erstere Festung anzugreifen und zu Fall zu bringen. Ein von der Besatzung derselben versuchter Ausfall ist von unseren Landwehrtruppen kräftig zurückgewicscn worden.
Bei Orleans ist am 11. von den deutschen Truppen ein großer Sieg erfochten worden.
Das von der kr nprinzlichen (III.) Armee abgczweigte Corps des Generals von der Tann idas 1. bayersche Coips und die 22. preußische Division), so wie die Kavallerie-Division unter Prinz Albrecht von Preußen hatten den F ind über EtampcS und Piihiviers auf Orleans zu unablässig verfolgt. Bei Arte May, 2 Meilen nördlich von Orleans, nahm derselbe nochmals Stellung.
Zwei Batterien der Franzosen standen in einer fast unangreifbaren Position und hielten sich tapfer, als die Bayern einen Vorstoß gegen die Front unternahmen. Diese Batterien wurden aber von ihrer Infanterie und Kavallerie, die tjintir Artenay standen, nicht genügend unterstützt. 9118 unsere Kavallerie und Infanterie diese Truppen in der Seite angriffen, zogen sie sich schleunigst zurück. Viele warfen ihre Bagage weg und streckten die Waffen. Die Zahl der Gefangenen war daher sehr bedeutend. Der geiub büßte auch drei Geschütze ein.
Als unsere Truppen am folgenden Tage den Marsch auf Orleans sortsetzlen, stellte sich heraus, daß man es bei Artenay nur mit der Avantgarde des Feindes zu thun gehabt, und dessen Hauptstärke am 10. gar nicht in das Gefecht hatten eingreifen können. Die Spiken der Vorhut beb von. der Tannschen Corps stießen am 11. früh auf stärkere feindliche Truppeumassen. Es ergab sich bald, daß der Feind jenseits des Waldes von Orleans,_ vor der Stadt, hinter Schanzwerken gut gedeckt, den ülngrifs erwartete. Er beherrschte die Brücke über die Loire. General von der Tann war dem Feind schon um zehn Uhr Morgens so nahe gekommen, daß das Gewehrfeuer begann. Die 4. bayrische Brigade und die 22. preußische Division bildeten die äußerten Flügel. Das feindliche Corps hatte in seinen Schanzen und in den Weinbergen, die sich unmittelbar an die Ebene vor Orleans anschließen, die Vortheilhastesten Stellungen genommen, führte 40 Geschütze mit sich und hielt bis Nachmittag 5 Uhr Stand, trat dann aber den Rückzug gegen Orleans an. Da es bereits dunkelte, mußte bei der Verfolgung unsererseits die größte Vorsicht beobachtet werden, zumal unsere Truppen auf dem unebenen Terrain mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Die Stadt Orleans entschloß sich zur Uebergabe, sowie die ersten Granaten hineingefallen waren. Der Bahnhof und die Loirebrücke wurden sogleich besetzt. In Orleans wurde dem Maire die sofortige Beleuchtung der Stadt befohlen. Nachdem dies geschehen, kennten die ersten deutschen Truppen gegen 8 Uhr Abends in die Sladt einziehen. Zur Nacht loderten ihre 'Bivouvc- feuer bereits auf dem freien Platze um das Standbild der Jungfrau von Orleans. Die Franzosen ließen 2000 Gefangene in unseren Händen zurück, ihre Verluste an Todten und Verwundeten sind noch nicht genau bekannt, aber sehr bedeutend, die unseren verhältnismäßig gering. Die zurückgeworfene Armee, die verfolgt wird, ging auf das jenseitige Loireufer, sie verließ also die Straße gegen Tours, so daß die provisorische Regierung sich ohne militärischen Schutz befinben dürfte.
Die Bedeutung des Sieges bei Orleans ist überall lebhaft empfunden worden.
»Der Sieg von Orleans (so sagt ein Frankfurter Blatt) welcher dem Ruhmeskranze der in diesem Feldzüge so glänzend bewährten bayerischen Tapferkeit ein neues Blatt hinzufügt, sichert der deutschen Armee eine Position an den Ufern der Loire, jenes mächtigen Stromes, der als eine der Lebensadern Frankreichs und seit einem Jahrtausend gleichsam als die Gränzscheide zwischen dem Norden und Süden des Landes gelten darf. Die »Loire-Armee«, bereit Zersprengung auf dem Felde von Orleans wir als vollständig annehmen dürfen, ist ohne Zweifel als der letzte Versuch dcs Feindes ai zuschen, den deutschen Heeren den Uebergang über den Strom und den Marsch nach dem Süden Frankreichs streitig zu machen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit der Loire - Armee die militärische Widerstandsfähigkeit des Landes auf dieser Seite vorerst erschöpft ist. Die »Armee von Lyon« wird aller Voraussicht nach dasselbe Schicksal erleiden und die Bil- dung neuer Heereskörper im Süden der Loire selbstverständlich auf immer wachsende Schwierigkeiten stoßen, da — abgesehen von dem bereits cintretcnben Mangel an Waffen und Pferden — durch den Vormarsch der feindlichen Heere mit jeder weiteren Woche das Gebiet der Aushebung immer mehr beschränkt wird. In den vollen Besitz der Loire und der Vogesen gelangt, werden die deutschen Truppen im Stande sein, die Verbindungen zwischen dem Süden und Norden vollständig zu unterbrechen.«
Soissons, eine der Festungen im Rordosten von Paris, deren Beschießung jüngst angekündigt wurde, hat nach viertägiger hartnäckiger Artillerievertheidigung am 16. b. M. kapitultrt. Am Sonntag Nach-