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neuen Schöpfung, sondern nur der weiteren Anknüpfung an Lie seit 1860 geschaffenen nationalen Einrichtungen bedarf. Der Norddeutsche Bund hat in der jetzigen gewaltigen Entscheidungs­zeit die Kraft und Tüchtigkeit seiner Grundlagen so erfolgreich bewährt, daß alle ernsten und praktischen Politiker diese Grund­lagen im Wesenlichen auch für die weitere Einigung festgehalten ibiffen wollen.

Die Norddeutsche Verfassung selbst bezeichnet den Weg, auf welchem eine Ausdehnung des Bundes auch auf die süd­deutschen Staaten erfolgen kann.

Nur die demokratische Partei, welche sich auch seit dem Jahre 1866 von der lebendigen Theilnahme an der praktisch Erfolgreichen Entwickelung der deutschen Politik fern gehalten hatte, verlangt jetzt eine völlig neue Gestaltung Deutschlands durch eine cigends zu diesem Zwecke zu berufende verfassungs­gebende deutsche Volksvertretung.

Alle gemäßigten Politiker weisen diese Forderung entschieden zurück, indem sie die Größe der durch die bisherige Ent­wickelung erreichten Erfolge freudig anerkennen.

Ein Aufsatz der »Preußischen Jahrbücher« enthält folgende Bemerkungen über den gegenwärtigen Stand der nationalen Aufgaben:

»Der große Krieg, an dessen Ausgänge wir stehen, wurde von Frank­reich unternommen, um die ihrem Abschluß tntgegengflsmbe staatliche Vereinigung Deutschland- zu verhindern. Wir haben den herrschsüch- tigen Feind, der ein Anrecht auf unsere Zerrissenheit zu haben wâhnte, in sieben Schlachten geschlagn', die Hälfte seiner Armee gefangen, den Aberglauben an die Ueberlegcnhcii seiner Waffen und seiner Civi- lSation zerstört, wir haben unt und allen Kulturvölkern das Recht der freien Selbstbestimmung iviedercrobert. Der Feldzug von 1866 be­endete die Herrschaft Oesterreichs über Deutschland, der Feld- zug von 1870 hat die Herrschaft Frankreichs über Europa beendet. Der tiefste Grund dieser europäischen VorherrsSast lag in dem ilc berge wicht des früh geeinten französischen Staat- über das staatlose, sich selbst zerfleischende, auch nach den Siegen der Freiheitskriege nur lose zusammenhängende Deutsch­land. Weil die Mitte Europas so zersplittert war, darum glückten die Raubzüge Ludwigs XIV., die Eroberungskriege der Revolution, darum war noch im Jahre 1813 nur die Koalition aller Mächte stark genug, die gallische Ueberschwemmung in ihr Bett zurückzuwtisen. Seitdem hat sich der weltgeschichtliche Wende­punkt vorbereitet , der nunmehr vor den erstaunten Augen der Völker enthüllt wird. Der junge preußische Staat, der im Jahre 1815 nur 10 Millionen gegenüber den 30 Millionen Frankreichs zählte, der erschöpft, verarmt, in zwei Theile gespalten war, mudj» durch seine wirthschaftliche Energie in einem halben Jahrhundert zu der doppelten Bevölkerung heran, erstarkte mittelst der allgemeinen Wehrpflicht in den Kriegen von 1864 und 1866 zu einem zusammen­hängenden Gebiet von 21 Millionen und zu einem Bundes­staat von 30 Millionen und gab diesem neuen Organis­mus durch die glückliche Gesetzgebung der BnndcLfakiorcn eine nationale Befriedigung, durch die Einführung der preußischen Militär- einrichtungen eine Widerstandskraft, welche ihn den Angriffdkräftcn Frankreichs moralisch und materiell überlegen machte. Das nord­deutsche Volk in Waffen mit einer Feldarmee von mehr als einer halben Million, mit einer unerschöpflichen Reserve an Landwehr und Ersatztrupvcn, überflügelte an Zahl wie an Tüchtigkeit die französische Dcrufsarmec, und diese Ilebcrlcgenheit wurde noch weit entschiedener, als die süddeutschen Staaten, den ge­schloffenen Verträgen getreu, unsere 26' Feld - Divisionen durch 6 Divisionen verstärkten. In einem SiegeSzug ohne Gleichen ward dann äußerlich durch weltgeschichtliche Thaten offenbar, was sich innerlich herauègcbildct hatte und nur von dem Hochmuth unserer Feinde nicht gesehen und nicht geglaubt worden war. Nicht von der Koalition der Mächte, sondern von Deutschland allein ist Frankreich heute niedergcwcrsen. Die Tage der 200jährigen Vorherrschaft sind vorbei. Die Provinzen, die in jener Zeit unserer Ohnmacht uns entrissen wurden, nehmen wir zurück, so weil sie noch deutsche Sprache reden oder zu unserer Sicherung gegen spätere Angriffe unentbehrlich sind. Die Gestalt unseres Weittheil's ist in voller Umwandlung. Die Mitte Europas hat endlich die Konsolidation erlangt, welche geeignet ist, die Glieder in West und Ost in ihren Schranken zu halten.

Aber VoUcnbct ist diese Konsolidation noch nicht. Noch reicht die staatliche Einheit Deutschlands nur bis zum Main. Darüber hinaus ist der Deutsche mit dein Deutschen nur durch Allianzen verbunden, als ob beide nicht ein Volk, sondern verschiedene Völker wären. Un­sere politischen Zustände sind noch dieselben, wie sie der Krieg von 1866 geschaffen hat/ die Folgerungen aus dem Kriege von 1870 und noch nicht gezogen. Aber diese Folgerungen sind unabwendbar. Mit derselben Nothwendigkeit, mit welcher sich nach dem Falle Oesterreichs der norddeutsche BundeSstaat bildete, wird sich nach dem Falle Frank­reichs der deutsche Bundesstaat bilden.«

Der Aufsatz erörtert nun, wie alle Vorwände, unter welchen

bisher das Volk in Süddeutschland von dem engeren Anschlusse an den Norden abgemahut und zurückgchaltcn worden sei, durch die thatsächliche Gemeinschaft im jetzigen Feldzüge, dem glänzendsten Feldzüge, den die neuere Kriegsgeschichte kennt, widerlegt und ent­kräftet worden seien, und wie die süddeutschen Krieger selbst eS übel empfinden würden, wenn man sie jetzt abermals v»n dem Norden loLtrennen, sic aus der Einheit des deutschen Heeres wieber herau?- rcißen wollte.

»Wir Deutschen hatten biS vor Kurzem nur eine Einheit in ben höheren Schichten der Bildung, in der Wissenschaft, der Literatur, wir lasen dieselben Dichter, fiubirten dieselben Denker bao war zwischen Süd und No'd die ganze Gemeinschaft. Sie griff in die unteren Klassen nicht hinein, die VolkSmaffen blieben sich fremd, bei dem Gegensatz der Konfessionen war eS doppelt leicht, sie zu verhetzen. Es fehlte das Band gemeinsamer volksthümlicher Erinnerungen. Denn niemals oder fast niemals von den Religionskriegen im sechs- zehnten Jahrhundert bis zur Schlacht bei Leipzig und bis zum Main­feldzug hatten die Süddeutschen und Norddeutschen unter Einer Fahne gefochten. Vielmehr sie hatten die Waffen gegen einander getragen, sich im Bruderkampf- zerfleischt, die Heere verstärkt, mit denen der fremde Eroberer niederwarf, war in Deutschland noch feststand. Nur die Bewohner Norddeutschlands die Hessen, Hannoveraner, Preußen, verband die alte Volistradition aus dem sicbenjährif,en Krieg und der großen Erhebung wider Frankreich. Jetzt endlich ist uns das Heil widerfahre», daß die Bauernsöhne auS dm bayrischen Alpen und dem Schwarzwald, aus Pommern und der Start daè gleiche Bild großer Fâhrlichkeitcn und Siege beantragen, beantragen da- Gefühl, daß sie emanber tzerau-gchauen, für einander geblutet, ihre Verwunderen ge­meinsam gepflegt, ihre Todten gemeinsam beweint haben. Niemals meBr wird cs der Bosheit bei Parteien gelingen, in baS süddeutsche Volksgemüth von dem Preußen ein albernes Zerrbild zu pflanzen, den Haß und den Abscheu gegen die Verbindung mit dem Norden zu wecken.

Die geistigen Vorbedingungen, um bie Bevölkerung von Süd und Nord zu Einem Staaièwescn zusanemenzufassen, sind durch bie gewaltigen Ereignisse der letzten Monate gegeben. Die Verhetzung hat ihre Kraft verloren, der Haß ist verstummt, tausend warme Beglück­wünschungen und Danksagungen sind von tem einen Ende Deutsch­lands zum andern g-pflog-uz ein gemeinschaftlicher Schatz der herr­lichsten Gedenktage, der gehobensten Freude, deS heiligsten Schmerzes ist erworben, der kostbarste Schatz, den ein Volk besitzen kann. Wie jeder Einzelne von uns die Begeisterung seines Jünglingsalters, das Glück seiner Brautzeit im Gedächtniß trägt, so wud die Nation diesen höKstcn und reinsten Moment ihres Lebens treu bewahren.

Ebenso wichtig als diese neugewonnc sittliche Grundlage der Einbeck ist die Thatsache,^ daß mehr als drei Viertheile von Deutschland auch die äußere Form der Einheit schon besitzen. Wir stehen nicht vor dem Chaos wie 1818, wir haben nicht von Neuem die Fundamente zu legen, wie 1866; das Gebäude des deutschen Bundc-staat- steht da, und ist in den vier Jahren, seitdem eS errichtet wurde, fleißig erweitert und ausgebaut- es ist durchaus fähig, auch eine etwas größere Zahl von Bewohnern aufzunehmen, als heute bereits in ihm Platz und Behagen gefunden haben Wer mit einiger Besinnung die moderne Geschichte verfolgt, der wird Gott danken, daß wir endlich über das Stadium der fonftituirmben Versamm­lungen, der systematischen Vcrfassungsberatbungcn, der Parlamente, die von vorn anfangen, hinausgekommen sind.

In wunderbarer Folgerichtigkeit führt uns die deutsche Geschichte von der Zeit dek großen Kurfürsten bis zu den Tagcn des Königs Wilhelm, von der ältesten Schöpfung staatsbildender Energie, welche Ostpreußen und die Hcrzogthümer am Rhein mit Brandenburg, Magdeburg und frommern verknüpfte, b<s zu der neuesten Schöpfung, welche die Lücken zwischen ben preußischem Gebieten aussüllte und ganz Norddeuischland zu einem Bundesstaat verband. Die Einrich­tungen dieses Bunde- sind freilich erst vier Jahr alt, sic enthalten nur die nothdürftigsten Grundzüge der Einheit, nur den cngbemeffenstcn Kreis einer bie Freiheit und Wohlfahrt fördernden gesetzgeberischen Kom­petenz, sic müssen von Jahr zu Jahr entwickelt, gckräftigi werden. Aber in keinem Zeitraum unserer Geschichte hat Deutschland auch nur an­nähernd s» glänzende wirthschaftliche, rechtliche, politische Fortschritte gemacht, als unter und mit jenen Einrichtungen in ben jüngsten vier Jahren.

Die unendliche Mehrheit der Norddeutschen ist denn auch gar nirtt im Zweifel darüber, daß man das bewährte Gut der norddeut­schen Bundesverfassung nicht aufgeben dürfe gegen das erträumte Gut einer idealen Reichsverfassung , die in einem allgemeinen deut­schen Parlament mit den Regierungen erst vereinbart werden soll. Diese Träume der Berliner Fortschrittspartei hat ein Parteigenosse derselben, der Abgeordnete v. Kirchmann, so scharf beleuchtet, daß wir Anderen unS die Kritik sparen können. Wunderbar ist, wie gänz­lich die Partei die Beschaffenheit der Faktoren außer Acht läßt, mit denen sie ihre Ideale erreichen will Mit einem Bundcsratb, in wel­chem die Bevollmächtigten Bayerns sitzen, will sie die Rechte der Einzelstaaten über das jetzige Maß beschränken, unter Anderem den Bundesratb von der Verwaltung der Bundesangclegenhcitcn aus- schlicßen. Mit einem Reichstag, in welchem die bayrischen Ultramon­tanen den demokratischen Zuwachs aus dem Süden weit aufwiegen