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4i. provinzial-Correspsndenz. noM« m

Achter Jahrgang.

Die Zustände i« Frankreich.

. Die gtcqierung Frankreichs, welche seit ber Belagerung von Paris zum Theil in Tours ihren 2ix genommen hatte, während der andere Theil in Paris verblieb, soll jetzt von Toars nach Toulouse verlegt werden. Sie fühlt W in Tours, im Herzen Frankreichs, 80 Meilen von Paris, nicht mehr sicher/ um möglichst weit aus bem Bereich unserer siegreichen Armeen zu sein, zieht sie sich nach dem äußersten Süden bis an die Pyrenäen und an die spanische Grenze zurück.

So weit ist es mit Frankreich gekommen!

Dem Grafen Bismarck wurde von der Regierung in Tours vor Kurzem die Aeußerung zugeschrieben: er wolle den Krieg fortsetzen, bis er »Frankreich zu einer Macht zweiten Ranges heradgedrückt haben würbe.«

Diele Behauptung, welche dazu dienen sollte, den Widerstand der Franzosen gegen die ihnen angeblich drohende Schmach bis aufs AeußctSe anzustacheln, beruhte, wie Gr«f Bismarck jüngst erklärt hat, auf Erfindung. Unser Staatsmann hat weder eine solche Aeußerung gethan, noch sind von ihm gestellte Forderungen auf ein solches Ziel gerichtet.

W»s aber Preußen und Deutschland nimmer Frankreich hätten anthun mögen, das wird die jetzige französische Regierung an ihrem Lande thun, wenn sie fortfährl, in derselben leichtfertigen und frevent­lichen Weise zu handeln, wie bisher/ ihr Verhalten ist dazu angethan, Frankreich nicht blos zu einer Macht zwcüen Ranges hcräbzudrückkn, sondern die gänzliche Zerrüttung und den tiefen inneren Verfall des Landes herbeijufüdnn.

Jede Revolution ist mit der Gefahr verbunden, durch Beseitigung der bisherigen Ordnung die wirkenden Kräfte des Staates zu zer­fetzen/ diese Gefahr .steigert sich natürlich, wenn die innere Umwälzung gleichzeitig mit einem äußern Kriege verbunden ist. Aber kaum jemals ist eine Nation von diesem doppelten Unglück heimgesucht und zugleich aller verständigen wie kraftvollen Leitung so lehr beraubt gewesen, als das gegenwärtige Frankreich. Wohin man blickt : man findet nichts als Widerspruch, Verwirrung und üuücfung.

Unter den Machthabern selbst ist cs zum offenen Widerspruche über die wichtigste aller inneren Fragen gekommen. Während die Re- gierung in Tours das französische Volk zur baldigen Wahl einer Ver- tretung aufgefordert hatte, ist dieser Beschluß von den Regierungs- männern in Paris als null und nichtig erklärt worden, und einet! der dortigen Regierungsmitglieder hat in einem Luftballon Paris ver­lassen und sich nach Tours begeben, um die Pariser Ansichten dort zur Geltung zu bringen.

Reben der »Regierung der Rational - DerthcidigujM aber und zum Theil im Gegensatze zu derselben haben sich andere revolutionäre Regierungen zu Lyon Marseille n. s. w. erhoben/ während in noch anderenLandestheilen die n> onmchischen Parr eien ihre Kräfte zu sammeln versuchen. Ja jeder größeren Sladt, in jedem Departement wird Politik nach der Neigung der dortigen Machthaber getrieben, die sich an die Weisungen aus Paris oder Tours nur insoweit kehren, als es idren eigenen Ansichten entspricht.

Dieselbe Verwirrung herrscht in len militärischen Einrichtungen und Anordnungen. Man ist einig darüber, daß das Acußerste ge­schehen müsse, um den Feind aus dem Lande zu vertreiben / aber in Betreff der Mittel und Wege dazu herrscht ein solcher Widerstreit der Ansichten, daß kein höherer Militär mehr zu finden war, welcher die Verantwortung für die Kriegsangelegenbciteil zu tragen wagte, so daß zu­nächst ein alter Advokat, Crem ieux. der jetzt die Justiz verwaltet, auch das Kriegs-Ministerium übernahm, bis ein Nebenköpfiger oberster Kriegs- rach gebildet wurde, der vermuthlich die Vctwirrunq noch steigern wird. In den einzelnen Provinzen wir1) auch in wiiitäkWcn Dingen je nach Belieben gehandelt, und es hält besonders schwer, zwischen den verschitdenarngen militärischen Kräften, den wirklichen Truppen cimrfiits, den Mobilgarden und Nationalgarden andrerseits, sowie zwischen den militärischen Führern und den revolutionären Behörden eine Einigkeit deS Handelns Herzustellcu. Alle Bande militärischer Ordnung und Zucht sind auch bei den wirklichen Truppen gelockert/ vollends fehl! es daher an allen Krâstm und Mitteln, um die zu den Fahnen berufenen jungen Mannschaften in kurzer Zeit zu einer militärischen Haltung und Gewöhnung zu bringen.

Bei bem Mangel einer leitenden Kraft für die neu zu enden Armeen scheint man auf die Ankunft des alten Italieni. Frei- schaarenführers Garibaldi besondere Hoffnungen gesetzt zu Wen/ aber es ist zu bezweifeln, daß derselbe, zumal in seinem jetzigen Zu­stande körperlicbcr Schwäche, Neigung haben sollte, seinen Ruf in dem verzweifelten Unternehmen gegen unsere glorreichen Armccn auf's Spiel zu setzen. Immerhin aber ist es bezeichnend für Frankreichs tiefen Fall, daß die stolze militärische Ration selbst ihre Rettung von bem italienischen Freischärler erwartet.

Bei diesen Zuständen ist nicht abzusehen, worauf die Regierung der Landesveriheidigung noch ihre Hoffnungen setzt. Wenn sie auch

Tausende und aber Tausende zu den Waffen ruft, sie kann nicht mehr glauben, daß sie daraus neue Armeen bilden könne/ sie weiht nur immer neue Tausende dem sicheren Untergang, und führt eine immer tiefer gehende Zersetzung und Zerrüttung des Landcs herbei.

Schon erheben sich selbst in unmittelbarer Nähe der Regierung warnende Stimmen, welche die Unmöglichkeit des Beharrens auf dem jetzigen Wege geltend machen/ die Regierung aber, beherrscht von den äußersten revolutionären Geistern in Paris, verweigert es, das Urtheil der Nation selbst anzurufen, und will ohne deren Zustimnmng den verhängnisvollen und verderblichen Weg fortfitzen.

Diese inneren Verhältnisse in Frankreich sind für uns insofern von unmittelbarer Wichtigkeit, als die Frage damit im Zusammen­hänge steht, mit welcher Regierungsgewatt wir nach der Erfüllung der militärischen Ausgaben bett Frieden zu schließen haben werden.

Unsere Regierung bat bestimmt verkündet, daß sie auf die Ge- stal'ung der inneren Verhältnisse in Frankreich durchaus keinen Ein­fluß üben wolle. »Was für eine Regierung sich die französische Ration geben will, ist für uns gleichgültig/» schrieb Graf Bismarck unterm IG. September b. I., »formell ist die Regierung des Kaisers Napo­leon bisher die allein von uns ar.etfannte. Unsere Friedcnsbcdin- gungeu, mit welcher zur Sache legitimirten Regierung wir dieselben auch mögen zu verhandeln haben, sind ganz' unabhängig von der Frage- wie und von wem die französische Ration regiert wirb.«

Die Besprechungen des Bundeskanzlers mit Jules Favre haben ferner btn Beweis gegeben, daß Graf Bismarck auch der jetzigen Regierung in Frankreich nicht die Möglichkeit entziehen wollte, sich'alö wirklich» Regierung zur Anerkennung zu bringen. In dem Rundschreiben vom 27. September sagte Graf Bismarck ausdrücklich, daß »als Beweggrund zum Abschlusse eines Waff-nsiiUstandcs beiderseits das Bedürfniß anet tonnt wurde, der französischen Ration Gelegenheit zur Wahl einer Vertretung zu geben, welche allein im Stande sein würde, die Legitimation der gegen­wärtigen Regierung so weit zu ergänzen, daß ein völker­rechtlicher Abschluß des Friedens mit ihr möglich würde«

»Oie Pariser Regierung hat durch Ablcdmmg der beispiellos mil­den Waffenstillstandsbedingungen und demnächst durch unbestimmte Hinaueschiebung der Wahlen einer Volksvertretung sich selbst und der französischen Ration die Möglichkeit entzogen, einen neuen Boden für das innere Staatsrecht und für völkeirccktlichc Beziehungen zu sichern. Die inneren Schwierigkeiten naht blos, sondern auch die Schwierigkeiten für den Abschluß deL Friedens sind hierdurch unge­mein erhöht.

Es bleibt abzuwarten, bis unter dem Eindruck der nunmehr un- vervundlichen militärischen Operationen gegen die Hauptstadt und nach der Unterwerfung derselben irgend eine Rcgicrmigsgewalt sich soweit Geltung und Anerkennung in Frankreich verschaffe, daß ein Abschluß völkerrechtlicher Verträge mit ihr möglich sei.

D»s unsägliche Unbeil aber, welches noch weiter über Paris und Frankreich ergehen muß, haben die Mâumr der jetzigen republikani­schen Regierung zu verantworten, welche ohne Plan und ohne Hoff­nung den verzweifelten Kampf fortseßen.

Zur deutschen Frage.

Die feste Einigung aller deutschen Staaten wird, nach der Zuversicht, welche die deutschen Herzen erfüllt, eine der besten Früchte des gegenwärtigen Krieges sein. Durch die innige Ge- noffenschaft in Kampf und Sieg ist das bisherige völkerrecht­liche Band, welches die . norddeutschen und süddeutschen Staaten umfaßte, enger gezogen worden: aus den Bündnißverträgen wird ein gemeinschaftliches deutsches Staatswesen hervorgthen.

Zwischen den deutschen Regierungen finden zunächst ver- trauitche Verhandlungen statt, um die Grundlagen der neuen Einigung nach dem Gesammtintcresse des deutschen Volkes zu vereinbaren. Der ernste patriotische Geist, von welchem alle Re­gierungen in dieser großen Zeit erfüllt sind, bürgt dafür, daß das Werk der nationalen Einigung durch allseitiges Entgegen­kommen bald zum befriedigenden Abschlusie gelangen werde.

Die Bestrebungen der Regierungen sind im Norden und im Süden von dein lebendigen Volksbewußlsein getragen, wel­ches den Segen der jetzigen glorreichen Zeit für alle Zukunft sichern will.

In dem Volksbewußtsein lebt zugleich die Ueberzeugung, daß es zur festen Gründung jener Einigung nicht einer völlig