um die einrückenden Truppen zu erwarten. Diese sah man von verschiedenen Seiten mit ihren in der Sonne glänzenden Helmen und Bajonetten der Stadt sich nähern. -Lieb Vaterland kannst ruhig sein.« Dies war die erste Melodie/ welche deutsche Musik ertönen ließ und welche der stramme Schritt unserer Soldaten begleitete. Die Einwohnerschaft verrieth theils Neugierde theils Trauer. Ich habe viele verweinte Augen an den Fenstern und in den Thüren gesehen. Aber diese Augen konnten sich doch von dem Anblick unserer Truppen nicht abwenden. Ehe diese eine über den Kanal führende Brücke erreichten, marschirtcn einige Tausende von Rothhosen quer über ihren Weg. Wir machten Halt und ließen sie passiren. Das waren erbitterte Leute. Sie schlugen die Gewehre auf dem Pflaster entzwei oder schleuderten sie ins Wasser, rissen die Epauletten und Patrontaschen sich vom Leibe und traten dann mit Füßen darauf. Die Säbel wurden auf dem Boden krumm Alschlagcn. Auf dem Kleberplatze sammelten sich verschiedene Regimenter und stellten sich in Ordnung auf, den General Werder und seinen Stab in der Mitte. Die Musik an dem Fuß der Statue des napoleonischen Generals Kleber spielte-Heil dir im Siegeskranz« und -Was ist des Deutschen Vaterland«. Es war ein großer Augenblick! Uns Deutsche als Zuschauer durchzittectc die Erinnerung an den 30. September 1681, wo Ludwig XIV. diese Stadt überrumpelte, diese Stadt, welche heute von deutschen Truppen wieder eingenommen ist. Und auf diese Scene schaute der alte (Gott sei Dank wenig beschädigte) Münster herab/ blickten die Einwohner aus allen Fenstern, heimlich wohl mit sehr gemischten Gefühlen, aber doch sichtlich von Staunen über diese Truppen erfüllt, die in kräftigen Hochs ihren Sieg feierten und von den patriotischen Melodiccn ergriffen, die Wichtigkeit des Momentes fühlten. Die Straßen der Stadt füllte bald ein dichtes Gewoge. Unter unsere Soldaten mischte sich eine immer zahlreichere Bevölkerung. War diese doch endlich aus den Kellern befreit, in denen sie Wochen verlebt hatte! Konnte sie doch wieder frei durch die Straßen wandeln , von denen sie durch den Granatenregen, der leider viele Opfer gekostet hat (ziemlich I0L0 Leute vom Civil) verscheucht waren. Es harrte ihrer noch eine andere Freude. Die Straßburger haben bittere Noth gelitten. Wir brachten mit den Truppen auch Proviant, der wenigstens das Elend milderte. — Es gab rührende Scenen auf den Straßen. Die Einwohner waren sich unter einander und der Stadt fremd geworden. Sie eilten jetzt, wieder Freunde und Verwandte aufzusuchen, und stürzten sich bei der Begegnung freudig in die Arme. Die zerstörten Gebäude, auch das Münster, wurden Wallfahrtsorte, der Unserigen, wie der Einheimischen. Das Gefühl der Befreiung von der Belagerungsnoth beherrscht bis setzt noch alle anderen Empfindungen. Doch hat nicht diese trostlose Lage, noch der Mangel an Munition, noch die Verwüstung der Stadt und selbst der Festungswerke den Gedanken der Kapitulation einge- geben. Wie Sachverständige wir sagen, hätte der Kommandant die Festung noch halten können. Die gelockerte Disziplin der Truppen ist es gewesen, welche den General Uhrich bedenklich gemacht hat.
Am 30. September (Geburtstag der Königin). fand der feierliche Einzug in Straßburg und darauf Gottesdienst in der Thomas- kirche statt.
Von den französischen Offizieren haben 500 Ehrenscheine unterzeichnet, daß sie in diesem Feldzuge nicht gegen Deutschland dienen wollen, 50 bis 100 gingen in Gefangenschaft. Die Zahl der Gefangenen (etwa 17,000) ist noch nicht genau festgestcllt, da noch fortwährend deren eingeliefert werden. Die Beute in Straßburg ist beträchtlich, 1070 Kanonen waren gezählt/ 2 Millionen Frcs. Staatseigenthum in der Bank ermittelt, 8 Millionen waren noch zweifelhaft (ob cs Staatseigenthum oder Privatvcrmögen). Munition und besonders Tuchvorräthe sind sehr bedeutend.
Unser König befindet sich noch in Laferrière und bewohnt dort die schöne Besitzung des Barons v. Rothschild. Ebendaselbst befinden sich der Bundeskanzler Graf v. Bismarck, der Kriegs - Minister v. Roon und der General v. Moltke mit dem Generalstabe, während die andern zum großen Hauptquartier gehörenden fürstlichen Personen, die Prinzen Karl und Adalbert, derGroßherzogvonSachsen-Weimar, der Prinz Luitpold von Bayern u. s. w. in dem einige Meilen davon entfernten Städtchen Lagny Wohnung genommen haben. Zn den letzten Tagen hat der König mehrfache Besichtigungen um Paris herum vorgenommen. Am 27. rekognoscirte er den Theil der Angrisssfront der Befestigungen, welcher im Nordosten der Hauptstadt von den Forts bei St. Denis bis zum Fort Romainville sich erstreckt, und am 28. nahm er während des ganzen Tages die Besichtigung der Truppenaufstellungen auf dieser Seite vor. Später wird der König diese Besichtigungen auch auf die andern Theile der Befestigungen ausdehnen und dabei wahrscheinlich auch Versailles, wo der Kronprinz sein Hauptquartier hat, besuchen.
In den ersten Tagen dieses Monats sollte die Verlegung des großen Königlichen Hauptquartiers in den Westen von Paris erfolgen.
Zum Geburtstag der Königin (30. September) brachte der -Staats-Anzeiger« folgende Zeilen:
Unser Königshaus und unser Volk feiern heut ein Familien- und ein Landesfest - den Geburtstag Ihrer Majestät der Königin.
Eine ernste und schwere Zeit liegt auf dem Vaterlande. Noch ringt Preußen mit der Bewältigung des ewigen Ruhestörers an Deutschlands westlichen Grenzen und mit der Aufgabe, dem Frieden dauernde Grundlagen zu sichern.
Fast unser ganzes waffengcübtes Heer ist im Feindeslandes an seiner Spitze Se. Majestät der König und die Prinzen Seines Hauses. Nach althergebrachter Weise theilen Sie mit Ihrem Volke in treuer Pflichterfüllung die Gefahren.
Die Gemächer im Königlichen Palais sind vereinsamt/ nicht einsam aber ist es um unsere Königin. Eng schließt sich das Volk an seine Fürstin, und mächtig war der Pulsschlag der Herzen, der in den jüngsten Siegestagen das Land bewegte und die Bevölkerung Berlins immer und immer wieder zu ihrer Königin trieb.
Der Geist von 1813 lebt in allen Ständen/ König Friedrich Wilhelm's und Luisen's Gestalten sind in unsere Erinnerung getreten und unsere ganze Geschichte ist lebendig geworden in den großen Momenten der Gegenwart.
So vollzog sich bei der Siegesnachricht von Sedan an den ehernen Zeugen früherer eherner Zeiten ein erhebendes Schauspiel unter den Augen unserer Königin. Nicht blos die Helden- führer von 1813 — bis zum Großen Kurfürsten hin bekränzte das Volk im stolzen Nationalbewußtsein seine Fürsten und Helden. Die Jugend stürmte hinauf zum erzenen Bilde des großen Königs, schmückte ihn und den historischen Krückstock mit frischem Lorbeer und drückte dem geistigen Bannerträger des preußischen Volkes neue Siegesfahnen in die Hand!
In so schöner, so großer Zeit, sinrâifschwunge eines geläuterten Volksbewußtseins, feiert Ihre Majestät die Königin Ihren diesjährigen Geburtstag. Ihr ist beschicken, was der unvergeßlichen Königin Luise nickt vergönnt war, inmitten einer großartigen Thätigkeit an der Spitze der preußischen Frauen denSiegeszugunsercrArmeenzustützenund zu fördern, Schmerzen zu lindern und Thränen zu trocknen. Im Herzen Deutschlands stand die Wiege unserer Königin, und mit deutschem Herzen ist Sie bestrebt, die patriotischen Frauen im ganzen deutschen Vaterlande zu gemeinsamem Wirken zu vereinigen. Der Dank, der aus dem Herzen eines treuen Volkes sich zu Ihr erhebt, wird Ihrer Majestät die schönste Gabe sein am heutigen Freudentage.
Gott segne Ihre Majestät und leihe Ihr ferner Kraft zu Ihren großen Friedenswerken!
(General-Gouvernement zu Rheims.) Nachdem in den von unseren Truppen besetzten Theilen Frankreichs bereits General- Gouvernements im Elsaß und in Lothringen errichtet worden sind, ist für die übrigen okkupirten Bezirke jetzt ein General-Gouvernement zu Rheims eingesetzt und zum General-Gouverneur in demselben der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, komman- dirender General des 13. Armee-Corps, ernannt worden. Zu Civil- kommiffarien sind der preußische Landrath Prinz zu Hohenlohe und der bayerische Geheime Rath Graf Tauffkirchen berufen.
Das General-Gouvernement des Elsaß, welches von dem General Lieutenant Grafen von Bismarck-Bohlen, als General- Gouverneur, und von dem Regierungs-Präsidenten von Kühlwetter, als Civil-Kommissarius, geleitet wird, hatte seinen Sitz bisher in Hagenau, wird aber nunmehr nach Straßburg verlegt werden.
Das Gemral-Gouvernement von Lothringen steht unter dem General der Infanterie üPM Bonin, als General-Gouverneur, und dem Regierungs-Präsidc ^Grafen von Dillers, als Civil-Kom- missanus. Der Sitz bei, en ist Ranzig (Nancy).
Der Präsident des Bundeskanzleramtes, Staats- Misrister Delbrück, ist von München, wo er vorläufig vertrauliche Besprechungen mit süddeutschen Staatsmännern über die künftige Gestaltung der deutschen Verhältnisse gehabt hat, nach Berlin zurückgekehrt. Derselbe wird sich zur Vorbereitung der erforderlichen 'weiteren Verhandlungen in Kurzem ins Königliche Hauptquartier begeben.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berkin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Obn-Hofbuchdruckerei (R. v« Decker).