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^40. Provinzial - Correspondmz. 5. ot&et i«7o.

Achter Jahrgang.

Straßburg.

5m ganzen wunderbaren Verlaufe des jetzigen Krieges hat keine Siegesnachricht die deutschen Herzen mit solch inniger Freude erfüllt, wie die Kunde von der Einnahme Straßburgs.

So groß der Triumph und Siegesjubel über Sedan und über des Kaisers Gefangennehmung waren, so mächtig das Be- wußtsein des dort Errungenen alle Herzeri ergriff, so ist doch die Befriedigung des deutschen Volkes über Straßburg noch tiefer und inniger: überall wird empfunden, daß in der Ein­nahme Straßburgs nickt blos ein kriegerischer Erfolg, sondern vor Siliern ein hochbedeutsames nationales Ergebniß vorliegt.

Die Wiedergewinnung Straßburgs ist im deutschere Volks­bewußtsein das Wahrzeichen der Wiedergeburt Deutschlands, der Auferstehung des Volkes zu nationaler Kraft und Macht. Ebenso wie die Losreißung Straßburgs vom deutschen Reiche durch französische List die Zeit des tiefsten Verfalls unseres Vaterlandes bezeichnet, so ist durch eine wunderbare Fügung Gottes die Wiedervereinigung der alten deutschen Stadt mit dem neu erstehenden Reiche die erste Bethätigung der geeinigten Volkskraft Deutschlands geworden.

Eine Fügung Gottes ist es in Wahrheit/ denn Niemand hätte vor wenigen Monaten geahnt, daß wir dahin tommen könnten, Straßburg wieder mit Deutschland zu vereinigen. So schmerzlich die Erinnerung an die frühere Schmach und Berau- bung des deutschen Vaterlandes die patriotischen Herzen immer­dar berührte, so galten doch jene Thatsachen und die darauf begründeten Verhältnisse als traurige zwar, aber unwiderruf­liche Ergebnisse einer früheren Geschichte, nicht als mögliche An- läffe und Fragen einer Politik der Gegenwart. Bei allen na­tionalen Regungen und Bewegungen der letzten fünfzig Jahre konnte es doch den eifrigsten deutschen Patrioten auch in den hochfliegendsten Plänen nicht in den Sinn kommen, die Wieder­gewinnung von Straßburg, die Wiedervereinigung von Elsaß und Lothringen mit Deutschland in das Bereich ihrer Hoffnun­gen oder Forderungen zu ziehen.

Der neuen Herausforderung und Bedrohung Deutschlands durch den alten Erbfeind war es Vorbehalten, das Bewußtsein der Jahrhunderte alten Verschuldung Frankreichs im deutschen Volke wieder aufzufrischen; aber nur ein Siegeslauf von so beispielloser niederschmetternder Gewalt, nur eine Bewährung der einheitlichen deutschen Macht, wie sie in diesem Feldzüge hervorgetreten, konnten die unerwartete welthistorische Wande­lung der Auffassungen und Verhältnisse zu Wege bringen, daß jene vor Kurzem ungeahnte und unfaßbare Forderung für Deutschland jetzt als ganz naturgemäß, ja als selbstverständlich gilt, daß das deutsche Volk, welches vor wenigen Wochen keinem Fürsten, keinem Staatsmanne eine solche Aufgabe zugemuthet oder zugetraut hätte, jetzt dagegen es nicht verstehen und zu­lassen würde, daß auf die Erreichung dieses Ziels verzichtet würde.

Zn dieser großen Wandelung der Gesammtauffassung und Stellung Deutschlands vor Allem tritt die erhabene Bedeutung der Einnahme Straßburgs hervor. So gewichtig die positiven, thatsächlichen Gründe, namentlich die militärischen Gesichts­punkte der nationalen Vertheidigung sind, um derentwillen die Festhaltung des eroberten Landes bis zur Vogesen- und Mosel- Linie geboten erscheint, in dem Jubel des deutschen Volkes über Straßburg ist doch nicht dies die Hauptsache, die Fest­freude entspringt vor Allem dem unmittelbaren Bewußtsein des Volkes, daß in Straßburg Deutschland sich selber wieder gefunden und eine neue Zeit seiner Geschichte ruhmvoll be­gonnen bat.

Zn diesem Sinne enthält die jetzige große Freude zugleich ein ernstes Gelübde: das deutsche Volk, welches die Wieder­gewinnung Straßburgs als ein Fest der Wiedererstehung Deutschlands feiert, muß entschlossen sein, die Grundlage der neu erwachten Kraft, die Einmülhigkeit der Herzen und die Gemeinschaft des nationalen Strebens zu wahren und durch feste politische Einrichtungen zu sichern.

Die Wiedervereinigung Straßburgs und der alten deut­schen Gauen mit dem ncuerstehenden deutschen Reiche möge nicht blos eine Probe und Bewährung des neu erwachten

Geistes, sondern für alle Zeiten ein Unterpfand ächter deutscher Einheit und nationaler Macht sein!

Rundsârreiben Les Grafen von BiSmarck über die Waffenstillstands-Verhandlungen

(an die Gesandten des Norddeutschen Bundes).

Ferrières, den 27. September 1870.

Der Bericht, welchen Herr Zules Favre über seine Unter­redungen mit mir am 21. d. Mts. an seine Kollegen gerichtet hat, veranlaßt mich, Ew...... über die zwischen uns statt­gefundenen Verhandlungen eine Mittheilung zugehen zu lassen, welche Sic in den Stand setzen wird, sich von bem Verlause derselben ein richtiges Bild zu machen.

Zm Allgemeinen läßt sich der Darstellung des Herrn Zulcs Favre die Anerkennung nicht versagen, daß er bemüht ge­wesen ist, den Hergang cker Sache im Ganzen richtig wie­derzugeben. Wenn ihm dies nicht überall gelungen ist, so ist dies bei der Dauer unserer Unterredungen und den Umständen, unter welchen sie stattfanden, erklärlich. Gegen die Gesammt- Tendenz seiner Darlegung kann ich aber nicht unterlassen zu erinnern, daß nicht die Frage des Friedensschlusses bei un­serer Besprechung im Vordergründe stand, sondern die des Waffenstillstandes, welcher jenem vorausgehen sollte. Zn Bezug auf unsere Forderungen für den späteren Abschluß des Friedens habe ich Herrn Z. Favre gegenüber ausdrücklich konstatirt, daß ich mich über die von uns beanspruchte Grenze erst dann erklären würde, wenn das Prinzip der Landabtre­tung von Frankreich überhaupt öffentlich anerkannt sein würde. Hieran anknüpfend ist die Bildung eines neuen Mosel-Departements, mit den Arrondissements Saar­burg, EhLteau Salins, Saargemünd, Metz und Thionville, als eine Organisation von mir bezeichnet wor­den, welche mit unseren Absichten Zusammenhänge. .Keines­wegs aber habe ich darauf verzichtet, je nach den Opfern, welche die Fortsetzung :cs Krieges uns in der Folge aufcr- legen wird, anderweitige Bedingungen für den Abschluß des Friedens zu stellen.

Straßburg, welches Herr Favre mich als den Schlüssel des Hauses bezeichnen läßt, wobei es ungewiß bleibt, ob unter letzterem Frankreich gemeint ist, wurde von mir aus­drücklich als der Schlüssel unseres Hauses bezeichnet, dessen Besitz wir deshalb nicht in fremden Händen zu lassen wünschten.

Unsere erste Unterredung im Schlosse Haute Matson bei Montry hielt sich überhaupt in den Grenzen einer akademi­schen Beleuchtung von Gegenwart und Vergangenheit, deren sachlicher Kern sich auf die Erklärung des Herrn Z. Favre beschränkte, jede mögliche Geldsumme (tont largent que nous avons) in Aussicht zu stellen, Landabtretungen dagegen ab­lehnen zu müssen. Nachdem ich letztere als unentbehrlich be­zeichnet hatte, erklärte er die Friedensunterhandlungen als aus­sichtslos, wobei er von der Ansicht ausging, daß Landabtre­tungen für Frankreich erniedrigend, ja sogar entehrend sein würden.

Es gelang mir nicht, ihn zu überzeugen, daß Bedingungen, deren Erfüllung Frankreich von Ztalien erlangt, von Deutsch­land gefordert habe, ohne mit einem der beiden Länder im Kriege gewesen zu sein, Bedingungen, welche Frankreich ganz zweifellos uns auferlegt haben würde, wenn wir besiegt worden wären, und welche das Ergebniß fast jeden Krieges auch der neusten Zeit gewesen wäre, für ein nach tapferer Gegenwehr besiegtes Land an sich nichts Entehrendes haben könnten, und daß die Ehre Frankreichs nicht von anderer Beschaf­fenheit sei, als diejenige aller anderen Länder. Ebensowenig fand ich bei Herrn Favre dafür ein Verständniß, daß die Rückgabe von Straßburg bezüglich des Ehrenpunktcs keine andere Bedeutung als die von Landau oder Saarlouis haben würde, und daß die gewaltthätigen Eroberungen Ludwigs XIV. mit der Ehre Frankreichs nicht fester verwachsen wären, als diejenigen der ersten Republik oder des ersten Kaiserreichs.

Eine praktischere Wendung nahmen unsere Besprechun-