Einzelbild herunterladen
 
  

Um diese Ablehnung vor Europa zu rechtfertigen und um das französische Volk zu neuem verzweifelten Widerstand auf. zurcgen, scheint die revolutionäre Regierung cs nöthig gefun­den zu haben, die Forderungen des Grafen Bismarck zu übertreiben und seine Aeußerungen zu entstellen.

In einem neuen leidenschaftlichen Aufrufe an das franzö­sische Volk behauptet die Regierung in Tours: Graf Bismarck habe auch dicUcbergabe des bedeutendsten Pariser Festungsforts Mont-Valerien verlangt, — ja er habe die Absicht aus- gesprochen, Frankreich zu einer Macht zweiten Ranges hcrab- zudrücken. An die Zurückweisung dieser Ansprüche wird von der revolutionären Regierung die Versickerung geknüpft: das zur Verzweifelung gebrachte Paris werde sich lieber unter seinen Mauern begraben lassen. Solchen unverschämten Forderungen tonne nur durch Fortsetzung des Kampfes bis zum Aeußersten geantwortet werden. Frankreich nehme den Kampf auf und zähle auf seine ganze Bevölkerung.

Die Behauptungen, auf welche sich dieser Aufruf stützt, sind unwahr. Graf Bismarck hat weder die Uebergabe des Mont-Valèrien verlangt, noch hat er die Absicht geäußert, Frankreich zu einer Macht zweiten Ranges herabzudrücken. Für den Waffenstillstand hat er die oben angebeuteten Forderungen gestellt, deren Mäßigung bereits überall im neutralen Europa anerkannt worden ist. Was den künftigen Frieden betrifft, so hat Graf Bismarck in seinen jüngsten Erlassen das Maaß der zu fordernden Abtretungen angebeutet. Es gehört der Hochmuth der französischenNation dazu, um darin den Ver­such einer Herabdrückung Frankreichs zum Range eines Staates zweiten Ranges zu finden.

Dieser Hochmuth wird jetzt, nachdem die gemäßigten Waf- fenftiUjtanbSbebingungcn zurückgcwiescn sind, in seinem Haupt­sitze, in Paris selbst, zunächst 51t beugen sein.

So bereitwillig unsere Regierung die Hand dazu geboten hätte, die Leiden des Krieges abzukürzen, so mag es doch für die Zukunft sein Gutes haben, daß derselbe nickt zu Ende gehe, ohne daß die Hauptstadt, deren Leichtsinn und Uebermuth ganz Frankreich beherrscht, auch ihrerseits jene Leiden und Lasten nachhaltig empfinde.

Die große Mahnung und Lehre, welche dieser Krieg für die französische Nation bringt, würde nickt zu voller Geltung ge­langen, wenn sie sich nicht auch auf Paris erstreckte.

So muß sich denn das Verhängnis! auck für die stolze Weltstadt erfüllen!

Aus Frankreich.

v (Uebersicht.)

Kampf vor Paris. Die Einschließung von Paris sollte nicht vollendet werden, ohne daß die pariser Regierung einen Ver- suck machte, das Vorrücken unserer Truppen noch im letzten Augen­blicke aufzuhalten. Es war darauf abgesehen, den Vormarsch unsers Kronprinzen im Süden der Hauptstadt, wo sich die schwächsten Stellen der Befestigung befinden, zu hindern,- zu­gleich sollte wohl durch das Vorgehen der noch übrig gebliebe­nen Divisionen der Feldarmee vor den Festungswerken der Muth der Mobil- und Nationalgarden zur Vertheidigung der Stadt selbst gehoben werden. Der Versuch ist jedoch für die Franzosen unglücklich ausgefallen und hat unsere Truppen zu einem ersten siegreichen Gefechte vor Paris geführt.

Vier französische Divisionen unter dem General Vinoy oder Ducrot waren unseren Truppen bis auf die Höhen von Sceaux entgegen gegangen, und trafen dort auf das 2. bayerische Corps und die 9. Division des 5. preußischen Armee-Corps. Es kam zu einem lebhaften Kampfe um die Höhen von Plessis- Piquet, an welchem sich zuletzt auch die 10. Division des 5. Armee-Corps beteiligte. Das Gefecht endete damit, daß die Franzosen bis hinter Chatillon in die Befestigungswerke von Paris zurückgcworfcn wurden, während unsere Truppen die ganze Hochebene besetzten. Wie sich später herausstellte, gingen die französischen Truppen theilweisc in völliger Auflösung nach Paris zurück und trugen den Schrecken bis in die Straßen der Stadt. 7 Geschütze und über 1000 Gefangene waren in den Händen der deutschen Truppen geblieben.

In einem englischen Blatte findet sich ein Bericht über das Gefeckt, in welchem gesagt wird, daß die Franzosen trotz der Rekognoscirungen, die man vorgenommen, in völliger Un- kenntniß über die Stellung und Stärke des Feindes ge­

wesen seien. Am Sonntag Abend — wird erzählt — stellte General Ducrot seine Truppen bei Chatillon, zwischen den Forts von Montrouge und Vanvrcs, auf. Am Montag, früh 5 Uhr, begannen die Freischützen das Gefecht und wurden, obwohl nicht mit großer Gewalt, von der preußischen Infanterie zurückgetrieben. Um 7 Ubr nahm französische Artillerie mit etwa 72 Geschützen Stellung und eröffnete eine heftige Kanonade in den gegenüberliegenden Wald hinein, aber eine halbe Stunde lang zeigte sich kein Feind. Eine Abthei­lung französischer Linien truppen versuchte darauf in den Wald ein- zudringen, befand sich aber urplötzlich einem ansehnlichen preußi­schen Corps gegenüber. Die Preußen waren in bem Walde wie zu Hause und machten aus jedem Baum eine Festung, von wo aus sie die Gegner gemüthßruhig aufs Korn nahmen. In diesem Augenblicke kam ein Bataillon Mobilgarden heran und feuerte in den Wald und zwar in die Reihen des franzö­sischen 16. Regiments hinein, worauf dasselbe dann vollends in wilde Flucht ausbrach. Unterdessen hatte die Hauptmacht der Deutschen eine Höhe zur Linken des Feindes besetzt, welche die Stellung der französischen Infanterie völlig' beherrschte. Dort fuhr Artillerie auf und überschüttete den Femd mit einem Hagel von Kugeln und Sprenggeschoffen. Die Infanterie-Regimenter, meist aus Reserven und jungen Rekruten gebildet, litten gewaltig und hielten nicht lange Stand. Um 9 Uhr begann der Rückzug. Der linke Flügel der Franzosen scheint sich jedoch bis Nach­mittags auf den Höhen von Villcjuif gehalten zu haben. Unter den Fliehenden zeichneten sich die Regimenter 16 und 27 durch die Gewalt der rückweichcndcn Bewegung aus.

Daß diese Darstellung nicht übertrieben ist, ergiebt sich aus einem Tagcsbcfcbl deS General Trochu, welcher die Haltung des 1. Zuaven - Regiments, das in Folge eines unglaublichen Schreckens in Unordnung zurückgegangen sei, öffentlich tadelt und gegen diese undisziplinirten und bemoralifirten Soldaten strenge Maßregeln ankündigt.

Nachdem der Versuch, ben- Vormarsch der Kronprinzlichen Armee aufzuhalten, gescheitert war, rückte dieselbe südlich und südwestlich von Paris weiter vor. Der Kronprinz nahm sein Hauptquartier in der alt berühmten Residenz Versailles, woselbst 2000 Mobilgarden sich gefangen gaben.

Das Städtchen Sèvres, gegenüber St.Cloud, (mit einer berühmten Porzcllanmanufaktur), erbat sich deutsche Besatzung, vermuthlich zum Schutze gegen die Partei der rothen Republik, welche alles Eigenthum bedroht.

Paris ist nunmehr seit dem 20. völlig eingeschossen und von allem Verkehr nach außen abgefebnitten. Im Norden steht die (4.) Armee des Kronprinzen von Sachsen, im Süden und Westen die (3.) Armee unsers Kronprinzen. Die Verbindung zwischen beiden wird durch die zahlreiche Kav Uerie aufrecht cr- halten, welche gleichzeitig Streifzüge nach en benachbarten Provinzen macht.

Inzwischen ist auch das letzte Hinderniß eseitigt, welches einer baldigen wirksamen Beschießung von Par^s entgegenftanb.

„Soul gonoWinen", so meldete eine Depesche vom 23. d. M. aus dem Hauptquartier des Großherzogs von Mecklen­burg-Schwerin, welcher mit einem Theil der von ihm be­fehligten Reserve-Armee (jetzt 13. Armeccorps) seit Kurzem zu den Belagcrungstruppen von Toul gestoßen war. Toul ist eine Festung zweiten Ranges / ihr Besitz aber hat im Augen­blick für uns eine große Wichtigkeit. Dieselbe sperrte bisher den einzigen für unsere Armee zu benutzenden Eisenbahnweg nack Paris und bereitete uns dadurch sehr große Schwierigkeiten. Jede Armee muß beim Vorrücken in Feindesland darauf Bedacht nehmen, sich einen möglichst ungehinderten Weg von und nach der Heimath zu sichern, um alle Mittel zur Verpflegung der Truppen, den nöthigen Nach­schub an Soldaten und Material, besonders auch das große Belagerungsgeschütz heranziehm zu können. So lange wir nicht im Besitze von Metz sind, ist der einzige solche Weg für uns die Eisenbahn über Nancy nach Chalons und Paris. Bisher aber war auch diese bald hinter Nancy durch die Festung Toul unterbrochen, welche von allen Transporten auf einem weiten Umwege umgangen werden mußte, was wegen der nöthigen Umladung und wegen der Bcsckaffung von Fuhrwerk überaus lästig war. An die Herbcisckaffung eines vollständigen Belagerungsparks nach Paris war unter solchen Umständen kaum zu denken, da dazu, abgesehen von den