Wenn in mährchenhafter Vorzeit das gewaltige Babylon durch mächtige Wälle und Thürme gegen den Feind geschützt war, so kann dies doch mit den Befestigungen von Paris nicht verglichen werden, well damals der Kampf nicht mit den furchtbaren Feuerwaffen geführt wurde, welche jetzt auch die stärksten Mauern erschüttern und auf weite Entfernungen Tod und Verderben in das feindliche Lager tragen.
Die Befestigung von Paris ist ein Werk der letzten dreißig Jahre/ sie wurde im Fahre 1840 in Folge der damaligen Erregung gegen Deutschland beschlossen und in den nächstfolgenden Fahren ausgeführt. Der Plan der damaligen Regierung fand zuerst den heftigsten Widerspruch, weil die Meinung verbreitet war, daß cs dem König Ludwig Philipp bei den Festungswerken viel mehr um die Bekämpfung der Pariser im Falle einer inneren Revolution, als um die Vertheidigung gegen den äußeren Feind ankomme, und bis in die jüngste Zeit war vielfach die Ueberzeugung verbreitet, daß eine ernste Vertheidigung von Paris als Festung nicht in Aussicht zu nehmen sei. Inzwischen ist zuerst Ludwig Philipp im Fahre 1848 der Revolution gewichen , ohne von den Festungswerken einen Gebrauch gegen die Pariser zu machen, und so eben hat das Napoleonische' Regiment wicbeytm die Hauptstadt und damit die Herrschaft im Lande ohne einen Versuch der Vertheidigung pretsgegeben.
Es wird sich jetzt zeigen, in wie weit die Befestigung von Paris den Zweck, zu welchem sie ausdrücklich bestimmt ist, den Schutz der Hauptstadt zu verbürgen vermag.
Die Befestigung zerfällt in zwei Theile, die innere Umwallung und die äußeren Forts.
Die innere Befestigung umgwbt die Hauptstadt auf einem Umfange von 7 Stunden mit Wall, Graben und ©lacië. Die Ringmauer ist mit etwa 90 Bastionen versehen, der Hauptwall hat etne Mauerbekleidung von 10 Meter Höhe, der 35 Fuß breite Graben kann von den Kanälen und der Seine aus unter Wasser gesetzt werden, rings herum läuft eine Militärstraße, sowie die Verbindungsbahn der Pariser Eisenbahnen.
Wäre Paris nur mit diesem Ringwallc versehen, so würde die Eroberung kaum große Schwierigkeiten darbieten, weil die Mauer nirgends durch ein unmittelbares größeres Außenwerk geschützt ist. Die wirksamste Vertheidigung liegt jedoch über die Ringmauer hinaus in den dctackirtcn Forts.
Um die innere Befestigung zieht sich ringsum ein Gürtel von 15 einzelnen Forts, welche etwa 3500 Schritte von einander entfernt sind und einen Gesammt-Umfang von 12 Stunden ei nehmen.
Den Mittelpunkt und stärksten Theil der Befestigung bil- den die Werke auf der Ostseile von Paris, also die nach Deutschland gerichtete Front. Dort liegen an einem Höhenzuge von 400 Fuß Erhebung die drei Forts Romainville, Roisy und Rosny, und etwas südlich davon das Fort No gen t. Die Räume zwischen diesen Fons liegen im Kreuz- feuer derselben und sind noch durch eingeschobene kleine Werke (Redouten) vertheidigt. Die einzelnen Forts sind von bedeutender Ausdehnung und enthalten bombensichere Kasernen und alle Einrichtungen zu dauerndem Aufenthalt einer größeren Besatzung.
Hinter diesen Forts liegt der Wald von Vincennes mit einem großen befestigten Schlöffe, welches als Hauptwaffen- Platz für alle umgebenden Forts dient, zu selbständiger Ver- theldigung jedoch nicht stark genug ist.
An diese Ostfront der Befestigungen schließt sich im Nor d- osten zunächst dasFortAubervillicrs und sodann das am Montmartre gelegene überaus stark befestigte St. Denis' mit drei selbstständigen Forts (bc la Brick c, Double Eou- ronne und de'l'Est), welche untereinander durch Wälle und Gräben zu einer förmlichen Festung verbunden sind und ringsum von Wasser umgeben werden können.
Im Südwesten schließen sich an die Ostfront in dem Winkel zwischen der Seine und Marne das starke Fort Charenton und in der von der Marne gebildeten Halbinsel bei St. Maur zwei kleinere Werke.
Alle diese Forts und Werke der gejammten Ostfronte bilden ein überaus festes verschanztes Lager, welches einer großen Vertheidigungs-Armee eine sehr vorthellhafte Stellung vor ^at ©it*Südsctte^der Hauptstadt ist durch fünf Forts geschützt,
zunächst, an das Fort Charenton sich anschließend, das Fort von Ivry, dann auf je 4000 Schritt die Forts von Bi- cetre, Montrouge, Vanves und Issy. Da die letz, teren von den Höhen des linken Seine-Ufers überragt sind und von da auS durch die jetzigen weittragenden Ge- schütze erreicht werden können, so hat man in den letzten Wochen noch ein neues, jedoch unbedeutendes Werk bei Cla- mart dazwischen geschoben. Auch die äußerste südwestliche Ecke beim Fort Fssn ist neuerdings als ein schwacher Punkt der Befestigungen erkannt und durch neue Werke bei Montre- t o ut ergänzt worden.
Die Westseite von Paris ist verhältnismäßig weniger durch Festungswerke geschützt,' die dreifache Windung der Seine schien dort an und für sich eine genügende Deckung, zumal unter der Voraussetzung, daß der Feind bei seinem Vorgehen noch auf eine' starke französische Feldarmee Rücksicht zu nehmen hahe. Es ist deshalb auf jener Seite nur ein großes Fort auf dem Mont Valörien errichtet worden, welches von dem nächsten Fort im Norden (bc la Briche) H Meilen entfernt ist.
Bei der bcvsrsiehenden Vertheidigung von Paris trifft nun eine der wichtigsten Voraussetzungen, von welchen man bei der Anlage der Befestigungen ausgegan- gen war, nicht zu: — es fehlt eine größere reguläre Armee, sowohl innerhalb der Festungswerke, alö auch im freien Felde. Die Vertheidiger können weder größere Truppenmaffen zwischen die Wälle und die Forts stellen, um von da aus die Angreifer ernstlich zu beunruhigen, nock können sie auf eine Entsetzung durch eine von außen hcranrückendc Feldarmee rechnen. Träfen jene Voraussetzungen zu, so würden unsere Armeen genöthigt sein, vor Allem dw starke Nordost- und Oftseite der Befestigungen ins Auge zu fasten, weil sie sonst beim Vordringen nach dem Süden und Westen der Stadt sich der Gefahr ausietzen würden, von ihrer Rückzugs- und Verpflegungslinie abgcschnittcn zu wcrd'cn. An eine Einschließung der ungeheueren Stadt von allen Seiten könnte dann nicht gedacht werden, weil sich unsere Armee bei der Gefahr feindlicher Ilebcrfâlle nicht so weit ausbreiten dürfte. Ebenso wenig würde cs dann möglich sein, die Angriffspunkte von vorn herein auf der ganzen Ausdehnung der Forts frei zu wählen.
Jetzt dagegen kann unsere Heeresleitung ganz nach eigenem freien Ermessen Zeit und Ort, sowie Art und Weise der Belagerung bestimmen, die Vertheidiger sind fast ausschließlich auf die Abwehr beschränkt,' zu einem wirksamen Angriffe, mithin zu einem bestimmenden Eingreifen in unsere Operationen fehlt ihnen die erforderliche militärische Kraft.
Ja, cs ist in hohem Grade zweifelhaft, ob die in Paris vorhandenen Truppen, zum geringsten Theile wirklich militärisch geschulte Soldaten, der Mehrzahl nach Mobilgarden und Nationalgarden, auch nur zur genügenden Besetzung und Vertheidigung der Forts und der Wälle in der ungeheuren Ausdehnung derselben genügen werden.
Eine Revue, welche der GeneralTrochu jüngst über die VcrtbeidigungSkräftc von Paris gehalten hat, scheint wenig geeignet gewesen zu sein, die Zuversicht auf deren Tüchtigkeit zu heben.
Nur der kleinere Theil der Nationalgarde war in Uniform; die Meisten, besonders die Arbeiter, waren in Civilkleidung, hatten sich in ihre Sonntagstracht gesteckt und trugen nicht einmal die Soldatcnmütze. Noch seltsamer machten sich die Waffen, welche die Natwnalgarde trug. Es waren Gewehre aller Art, und man bemerkte nur sehr wenige Chaffepots. Einen noch bunteren Anblick bot die Mobilgarde dar, die größtcntbells der Provinz angehörte. Sie trugen die verschie- densten Trachten und ihre Gewehre lassen ungemein viel zu wünschen übrig. Man schätzt die Zahl der Vertheidiger von Paris, welche der Revue anwohnten, ungefähr aus 180,000 Mann.
Neuerdings ist dann berichtet worden, daß 6000 Mobil- garden, weil'sie mit der jetzigen Regierung nicht überein- stimmten, einfach Paris verlassen haben. Man darf hieraus schließen, daß cs mit der militärischen Disziplin in der Pariser Armee schwach bestellt ist.
Die Pariser Regierung und die Bevölkerung scheinen auch ihrerseits keinen allzu festen Glauben an die Kraft ihrer mili-