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Seit dem frühen Morgen hatte der König auf dem Punkte ausgebarrt, den er zur Beobachtung eingenommen.

Ungefähr um halb vier Uhr traf der Kronprinz mit seinem Stabschef und einigen anderen Offizieren ein. Die Entscheidung war offenbar schon da, aber cs mochte sich darum bandeln, sie rasch voll­ständig herbeizuführen. Die bayerischen Batterien erhielten den Be­fehl, die Stadt, welche bisher geschont worden, und mit Soldaten vollgepfropft war, zu beschießen. Lange bemerkte man keine Wirkung. Endlich erhob sich an einem kleinen rothgedecknn Hause eine schwache Rauchsäule, doch verbreitete sich das Feuer nicht weiter. Aber plötzlich stieg links der Kirche eine timenschwarze Wolke auf und wenige Sekunden später leckte unter ihr die rothe Gluth hervor. Langsam stieg die Wolke, unten schwarz, oben weißlich grau, sich oben weit ausbreitend, wie eine Baumkrone.

Fast in demselben Augenblick war Alles still geworden, bis auf das entfernte Grollen einiger Geschütze , und kein Maler konnte ein schöneres Bild träumen, als die Wolke in der Mitte der sonnigen Landschaft, die Berg und Fluß, Wald und Acker, Stadt und Dörfer in unmuthigster Abwechselung vereinigte.

In bicfem Moment wer es, wo sich plötzlich die Nach­richt verbreitete, daß die Franzosen die Kapitulation anbötcn. Sie hatten darüber zuerst mit dcn dcn Tboren am nächsten stehenden bayerischen Generalen Mellinger und Bothmer verhandelt. Als nun dem Könige die Meldung gemacht wurde, erklärte er, daß der Parlamentär sich zu ihm zu begeben habe. Es waren Augen­blicke der größten Spannung. Noch mag cs ungewiß gewesen sein, wer in der Stadt war, denn man hatte einige Stunden vorher eine Reitercikolonne durchbrechen sehen, in der sich möglicherweise der Kaiser bekunden haben konnte. Durch ein großes auf dem Platze befindliches Fernrohr war es unterdessen möglich, auf's Genaueste die in der Stadt zusammengehäuflen Truppen zu sehen. Man konnte die einzelnen Gestalten erkennen. Die Leute lagen massenweise da und rubten sich aus. Endlich traf der Oberst -Lieutenant Bronsart von Schcllcndocf ein der nach der Stadt gesendet worden war, und meldete, daß der Kaiser Napoleon dort sei und daß ein Parlamentär alsbald kommen werde. Der König, in tiefster Ergriffenheit, schüttelte dem Kronprinzen, dem Ge­neral von Moltke, dem General von Podbicleki, dem Grafen Bismarck und dem Kriegs - Minister die Hand. Es war 6 Ubr und fing schon an zu dunkeln, denn die Sonne war hinter schwarzes Ge- wölk untergetaucht. Die Umrisse der Gegenstände im Thal, der Stadt selbst, wurden undeutlicher. An $mei Stellen brannte eS. Jetzt sah man von der Stadt auf dem geradesten Wege heraus die Parlâmentär- flagge und drei Personen zu Pferde sich nähern. Es waren der französische General 9iti[Ic, der Hauptmann vom Generalstabe v. Winterfeld und der Ulanen-Trompeter mit der PaUamentärflaggc. Der König trat etwas vor, seine ganze Umgebung zog sich einige Schritte zurück. Die StabSwache war kurz vorher bcronkommandiit worden und stand aufmarschirt hinter dem Gefolge. Ungefähr 80 Schritt vor dem König stiegen die Reiter ab. Der General Rcille, ein stattlicher Mann, der auf der Brust die Krim- und die Solferino - Medaille trug und sich auf einen Stock stützte, näherte sich dem König bis aus etwa 20 Schritt, dann nahm er sein Käppi ab und ging mit ent­blößtem Haupte auf den König zu, dem er ein Schreiben überreichte ein Schreiben des Kaisers Napoleon. Der König, der den General erst gegrüßt hatte, nahm das Schreiben, zerriß das Couvert, las daS Schreiben, sprach nocb ein paar Worte zu dem Ge­sandten, der sich wieder zurückzog und trat dann zurück, um in einer Gruppe, bestehend aus dem Kronprinzen, dem Prinzen Karl, dem Großherzog von Weimar und dein Herzog von Coburg, beut Grafen Bismarck und dem General von Moltke, den Brief zu verlesen, dessen Inhalt sich wie ein Lauffeuer bald auch außerhalb dieses Kreises ver­breitete: daß der Kaiser, da es iVm nicht gestattet gewesen, an der Spitze seiner braven Armee zu sterben, dem Könige seinen Degen überreichte. Die Besprechungen dauerten ziemlich lange Zeit. Der König war allmälig ganz nach dem Hintergründe getreten. Dort saß cr auf einem Stuhl, während der zweite Stuhl, den Major v. Alten in die Höhe hielt, ihm als Schreibtisch diente und nur noch Graf Hatzfeld dabei stand. So schrieb der König die Antwort auf den Brief des Kaisers Napoleon. Etwa zu gleicher Zeit ließ der General von Moltke die Generaistabsoffiziere zu sich rufen, hielt eine kurze An­rede, in der er ihnen seinen Dank aussprach, und schüttelte dann Jedem die Hand. Dcr Major von Alten überbrachte dann das Schreiben des Königs dem General Rcille, der es wieder entblößten Hauptes cntgegennahm. Der General stieg zu Pferde und begab sich in die Stadt zurück. Noch ehe er fort war, fing das Hurrah- rufen der Truppen, welche die freudige Botschaft erhalten hatten, an und pflanzte sich von dem linken Flügel an fort in einer Stärke, daß es meilenweit vernehmbar gewesen sein muß. Noch einen Augenblick hielt der König an und schrieb stehend und schon fast in der Dunkelheit etwa?, ohne Zweifel das Telegramm, welches Berlin (und ganz Deutschland) in einen Taumel deS Entzückens ver­setzen wird.«

(Ansprache und Trinkspruch unseres Königs.) Nach dem Abschlusse der Kapitulation von Sedan, und nachdem dieselbe im Königlichen Hauptquartier soeben verlesen war, richtete unser König an dic anwesenden Fürsten folgende Worte:

»Sie wissen nun meine Herren, welch großes geschichtliches Ereigniß sich zugetragen hat. Ich verdanke dies den ausgezeichneten Thaten der vereinigten Arineen, benen ich mich gerade bei dieser Seron- lassung gedrungen fühle, meinen Königlichen Dank auszusprechen, um so mehr, als die großen Erfolge wohl geeignet sind, den Kitt noch fester zu gestalten, der >ie Fürsten des Norddeutschen BundeS und meine anderen Verbündeten deren Fürstliche Mitglieder ich in diesem großen Momente zahlreich um mich vcrsam- melt sehe mit Uns verbündet, so daß wir hoffen dürfen, einer glücklichen Zukunft entgegen zu gehen. Allerdings ist unsere Auf­gabe mit Dem, was sich unter unseren Augen vollzieht, noch nicht vollendet,' denn wir wissen nicht, ivie das übrige Frankreich es aufnchmtn und beurtheilen wird. Darum müssen wir schlagfertig bleiben,' aber schon jetzt Meinen Dank Jedem, der ein Blatt zum Lorbeer- und RuhmeSkranzc unseres Vaterlandes hinzugcfügt.«

5118 der Köniz seine Verbündeten erwähnte, richtete er seine Augen besonders auf die Prinzen Luitpold von Bayern und Wilhelm von Württemberg, denen Se. Majestät später auch noch die Hand reichte. Man kann sich leicht denken, welche Wirkung diese Worte deS Königs in diesem Augenblicke und in dieser Umgebung hervorbrachtm. Am folgenden T«ge brachte der König beim MittMßmahlc im Hauptquartier folgenden Trinkspruch aus:

»Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Krieg!- Minister v. Roon, haben unser Schwert geschärft,' Sie, General v. Moltke, haben cs ge­leitet, und Sie, Graf V. Bismarck, Hatzen seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie unS also auf das Wohl der Armee, der drei von Mir Genannten und jedeS Einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen bat.«

Millionen Deutsche stimmen freudig in des Königs Trinkspruch ein, indem sie ibrcn'Dank und ihre Segenswünsche vor Allem auch aus den allverehrten Fürsten und Ober-Feldherrn selber richten.

(Zum Siege bei Sedan.) Wie bedeutend die Armee Mac Mahon's vor den letzten zerschmetternden Schlägen noch gewesen, darüber ist nachträglich noch volle Gewißheit erlangt worden. Nach­dem die Franzosen in der Schlacht bei Beaumont nahezu 25,000 Mann verloren hatten, wurden in der Schlacht bei Sedan 25(600 Mann gefangen f bei der Kapitulation aber 83,000 Mann (darunter 4000 Offiziere und über 50 Generäle) und außerdem k4,000 Verwun­dete vorgefunden. Unter Hinzurechnung von etwa 3000 Mann , biè nach Belgien versprengt waren, betrug mitbin die Mac Mahonsche Armee vor den Tagen von Beaumont und Sedan etwa 150,000 Mann.

Durch diese Zahlen wird auch die Bedeutung unserer Siege erst ins rechte Licht gestellt: die Behauptung der Franzosen j daß sie nur durch unsere Ucbermacht erdrückt worden seien, trifft offenbar für Beaumonj durchaus nicht im Mindesten zu, da hier von unserer Seite kaum 120,000 Mann gegen eine ebenso große oder größere Fcindcszabl im Kampfe standen. Auch bei Sedan fanden die sieg­reichen Einzelkämpfe thcilweisc gegen weit überlegene feindliche Massen statt, der großartige Gesammterfolg wurde freilich dadurch gesichert, daß es unserer bewunderungswürdigen Heeresleitung gelungen war, ungeachtet des großen Vorsprung« der Mac Mahonschen Stumo welche theilweise auf der Eisenbahn nach dem Norden be­fördert war, alle Kräfte der beiden Kronprinzlichcn Armeen aus den weitesten Entfernungen in kräftigsten Eilmärschen nicht blos zur rechten Zeit heranzuziehen, sondern noch die feindliche Armee zu über­flügeln und rings zu umgehen, so daß Mac Mahon sich am 1. September zu seiner großen Ueberrasebung ringsum cingsschloffen sah.

Es war hier eines der größten Meisterstücke der Feldherrnkunst gelungen, welches unserem Gencralstabschcf, General von Moltke, sowie allen den Führern und Gruppen, welche zur Durchführung hin­gehend mitgcwirkt haben, für alle Zeiten zum höchsten Ruhme 'g» reichen wird.

Nur durch eine so ungewöhnliche Kriegsthat konnte es geschehen, daß eine tapfere, heldenmüthige Armee von immer noch mehr als 80,000 Mann sich genöthigt fand, vor dem Sieger einfach die Waffen zu strecken, ein Ereigniß, welches bei solcher Truypenzabl in der Kriegsgeschichte aller Völker unerhört ist. Mit dem Kaiser selbst, dem verwundeten Marschall Mac Mahon und seinem ganzen Heere fielen 400 Feldgeschütze, darunter 70 Mitrailleusm, ferner 150 Festungs- geschützc, 10(000 Pferde und ein reiches Material in unsere Hände/

Ein beispielloser Erfolg in allen Beziehungen!

Vor Paris.

(Uebersicht.)

In diesem Augenblicke steht unser Heer vor Paris: ein Feldzug von sechs Wochen bat uns von Sieg zu Sieg über Weißenburg und Wörth, über Saarbrücken und Metz, über Vionville und Gravclottc,