erloschenen Feuern, Kleidungsstücke waren in wilder Hast aus den offen zurückgelassenen Koffern gerissen, angefangcnc Briefe, die in manchen Fällen merkwürdigen Aufschluß über die französische Auffassung des jetzigen Krieges gaben, lagen auf den Tischen,' Alles deutete auf eine wilde, kopflose, panische Flucht.
Dies war ein vollständiger, ein des blutigen Preises würdiger Erfolg!
Der Tag nach der Schlacht war ein ernster, trauriger Tag. Von 2 Uhr Nachmittags an bis spät in die Nacht hinein wurden die gefallenen Helden beerdigt. Die Negimentsmusiken spielten den alten schönen Choral: »Jesus meine Zuversicht!« In dem weiten Kreise, der durch die Kameraden der zu Begrabenden gebildet war, standen die Offiziere des Regiments und des Stabes. Unendlich ergreifend waren die stillen bitteren Thränen, die langsam über die sonnenverbrannten Wangen der kriegerischen starken Männer herabrollten. Rein, Niemand, der ruhig zu Hause sitzt und der den großen Kampf, den wir jetzt kämpfen, nur aus Berichten von blutigen Schlachten, von theuer erkauften Siegen kennt, kann sich einen Begriff von der furchtbaren Geißel deS Krieges machen: Hab und Gut, Leib und Blut, Alles muß vor ihr vergehen. Ewige Schande den ruchlosen Frevlern, die sie heraufbcschworcn!
Gegen 9 Uhr Abends wurde die feierliche Todtenmusik plötzlich durch einen kecken, schnellen Marsch unterbrochen. Näher und näher kam das klingende Spiel, und jetzt zogen die Regimenter rasch und leichten Schrittes an uns vorüber. Es waren unsre wackeren Kampfgenossen, die überall beliebten und gelobten Sachsen. Sie riefen uns einen freundlichen: »Güten Abend, Kameraden!« zu, der herzlich erwidert wurde. Bald verklang die Musik in der Ferne,' aber nicht lange, denn gleich darauf ertönte cs in vollem Mânnerchor: »Stille Nacht, Heilige Nacht« — und von der andern Seite: »Lieb Vaterland, kannst ruhig sein«.
Ja, Vaterland, du kannst ruhig fein! So lange in deutschen Auen Männer geboren werden, wie jene treuen Helden, die vor St. Marie und St. Privat fochten, bluteten und starben, so lange kann kein Feind, woher er auch kommen möge, dem deutschen Daterlande etwas anhaben!«
Unser König hat sein Hauptquartier jetzt zu Ste. Mene- hould in der Champagne, nahe bei Chalons.
Vier Wochen sind cs eben, daß der Königliche Feldherr zu seiner Armee abging , sechs Wochen kaum, daß die ersten Rüstungen bei uns begannen.
Am 15. Juli kündigte der französische Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper an, daß Frankreich den Krieg beschlossen habe.
Am 15. August, dem Napoleonstage, so verkündeten die französischen Blätter, gedenke der Kaiser in Berlin cinzuziehen.
Am 31. Juli zog unser König hinaus, um den drohenden Angriff von unserm Vaterlande abzuwehren.
Am 2. August erließ er von Mainz aus den ersten Armeebefehl an die vereinigten deutschen Heere.
Am 4. August tonnte er noch von Mainz aus den ersten glänzenden Sieg, der „unter Fritzens Augen" bei Weißenburg erfochten worden, schon am 6. August den „neuen großen Sieg durch Fritz" bei Wörth an die Königin melden, — noch von demselben Tage den Sieg bei Saarbrücken und Forbach.
Ein Armeebefehl vom 8. August verkündete, daß die Armee in Verfolgung des zurückgedrängten Feindes die Grenze überschritten habe.'
Dann folgten von Herny, von Pont - L - Mouffon und von Rezonville die Siegcsnachrichtcn vom 14., 16. und 18. August, von Courcelles, von Vionville (Mars-la-Tour), endlich von Gravclotte, wo unter des Königs eigener Führung die französische Armee in neunstündiger Schlacht vollständig geschlagen wurde.
Jetzt ist der König mit dem größeren. Theile seiner Armee aus dem Marsch nach dem Herzen Frankreichs begriffen.
Elsaß, Lothringen und ein großer Theil der Champagne sind von den deutschen Heeren besetzt, und die Widerstandskraft Frankreichs scheint fast überall gebrochen.
„Von Jugend auf habe Ich vertrauen gelernt, daß an Gottes gnädiger Hülfe Alles gelegen ist", so sprach der König jüngst zu seinem Volke.
Gottes Hülfe, welche dem Könige und seinem Heere bisher wunderbar zur Seite gestanden hat, möge auch weiter das zuversichtliche Vertrauen des Königs erfüllen, und uns zu einem „die Ehre und die Unabhängigkeit Deutschlands dauernd verbürgenden Frieden gelangen lassen."
Neue Truppen. In den letzten Tagen haben wieder bedeutende Truppenbewegungen bei uns stattgefunden. Es galt einerseits, die Lücken auszufüllen, welche im Laufe des Krieges in den einzelnen Regimentern aus dem Kriegsschauplätze entstanden sind, andererseits neue Truppenkörper für die weiteren Zwecke der Kriegführung aufzustellcn.
Zur Ausfüllung der Lücken in der Armee sind zunächst die Ersatz-Bataillone und.Schmadronen bestimmt, deren Ausbildung in den Ersatz-Depots überall soweit vorgeschritten war, daß die Mannschaften im Laufe der vorigen Woche zu ihren Regimentern abgehen konnten. Die einzelnen Truppenthetic, welche bisher im Kampfe besonders gelitten haben, werden hierdurch fast durchweg wieder vollständig ergänzt werden. In den Ersatz-Depots beginnt gleichzeitig die Ausbildung weiterer Bataillone und Schwadronen.
Außerdem sind als Besatzung für die okkupirten französi- schen Provinzen und zur Theilnahme an der Entschließung von Metz eine Anzahl der schon früher gebildeten Rescrvccorps neuerdings nach Frankreich gezogen worden, um in demselben Maße die bisher dort operircnden Armeen für die weiteren Zwecke der Kriegführung verfügbar zu machen.
Endlich ist die Bildung von zwei neuen Reserve Armee- Corps im Werke, welche bei Berlin und bei Glogau zusammcngezogcn werden.
Für die freiwillige Krankenpflege. Der Königliche Kom- miffauus für die freiwillige Krankenpflege hat neuerdings eine dringende Bitte um Gewährung von Geldmitteln an alle Kreise der vom Kriege nicht näher berührten Provinzen - gerichtet. In der zu diesem Zwecke verbreiteten Denkschrift heißt es:
Die Aufgabe der freiwilligen Krankenpflege für die Armee theilt sich im Wesentlichen nach zivei Richtungen.
In erster Linie liegt ihr die Fürsorge ob für die Verwun- deten auf den Schlachtfeldern, für deren erste Unterbringung und Pflege, sowie für deren Rücktransport nach den Reserve-Lazare thcn,'
in zweiter Linie: die Organisation der Unterstützung der über ganz Deutschland verbreiteten staatlichen Re- servc-Lazarethc, .sowie der Errichtung, Ausrüstung und Unterhaltung von Vereins-Lazarcthen und von Pflcgestättcn für Rekonvaleszenten.
So wichtig die letztere Funktion ist, so liegt es doch auf der Hand, daß dieselbe sehr viel geringere Schwierigkeiten zu überwinden hat, weil vollkommen geregelte Zustände vorliegen, weil mit Leichtigkeit sich um jede der gedachten Anstalten die Bevölkerung der Ilm- gegend gruppirt und ohne übertriebene Opfer Alles zu leisten vermag, was erforderlich ist. Ist der Verwundete erst im Reserve- oder Vereins- Lazarethe, so kann derselbe, soweit menschliche Hülfe reicht, als versorgt angesehen werden. Schon jetzt ist eine so große Anzahl von Rcscrve- und größeren Vereins-Lazarcthen errichtet, beziehungsweise in der Errichtung begriffen, daß kaum eine vollständige Belegung derselben erfolgen dürfte. Eine weitere Zersplitterung der Thätigkeit durch Grün- biu>g neuer Vereins-Lazarethe kann daher nur alb äußerst schädlich bezeichnet werden, da sie zwecklos ist und die Mittel für nützliche Verwendung entzieht.
Weit schwieriger ist die erstere Aufgabe, die Fürsorge für die Vcrw undeten auf dem S chla chtfeld c und deren erste Unterbringung. Im Anschluß an die mobile Armee, müssen, weit entfernt von den Hülfsmitteln des Landes , ohne alle Vorbereitung im Frieden , Sanitâts - Corps formirt, ausgerüstet, gelöhnt und an die rechte Stelle dirigirt werden.
Hier liegt die schwierigste, aber auch hauptsächlichste Aufgabe der freiwilligen Krankenpflege, denn vor Allem gilt es, den auf dem Schlacktfcldc nach Abzug der kombattirenden Armeen hülflos liegenden Verwundeten in eine geeignete Pflegestâtte und unter die Hand tüchtiger und liebevoller Hülfe zu bringen.
An Personen, welche zu diesem Behuf organisirt werden können, fehlt es zur Zeit nicht/ wohl aber sind außerordentlich große Mittel an Geld und Verpflegungsgegenständen nöthig, welche letzteren regelmäßig am billigsten und besten im Großen von dem Deutschen Central - Komite oder dessen Provinzial -Vereinen beschafft werden.
Wirklich nützlich wird sich daher die patriotische Liebesthätigkeit erweisen, wenn sie darauf hingewiescn wird, Geldmittel zu spenden, und zwar an die Stellen, welche dieselben zweckentsprechend verwenden und vertheilen können.
Täglich müssen viele Tausende von Thalern in baarem Gelde auf den Kriegsschauplatz entsendet werden,' alle Kreise werden daher das große patriotische Ziel in erheblicher Weise fördern, sofern sie Geldmittel an das Ccnèral-Komitc der deutschen Vereine zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger in Berlin (Unter den Linden Nr. 12) cinfenben.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hoftuchdruckcrel (N. v. Decker).