Ein rascher Marsch nach kurzer Rast brachte die 1. Garde-Infanterie. Division gegen Mittag vor die französischen Stellungen. Oer Feind zeigte zwischen St. Maric-aux-Chönes und St. Privat-la-Montagne bedeutende Streitkräfte. Südöstlich von letzterem Orte sah man Ar- tilleriefeucr. Gegen die dort gelegenen Höhen kämpfte das 9. Armee- CorpS.
Die Avantgarde der 1. Garde-Infantcric-Division, unter Führung des Oberst von Erckcrt vom Gardc-Füsilier-Rcgiment, ging, die ersten einschlagenden Granaten mit schallendem Hurcah begrüßend, sofort zum Angriff über und besetzte, in feindlichem Feuer, ein bei Habou- Ville gelegenes Wäldchen und LaS, der französischen Stellung nahe liegende Dorf St. 9liL Die Division folgte dieser Bewegung, indem sie sich in einer Schlucht, westlich von St. All, aufstellte/ gleichzeitig eröffnete die gcsammte CorpS-Äetillcric ein deftiges Feuer auf die außerordentlich starke und verschanzte französische Position von St. Privat. Diese ■ Position überhöht meilenweit das ganze Terrain. Auf ihrer Kuppe befindet sich ein Dorf, das durch große massive Gebäude und zahlreiche steinerne Mauern der Vertheidigung die aller- werthvollsten Hülfsmittel bietet. Deckung während des Angriffs auf diese starke Position, in der sich der Feind vollständig sicher fühlte, war nirgends zu erblicken.
Unter Berücksichtigung dieser Umstände befahl der kommandirende General, Prinz August von Württemberg, daß der Kampf zunächst von der Artillerie geführt werde. Der Commandeur der Artillerie, General- Major Prinz Hohenlohe wählte eine Position näher Ler feindlichen Hauptstellung und führte von dort auS die ihm geworbene Aufgabe mit heldemnütbiger Ausdauer durch.
Gegen 3 Uhr Nachmittags erschien die 2. Garde - Infanteric- Division (Gcneral'Lieutcnant v. Budritzki) auf dem Kampfplatze, mit ihr etwa gleichzeitig auch der Oberbefehlshaber, Prinz Friedrich Karl Königl. Hoheit. Die Avantgarde der 1. Garde - Infanterie-Division hatte sich inzwischen durch einen energischen im Laufschritt ausgefüyrtcn Angriff des Dorfes Sainte Marie-aux-ChöncS bemächtigt. In dem Kampfe um diesen Ort hatte der Oberst von Erckert den Heldentod gefunden. Aber St. Maric-aux-ChsneS setzte die Garde in den Besitz des dem Feinde sehr wichtigen rechten Flügelpunktes an derjenigen Straße, auf welcher sein Entkommen nach Châlons und Paris allein noch möglich gewesen wäre.
Die Spitzen der Bataillone der zuerst eingetroffenen sächsischen Brigade hatten als wackere Kampfgefährten von der anderen Seite aus den Angriff auf St. Marie kräftig unterstützt. Der Augenblick eines allgemeinen Angriffs schien dem Oberbefehlshaber noch nicht gekommen, und die Artillerie setzte daher mit sichtlich gutem Erfolge den Kampf noch allein fort, während die Infanterie sich auf den entscheidenden Schlag vorbereitete.
Gegen 4 Uhr, gleichzeitig mit dem Einrücken der 4. Batterie bet 2. Garde-Infanterie-Division in die Gcfcchtslinie, war das feindliche Feuer zum Schweigen gebracht, worauf die bicffeUigc Artillerie noch näher an die feindliche Stellung und in den Bereich des Infanterie- feuers vorging.
Gegen 5 Uhr bemerkte man, daß sich größere feindliche Abtheilungen zwischen St. Privat und Ronccourt bewegten. Auf unserem linken Flügel war inzwischen sächsische Artillerie erschienen und hatte, wenn auch zunächst noch auf große Distance, ihr. Feuer eröffnet. Man konnte demnach nun auf das Eingreifen des ganzen 12. Armee- Corps rechnen. Dieser Umstand und die Bemerkung, daß größere feindliche Abtheilungen die Stellung bereits zu räumen schienen, so wie die Befürchtung, daß bei längerer Zögerung der Feind seinen Abzug in der Dämmerung ohne bedeutende Verluste bewerkstelligen und uns am nächsten Tage zu neuem Kampfe zwingen könnte, bewogen den kommandirenden General, etwa um 5 Uhr den Befehl zu ertheilen, von allen Seiten zum Angriff gegen St. Privat, den Schlüsselpunkt der ganzen feindlichen Position, vorzubrechen.
Die 4. Garde ° Infanterie - Brigade (bie Regimenter Franz und Augusta) erhielt zuerst diesen Befehl, sie cntivickelte sich sofort mit musterhafter Geschwindigkeit und Ordnung und ging auf dem Höhenrande zum Sturm vor.
Die Erwartung, der Feind werbe St. Privat ohne bedeutenden Widerstand räumen, sollte sich indessen keineswegs erfüllen. Unsichtbar für unsere heranstürmenden Grenadiere eröffnete er im Gegentheil von feiner sichern Stellung hinter Häusern, Mauern und Gräben ein so furchtbares und weithintragendes Schnellfeuer, daß nach wenigen Minuten bereits unsere Verluste, namentlich an Offizieren, sehr bedeutend waren. Aber unaufhaltsam drangen die tapferen, schwer getroffenen Regimenter vorwärts.
Sämmtliche Generale und Stabsoffiziere blieben zu Pferde an der Spitze ihrer Truppm, um das Gefecht besser leiten zu können. Aber ihnen sämmtlich war nach kürzester Zeit auch baS Pferd unter dem Leibe erschossen. Erschrecklich war das massenhafte Feuer, mit dem die Truppen empfangen wurden. Bis auf 1500 Schritt war der ganze Umkreis der feindlichen Stellung stundenlang mit Dleigeschoffcn förmlich übergossen. Das Getöse des Feuers übertönte jedes Kommandowort und der dicke Pulvcrdampf, sowie die gesicherte Stellung des Feindes machtces den Unsrigcn fast unmöglich, ihre Waffen erfolgreich zu gebrauchen. Musterhaft war die Haltung der Garde in dieser kritischen Lage. Trotzig ging sic vorwärts, furchtbar entschlossen, das Feuer zum Schweigen zu bringen oder vor ihm zu erliegen. Aber der
kommandirende General, welcher dem 1 Theile des Kampfes in der Nähe der Corps - Artillerie beigewohnt und sich beim Beginn des Infanterie-Angriffes an der Front der 4. Garde ° Infanterie - Brigade entlang, begrüßt Von den Zurufen der avancirenden Bataillone, nach dem Westausgange von St. Maric begeben hatte, übersah von hieraus schon die Größe des erlittenen Verlustes. Er befahl, daß Alles halten und daß das weitere Eingreifen der sächsischen Truppen, welche von Ronecourt aus sich jetzt in der Flanke des Feindes zu entwickeln begannen, abgewartet werden solle.
Man sah in diesem kritischen Momente den Divisionö-Comman- beur General - Major v. Pape den Stillstand benutzen, um an der ganzen Linie seiner Division entlang zu eilen und seine tapferen Bataillone zu neuen Anstrengungen aufzumuntern. Der General verlor zwei Pferde unter dem Leibe, ein Adjutant wurde an feiner Seite erschossen, ein zweiter verwundet.^
Und so war es überall/ an jeder Stelle gaben die Führer, vom höchsten General bis zum jüngsten Fähnrich, ein leuchtendes Beispiel und mit vollster Todesverachtung und gleicher Hingabe folgten ihnen ihre tapferen Untergebenen. Um diese Zeit tränkte Oberst v. Stceber, Commandeur des 1. Earde-Rcgimcnts zu Fuß, zum Tode getroffen, den fremden Boden mit seinem Blute. Hier fielen die Mazors von Schmeling vom Garde - Füsilier - Regiment, v. Rotz vom 3. Garde- Acgiment zu Fuß, sowie oer aus Mexiko bekannte Prinz Salm vom Regiment Augilsta. Außerdem wurden noch zwei Brigade-Commandeure, vier Regimentk-Commandeure und ein großer Theil der übrigen Stabsoffiziere verwundet, und in gleichem Verhältniß stehen die auf diesem verhängnisvollen Boden erlittenen Verluste an Hauptleuten und Subaltern-Offizicren.
Mit großer Energie setzte inzwischen unsere Artillerie, welche gleichfalls, unter harten Verlusten, das feindliche Gewehrfeuer ous- hielt, ihr zerstörendes Werk fort. St. Privat brannte an mehreren Punkten, aber die Franzosen, ihres alten Kriegsruhmes eingedenk und würdig, hielten sich mit außerordentlicher Zähigkeit und unaufhörlich rollte bas feindliche Feuer aus den besetzten Ortschaften und hüllte den ganzen Umkreis wie mit einem ® leim ant el ein. Gegen 6| Uhr wurde die Erneuerung des Sturmes befohlen. Der nun fast von allen Seiten umringte Feind schlug sich mit verzweifelter Entschlossenheit. Unsere bereits eingebrungenen Bataillone erhielten im Orte noch Granatfeuer, aber sie behaupteten sich, sümpften um jedes einzelne Haus, machten viele Gefangene und waren um 6^ Uhr im Besitz des größten Theils des kastellartigen Dorfes. Bald darauf wurde der nördliche Theil von den Sachsen genommen und die Reste der französischen Besatzung entflohen auf der Straße nach Metz.
Die 3. Garde-Infanterie-Brigade hatte indessen etwa seit 6 Uhr zur Unterstützung des 9. Armee-Corps in der Gegend von Arman- villers gesümpft; sie hatte hier mit großer Uebermacht zu thun,' die Franzosen versuchten wiederholt zum Angriff vorzugehen, begegneten aber an dieser Stelle derselben Entschlossenheit/ Wie' bei St. Privat. Der Brigade-Commandeur, Oberst von Knappe, wurde hier schwer verwundet/ das Regiment Alexander verlor besonders viele Offiziere und Mmmschaftcn todt und blessirt/ das Regiment Elisabeth hatte nicht ganz so harte Verluste zu beklagen. Am schwersten aber litt auf diesem Flügel das Garde-Schützen Bataillon: cs liess ausser dem Commandeur, Major von Fabeck, 5 Offiziere todt auf dem Kampfplätze, und kein Offizier blieb unverwundet,' der Verlust an Mannschaften betrug etwa die Hälfte der ganzen Stärke.
Beim Einbrechen der Dunkelheit nahte von St. Marie her die 20. Division (vom 10. Armee-Corps), so daß nun die Reste der vom Kampfe erschöpften Garde-Bataillone, denen fast sämmtliche Offiziere fehlten, von den Offizieren des Stabes um ihre Fahnen gesammelt werden konnten. Die Töten • Bataillone der Garde verfolgten zwar ben Feind noch eine kurze Strecke, aber Nacht und Ermüdung geboten ihnen Rast, und bald darauf bezogen sie gemeinsam mit Truppen des 10. Armee-Corps bie Vorposten bei St/ Privat.
Die großen Erfolge ber blutigen Schlacht erkannte man eigentlich erst am folgenden Tage. Daß ein Sieg errungen und der Feind in die Flucht geschlagen war, das wußte man; aber Angesichts der erlittenen schweren Verluste fragte m n sich, ob der Sieg nicht vielleicht zu theuer erkauft sei? Jeder Soldat, jeder Offizier beweinte Kameraden, Freunde, nahe und nächste. Verwandte,' und wohl war es begreiflich, daß bie Stimmung ber um die jetzt auflodernden Feuer versammelten Uebcrlebcndcn eine tief ernste war, daß die Siegcs- freube nur schüchtern sich zu äußern wagte.
Aber der nächste Tag schon zeigte, daß der Erfolg im Verhältniß zu den Opfern stehe, um die er erkauft war. Der Feind war völlig geschlagen und nach Metz hineingeworfen, jede Verbindung mit Paris ihm von jetzt an avgcschnittm. Und auf der Straße neben dem Schlachtfeldc, auf dem das Garde-Corps eine BivouacZnacht erlebt hatte, deren grausig ernste Eindrücke Jedem unvergeßlich bleiben werden, zogen von Tagesanbruch an unaufhörlich lange Züge von Gefangenen vm den Siegern vorüber. Am Abend bereits waren nach ungefährer Schätzung deren über 2000 eingebracht worden, darunter eine verhältnismässig sehr große Anzahl von Offizieren.
Oie Flucht des Feindes war eine so überstürzte gewesen, daß er bei Armanvillers ein großes und sehr werthvolles Zeltlager unter Zurücklassung der meisten Effekten, Papiere und Waffen Preis gegeben hatte. Die Fleischtöpfe standen vollständig angerichtet vor den