Die Lage auf dem Kriegsschauplätze.
(Uebersicht.)
Die jüngste Woche hat keine Kriegsnachricht von durchschlagender Bedeutung gebracht/ aber ste hat die Zuversicht aus den weiteren günstigen Verlauf des Feldzugs für die deutschen Heere dennoch neu betätigt und erhöht, indem die Folgen der vorhergehenden Kämpfe in dem weiteren Gange der Ereignisse erst recht hcrvorgctreten sind.
Unmittelbar nach den blutigen Tagen bei Dietz wurde vielfach der Zweifel laut, ob der Preis unserer dortigen Siege wohl der schweren Opfer werth gewesen sei, ob nicht die Einschließung Bazaine's und seines noch immer zahlreichen Heeres in Metz auch unsere weitere Kriegführung lähmen und uns immer neue blutige Kämpfe vor Motz kosten werde.
Der thatsächliche Kriegslauf hat diese Besorgnisse inzwischen widerlegt: während Bazaine's Stellung in Metz von Tage zu Tage mehr in ihrer vollen Schwäche und Rathlosigkcit . erscheint, hat dagegen, ungeachtet der llcberwachung von Metz, der Vormarsch der deutschen Heere nach dein Herzen Frankreichs mit sehr erheblichen, gewaltigen Streitkräften stattfinden können.
Seit dem Tage von Gravelotte, 18. August, an welchem Ba za ine seine Rettung hinter den Werken von Metz suchte, sind bereits 12 Tage verflossen, ohne Laß das eingeschloffene Heer einen Ausfall oder einen Versuch zum Durchbruch gemacht hätte. Durch diese Thatsache wird im vollsten Maße bestätigt, was man von der Zerrüttung deS französischen Heeres nach den Niederlagen desselben bei Metz voraussetzte. Wenn Bazaine es irgend hätte unternehmen können, so würde er gewiß gleich in den ersten Tagen die deutschen Heere vor Metz zit beunruhigen und zu durchbrechen versucht haben, ehe sie Zeit gewinnen konnten, sich in günstigen Stellungen festzusetzen und cinzu- richten. Aber der Zustand seiner Armee hat cs ihm offenbar nicht gestattet, und inzwischen ist von Tag zu Tag die Stellung der deutschen Armeen eine sicherere, die Lage in Metz dagegen eine immer schwierigere geworden. Die cingcschlossenc Armee mit den zahllosen Verwundeten vom 14., 16. und 18. August, die Besatzung und die Bevölkerung von Metz, sowie die Tausende von Landbewohnern, welche vorher in der Festung Schutz gesucht hatten, bilden eine Anhäufung von etwa zwethunderttausend Seelen. Durch die enge Zu- sammcndrängung dieser Massen aber hat die ansteckende Lazarethkrankheit eine Stacüf gewonnen, von welcher die gestammte Bevölkerung bedroht wird.
Wenn Bazaine trotzdem auch seither keinen Versuch gemacht hat, solchem Elend zu entrinnen, so scheint er von Tage zu Tage darauf gerechnet zu haben, daß das Mac Ma Hensche Heer vor Metz er- scheinen werde, um ihm zur Befreiung die Hand zu reichen. Aber auch diese Hoffnung ist durch die Art und Weise des weiteren Vormarsches unserer Heere vereitelt worden.
zur Zeit in der Festung Sedan, dicht an der belgischen Grenze, wo sich auch der Kaiser Napoleon mit seinem Söhne befinden soll.
Das Schicksal der Mac Mahonschen Armee wird sich voraussichtlich in Kurzem dort entscheiden und damit zugleich die weitere Entscheidung über die Hauptstadt Paris vorbereitet werden.
In Paris wurde bis vor wenigen Tagen die Gefahr der Lage noch immer absichtlich verhüllt und verheimlicht. Als Bazaine längst schon in Metz cingesckloffen war, gab die Regierung im gesetzgebenden Körper fortgesetzt Mittheilungen, daß es gut, ja vortrefflich mit ihm stehe und daß er im Begriff sei, seinen Plan aus- zuführen. Neuerdings mag die Regierung ihre Hoffnungen wohl auf das Gelingen der Annäherung Mac Mahon's an Bazaine gesetzt haben, worin sie sich jedoch jetzt gleichfalls getäuscht sehen wird.
Inzwischen hat da« immer drohendere Hcranrücken unserer Armeen gegen Paris die Minister genöthigt, der Bevölkerung wenigstens von dieser Thatsache offene Mittheilung zu machen, um die Mitwirkung derselben zur Vertheidigung der Hauptstadt zu sichern. Ein Dertheidigungs - Konnte, zu welchem auch Mitglieder des gesetz- gebenden Körpers gehören, hat die umfassendsten und tief greifendsten Maßregeln ungeordnet.
Zunächst hat man damit begonnen, alle nabrungslosen, sowie alle verdächtigen Personen zu Tausenden aus Paris auszuweisen. Zur militärischen Vertheidigung sind neben der Mobilgarde, den Feuerwehrcorps, den Förstern und Feldhütern, überhaupt alle Männer vom 20. bis zum 60. Jahre, welche irgend Waffen tragen können, pufgerufen. Alle diese schwach organisirten und ungeübten Kräfte werden jedoch schwerlich im Stande sein, einer großen kricasgcübtcn Armee wirksam Widerstand zu leisten und die weit ausgedehnten Festungswerke von Paris mit Erfolg zu vertheidigen, zumal wenn ihnen, wie zu erwarten ist, auch die Anlehnung an die Mac Matzonsche Armee versagt sein sollte.
Im Laufe der nächsten Woche werden die Ereigniffe auf dem Kriegsschauplätze voraussichtlich zur Entscheidung reifen.
Vor Straßburg schreitet die Belagerung regelmäßig und erfolgreich fort. Die deutschen Truppen haben sich den Festungswerken be- reits erheblich nähern können und durch ihr. Feuer bedeutenden Schaden in der Festung angerichtet. Das Arsenal und die Citadelle sind zum Theil ausgebrannt. Der Bischof von Straßburg hat einen Versuch gemacht, der Beschießung der Stadt Einhalt zu thun. Der deutsche Befehlshaber erklärte sich zu Verhandlungen bereit, welche jedoch keine Folge hatten. So muß denn die Belagerung fortgesetzt werden, wie schmerzlich die deutschen Heerführer eZ der alten deutschen Stadt gegenüber empfinben mögen.
Als jüngst gemeldet wurde, daß der Marschall Mac Mahon, welcher bei Chalons vergeblich der Vereinigung mit Bazaine geharrt Halle, nach dessen Niederlagen bei Metz von Chalons aufgcbrochcn fei, glaubte man zunächst, daß er sich mit seiner Armee nach Paris begeben wolle, um im Verein mit General Trochu die Hauptstadt gegen den heranziehenden Feind zu decken.
Bald jedoch entstand die Vermuthung, daß Mac Mahon statt nach Paris zu gehen, wohl die Absicht haben möge, auf einem Umwege an der belgischen Grenze hin unversehens in die Nähe von Metz zu marschiren, um dort im Einverständnis mit Bazaine unsere Truppen von zwei Seiten anzugreifcn und die Wiedervereinigung der beiden französischen Hccrc zu erzwingen.
Um dieser Möglichkeit zu begegnen, erfolgte der Marsch unserer Armeen auf drei Linien. Während unser Kronprinz von Nancy aus auf einer südlichen Linie über Commercy, Bar-ic-Duc, Saint- Dizier und Vitry in das Gebiet zwischen der Marne und der Stube vorrückte, ging eine neu abgezweigte vierte Armee unter dem Oberbefehl des Kronprinzen von Sachsen auf einer etwas nördlicheren Linie von Pont-L-Mousson über die mittlere Maas in der Richtung auf Chalons und Rheims, noch weiter nördlich aber führte der General von Steinmetz seine vor Metz durch andere Truppen ersetzten Armee-Corps über Verdun nach Rheims, mit seinem rechten Flügel zugleich den Bereich bis an die belgische Grenze berührend, um einem etwaigen Vorrücken Mac Mahons jedenfalls zu begegnen.
So umfaßten und beherrschten unsere Armeen bei ihrem Marsche auf Paris die ganze ausgedehnte Linie von der belgischen Grenze längs der Maas bis an die Aube hin, und konnten mit der Zuversicht vorrücken, daß cs Mac Mahon keinenfalls gelingen könne, unbemerkt aus Metz zu marschiren.
Die Vermuthung, daß dieser sich von Rheims nicht südlich nach Paris, sondern nördlich nach der belgischen Grenze gewandt habe, scheint sich inzwischen zu bestätigen. Am 28. August stieß eine sächsische Reiterabtheilung bei Busancy auf ein Regiment französischer Chasseurs, welches nach einem lebhaften Gefecht geworfen und zersprengt wurde. Dasselbe gehörte dem de Failly'schen CorpS von der Mac Mahon'schen Armee an; — cs ist daher anzunehmen, daß auch die Hauptmasse der letzteren sich nahe vor unseren Truppen befindet. Nach belgischen Mittheilungen hätte MacMahon sein Hauptquartier
Ein Schlachtbild.
Von der Theilnahme unserer Garde an der Schlacht bei Gravelotte giebt der folgende Bericht ein anschauliches und lebendiges Bild:
»Seit ihrem Eintritt in Frankreich war die Garde in raschen Märschen gegen die Mosellinie vorgeschoben worden, hatte die Mosel selbst am 15. August bei Dieulouard überschritten und stand am folgenden Tage mit ihrem Gros nördlich von Toul auf halbem Wege zwischen Mosel- unb Maaslinie.
In dieser Stellung wurde sie in der Nacht vom 16. zum 17. August allarmirt, brach um 4 Uhr Morgens auf, machte einen Ge- waltmarsch von 5| Meilen und stand Nachmittags auf der großen Heerstraße, die von Metz nach Verdun führt, wo sie, westlich von Mars-la-Tour, Lager bezog. Der Grund dieses letzten raschen Vor- schrcitens war die in der Nacht erhaltene Nachricht von der am 16. stattgefundenen siegreichen und blutigen Schlacht von Vionville. Das 3. und das 10. Armee - Corps hatten dort gegen eine bedeutende Uebermacht zu kâmvfen gehabt. Es handelte sich nun darum, den schwererrunqcnen Erfolg gehörig auszubeutcn und im Fall der Noth, den vom Kampfe ermüdeten Kameraden zu Hülfe zu kommen.
Am 18. früh erhielt das Garde-Corps Befehl zum Vormarsch mit dem Hinzufügen, daß cs an einer Schlacht gegen starke französische Streitkräfte Theil zu nehmen haben würde. Es wurde zu diesem Zweck in die erste Linie der Armee des Prinzen Friedrich Karl vor- gezogen und bildete deren Mitte. Auf dem linken Flügel ging das 12., Königlich sächsische , auf dem rechten Flügel das 9. Armee- Corps vor. , c
Auf den Rendezvous sah man überall die gruppen in Andacht um die Feldgeistlichen versammelt. Der Vormarsch ward dann von MarS - la - Tour aus um 9 Uhr Morgens angetreten und bis Doncourt, einem auf der Straße von Metz nach Etain gelegenen Dorfe, fortgesetzt, ohne daß man etwas vom Feinde bemerkt hätte, so daß die erhoffte Gelegenheit, an den Feind zu kommen, abermals vorüber- gehen zu wollen schien. In Doncourt erfuhr man jedoch, daß die französische Armee in großer Stärke südlich von Briey, bis zur Gegend von Gravelotte hin, ausgestellt sei.