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^ 35. Provinzial - Corresponden). 31. August â

Achter Jahrgang.

Deutschlands Wünsche wegen Elsas; und Lothringen.

Dcr bisherige rasche und glückliche Verlauf des Krieges läßt den Blick schon vielfach auf die Bedingungen des künf­tigen Friedens richten, indem im deutschen Volke die Zuver­sicht mehr und mehr Raum gewinnt, daß wir auch schließlich den Sieg behalten und in der Lage sein werden, die Fricdens- bedingungcn zu bestimmen.

In dem Bewußtsein freilich, daß die Arbeit des Krieges noch keineswegs beendigt ist und daß das Glück der Schlachten bis zum letzten Augenblicke in der Hand des allmächtigen Gottes steht, welcher auch das Geschick der gewaltigsten Heere wenden kann würden wir von den Aufgaben und Aussichten der künftigen Friedensverhandlungen an dieser Stelle auch jetzt nicht sprechen, wenn nicht die Art und Weise, wie einzelne aus­wärtige Stimmen sich darüber vernehmen lassen, cs zur pa- triotischen Pflicht machten, dem deutschen Volke, welckcs jetzt auf den Schlachtfeldern sein Edelstes hingiebt, schon im Voraus sein volles und unantastbares Recht für die demnächstigen Friedensverhandlungen zu wahren.

Von den Tagen an, wo Deutschland sich in verjüngter Einigkeit und Kraft erhob, um gegen die freventliche Heraus­forderung Frankreichs zunächst das bedrohte Vaterland und den eigenen deutschen Hccrd zu vertheidigen, von dem Augenblicke vollends, wo die Heere des übermüthigen Erbfeindes unter den mächtigen Schlägen unserer deutschen Waffen in Trümmer zer­fielen und die alten deutschen Rcichslandc Elsaß und Lothringen in unseren Händen blieben , ging immer lebhafter durch alle deutschen Herzen der erhebende Gedanke, daß cs dieser großen Zeit Vorbehalten sei, nicht blos den jetzigen Frevel Frankreichs gegen Deutschland zurückzuweisen, sondern auch den Frevel zweier Jahrhunderte endlich zu sühnen und jene alten, durch Gewalt und List abgerissenen Rcichslandc mit dem zu neuer Macht erstandenen Deutschland wieder zu vereinigen.

Es sind dies zunächst nur Wünsche, ein thig e Wünsche des deutschen Volkes,' inwieweit diese Wünsche demnächst bei den Friedensverhandlungen als ausdrückliche Forderungen geltend gemacht werden sollen, dafür liegt in diesem Augenblicke ein bestimmter Anhalt selbstverständlich nicht vor. Es kann sich für jetzt nur darum handeln, die innere Berechtigung und die wahre Bedeutung jenes nationalen Verlangens zu be­gründen.

Deutschland ist sich bewußt, daß es an dem Ausbruche des gegenwärtigen blutigen Krieges keine Schuld trägt, daß ihm der Kampf vielmehr durch den frevelhaftesten Angriff aufgc- drängt worden ist. Nicht Gedanken nationalen Uebermuths, nicht Kriegs- und Eroberungssucht von unserer Seite haben die Friedensstörung herbeigcsührt: das deutsche Volk, wie die deutschen Regierungen hatten keinen andern Wunsch, als im Frieden das' nationale Gemeinwesen weiter auszubilden und freundliche Bestehungen mit den Nachbarvölkern zu pflegen.

Aber mitten in den friedlichen Wünschen und Bestrebun­gen wurden wir erst durch die diplomatische, gleich darauf durch die militärische Herausforderung Seitens Frankreichs geradezu überfallen.

Durch die inzwischen erfolgten Enthüllungen ist für Jeder­mann offenbar geworden, daß Frankreich, um sein seit Jahr­hunderten erstrebtes Ucbergewicht in Europa zu sichern, ein einiges und mächtiges Deutschland neben sich nicht dulden will,' zur Erhöhung seiner eigenen Machtstellung aber richtete cs die gierigen Blicke nicht blos auf die neutralen Staaten an seiner Grenze, sondern mich auf das deutsche Gebiet am Mittelrhein, auf Rheinbaycrn, Rheinhessen und unsere preußische Rhein­provinz.

Die Zuversicht Frankreichs in Bezug auf die leichte Ueber­windung Deutschlands gründete sich aber vorzugsweise auf die günstige Stellung, die es in den vormals deutschen Ländern, Elsaß und Lothringen, gestützt auf die gewaltigen Festungen Straßburg und Metz und auf das Vogesengebirge, gegen Deutsch­land inne hat. Die vom deutschen Reiche abgerissenen Länder sind für Frankreich die Hauptstützpunkte des bedrohlichen Angriffs gegen Deutschland geworden.

Wie hätte nach den glorreichen Siegen der deut­schen Heere und nach der Eroberung der früheren deutschen Lande, wie hätte nach den schweren und theuern Opfern, mit welchen die Siege errungen worden, nicht mit aller Macht die Ueberzeugung hcr- vortreten sollen, daß die Ehre sowohl, wie die Sicher­heit Deutschlands gebieterisch verlangen, jener alten Schmach, daß deutsches Land zum Ausgangs­punkt für deutsche Knechtung benutzt werde, nun­mehr ein Ende zu machen?

So tief der deutsche Patriotismus alle Zeit den Verlust jener alten Rcichslandc empfunden hatte, so würde doch ohne Frankreichs erneute übermüthige Herausforderung Niemand in Deutschland auch bei der zuversichtlichsten Erhebung des nationalen Strebens daran gedacht haben, auf jene Frage zu­rückzukommen. Der jüngste Friedensbruch allein und die bei demselben hervorgetretene schwere Gefährdung der süddeut­schen Grenzen haben den Blick ganz Deutschlands unwillkürlich von Neuem auf Elsaß und Lothringen richten müssen und das alte Bewußtsein der uns angethanen Schmach mit unwider- stehlicker Gewalt wieder erwachen lassen.

Auch jetzt ist cs nicht Lust an Eroberung oder der Wunsch nach Ausdehnung der deutschen Grenzen, auch nicht Rachedurst oder das Verlangen nach einer Zerstückelung Frankreichs, was jenen einmüthigen Kundgebungen zu Grunde liegt: dieselben beruhen vielmehr einerseits auf der Ueberzeugung, daß dem so schmählich angetasteten deutschen Nationalgefühl durch die Sühne jener alten Schuld volle Genugthuung zu Theil werden müsse, andrerseits und vorzugsweise auf dem festen Willen, durch Wiederherstellung der wirklichen natürlichen Gren­zen die Vertheidigung Süddeutschlands gegen die Wiederkehr französischer Anfälle besser als bisher sicher zu stellen.

Dieses Verlangen ist unter den Verhältnissen, wie sie sich in den letzten Wochen gestaltet haben, so naturgemäß, daß schwerlich von irgend einer Seite versucht werden dürfte, dem einmüthigen nationalen Willen Deutschlands.darin entgegen­zutreten.

Die europäischen Mächte haben durch ihr bisheriges Ver­halten zu erkennen gegeben, daß sie sich in den Austrag des Streites zwischen Frankreich und Deutschland nicht mischen wollen. Sie haben, obwohl sic dcn von Frankreich benutzten Vorwand zum Kriege mißbilligten, doch keine erheblichen An­strengungen gemacht, um den Ausbruch des Krieges zu ver­hindern/ sie sehen auch dem Verlaufe desselben ohne eigene Betheiligung zu. Sie werden, treu der angenommenen neu­tralen Stellung, auch den Folgen des Kampfes nicht iniib kürlich Halt gebieten wollen, insofern nicht durch die etwaigen Friedensbedingungen ein wesentliches europäisches In­teresse verletzt würde.

Das deutsche Volk aber ist sich bewußt, daß es auch in jenem Verlangen nicht ein Uebergcwicht über andere Völker erstrebt, nicht eine Bedrohung des sogenannten europäischen Gleichgewichts, son­dern lediglich eine Gewähr festen und gesicherten Friedens, den es für sich und für andere Völker ge­gen den alten Ruhestörer Europa's endlich errin­gen will.

Als zur Zeit der Friedensverhandlungen von 1815 ebenso wie jctzt von manchen Seiten gegen jede Gebietsverringerung Frankreichs Widerspruch erhoben wurde, schrieb der General Gneisen au in gerechtem Zorn:

Frankreichs Integrität soll bewahrt werden,' das heißt, die unruhige französische Nation soll ewige Freiheit haben, zwischen ihren Festungen heraus Ausfälle auf ihre schwachen Nachbarn zu thun, und wenn solche etwa, durch einen für Deutschland außerordentlich günstigen. Glücksfall, nicht gelingen, so geht sie auf ihr Gebiet zurück: das heißt, sie zu ewig nueder- kehrenden Kriegen reizen, denn sie hat ja keine Gefahren einigen Verlustes ihres Gebietes zu bestehen, wohl aber, beim Gelingen, die Aussicht auf Eroberungen."