Es war 8; Uhr, als das Feuer auf allen Punkten nach und nach schwieg. Bei jenem letzten Vorstoß fehlten die historischen Granaten von Königgrätz für mich nicht, aus denen mich dieses Mal Minister von Roon entfernte. Alle Truppen, die ich sah, begrüßten mich mit enthusÄstischen Hurrahs. Sie thaten Wunder der Tapferkeit gegen einen gleich braven Feind, der jeden Schritt vertheidigte und oft Offensivstöße unternahm, die jedes Mal zurückgeschlagen wurden.
Was nun das Schicksal des Feindes sein wird, der in dem verschanzten, sehr festen Lager der Festru/g Metz zusammengedrängt steht, ist noch nicht zu berechnen.
34 scheue mich, nach den Verlusten zu fragen und Namen zu nennen, da nur zu viele Bekannte genannt werden, oft unverbürgt. Dein Regrment soll sich brillant geschlagen haben, Waldersee ist verwundet, ernst aber nicht tödtlich, wie man sagt. 34 wollte hier bivouakwen, fand aber nach einigen Stunden eine Stube, wo ich auf dem mitgeführten Königlichen Krankenwagen ruhte und,- da ich nicht ein Stück meiner Equipage von Pont-L-Mouffon bei mir habe, völlig ungezogen seit 30 Stunden bin.
34 danke Gott, daß er uns den Sieg verlieh.
Wilhelm.
Französische Geständnisse.
Während die Mehrzahl der französischen Blätter den gewaltigen Lehren und Mahnungen dieser Zett wie im Taumel der Verzweifelung die Ohren verschließt, finden wir in der Revue des deux Mondes einen Rückblick auf die jüngsten Vorgänge und auf die Entstehung derselben, welcher wegen der unverkennbaren Aufrichtigkeit der Darstellung Beachtung verdient.
Der Aufsatz ist vor den Ereignissen von Metz geschrieben und bewegt sich noch in Täuschungen über die baldige Wicder- erhebung des französischen Heeres/ aber das Urtheil über die ersten Kriegsereignisse verliert darum nicht an Werth. Folgendes sind einige Betrachtungen daraus:
»Seit einigen Wochen lebt Frankreich in einem hitzigen Fieber, in einer Erregung des Patriotismus, welche bald in höchster Begeisterung aufflammt, bald in tiefe Trauer versinkt. Bon Stunde zu Stunde ist Frankreich in Erwartung und empfindet die Aufregungen des Krieges in ihrer ganzen Schärfe, aufschâumend bei dem Ge- danken an die große nationale Gefahr, welche sich in dem Blitze der ersten Schlachten enthüllt hat.
Seit einem halben Jahrhunderte haben wir so schwere Zeiten nicht durchlebt. Seit den Riesenkämpfen des ersten Kaiserreichs, die ein so tragisches Ende nahmen, hatten wir den Krieg in seiner so traurigen Erscheinung nicht mehr an uns selber kennen gelernt/ die Kämpfe, welche das neue Frankreich bestanden hatte, waren fern von unsern Grenzen ausgekämpft worden: man schlug sich in der Krim, im Schwarzen Meere, in Italien, — wir folgten diesen Kämpfen mit eifriger Theilnahme, aber unsere eigene Sicherheit wurde nicht davon berührt. Diesmal ist cs anders: unsere Grenze verletzt, Lothringen bedroht, Elsaß im feindlichen Besitz, der Bestand unseres Reiches einen Augenblick in Gefahr, — kurz ein feindlicher Einbruch in unser eigenes Haus/ und der Schlag war um so härter, die Wunde um so tiefer, weil man nicht drauf gefaßt sein konnte, weil diese ersten überraschenden Ereignisse zugleich eine wahrhafte und schmerzliche Enttäuschung waren.
Bei der Raschheit, womit bei uns zur Entscheidung gedrängt wurde, konnte man gar nicht bezweifeln, daß unsere Armeen bereit seien, zuerst zum Angriff zu schreiten, über den Rhein oder in die Pfalz zu rücken/ und nun, nach einem ersten und titeln Schaustück unsererseits (bei Saarbrücken), dessen Zweck und Sinn Niemand versteht, steht man im Gegentheil die Preußen zum Angriff übergehen und unser Land überfluthen, ohne daß man ein solches Vorgehen irgend vorausgesehen hat Vermöge einer Schwäche unseres National- stolzes / der wir uns nur allzuleicht überlassen, rechneten wir auf Siege und hatten ein unbedingtes Vertrauen auf unsere Macht, das Glück aber ist uns fürerst untreu geworden. Man sagte uns fortwährend, daß wir zum Schlagen bereit seien, und nun sind die Preußen vor uns fertig. Man hat sich vollständig getäuscht, man hat unsere Kräfte oder die des Feindes nicht richtig geschätzt/ dabei dieser unglückselige, erschütternde Anfang des Krieges, welcher einen wahren Sturmausvruch in Frankreich veranlaßt hat. Der Traum war kurz, das Erwachen war fürchterlich. Den einen Tag lebte man noch in vollständigem Wahn befangen, am folgenden Tage schon mußte man vor der Größe des Kampfes innchalten, den ganzen Patriotismus des Landes aufrufen und die ganze Nation bewaffnen, um dem schrecklichen Aeußcrsten, der feindlichen Ueberfluthung, zu begegnen. Alles das in einigen Tagen, in wenigen Stunden!«—
Nachdem sodann die ersten Kriegscrcignissc bei Weißenburg, Wörth und Saarbrücken geschildert sind, fährt der Artikel fort:
»So ist denn der Elsaß besetzt, Straßburg bedroht, die Vogesen überschritten, unsere Armee genöthigt, sich um Metz zu sammeln, um die Gelegenheit zu einer glänzenden Revanche zu 'finden, — das ist die schreckliche Wahrheit unserer Lage!
Dieser Krieg mit Preußen war ja unzweifelhaft unvermeidlich, er mußte früher oder später auèbrechen, und grade die neuesten Ereignisse haben vollends die Unvermeidlichkeit dargctyan, indem sie die Schwäche unserer Grenze bloslegten, welche schon seit 1815 unverkennbar war, seit 1866 aber vollends unerträglich geworden ist, seitdem Preußen auf uns mit der Schwere des ganzen militärisch geeinigten Deutschlands drückt. Der Krieg war daher eine jener schrcck- lichen Nothwendigkeiten, die man vorherseben und auf die man sich vorbcreiten mußte/ wenn man aber nicht fertig gerüstet war, mußte man noch warten. Die gefaßten Beschlüsse waren nur erklärlich, wenn man ganz fertig war/ das Land hat den jetzigen Weg nur in Folge der ihm gegebenen Versicherungen betreten, die sich aber unglücklicher Weise nicht als begründet erwiesen haben.
Man darf es heute offen aussprechen: man war nicht fertig, man gab sich einer Täuschung hin, man glaubte, daß es genügen würde, nur rasch Alles an den Rhein zu werfen, was man bereit hatte. Das war der erste Grund unserer Mißerfolge, — und darüber ist das Land aufgeregt, daß man nicht ahnte, wie unsere Kräfte zu einem so gewaltigen Kampfe nicht ausreichten.
Nachdem aber der Krieg einmal cingeleitct war, mußte man wenigstens genau erwägen, mit welcher Macht man es zu thun hatte: man hatte ja das Beispiel des böhmischen Feldzuges noch ganz frisch vor sich, man kannte die Taktik, die Miticl und Wege, das ganze Vorgehen der Preußen. — Unser Generalstab hat gewiß seinen Plan gehabt, gewiß einen sehr fein überlegten Plan, — unglücklicher Weise aber, während man bei uns noch überlegte, marschirten die Preußen bereits, selber etwas erstaunt, daß man sie nicht zuvor angegriffen hatte. Man glaubte den Feind noch bei Trier oder Mainz, und er stand schon bei Saarbrücken, man wähnte ihn jenseits des Rheins, im Schwarzwalde und er erschien bereits vor Weißenburg. Man wurde auf allen Seiten überflügelt und der schöne Feldzugsplan war zu Nichte gemacht. Die ersten Erfolge des böhmischen Krieges erneuerten sich in schlimmerer Weise an unseren Grenzen, — unsere Zuversicht und Selbsttäuschung wurde Angesichts eines kühnen und geschickt.cn Feindes zu Schanden.«
Die »Revue« faßt nachher ihr Urtheil dahin zusammen: »Mit einem Wort, man hat den Krieg weder vorzubereiten noch zu leiten verstanden, man hat die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Unternehmens nicht zu schätzen gewußt und man hat bei der ersten Probe den Kopf verloren.« Das Blatt setzt schließlich alle seine Hoffnung auf den erwachten Nationalgeist in Frankreich und die eingetretene Veränderung im Ministerium und im Oberbefehl der Armee.
»Jetzt«, heißt es zum Schluß, »kann Frankreich, neu aufgerichtet naÄ der Niederlage weniger Tage, vor Europa, das auf uns sieht, mit neuem Muthe und männlicher Zuversicht in den Kampf ziehen, weil es sich seiner Kraft bewußt ist, und weil es weiß, daß sein Banner das der Civilisation und der Völkerfrcihcit ist.«
Auch aus dieser ernsten und ehrlichen Darstellung ergiebt sich, daß die Franzosen erstens den Krieg vom Zaun gebrochen haben in der Zuversicht, uns mit ihrer lange vorbereiteten Rüstung zu überraschen und zu überrennen, daß ferner die Regierung sich hierbei allseitiger Zustimmung zu erfreuen hatte, weil man mit ihr die Ansicht von der Nothwendigkeit einer Demüthigung Preußens und zugleich die Ueberzeugung von Frankreichs militärischerUeberlegenheit theilte, daß endlich das Ziel des Krieges für Frankreich die Erweiterung seiner vermeintlich zu engen und ungünstigen Grenzen war.
Es ist nothwendig, sich dieser Ausgangs- und Zielpunkte des Krieges entschieden bewußt zu bleiben, weil sich danach auch die Stellung der deutschen Politik bei dem Abschlusse des Krieges zu richten haben wird.
Zur See sind die großen Ereignisse, welche vom französischen amtlichen Blatte in voriger Woche angekündigt wurden, bisher nicht eingetreten, werden auch schwerlich eintreten, Ixt es den Franzosen an jeder Landungsarmee fehlt. Sie haben sich terauf beschränken müssen, die Blokade unserer Häfen anzukündigen und hier und da ein wehrloses Handelsschiff wegzunebmen.
Als sich am 17. d. M. ein französisches Panzergcschwadcr (von 7 Panzerschiffen Und 2 Kanonenbooten) bei Hiddensee (nordwestlich von der Insel Rügen) zeigte, lief unser Aviso »Grille« auf 3000 Schritte an dieselbe heran und ließ sich mit einigen Kanonenbooten auf eine lebhafte Kanonade mit der weit überlegenen Macht ein, ohne daß unsere Schiffe irgend einen Schaden oder Verlust zu beklagen hatten. Von einem erfolgreichen Angriff Seitens der ungepanzerten Holzschiffe gegen die schweren Panzerschiffe konnte natürlich nicht die Rede sein, doch scheinen einzelne unserer gut gezielten Schüsse dem Feinde cinigenSchadcn bereitet zuhaben.
Für unsere Küsten dürften alle Gefahren jetzt fast gänzlich beseitigt sein.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck unö Verlag der Königlichen Geheimen Oker-Hofbuchdruckerei (N. v. Decker).