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JW 33.

Provinzial - Corrrspondenz. 17 August i87o

Achter Jahrgang.

Frankreichs Größe und Verfall.

Die Vorgänge im Innern Frankreichs, welche den ersten großen Schlägen auf dem Kriegsschauplatz unmittelbar gefolgt sind, haben mit Recht die staunende Aufmerksamkeit Europa's auf sich gezogen.

Frankreich bietet in diesem Augenblicke daS Schauspiel einer Auf­lösung und Zerrüttung dar, wie sie so rasch und gewaltig nur bei einem Volke eintreten kann, welches zuvor schon innerlich und sittlich zerrüttet war. Ein so schroffer Wechsel von Ucbermuth und Kleinmuth, von stolzem Siegesbewußtscin und von verzweifeltem Suchen nach Rettung konnte nimmer bei einer Nation erwartet wer­den, welche seit Jahrhunderten den Anspruch macht, vor anderen Völ­kern als eine »große Nation« zu gelten.

Die jetzigen Erfahrungen müssen dazu führen, diesen Anspruch ein für alle Male zu vernichten.

Seit zwei Jahrhunderten hat Frankreich in der That eine hervor­ragende und in vieler Beziehung maßgebende Stellung unter den Völkern eingenommen.

Es verdankte diese Stellung theils der glücklichen Lage und Beschaffenheit des Landes, theils den Eigenschaften seiner Bevöl­kerung, theils und vor Allem seiner geschichtlichen Entwickelung, durch welche früher als in anderen Ländern Europas alle Kräfte unter einer einheitlichen Herrschaft zu einem einigen politischen Reiche zusammcngcfaßt worden waren.

Während das deutsche Reich zumal in immer größere Zersplitte­rung und Schwäche versank, wurde Frankreichs Staatsmacht immer kräftiger entwickelt und auf Kosten Deutschlands erweitert.

Auch nachdem der französische Ucbermuth unter dem ersten Napoleon einen gemeinsamen Bund der Großstaaten zu seiner Bekämpfung und schließlich seine Niederlage herbeigeführt, hatte Frankreich es hinterher der Uneinigkeit und gegenseitigen Eifersucht der Regierungen zu danken, daß es im Wesentlichen die früheren Grenzen seiner Macht behalten konnte.

Der Einfluß Frankreichs auf die Geschicke Europas blieb unter allen wechselnden Regierungen ein mächtiger,- der Anspruch und das Streben der Regierung und des Volkes aber gingen unablässig dahin, diesen Einfluß zu einem überwiegenden und allein entscheidenden zu machen.

Das zweite Kaiscrthum zumal erneuerte die Ansprüche der alten napoleonischen Politik, und es gelang ihm durch wechselnde Verbin­dungen unter den europäischen Staaten bald die eine, bald die andere Großmacht zu schwächen und in demselben Maße Frankreichs Ansehen und llebergewicht zu erhöhen.

Durch die wiedererstchende Macht Deutschlands soll diesem wach­senden Uebergewicht endlich eine Schranke gesetzt werden.

Hätte Kaiser Napoleon geahnt, daß die Politik der jetzigen preu­ßischen Regierung zu einer nationalen Einigung Deutschlands führen könnte, so würde er dieselbe gewiß von vorn herein um jeden Preis niederzuhalten versucht haben. Seine Berechnung aber war auch hier darauf gerichtet, daß die deutschen Mächte sich unter einander schwä­chen und hierdurch Frankreichs Einfluß und Machtstellung noch er­höhen sollten. AIs diese Berechnung nach den Erfolgen des Jahres 1866 zu Schanden geworden war und im Norddeutschen Bunde eine fcstgeeinigtc politische und militärische Macht erwuchs, da versuchte Frankreich zunächst durch geheime Verhandlungen auch für sich einen neuen Machtzuwachs auf Kosten Deutschlands oder Belgiens zu gewinnen; nachdem aber auch diese Hoffnung geschwunden war, ging das ganze Streben der französischen Politik dahin, das Werk von 1866 rückgängig zu machen, und vor Allem den weiteren Fort­gang der deutschen Einigung zu hindern. Der Kaiser und das fran­zösische Volk erkannten, daß ihr Üebergcwicht in Europa gebrochen sei, sobald das geeinigte Deutschland in die ihm gebührende Stellung eintrete.

Ein zwiefacher Wahn aber trieb Frankreich zu dem unbesonnenen und freventlichen Versuche, diese Entwickelung durch den jetzt will­kürlich heraufbeschworenen Krieg zu hemmen.

Frankreich ahnte nicht, welche Kraft das nationale Bewußtsein in Deutschland bereits erlangt hatte und daß die Herausforderung desselben nur dazu führen würde, es gerade zu einmüthiger Be­thätigung anzufachen.

Das französische Volk hatte ferner in eitler Selbstüberschätzung keine Ahnung davon, daß ein Kampf gegen das geeinigte Deutschland schon jetzt selbst für Frankreich ein überaus schwieriges Werk sein würde: der Glaube an Frankreichs absolute Ueberlegenheit in Kriegs­kunst, in militärischem Geschick und in jeder Art von Intelligenz war im französischen Volke so fest begründet, daß ein Zweifel am raschesten Siege fast als Landesverrath galt.

Wie in einem Rausche ist die französische Regierung und das französische Volk in den Krieg gegangen,- die Ernüchterung freilich ist sehr bald nachgcfolgt.

Derselbe Leichtsinn aber, derselbe Mangel an sittlichem Ernst, welche das Unheil heraufbeschworen haben, zeigen sich auch in dem

Verhalten nach den ersten schweren Niederlagen: nirgends, weder in der Regierung, noch in der Volksvertretung, noch im Volke selbst tritt eine ruhige Würdigung der jetzigen Lage hervor, nirgends ein ernster und tiefer patriotischer Aufschwung, überall nur leidenschaftliche Anklagen unter denen, welche das Unbeil gemeinsam verschuldet haben, und gehässige Maßregeln der Willkür und der Gewalt!

Was aber vor Allem überraschen muß, ist die Verzweiflung, wo­mit die Regierung schon jetzt unter Zustimmung der Landesvertretung zu den äußersten Mitteln schreitet, welche sonst in bedeutenden und sicher geordneten Staaten erst nach den erschütterndsten Schlägen als letzte Zuflucht ergriffen werden.

Es enthüllt sich hier ein Zustand innerer Fäulniß und Zer­rüttung des ganzen Staatswesens, wie man ihn in solchem Maaße nicht hatte voraussetzen können.

Frankreich büßt hierdurch weit mehr als durch seine unglückliche Kriegführung den ganzen Nimbus ein, von welchem feine Stellung unter den großen Staaten seither umgeben war. Ein Volk, welches den Glauben an sich selbst und seine Würde so leicht verlieren kann, steht nicht auf der Höhe, die es vor anderen beanspruchte, und wird durch alle Lüge und Ueberhebung die Welt nicht nichr über sich täuschen können.

Die Schuld an dem Sinken Frankreichs aber ist in den sittlichen Zuständen des Volkes zu finden. Die einzig sicheren Grundlagen einer heilsamen Entwickelung des Volks- und Staatslebens, wahrhafte Gottesfurcht und ein darauf begründeter sittlicher Ernst, sind seit ge­raumer Zeit in den weitesten Kreisen in Frankreich erschüttert. Leicht­sinn und Unsittlichkeit haben das Volk von den höchsten bis in die -tiefsten Schichten durchfressen. Die jetzige Regierung zumal hat sich mit der unsühnbaren Schuld befleckt, die Frivolität des öffentlichen Lebens in politischer Kurzsichtigkeit auf jede Weise befördert zu haben. Sie erntet jetzt mit und an dem französischen Volk, was sie ge- säet hat.

Nun denn, das deutsche Volk darf hoffen, nach der Beseitigung des französischen Uebergewichts die ihm gebührende Stellung unter den Völkern endlich unbestritten und mit vollem Gewicht einzunehmen.

Der Geist, in welchem die deutsche Erhebung erfolgt ist, der Geist ernsten Selbstbewußtseins und freudiger Kraft, aber auch ernster Gottesfurcht und Demuth, die Begeisterung für wahrhaft sittliche Freiheit und für dauernden, fruchtbringenden Völkerfrieden, dieser ge­sunde und kräftige Volksgeist bürgt dafür, daß das deutsche Volk auch für sich die gewaltigen Lehren beherzigen werde, welche das jetzige Ge­schick Frankreichs in so vernehmlicher Sprache verkündet.

Bvm Kriegsschauplatz.

(Uebersicht.)

Die Geschichte der letzten Woche ist eine Geschichte des fortge­setzten eiligen Rückzugs der Franzosen und der ebenso raschen Verfol­gung derselben durch die festgeschloffen vorrückendcn deutschen Armeen.

Die Bedeutung der Siege von Wörth und von Saarbrücken ist von Tage zu Tage entschiedener durch die gänzliche Zerrüttung der geschlagenen französischen Corps und durch den fluchtähalichen Rückzug derselben hervorgetreten. Sowohl das Corps des Marschalls Mac Mahon, welches bei Wörth besiegt war, wie auch das Corps Frossard, welches die Niederlage bei Spicheren erlitten hatte, zogen sich in eiliger Hast unaufhaltsam zurück und ließen nicht nur Tausende von Gefangenen, sondern auch ganze Züge mit Proviant, Bagage u. s. w. in die Hände der vorrückenden Sieger fallen.

Wenn man die Haltung der österreichischen Armee im Jahre 1866 nach den ersten verlorenen Schlachten mit der jetzigen Haltung der französischen Armee vergleicht, so erscheint die erstere in einem geradezu glänzenden Lichte.

Der Rückzug des Marschalls Mac Mahon aus dem Elsaß ließ den Deutschen den Weg nach Straßburg offen. Der Kronprinz sandte die badensche Division unter General von Beyer dorthin,- schon am 10. .stand dieselbe vor Straßburg und besetzte alte Zugänge zur Festung. Eine Aufforderung zur Uebergabe wurde zunächst abgewiesen. Es sind demzufolge bereits die Anstalten zur völligen Ein­schließung und Belagerung der Festung getroffen.

Der Vormarsch der deutschen Armeen gegen die Mosel- linie konnte nicht von allen Seiten in gleichem Schritte geschehen. Unsere drei Armeen standen nach dem ersten Eintritt in Frankreich von Forbach nach Hagenau in einer scharf südöstlichen Linie, die Mosel aber fließt von Nancy nach Metz von Süden nach Norden, die Unfrigen mußten daher eine starke Schwenkung machen, bei wel­cher die mittlere Armee (Prinz Friedrich Carl) einen weiteren Weg als die erste (Steinmetz), die südliche Armee (Kronprinz) aber eine noch weitere Entfernung und zwar theilwcife durch schwie­riges Terrain zurückzulegen hatte.

Es schien jedoch wichtig, daß alle drei Armeen gemeinsam vor­rückten, um so mehr, als man erwarten durfte, daß der Feind seine