Waffenplatz Nancy und weiter hin das stehende Lager von Chalons."
Auf deutscher Seite ist die Pfalz durch die festen Plätze Landau und Germersheim, unsere Rhcinprovinz zunächst durch Saarlouis vertheidigt, dahinter am Rhein die starken Festungen Mainz mit Castell und Coblenz mit Ehrenbreitenstein.
Jener Winkel also, wo das jetzige Frankreich in altes deut- sches^Land schroff hineinreicht, das Land von der südlichen Mosel bis nach dem mittleren Rhein hin, wird zunächst der Kriegsschauplatz sein.
Das französische Heer sieht dort in mehreren Armeen, theils auf Metz, theils auf Straßburg gestützt, versammelt.
Zuerst konnte man glauben, daß es auf einen raschen Einbruch in deutsches Gebiet abgesehen fei; denn die französische Kriegserklärung traf zusammen mit dem Tage, wo die Ucbungstruppm im Lager zu Chalons ihre Ablösung erhielten, wo mithin die doppelte Zahl kriegsmäßig ausgerüsteter Truppen (etwa 80,000 Mann) nahe an der deutschen Grenze standen.
Vielleicht hätte die französische Regierung diese Uebcrraschung in der That gewagt und namentlich Süddeutschland zum Schauplatze erster, wohlfeiler Erfolge ausersehen, wenn nicht die entschlossene patriotische Haltung der süddeutschen Regierungen und Bevölkerungen, sowie das rasche Vorschreiteu der dortigen Rüstungen zu größerer Vorsicht gemahnt hätten.
Die französische Regierung hat cs wohlweislich vorgezogen, zunächst auch ihrerseits die Rüstungen zu beendigen,- sie hat inzwischen ihre Truppen nahe an die erwähnten Grenzen vorgeschoben. Es wird abzuwarten sein, wohin sie ihre Operationen zu richten gedenkt. Sie wird die deutschen Armeen gewiß überall bereit finden, den Kampf austunehmen.
Das Vorspiel des Krieges. Bisher sind erhebliche Nachrichten vom Kriegsschauplätze an der französischen Grenze nicht cingetroffcn,- nur einige Rekognoscirungen und Vorpostengefechte haben an den äußersten Punkten unserer Rhcinprovinz stattgefunden. Bei denselben ist der Vortheil durchweg auf unserer Seite gewesen.
Obwohl die Franzosen an der dortigen Grenze in großen Massen angcsammelt sind, so gelang es doch (am 24. Juli) einem Zug preu- ßischer Ulanen, einen kühnen Streich ungehindert auszuführen. Ein Offizier des Rheinischen Ulanen-Regiments Nr. 7 ging mit 30 Ulanen über die Grenze und ließ durch Bergleute den Viadukt der bisher für französische Militärzüge benutzten Eisenbahn zwischen Saargemünd und Hagenau sprengen.
An demselben Tage fand bei Gcrsweiler ein Scharmützel mit dem Feinde statt, welcher einen lebhaften Anlauf nahm, um eine stehende Brücke zu nehmen und die Eisenbahn zu zerstören. Die Fran- zosen wurden jedoch von zwei Zügen einer Compagnie des 40. Infanterie - Regiments durch heftiges Feuer zurückgeworfen. Sie hatten 10 Mann Verlust, während unsererseits kein Mann verloren war. Unsere Soldaten schossen mit Ruhe und Sicherheit, die Franzosen schossen fast durchweg über die Köpfe unserer Leute hinweg.
Am 26. d. fand durch den Württembergischen Generalstabs-Offizier Grafen Zeppelin und 3 badische Offiziere nebst 4 Dragonern eine Rekognoszirüng der Gegend um Hagenau (im Elsaß) statt. Der Zweck des Unternehmens wurde vollständig erreicht,- jedoch stieß die Patrouille bei Nieder-Bronn auf ein französisches Husaren-Regiment, von welchem sie zersprengt wurde. Bis jetzt ist nur Hauptmann Graf Zeppelin zurückgekehrt. Nach französischen Nachrichten ist von den ihn begleitenden Offizieren der eine getödict, die beiden anderen sind zu Gefangenen gemacht worden.
Am 27. d. M- früh ging ein feindliches Detachement von 3 Compagnien und 80 Pferden aus der Richtung von Forbach vor und griff einen Zug des Infanteric-Regimmts Nr. 69 an, wurde jedoch, ungeachtet seiner großen Ueberzahl, mit Verlust von 1 Offizier und 8 Mann abgewiesèn. Diesseits war nur ein Mann verwundet.
Bei Saarbrücken haben in den letzten Tagen des Juli eine Reihe von Begegnungen mit dem Feinde stattgefunden. Am 28. Morgens wurde von dort eine Recognoscirung auf das feindliche Gebiet vorgenommen. Man fand, daß der Feind jenseit des Sem- baches auf den Höhen von Spicheren eine Vorposten-Stellung genommen hatte. Es wurden viele Schüsse gewechselt, der Feind schoß auch hier schlecht und stets zu hoch, so daß diesseits keine Verwundung stattgehabt hat.
Des Mittags versuchte der Feind einen Vorstoß, indem er sich mit Infanterie näherte,- die diesseitigen Abtheilungen gingen ihm entgegen, worauf er mit Granaten feuerte, sich aber alsbald wieder zurückzog. Verwundungen sind nicht vorgekommen.
Am 29. Juli begann der Feind seine Aufstellung auf dem Spiche- ren-Berge durch Erdarbeiten zu verstärken.
Am 30. Juli des Morgens rückte er voiOdort gegen die auf dem linken Ufer der Saar gelegenen Dörfer St. Anual und Gersweilcr (südwestlich und nordwestlich von Saarbrücken) vor und eröffnete gegen
sie ein heftiges Gewehrfeuer unter viel Munitionsverschwendung. Es gelang ihm nicht, in den Besitz der Dörfer zu kommen,' er hält von Neuem die benachbarten Waldungen stark besetzt.
Der diesseitige Verlust betrug: 1 Mann todt, 2 Leute leicht verwundet,- 1 Pferd todt, 2 leicht verwundet.
Dieses letzte Vorgehen des Feindes schien im ersten Augenblicke eine größere Bedeutung gewinnen zu sollen, als nachher der Fall war. Das Ausbleiben weiterer amtlicher Meldungen darüber hat eine gewisse Beunruhigung in der Bevölkerung erzeugt, und es sind hierdurch allerlei besorgliche Gerüchte hervorgerufen worden, welche jedoch inzwischen vollständig widerlegt sind.
Die Bevölkerung darf zu den Behörden das unbedingte Vertrauen hegen, daß dieselben cs als ihre Pflicht erachten, über alle wuchtige Vorgänge auf dein Kriegsschauplätze, soweit es militärische Rück- sichten gestatten, unverweilt öffentliche Mittheilung zu machen, gleichviel ob Günstiges oder Ungünstiges zu berichten ist.
Seitens der Regierung ist dafür gesorgt, daß alle erheblichen Nachrichten in zuverlässiger Weise sowohl in der Hauptstadt, wie in den Provinzen auf telegraphischem Wege unverweilt zu allgemeiner Kenntniß gebracht werden.
Die Bevölkerung muß daher auf das Dringendste ausgefordert werden, beunruhigenden Gerüchten, — welche nicht durch die amtlichen Nachrichten ausdrücklich bestätigt werden, den Glauben entschieden zu versagen.
Bis jetzt liegt auch nicht die mindeste Nachricht vor, welche zur Besorgniß oder zur Beunruhigung irgend einen Anlaß gäbe: im Gegentheil sind die vorbereitenden Bewegungen der deutschen Armeen auf eine so rasche und glückliche Weise vor sich gegangen, daß die Zuvcr sicht auf glückliche Erfolge schon dadurch bedeutend er höht ist.
Wir haben in der That allen Grund, auf den bisherigen Verlauf der Dinge mit Genugthuung und freudiger Hoffnung zu blicken.
Kaum nach 14 Tagen der Vorbereitung steht unser gesammtes Kriegsherr in voller Rüstung zur Aufnahme des Kampfes bereit, — nicht, wir man noch vor Kurzem voraussetzte, am Rhein, sondern von vornherein an der äußersten Grenze Deutschlands, um jeden Fußbreit deutscher Erde sofort zu vertheidigen, — vielleicht um den Kampf unverweilt in Feindesland zu tragen.
Es ist das mehr, als man von Anbeginn irgendwie zu hoffen wagte, — und es ist jedenfalls ein sehr günstiger Anfang.
Alle weitere Zuversicht beruht auf dem Glauben an unsere Armee, und dieser Glaube ist durch die vorläufigen Ereignisse eher erhöht als abgeschwächt worden.
Namentlich haben alle bisherigen Begegnungen mit dem Feinde die Ueberzeugung von der Trefflichkeit unserer Schußwaffe im Vergleich mit der französischen und besonders die Ueberzeugung von der größeren Tüchtigkeit, Ruhe und Sicherheit unserer Truppen im Gebrauch der Waffe erhöht.
So dürfen wir denn mit wohlbegründetem Ver- trauen auch den weiteren größeren Kämpfen entgegensetzen. _______
Während unser Volk mit Vertrauen den Ereignissen an der französischen Grenze cntgcgensicht, hegt man vielfach die Besorgniß, daß cs der französischen Flotte, welche sich bereits in der Ostsee befindet, gelingen könne, nicht bloß große Verwüstungen an den Küsten anzurichten, sondern auch einen lähmenden Einfluß auf unsere Kriegfüh- rung zu üben.
Vorbehaltlich näherer Mittheilungen kann zunächst versichert werden, daß von einem ernsten Eingreifen der Flotte in die Kriegsopera- tionen so lange Nichts zu besorgen ist, als den Franzosen nicht eine eigentliche Landungs-Armee in der Ostsee zur Verfügung steht, wovon für die nächste Zeit nicht die Rede sein kann.
Auch unsere Küsten aber brauchen sich, abgesehen von der Hemmung des Verkehrs, erheblichen Besorgnissen in Betreff der Operationen der französischen Flotte nicht hinzugcbcn, da Seitens der Regierung unter der Mitwirkung der Küstenbevölkerung selbst überall Vorkehrungen getroffen sind, um allen Unternehmungen der Franzosen wirksam zu begegnen.
Die fremde» Mächte haben durchweg ihre Neutralität in dem Kampfe zwischen Frankreich und Deutschland versichert.
Seitens Englands war bisher thatsächlich dieser Neutralität insofern nicht entschieden Folge gegeben worden, als es ungehindert geschehen konnte, daß englische Geschäftsleute Frankreich mit Patronen, mit Kohlen für die Flotte, mit Pferden u. s. w. versahen.
Die öffentliche Meinung Englands hat jedoch dies Verfahren so entschieden gemißbilligt, daß neuerdings ein Vorgehen der Regierung zur Sicherung einer ernsten Neutralität in Aussicht gestellt ist.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Kömglichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).